Archiv für den Monat November 2017

Schlechter Rat und gutes Handeln

Sie wird immer wieder gestellt, die Frage. Was machen in einer Welt, in der alles so unübersichtlich geworden ist, in der alles so komplex erscheint und sich ein Gefühl einstellt, dass der Einzelne, das Individuum, sich gar nicht mehr orientieren kann. Es entsteht ein dumpfes, ja, ein bedrohliches Gefühl der Überforderung. Da ist gut Rat teuer. Und der der billig ist, der wird auch noch von vielen armen Seelen angenommen. Da kommen sie daher, die ungerufenen Ratgeber, die mit der Zauberformel, die daherreden von irgendwelchen bösen Kräften, die hinter diesem Weltgeschehen im Verborgenen sitzen und ihre Pläne machen, die nichts Gutes im Sinn haben und die uns alle ins Verderben stürzen wollen. Die Liste der vermeintlich Schuldigen ist lang. Mal waren es die Juden, mal die Marxisten, mal die Freimaurer, dann die Betbrüder, die Reformisten und die Ökologen, dann natürlich die Wall Street, die Bilderberger. Als Völker boten sich eine Zeitangabe die Franzosen an, dann der Balkan, die Orientalen, und immer wieder die Russen.

Die Rezeptur ist, wie zu sehen, alles andere als neu. Und das Gefühl, dass der einzelne Mensch mit soviel Boshaftigkeit in der Welt nicht fertig werden kann, auch nicht. Für unsere Epoche ist entscheidend, dass mit immer mehr Information, ob sie Sinn ergibt oder nicht, die Welt nicht einfacher wird. Das Individuum der digitalen Moderne wird ersäuft in Meldungen, zumeist schlechten. Überall passiert das Unglück, überall sind dafür Menschen verantwortlich und die Guten, die einen Plan haben, sind nur noch selten zu sehen. Da bietet sich geradezu an, sich einer Erklärung, und sei sie noch so dürftig, hinzugeben, um wenigstens für einen gewissen Zeitraum wieder etwas Ordnung in den glühenden Kopf zu bekommen. Das ist zwar trügerisch, auch das wissen viele, aber es ist egal. Ordnung ist ein hohes Gut, das auch gerne einmal als Illusion im Einkaufswagen liegen kann.

Die Weisen, von denen in den alten Büchern zu lesen ist, die Weisen scheinen keinen Zugang mehr zu haben in dem Getöse der schlechten Informationen. Denn ihre Weltsicht ist auch einfach, aber eben nicht zerstörerisch. Erst kürzlich hatte ich eine Begegnung mit so einem Menschen. Von seinem Lebensalter war er an die siebzig Jahre alt, also noch nicht so alt wie die Weisen aus den Büchern, aber immerhin. Ich wusste, er hat einen ganz normalen bürgerlichen Beruf, in dem er auch noch tätig ist. Er saß in einem Diskussionskreis, in dem es um die Grausamkeit der Welt und um die vielen Übeltäter ging. Da war der Islamismus, die CIA, der Mossad, die Russen und was weiß ich noch alles wieder einmal aufgeboten worden, um das Schamlose, Inhumane dieser Welt zu erklären.

Der Mann hörte sich das alles in Ruhe an, nur ganz zum Schluss, als man ihn um seine Meinung fragte, hub er an und erklärte, dass das Gute, das Wahrhaftige menschlichen Handelns in jedem Kulturkreis und in jeder Zivilisation zu Hause sei. Jeder Mensch wisse, was gut und was böse sei, aus welcher Lehre und aus welchen historischen Kontexten es auch abgeleitet sei. Und er schloss mit den Worten, wenn jeder Mensch diesem Kompass folge, dann wäre die Welt eine bessere.

Damit war die Diskussion beendet und die Runde ging auseinander in tiefem Schweigen.

Das Ende des Marionettentheaters

Während die Hofberichterstattung in Schnappatmung verfällt, während von einer politischen Krise in Deutschland gesprochen wird, während Schuldzuweisungen an alle kreisen, die da sondiert haben, wird deutlich, dass das Verständnis von Demokratie tatsächlich das ist, was am Boden liegt. Nach der Theorie und der aus dieser abgeleiteten Werte handelt es sich dabei um eine Staatsform, in der um politische Perspektiven gerungen wird. In der darüber debattiert wird, wohin die Reise des Gemeinwesens gehen soll und wo danach gesucht wird, wie Mehrheiten in Bezug auf einzelne Gesetze und Programme gewonnen werden.

Nach Jahrzehnten satter Koalitionen, bei denen die Mehrheiten in der Regel immer zu Beginn einer Legislaturperiode feststanden, nach großen Koalitionen, die die parlamentarische Opposition zu einer Edelkomparse degradiert hatten, ist es jetzt vorbei mit der bräsigen Herrlichkeit, die diese Kanzlerin so gerne als „alternativlos“ bezeichnete. Denn sie, die den Helmut Kohl so wunderbar nachgemacht und sein Handlungsarsenal um manches erweitert hat, und die von TIME als die mächtigste Frau der Welt gepriesene nun da wie eine Königin ohne Land. Im Grunde ist ihre Zeit vorbei. Denn das, was auf sie zukommt, wenn es an die Bildung einer Minderheitsregierung geht, das kann sie nicht. Sie kann nicht mehr verschiedene Vorschläge anhören und sich dann so entscheiden, wie sie es für richtig hält. Nein, sie würde Kompromisse mittragen müssen, die ihr nicht gefallen.

In anderen Demokratien ist das ein durchaus üblicher Zustand. Und Länder, über die hier im Land der monolithischen Mehrheiten so gerne gelacht wird, ist das seit Jahren die Praxis. Wenn es eine Zukunft für Frau Merkel geben sollte, dann müsste sie nach Italien oder die Niederlande fahren und sich ansehen, wie so etwas geht. Das wird sie nicht machen, und deshalb ist ihre Ära zu Ende.

Es wird sich zeigen, ob es gelingt, nach den verklausulierten Machtformeln der Vergangenheit zu einem Diskurs zu kommen, der den Namen verdient. In dem gestritten wird um Positionen, in dem nach Wegen gesucht wird, denen Mehrheiten werden folgen können. Das Personal, das in der Dominanz großer Koalitionen sozialisiert worden ist, wird dieses nicht mehr vollbringen können, selbst wenn es das wollte. Vieles spricht dafür, dass mit dem Scheitern der Sondierungen für diese unsägliche Jamaika-Koalition auch etwas Wunderbares entstanden ist, nämlich der Beginn eines neuen Spiels, in dem andere Regeln gelten als der Zynismus der Macht und das Kohl-Merkelsche-Marionettentheater.

Es kann aber auch sein, dass es nicht gelingt. Dass diejenigen, die mit vollem Munde immer von den demokratischen Werten sprechen, die sie auch selbst ganz gerne in die Welt tragen wollen, gar nicht in der Lage sind nach diesen neuen Regeln zu spielen. Vieles spricht sogar dafür, dass alles, was nicht monolithisch gesetzt ist, als schlimmes Chaos empfunden wird, in dem sich niemand mehr auskennt. Fest steht, dass wir uns hier nicht in einem Musterland der Demokratie befinden, sondern in einer unter der Ägide des Kalten Krieges gegründeten Anstalt, in der Demokratie immer noch geübt wird und wo, immer wenn etwas Außergewöhnliches passiert, der Reflex in den Rückfall autoritärer Muster so funktioniert wie nirgendwo sonst.

Die Arroganz der Macht ist dahin und die Blase von dem Musterland, an dem sich die Welt orientiert, ist laut geplatzt. Jetzt wird es richtig spannend, und wir werden uns in der nahen Zukunft noch sehr oft die Augen reiben.

Der Absicherer

Ob im Industriebetrieb, im Verein, oder in der Verwaltung, im Verband, im Club, ob in der Initiative oder der politischen Partei. Ein bestimmter Sozialtypus sitzt immer mit am Tisch. Er ist nicht derjenige, der die Organisation durch Visionen oder Ideen nach vorne bringt. Ganz im Gegenteil, sobald etwas außergewöhnliches passiert oder geplant ist, wenn es ans Gestalten geht, dann schlägt seine Stunde. Dann kommen Fragen, die in der Regel geeignet sind, Schwung und Elan aus der Angelegenheit zu nehmen. Dann geht es darum, sich mit Problemen zu befassen, die entstehen können, wenn etwas anders gemacht wird, als es bisher der Fall war.

Im Großen und Ganzen fällt dieser Typus nicht auf. Er ist immer dabei, und wenn man die Frage stellt, was er in dem Gefüge eigentlich macht, dann wissen die meisten keine Antwort. Dennoch genießt er in der Regel eine hohe Reputation, er gilt als verlässlich und loyal und niemand käme auf die Idee, ihm etwas Zersetzendes anzulasten. Wenn wir, so die weit verbreitete Meinung, ihn nicht hätten, dann wäre vieles schwieriger, dann hätten wir in der Vergangenheit große Verluste gehabt. Und vor diesen Verlusten, wie immer sie auch aussehen mögen, vor diesen Verlusten bewahrt er uns. Die Rede ist vom notorischen Absicherer.

Es mutet befremdlich an. Jede Organisation, die etwas bewirken will, muss sich Gedanken darüber machen, was sie an neuen Ideen kreieren kann, um die Wirkung größer, stärker oder andersartiger zu machen. Und jede Vision, jede Idee, die tatsächlich generiert wird, aktiviert automatisch den Absicherer. Er stellt die Fragen, die im Augenblick der schöpferischen Euphorie dazu geeignet sind, die Welt zu einem komplizierten, übermächtigen, nicht zu verändernden Apparat zu machen, der jede Abweichung vom Gewohnten bitter und böse zurückzahlt. Die Absicherer sind im Bunde mit der Komplexität, mit der sich niemand mehr so richtig auskennt und vor der immer wieder Menschen mit guten Ideen letztendlich kapitulieren.

Ein Blick hinter die Kulissen bringt die Erkenntnis, dass da auch Gesetze herrschen, die in der Redewendung ihre Berechtigung finden, da, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Doch hinter den bewusst und systematisch eingesetzten Schwaden der Komplexität verschwindet dieses Motiv menschlichen Handelns allzu oft und dann erscheint der Absicherer mit wissender Miene und klärt die Naivlinge mit den tollen Ideen darüber auf, dass sie nur kleine Geister sind, die das Große nicht begreifen.

Nicht, dass es nicht erforderlich wäre, sich bei jeder neuen Idee, und sei sie auch noch so groß, kritische Fragen zu stellen. Ob es machbar ist, ob es andere Systeme verletzt und damit Kollateralschäden verursacht, ob es gar strafbar ist. Sollten diese kritischen Fragen jedoch in einer Organisation eine derartige Lobby haben, dass sie jede Abweichung vom Status Quo blockieren, dann hat die Organisation ein existenzielles Problem.

Je nach Entwicklungsstand von Organisationen existiert ein Proporz von Innovatoren, von Konsolidierern und von Absicherern. Und eine bewegliche, kreative, entwicklungsfähige Organisation hat von allen drei Typen etwas. Ein guter Proporz ist eine große Majorität von Innovatoren und Konsolidierern und einem geringen Teil von Absicherern. Zu beobachten ist, dass das Ende einer zweckbestimmten Organisation dann naht, wenn die Absicherer die Mehrheit stellen. Dann bewegt sich nichts mehr und das Ende ist in Sicht. Unter diesem Aspekt lohnt es sich, den eigenen Laden, in dem man sich befindet, einmal zu betrachten. Dieser Proporz lügt nie. Und er erlaubt eine sehr zuverlässige Prognose über die Zukunft.