Schlechter Rat und gutes Handeln

Sie wird immer wieder gestellt, die Frage. Was machen in einer Welt, in der alles so unübersichtlich geworden ist, in der alles so komplex erscheint und sich ein Gefühl einstellt, dass der Einzelne, das Individuum, sich gar nicht mehr orientieren kann. Es entsteht ein dumpfes, ja, ein bedrohliches Gefühl der Überforderung. Da ist gut Rat teuer. Und der der billig ist, der wird auch noch von vielen armen Seelen angenommen. Da kommen sie daher, die ungerufenen Ratgeber, die mit der Zauberformel, die daherreden von irgendwelchen bösen Kräften, die hinter diesem Weltgeschehen im Verborgenen sitzen und ihre Pläne machen, die nichts Gutes im Sinn haben und die uns alle ins Verderben stürzen wollen. Die Liste der vermeintlich Schuldigen ist lang. Mal waren es die Juden, mal die Marxisten, mal die Freimaurer, dann die Betbrüder, die Reformisten und die Ökologen, dann natürlich die Wall Street, die Bilderberger. Als Völker boten sich eine Zeitangabe die Franzosen an, dann der Balkan, die Orientalen, und immer wieder die Russen.

Die Rezeptur ist, wie zu sehen, alles andere als neu. Und das Gefühl, dass der einzelne Mensch mit soviel Boshaftigkeit in der Welt nicht fertig werden kann, auch nicht. Für unsere Epoche ist entscheidend, dass mit immer mehr Information, ob sie Sinn ergibt oder nicht, die Welt nicht einfacher wird. Das Individuum der digitalen Moderne wird ersäuft in Meldungen, zumeist schlechten. Überall passiert das Unglück, überall sind dafür Menschen verantwortlich und die Guten, die einen Plan haben, sind nur noch selten zu sehen. Da bietet sich geradezu an, sich einer Erklärung, und sei sie noch so dürftig, hinzugeben, um wenigstens für einen gewissen Zeitraum wieder etwas Ordnung in den glühenden Kopf zu bekommen. Das ist zwar trügerisch, auch das wissen viele, aber es ist egal. Ordnung ist ein hohes Gut, das auch gerne einmal als Illusion im Einkaufswagen liegen kann.

Die Weisen, von denen in den alten Büchern zu lesen ist, die Weisen scheinen keinen Zugang mehr zu haben in dem Getöse der schlechten Informationen. Denn ihre Weltsicht ist auch einfach, aber eben nicht zerstörerisch. Erst kürzlich hatte ich eine Begegnung mit so einem Menschen. Von seinem Lebensalter war er an die siebzig Jahre alt, also noch nicht so alt wie die Weisen aus den Büchern, aber immerhin. Ich wusste, er hat einen ganz normalen bürgerlichen Beruf, in dem er auch noch tätig ist. Er saß in einem Diskussionskreis, in dem es um die Grausamkeit der Welt und um die vielen Übeltäter ging. Da war der Islamismus, die CIA, der Mossad, die Russen und was weiß ich noch alles wieder einmal aufgeboten worden, um das Schamlose, Inhumane dieser Welt zu erklären.

Der Mann hörte sich das alles in Ruhe an, nur ganz zum Schluss, als man ihn um seine Meinung fragte, hub er an und erklärte, dass das Gute, das Wahrhaftige menschlichen Handelns in jedem Kulturkreis und in jeder Zivilisation zu Hause sei. Jeder Mensch wisse, was gut und was böse sei, aus welcher Lehre und aus welchen historischen Kontexten es auch abgeleitet sei. Und er schloss mit den Worten, wenn jeder Mensch diesem Kompass folge, dann wäre die Welt eine bessere.

Damit war die Diskussion beendet und die Runde ging auseinander in tiefem Schweigen.

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