Der Absicherer

Ob im Industriebetrieb, im Verein, oder in der Verwaltung, im Verband, im Club, ob in der Initiative oder der politischen Partei. Ein bestimmter Sozialtypus sitzt immer mit am Tisch. Er ist nicht derjenige, der die Organisation durch Visionen oder Ideen nach vorne bringt. Ganz im Gegenteil, sobald etwas außergewöhnliches passiert oder geplant ist, wenn es ans Gestalten geht, dann schlägt seine Stunde. Dann kommen Fragen, die in der Regel geeignet sind, Schwung und Elan aus der Angelegenheit zu nehmen. Dann geht es darum, sich mit Problemen zu befassen, die entstehen können, wenn etwas anders gemacht wird, als es bisher der Fall war.

Im Großen und Ganzen fällt dieser Typus nicht auf. Er ist immer dabei, und wenn man die Frage stellt, was er in dem Gefüge eigentlich macht, dann wissen die meisten keine Antwort. Dennoch genießt er in der Regel eine hohe Reputation, er gilt als verlässlich und loyal und niemand käme auf die Idee, ihm etwas Zersetzendes anzulasten. Wenn wir, so die weit verbreitete Meinung, ihn nicht hätten, dann wäre vieles schwieriger, dann hätten wir in der Vergangenheit große Verluste gehabt. Und vor diesen Verlusten, wie immer sie auch aussehen mögen, vor diesen Verlusten bewahrt er uns. Die Rede ist vom notorischen Absicherer.

Es mutet befremdlich an. Jede Organisation, die etwas bewirken will, muss sich Gedanken darüber machen, was sie an neuen Ideen kreieren kann, um die Wirkung größer, stärker oder andersartiger zu machen. Und jede Vision, jede Idee, die tatsächlich generiert wird, aktiviert automatisch den Absicherer. Er stellt die Fragen, die im Augenblick der schöpferischen Euphorie dazu geeignet sind, die Welt zu einem komplizierten, übermächtigen, nicht zu verändernden Apparat zu machen, der jede Abweichung vom Gewohnten bitter und böse zurückzahlt. Die Absicherer sind im Bunde mit der Komplexität, mit der sich niemand mehr so richtig auskennt und vor der immer wieder Menschen mit guten Ideen letztendlich kapitulieren.

Ein Blick hinter die Kulissen bringt die Erkenntnis, dass da auch Gesetze herrschen, die in der Redewendung ihre Berechtigung finden, da, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Doch hinter den bewusst und systematisch eingesetzten Schwaden der Komplexität verschwindet dieses Motiv menschlichen Handelns allzu oft und dann erscheint der Absicherer mit wissender Miene und klärt die Naivlinge mit den tollen Ideen darüber auf, dass sie nur kleine Geister sind, die das Große nicht begreifen.

Nicht, dass es nicht erforderlich wäre, sich bei jeder neuen Idee, und sei sie auch noch so groß, kritische Fragen zu stellen. Ob es machbar ist, ob es andere Systeme verletzt und damit Kollateralschäden verursacht, ob es gar strafbar ist. Sollten diese kritischen Fragen jedoch in einer Organisation eine derartige Lobby haben, dass sie jede Abweichung vom Status Quo blockieren, dann hat die Organisation ein existenzielles Problem.

Je nach Entwicklungsstand von Organisationen existiert ein Proporz von Innovatoren, von Konsolidierern und von Absicherern. Und eine bewegliche, kreative, entwicklungsfähige Organisation hat von allen drei Typen etwas. Ein guter Proporz ist eine große Majorität von Innovatoren und Konsolidierern und einem geringen Teil von Absicherern. Zu beobachten ist, dass das Ende einer zweckbestimmten Organisation dann naht, wenn die Absicherer die Mehrheit stellen. Dann bewegt sich nichts mehr und das Ende ist in Sicht. Unter diesem Aspekt lohnt es sich, den eigenen Laden, in dem man sich befindet, einmal zu betrachten. Dieser Proporz lügt nie. Und er erlaubt eine sehr zuverlässige Prognose über die Zukunft.

8 Gedanken zu „Der Absicherer

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  2. Avatar von WilhelmNitya

    Lieber Gerd,

    du zählst da diese drei Typen auf: Innovatoren, Konsolidierer und Absicherer und weist auf den notwendigen Proporz hin. Ich musste gerade an die alten Hindus denken mit ihren drei Gottheiten Brahma, Vishnu und Shiva. Auch bei ihnen war der richtige Proporz wichtig. Allerdings verkörperten die drei Gottheiten nicht unbedingt die gleichen Aspekte wie die von dir aufgelisteten. Brahma verkörperte den kreativen Aspekt, Vishnu den bewahrenden und sichernden und Shiva den Aspekt der Veränderung, auch der Zerstörung von Überholtem. Mir scheint in deiner Liste der bewahrende und sichernde Aspekt überbetont zu sein,wähend der Shiva-Aspekt zu fehlen scheint. Oder sehe ich da etwas falsch?

    Einen herzlichen Gruß
    Wilhelm

      1. Avatar von WilhelmNitya

        Für die Hindus ist das ein absolutes Naturgesetz. Verweigert sich der Mensch diesem Gesetz, indem er ihm in kreativer Weise Genüge tut, wird ihm Shiva in seiner Form als Kali von außen in zerstörerischer Weise zeigen, dass er diesem Gestz nicht entkommen kann. Kreieren, bewahren, veränden, kreieren, bewahren, verändern, …

  3. Avatar von user unknownuser unknown

    Mich erinnert es an die Big-5 der Psychologie, das sind Merkmale mit jeweils zwei Polen, aber oft unterschiedlichen Ausprägungen je nach Geschlecht, auf die sich fast alle Tests zurückführen lassen, d.h. wenn vielen Leuten viele Fragen vorlegt, dann gruppieren sie sich oft und reproduzierbar anhand dieser 5 Gruppen, die untereinander nicht korrelieren.
    Diese sind:

    Offenheit für Erfahrungen (Aufgeschlossenheit),
    Gewissenhaftigkeit (Perfektionismus),
    Extraversion (Geselligkeit),
    Verträglichkeit (Rücksichtnahme, Kooperationsbereitschaft, Empathie) und
    Neurotizismus (emotionale Labilität und Verletzlichkeit).

    und bei der Diskussion um das Paper von James Damore, dem gefeuerten Google-Miatarbeiter, erst kürzlich in der Diskussion gewesen.

    D.h. eine Person, die eher gewissenhaft ist, kann auch kreativ sein (Offenheit), eine andere könnte nur eines von beiden sein und eine dritte weder noch.

    Die Beschreibung hier handelt wohl von jmd. mit geringer Offenheit und geringer Geselligkeit, womöglich erhöhtem Neurotizismus.
    Der Innovator wäre wohl eher der Aufgeschossene, der aber zugleich Geselligkeit braucht, wenn er etwas nach vorne bringen will, und nicht im dunklen Kämmerchen forscht.
    Den Konsolidierer sehe ich in der Gewissenhaftigkeit ausgezeichnet. Kooperationsbereitschaft ist dafür sicherlich auch hilfreich.

    Allgemein haben wohl alle Charakterzüge ihr Für und Wider, sonst hätte die Evolution unnützes ausgesiebt.

  4. Avatar von mikesch1234mikesch1234

    Ich habe oft erlebt: der Absicherer ist zudem ein Machtmensch. Ein starker solcher reicht, um fast alles auszubremsen.
    Scherz-FRAGE: wie sind wohl gerade die Jamaika-Verhandler in Berlin aufgestellt?
    (nach meinem Eindruck: es wimmelt von Absicherern, darum geht es eigentlich auch nicht voran!)
    Eine gute neue Woche

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