Ein Grundsatzreferat und eine Chronik ohne Biss

Heinrich August Winkler. Zerbricht der Westen? Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika

Es kann eine große Bereicherung sein, wenn sich Historiker in das zeitgenössische politische Geschehen begeben. Zu sehr ist gesellschaftlich die Erkenntnis verblasst, dass die Gegenwart auch immer ein Substrat der Geschichte ist und vieles, das sich historisch im Unterbewusstsein der Gesellschaft festgebrannt hat, wesentlich die Gestaltung der Gegenwart und Zukunft beeinflusst. Insofern ist Heinrich August Winklers Buch mit dem Titel „Zerbricht der Westen? Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika“ positiv zu werten. Angesichts seiner Reden zu offiziellen Anlässen in den letzten Jahren war bei mir zumindest eine gewisse Skepsis dabei, als ich das Buch kaufte. Aber ich wollte es lesen.
Und so ist der erste Teil des Buches tatsächlich ein Gewinn, weil Winkler sich die Mühe macht, das, was er in seinen historiographischen Publikationen immer als den „Westen“ bezeichnet, noch einmal allgemein verständlich herauszuarbeiten. Dabei wird deutlich, dass es ihm nicht um eine bestimmte historische Formation geht, die idealtypisch für den Westen steht, sondern um Prinzipien, die die Demokratie westlicher Prägung in der Folge der amerikanischen Revolution von 1776 und der französischen Revolution von 1789 in die Grundbücher der bürgerlichen Zivilisation eingetragen hat. Es handelt sich dabei um die unveräußerlichen Menschenrechte, das Prinzip der Gewaltenteilung mit seinen Checks und Balances, die Herrschaft auf Zeit, der Meinungsfreiheit, das Assoziationsrecht etc..
Danach begibt sich Winkler auf eine Zeitreise durch die jüngere Geschichte und führt als akribischer Chronist Buch über die jüngsten Erschütterungen, die der Westen erlitten hat: Die Annexion der Krim durch Russland, die griechische Finanzkrise, die Etablierung „illiberaler Demokratien“ in Polen und Ungarn, die Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der USA, den Brexit und den Erdrutsch in der fünften französischen Republik. Wie ein Chronist das zu tun hat, beschenkt Winkler die Leserschaft mit einer faktenreichen, lückenlosen Schilderung der Ereignisse. Und wer sich noch einmal vor Augen führen möchte, was in den letzten wenigen Jahren alles passiert ist und mit welchen Turbulenzen der Westen zu kämpfen hatte, wird hier bestens bedient.
Was bei Winklers Chronik verstört, ist seine unkritische Übernahme der Terminologie aus der Merkel´schen Regierungssprache. Da wimmelt es von Rechts- und Linkspopulisten, da wird das Diktum aus Regierungserklärungen 1:1 übernommen, vor allem in der Einschätzung Russlands und Erdogans und da findet keinerlei kritische Reflexion dessen statt, was als Interessen geleitete Beteiligung der deutschen Regierung in der fragilen und zunehmend komplizierten Gemengelage westlicher Politik anbetrifft. Die Chronik, die sich über zwei Drittel des Buches erstreckt, könnte als offiziell von der Regierung herausgegebene Chronik Bestand haben. Das ist legitim, aber das erwarte ich nicht von der Arbeit eines Historikers.
Genauso legitim ist es, durch die Wahl des Buchtitels massenhaft Ambitionen zu suggerieren, die sich dann allerdings nicht erfüllen.

Wenn ein Kaliber wie Heinrich August Winkler zum Titel greift „Zerbricht der Westen?“, dann erwartet die Leserschaft eine Analyse und Vorschläge, was daraus für die Gestaltung der Zukunft gelernt werden könnte. Stattdessen liefert er in dieser Publikation ein Grundsatzreferat über das Wesen des Westens, was grundsätzlich gut und bereichernd ist und eine Regierungschronik, die apologetisch wirkt, was nur verärgern kann. Lesenswert ist das Buch allemal, nur erfüllt es die im Titel erweckten Erwartungen nicht.

3 Gedanken zu „Ein Grundsatzreferat und eine Chronik ohne Biss

  1. Avatar von Sven MeierSven Meier

    Moin. Ich habe Rezensionen in der Zeit und der SZ über das Winkler-Buch gelesen und mir daraufhin den Kauf erspart. Zu Recht, wie es scheint. Allein zum Lesen werde ich mal schauen, ob es das Buch in unserer Kreisbibliothek gibt.

  2. Pingback: Ein Grundsatzreferat und eine Chronik ohne Biss — form7 | per5pektivenwechsel

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