Sie schlagen ein wie moderne Geschosse. Sie kommen von überall. Sind die Schäden groß genug, werden alle Sendungen unterbrochen. Sie dominieren die Berichterstattung überhaupt. Und dass es sie gibt, liegt an der Annahme derer, die sie bekannt machen, dass dem Menschen nach Sensation ist. Und die Sensation ist am größten, wenn sie gleichzeitig auch noch schrecklich ist. Gemeint sind die Katastrophenmeldungen, die uns immer schneller getaktet erreichen. Und sobald dieses der Fall ist, beginnt ein Wettlauf der Nachrichtenbranche um genaue Berichte direkt vor Ort. Dass das nicht immer so klappt und zum Teil in schlichten Betrug ausartet, steht auf einem anderen Blatt und hat mit den Finanzen der Produzenten zu tun. Da berichtet ein Herr Kroll schon mal schnell direkt aus Barcelona, obwohl er sich gerade in Paris aufhält, oder da sind die Kriegsberichterstatter aus Syrien immer aus Kairo zugeschaltet.
Die Sensation und das Fake gehören zusammen. Denn die Anzahl der tatsächlichen Katastrophen auf dieser Welt scheint dem erbitterten Konkurrenzkampf der Nachrichtenorgane nicht zu genügen. Das zeigt sich an der Art der Katastrophen, die uns zuweilen erreichen wie – so schlimm es im Einzelfall auch sein mag – ein umgekippter Schulbus auf der anderen Erdhalbkugel oder, und da wird es immer hysterischer, ein Autounfall in der Londoner Innenstadt, bei dem zwei Radfahrer leicht verletzt wurden und bei dem noch nicht geklärt ist, ob die Herzschwäche des das Auto fahrenden Rentners einen terroristischen Hintergrund hatte. Wie auch immer, die Branche tobt, und Hemmungen oder Schamgefühle gehören nicht zum Berufsethos.
Manche erinnern sich noch an den als hinterwäldlerisch stigmatisierten Spruch, dass nicht zu interessieren habe, wenn in China ein Sack Reis umfalle. Ja, die Welt ist komplex, sie ist näher zusammen gerückt und zu seiner Zeit war die Weise ein Signet des Provinzialismus. Zu was ihre Negation allerdings beigetragen hat, sehen wir heute. Die Branche interessiert sich mittlerweile mehr für ein abgestürztes Sportflugzeug auf Feuerland als um Kinder, die morgens ohne Frühstück in unseren Schulen erscheinen. Da ist von der Gewichtung etwas dramatisch aus dem Ruder gelaufen, das unter anderem dazu beiträgt, dass in der Nachrichtenproduktion eher eine Machenschaft denn eine Bereicherung gesehen wird.
Die Akzeleration des Unheils macht auch etwas aus dem Publikum. Diese Problem kann nicht nur der Psychologie überlassen werden, wenn auch deren Hinweise auf Verrohung, Sadismus, Voyeurismus und emotionale Kälte bedenklich genug sind. Der Effekt auf das in diesem Prozess heraus gebildete, politisch wirksame Bewusstsein ist noch dramatischer.
Was passiert mit einer Gesellschaft, deren Grundwahrnehmung die überall wütende Katastrophe ist? Wie wirkt es sich aus, wenn Menschen im Dauerregen von unheilvollen Ereignissen stehen? Ich bin mir sicher, in den Büros derer, die diesen Zustand zu verantworten haben, hat man sich diese Fragen nicht gestellt. So flach, so stupide und so skrupellos wie heute war dieses Metier noch nie. Das hängt einerseits mit den Besitzverhältnissen und andererseits mit den Qualitäten der Produzenten zusammen.
Das Resultat des Katastrophenjournalismus ist eine wachsende gesellschaftliche Immunität gegen Elend und Krieg. Und ein immer stärker werdendes Gefühl, dass das Verhängnis der ganz normale Lauf der Welt ist. Was da so scheinheilig als journalistische Pflichterfüllung aus allen Teilen der Welt zusammengesucht wird, um die nächste Sensation zu präsentieren, ist die Produktion des Defätismus.

Ich bin zwar selbst ein ziemlicher News-Junkie, mache zwischendurch aber immer wieder die heilsame Erfahrung, daß weder die Welt untergeht, noch ich Wesentliches verpasse, wenn ich mal ein paar Tage Offline bin.
Speziell die Berichterstattung der letzten Tage über die Ereignisse in Spanien und hier ganz speziell im Nordostteil Spaniens zeigen in der Oberflächlichkeit der Medien und der nur scheinbar eindeutigen Klarheit der Bilder eher ablenkend Verwirrendes, was je nach Standpunkt durchaus erwünscht sein mag?
Am Grundproblem hat sich seit der illegalen 9-N-Consulta nichts verändert, nur der Lärm ist größer geworden zur illegalen 1-O hin. Wer die letzten zwei Jahre in einer medial hermetisch abgeschlossenen Höhle verbracht hätte und heute erstmals wieder heraus käme, der hätte nichts Wesentliches verpasst. Soviel zu den Medien…
Darüber wurde schon bei Gelegenheit beklagt, aber nicht so treffend und klar wie Sie es schrieben. Es erinnert etwas an das Hollywood Drama „Network“ 1976.
Ups, hast du meinen Kommentar gelöscht?
Nicht bewusst, ich habe den ganzen Text versehentlich gelöscht und dann nochmal eingestellt, dabei gingen die Kommentare verloren. Sorry!
Och schade
Sehr treffende Analyse. Vielleicht liegt der Kern im Wesen unserer Medien. Eigentlich sind es Wirtschaftsnachrichten für den handeltreibenden Großbürger. Der Sack Reis interessiert nur bei entsprechenden Rohstoffpreisen. Für den nichtbesitzenden Arbeitnehmer können die Nachrichten schnell zu Katastrophenvoyeurismus ausarten, solange sie sich ihres politischen Auftrages nur unzureichend bewusst sind.