Der Hofnarr und die Deutschen

An einem Tag wie dem heutigen tauchen wie immer viele Fragen auf. Wir Deutsche, wer sind wir eigentlich, wo kommen wir her und wo wollen wir hin? Und kaum sind die Fragen formuliert, schon geht der Ärger los. Denn einig, wie es in der Strophe unserer Hymne so schön heißt, einig sind wir uns meistens nämlich nicht. Weder, was unsere Vergangenheit betrifft, noch, was die Zukunft anbelangt. Das, was so gerne als deutsches Wesen in die Sphären des Phänomenalen gehoben wird, beginnt eigentlich mit dem Zwist. Aber davon vielleicht später. Träten wir hier in einen Diskurs über Deutschland, es wäre ein Debakel. Und wenn Situationen so komplex und verfahren sind, dann hilft manchmal ein Blick von außen, die Perspektive zweiter Ordnung.

Das Spiel, das man dabei spielen muss, ist das Sich-Hineinversetzen in einen Betrachter von außen, der sich kalten Gemütes ansieht, was dort, wo Deutschland liegt, geschieht und geschah. Diese Aufgabe ist nahezu unlösbar. Deshalb sagen wir, wir machen ein doppeltes Spiel und geben der fiktiven, nicht deutschen Person von außen die Regieanweisung, sie solle sich in die Rolle eines deutschen Hofnarren versetzen und versuchen, die unlösbare Aufgabe mit viel Humor zu lösen. Was fiele diesem Narren wohl ein?

Er, der Hofnarr, spreche davon, dass die anderen, die schon viel früher über eine Nation verfügten, auch nicht von neun anderen Ländern umzingelt seien, die alle von ihrem Wesen in das Herzland hineinstrahlten. Ganz anders zum Beispiel bei den Briten, die hatten auf der einen Seite, hinter dem Kanal, das verhasste Europa und auf der anderen nur noch Ultima Thule. Ihr Schandmaul sollten sie halten, bevor sie über Deutschland urteilten. Kompliziert nicht nur das Umfeld, sondern auch die Sprache, von der das Sonnenkind aus der Levante sprach, es sei das Einzige, was Deutschland habe und Deutsch sei. Das Wilde, für andere aufgrund anderer historischer Umstände nicht Begreifbare dessen, was deutsche Kultur genannt wird, hängt damit zusammen. Was die Toren im Rest der Welt nicht verstehen, ist, dass die deutsche Kultur nicht kongruent ist mit dem Staatsgebiet und sich deshalb immer ein Anspruch daraus ableitete, der mindestens Europa, aber meistens die ganze Welt umfasste.

Und der Hofnarr erzählte, das die Deutschen in ihrem tiefsten Innern immer Barbaren waren und sind, was sie mit etwas anderem, aber zum Nutzen der ganzen Menschheit, auszugleichen glaubten. Mit ihrem Sinn für das Brüten in dunklen Gewölben erfinden sie immer wieder Dinge, die weit über die Grenzen scheinen und den deutschen Genius populär machen. Dichter und Denker wurden sie von den Spöttern genannt, die beobachteten, dass die Menschen gleicher Zunge keinen Staat auf den Weg brachten. Besser, so der Hofnarr, betrachtete man sie heute als die Tüftler und Brüter, weil aus dem Hang zum freien Denken eher etwas geworden ist, was mit verschwörerischem Suchen zusammenhängt.

Nachgefragt nach den duftenden Braten, den knusprigen Haxen und dem hopfigen Bier, winkt der Hofnarr nur genervt ab. Er ist, so betont er, bei einer seriösen Betrachtung. Folklore ja, aber das mögen die im Ausland mehr an uns als wir selbst. Aber, so doziert er, das Organisieren, das ist noch ein Alleinstellungsmerkmal, das uns gehört. Niemand macht sich soviel Gedanken über die Art und Weise, wie etwas organisiert wird wie wir.

Gut, sagt da der Betrachter von außen, ich verlasse mal den Hofnarren. Mir wird es zu ernst, irgendwie ist der Humor schnell verpufft, wenn man an Deutschland denkt, immer wird es gleich ernst. Das durchbricht auch nicht die Kunstfigur des Hofnarren.

Dann feiert mal schön.

10 Gedanken zu „Der Hofnarr und die Deutschen

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      1. Avatar von WilhelmNitya

        Gibt’s da was zu feiern?
        „Träten wir hier in einen Diskurs über Deutschland, es wäre ein Debakel.“
        Du meinst also das Debakel, das wir darstellen?

  2. Avatar von gkazakougkazakou

    Wie wärs mit einem Plebiszit a la Katalonien in Bayern und eins in den „Ostländern“, vielleicht möchten sie lieber eigene Staaten bilden wie die Österreicher? ich gestehe, mir gefällt zunehmend die Idee, dass Staaten nicht mehr als 10-20 Millionen Menschen umfassen sollten. 83 Millionen deutsche Staatsbürger im Herzen Europas ist einfach zu viel. Frankreich könnte auch Aufspaltungen brauchen, ebenso Spanien, Polen und Italien. Belgien dürfte natürlich auch zerfallen. Die kleinen Staaten haben ja in der Suprastruktur der EU alles, was sie brauchen, um ihre zwischenstaatlichen Angelegenheiten zu regeln und in der Welt bestehen zu können.

    1. Avatar von WilhelmNitya

      Zu Zeiten der allmählichen Einführung der attischen Demokratie hatten wir es in Athen, („der Wiege der Demokratie“) mit Bevölkerungszahlen sehr weit unter 500.000 zu tun. Und selbst da gab es Priviligierte und Unterpriveligerte und rechtlose Sklaven. Je höher die Bevölkerungszahen sind, desto schwieriger wird es, die Grundgedanken der Demokratie, d.h. die unmittelbare Beteiligung des Eiinzelnen am politischen Prozess, umzusetzen.

      Globalisierung und direkte Mitbestimmung durch Volksabstimunnungen sind vollkommen unvereinbar. So etwas wie eine weltweite Diktatur rückt mit jedem Tag näher. Ich habe jedoch erhebliche Zweifel, dass der Prozess der Globalisierung umkehrbar sein wird.

  3. Avatar von alphachamberalphachamber

    Herr Mersmann,
    exzellente Behandlung des Themas. Bismarcks Staat war nur ein Kunstgebilde. Wären „wir“ mit einem Preussen und Konförderation besser gefahren – wäre weniger Leid geschehen? Selbst Friedrich Wilhelm war lieber König von Preussen als Kaiser dieses „chaotischen Gebildes“. Der wusste wohl mehr als Bismarck. LOL.

  4. Avatar von user unknownuser unknown

    Preußen, in welchen Grenzen? Ich bin kein Bayer und lebe jetzt in Berlin, aber eins bin ich sicher nicht geworden: Preuße. Berliner schon. 🙂

    Zur Einigkeit, dem ersten Wort unserer Hymne, wäre mir als erstes eingefallen, nicht dass wir es selten sind, sondern dass wir sie zu oft zum Wert an sich verklären, symptomatisch eskalierend in 100% parteiinerterner Zustimmung zum Kandidaten Schulz.

    Glücklicherweise geht es dann mit Recht und Freiheit weiter – nicht mit Treue und Opferbereitschaft.

    Aber ja, die Einigkeit ist oft oberflächlich, konfliktscheuer Opportunismus. In kleinen Dosen genossen sind wir aber ganz nett.

  5. Avatar von Dr. Hartwig MalyDr. Hartwig Maly

    Vielleicht sollten wir es mit einem zweiten oder dritten Hoffnarren versuchen. Der erste ist mir entschieden zu misanthropisch, zu wenig technik-affin und zu wenig phantasievoll. U.U. Opfer Kahnemanschen Primings. Nur noch wabernde Nebel über nicht sehr lichten Auen wahrnehmend, weil er sie sehen will. Junge Studenten, von Tennessee bis Shanghai, in meinen Vorlesungen nehmen Deutschland anders wahr. Allerdings nur 100 pro Jahr. Allerdings seit 15 Jahren.

  6. Avatar von almabualmabu

    Wir sind ein historisches Durchzugsgebiet ohne natürliche Grenzen. Das hat immer für ordentlichen „Durchzug“ gesorgt und damit für frischen Wind alle paar hundert Jahre. Unsere nationalstaatlichen Grenzen in Europa sind weitgehend alle in letzter Konsequenz willkürlich gezogen worden. Der kulturelle, sprachliche, wirtschaftliche Einflussbereich ist mit diesen König- oder Kaiserreichen und den späteren nationalstaatlichen Grenzen nicht in Übereinstimmung und zwar auf ALLEN Seiten dieser Grenzen. Es konnten also von Nationalisten aller Schattierungen und Sprachen überall territoriale Forderungen gestellt werden, die schlichten Gemütern berechtigt erschienen. Stoff für eine Menge Kriege und Scharmützel bei denen der Ausgangspunkt stets der angebliche Versuch einer territorialen, nationalen Deckung der Überlappungsbereiche war, bzw. der Appetit auf ein prosperierendes Gebiet in der Nachbarschaft, das man sich einverleiben wollte. Dieses Prinzip aber abgewandt auf die aktuelle Lage in Europa würde nicht nur einen katalanischen Staat, sondern praktisch in jedem EU-Staat mehr oder weniger territoriale Binnenstaaten schaffen und zwar mit der gleichen Berechtigung. Es gäbe polnische und rumänische Staaten in Westeuropa und im Brexit-UK (auch so ein Anachronismus!) Es gäbe aber dann auch mehrere türkische Staaten bei insgesamt 12 Mio Türken in der EU, aber auch mindestens einen nordafrikanisch-arabischen Staat in Frankreich und Belgien. Zwischen all diesen Staaten gäbe es Konflikte und Unruhen, folglich Flüchtlingsprobleme. Man ahnt vielleicht, daß der Nationalismus, das Übel des 19. Jahrhunderts, daß zu den Katastrophen des 20. Jahrhunderts führte, kein Mittel im 21. Jahrhundert mehr sein kann? Gegen einen Zentralstaat in Europa könnte man wenig einwenden, wenn er denn die Menschen vollkommen gleichberechtigt und gleichwertig behandelte und nicht lediglich nur aus einer Ansammung von Wirtschafts- und Finanzgesetzen und Bananenkrümmungsvorschriften bestünde. Der einzig zielführende Weg bei einer globalisierten Industrie-, Handels- und Finanzwirtschaft besteht in einer globalen unitären Menschheit. Dies zu erkennen, sollte eigentlich nicht allzu schwer sein?

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