Archiv für den Monat September 2017

Einfache Fragen zum Thema Integration

Seit der Entscheidung, über eine Millionen Menschen die Einreise zu gewähren, die sich mehrheitlich als Kriegsflüchtlinge auf den Weg gemacht hatten, ist vieles geschehen. Die Entscheidung der Kanzlerin selbst zu skandalisieren ist müßig, denn entschieden ist entschieden und die Alternative, dass Tausende in einem Blutbad auf Ungarns Straßen und Feldern erlegen wären, weil Deutschland und Österreich die Grenzen geschlossen gehalten hätten, kann nicht ernsthaft in Erwägung gezogen werden. Da war der Kanzlerin die deutsche Geschichte präsent und da war auch ein tiefer humanistischer Impuls. Und bei the way, während die Koalitionspartner von der SPD bei Anruf sofort dieser Entscheidung zugestimmt hatten, war Kollege Seehofer in Urlaub und nicht erreichbar. Nach eigenen Angaben war sein Handy abgeschaltet. Absence by Staatskrise nennt man so etwas wohl.

Natürlich mussten die Behörden zunächst überfordert sein, denn einen solchen Fall in diesem Ausmaß hatte es vorher noch nicht gegeben. Interessant ist, wie sich einerseits die Bundesregierung zügig an die Optimierung der Verfahren gemacht hat und in den Kommunen, dort, wo letztendlich die Schicksale ankamen, ein gesellschaftliches Engagement sondergleichen zutage trat, das zeigte, dass die Gesellschaft nicht so satt und und phlegmatisch zu sein scheint, wie oftmals behauptet.

Nun, nachdem die entscheidenden Verfahren zumindest anwendbar geworden sind und vor Ort die große Herausforderung der Grundorganisation gemeistert wurde, stellen sich die eigentlichen Fragen, wie Integration bewerkstelligt werden kann. Und es ist festzustellen, dass die Bundesbehörden im Grunde genommen ihren Job als getan erachten und die Kommunen vor der Herkulesaufgabe stehen, Menschen aus anderen Kulturkreisen in die Mitte der Gesellschaft zu bringen.

In das allseits beliebte Spiel der gegenseitigen Schuldzuweisungen oder der gegenseitigen Versagensvorwürfe zu verfallen, wird nicht hilfreich sein. Aber vielleicht wäre es hilfreich, sich zum Thema Integration einige Fragen zu stellen, die unabhängig von dem sind, was wir so gerne als deutsche Verhältnisse bezeichnen. Und das kann gar nicht so schwer sein, denn wir haben hier bereits zahlreiche Beispiele gelungener Immigration, wie zum Beispiel die vielen Flüchtlinge aus dem Balkan in den neunziger Jahren. Oder man fragt die Verwandten, die nach dem großen Krieg noch nach Amerika rübergemacht haben. Wie die USA, das größte Einwanderungsland des Westens, eine Fülle von Beispielen liefert, was die Integration von Menschen anderer Kulturen in die des Westens ausmacht.

Und da sind die Antworten, egal mit welcher Gruppe man sich befasst, sehr ähnlich. Menschen, von denen die Gesellschaft denkt, sie seien erfolgreich integriert und die das auch von sich selbst behaupten, haben die gleichen Erfahrungen gemacht. Sie kamen, aus welchen Umständen auch immer, weil sie ein besseres Leben wollten als das, welches hinter ihnen lag. Sie wollten und waren in der Lage, die Sprache dieses Landes zu lernen und sie wollten und waren in der Lage, in diesem neuen Land arbeiten zu können, um sich die wirtschaftlichen Grundlagen für eine Existenz zu schaffen. Die Staaten, die ihnen diese Chance gaben, lernten sie zu schätzen, auch und vor allem aufgrund ihrer institutionellen Verfasstheit. Unabhängige Institutionen, die leistungsfähig waren und auf einem allgemein gültigen Recht fußten, schufen die Bedingungen, die die Menschen befähigten, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen und etwas daraus zu machen. Das klingt sehr einfach. Und das ist sehr einfach. Man muss nur entlang dieser Aussagen einmal prüfen, wo die Reise in die falsche Richtung geht und wer den Blick für die Realität von Gesellschaften verloren hat.

Das große Schweigen im Raum der vergeblichen Schritte

Die Lobpreisungen über die neuen Möglichkeiten, die die weltumspannende Kommunikation mit sich gebracht hat, unterschlagen einen Verlust, der gravierend und nachhaltig ist. Es handelt sich um das Verschwinden des spontanen zwischenmenschlichen Diskurses. Deutlich wird dieses Phänomen auf Reisen. Das goldene Licht, in dem einstmals die Exkursion in fremde Welten, und mochten sie noch so nah oder klein sein, erschien, war gespeist durch das Unvorhergesehene, welches der Reise den Nimbus verlieh, immer etwas zu produzieren, was erzählenswert war. Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Es scheint einfach nicht mehr zu stimmen. Für diese These sprechen mehrere Beobachtungen.

Erstens. Die Welt ist erfasst. Es existieren kaum noch Gebiete, die noch nicht von Menschen besucht worden sind und die nicht entsprechend dokumentiert wurden. Diese Dokumentationen sind allen zugänglich und sie reichen von den topografischen Gegebenheiten über das vermeintlich Sehenswürdige bis hin zur Beschaffenheit der Hotelbetten und der Preise für Speis und Trank. Abzurufen über jedes Smartphone.

Zweitens. Die Welt ist standardisiert. Von der Währungsunion bis zur Normierung von Lebensmitteln und deren Verfügbarkeit an jedem Ort der Erde, der Uniformität von Unterkünften und der einheitlichen Transportmittel. Es ist äußerst unwahrscheinlich und von vielen auch nicht gewünscht, auf Abweichungen zu stoßen. Das Exotische, das Ungewohnte, das Abenteuer, Erscheinungen, die das Reisen einst ausmachten, sind heute meistens Pannen oder Pleiten, die über ein gut funktionierendes Beschwerdesystem schnellstens eliminiert werden.

Drittens. Das Denken derer, die unterwegs sind, hat sich geändert. Sie legen es nicht auf das Ungewohnte an, sie wollen nichts mehr erleben, sondern sie laben sich an einer durch hervorragende Organisation und präzise Information erfolgte Fahrt ohne Überraschungen. Es ist das Streben nach einer technologisch geplanten, reibungslosen Mobilität.

Viertens. Die Kommunikation mit Fremden ist erloschen. Wahrscheinlich ist das Verschwinden des Gesprächs zwischen Reisenden die gravierendste Veränderung. Die permanente, nicht mehr abreißende und die Sinne absorbierende Interaktion mit dem Wissen des Internets oder ganz einfach das Verlustieren in der digitalen Welt hat dazu geführt, dass die Blicke vom möglich Neuen abgewendet sind und der Dialog mit den Fremden nicht mehr stattfindet. Die Notwendigkeit, über soziale Interaktion Informationen zu erhalten, die für das Fortführen der Reise erforderlich sind, existiert ebenso wenig wie die Neugier auf etwas Neues, Unvorhergesehenes. Ja, die Fähigkeit, ein Gespräch auf Risiko zu eröffnen, scheint nicht mehr gegeben.

Ein Blick in die Wartesäle, die in Frankreich so schön als Raum der vergeblichen Schritte beschrieben wurden, in denen Menschen die Zeit verbringen, bis sich die Züge, Schiffe oder Flugzeuge in Bewegung setzen, liefert den Befund. Dort sitzen sie, schweigen, und starren auf ihre Displays. Vorbei sind die Zeiten, in denen Bekanntschaften geschlossen wurden mit supercoolen Moskowitern, mit von der Größe Ihre Landes schwärmenden Indern, mit prahlenden Seeleuten, die alle sieben Meere befahren hatten, mit Sängerinnen, die auf allen Kontinenten den Mond angeheult hatten, mit aufgeregten Auswanderern, die zum ersten mal nach Jahrzehnten in ihre alte Heimat zurückkamen, mit den Riggern von Ölplattformen, die den Rucksack voller Geld hatten und zuhause niemanden außer der Mutter oder die durchschaubaren Schwindler, die logen, dass es schon wieder amüsant wirkte.

Von allen Welten gibt es immer etwas. Nicht alles, was hier berichtet, ist überall und immer so. Nur scheint es, dass die Tendenz in Richtung Verarmung geht. Es sei den, wir erkämpfen uns das Recht auf Ungewissheit zurück.