Archiv für den Monat September 2017

Vom Absolutismus der Transparenz

James Ponsoldt. The Circle

Wie zu erwarten, hat es nach der Veröffentlichung von Dave Eggers Roman The Circle im Jahr 2013 nicht allzu lange gedauert, bis ein daraus entstandener Film in die Kinos kommt. Schon die Rezeption des Buches war sehr aufgeregt und selten konnte man beobachten, wie polarisierend das Thema war. Es ging und geht in dem Film um ein fiktives Unternehmen, The Circle, das im Grunde genommen die Geschäftsideen von Google, Facebook, Amazon etc. vereint. Der Regisseur James Ponsoldt hat daraus einen sehr spannenden Streifen gemacht, der nicht ohne Wirkung auf das Publikum bleibt. Das hat aber damit zu tun, dass die vom Autor Dave Eggers herausgearbeitete Logik der digitalen Industrie im Mittelpunkt bleibt und abgearbeitet wird an einer jungen Mitarbeiterin und ihrer ganz normalen Familie.

Ohne die Geschichte des Filmes erzählen zu wollen, die junge Mitarbeiterin kommt durch die Empfehlung einer Freundin und eine gute Vorstellungsperformance in das Unternehmen. Sie lernt mit Erstaunen dessen Komplexität und universalistischen Anspruch kennen. Weil sie so natürlich wirkt und in in idealer Weise das Mädchen von Nebenan darstellt, wird sie von den Konzernbossen als Marketingprinzessin bei den Versuchen eingesetzt, den Absolutheitsanspruch des Unternehmens zu protegieren. Es geht, so The Circle, um die Verknüpfung aller Daten, um die Fehlbarkeit der Welt zu bekämpfen und die wahre Demokratie zu erreichen. Das geht von allen gesundheitsrelevanten Daten bis hin zur absoluten Wahlpflicht und endet in einem Versuch der Protagonistin, bei dem sie für die ganze Welt sichtbar bleibt, weil sie 24 Stunden mit einer Live-Kamera ausgestattet ist.

Die Atmosphäre, in der das alles stattfindet vermittelt genau das Gefühl, das bei der Lektüre von Huxleys Schöne Neue Welt entsteht. Schon die Rezensionen des Romanes sprachen oft von einer Dystopie, einer negativen Utopie oder einem Schreckensbild für die Zukunft. Und tatsächlich gelingt es dem Film, die wunderbar moderne, von Luxus und Technologie geprägte Fassade aufzubrechen und sehr deutlich zu erzählen, worum es geht. Es geht um das große Geld, das zu gewinnen ist mit einer immer weiteren Monopolisierung der technischen Möglichkeiten, wie sie heute bei den bereits genannten aktiennotierten Giganten vorhanden sind. Es geht um immer größeren Einfluss auf Gesellschaft und Politik, bis hin zur Ersetzung der Politik durch die Compliance-Ordnung der alles beherrschenden Firma. Und es geht um die totale Transparenz des Individuums, dessen Einstellungen, dessen Verhalten, dessen Kaufverhalten, dessen Bewegungsablauf, aber auch dessen Denken, dessen Fühlen und dessen Zweifel.

The Circle argumentiert in einer gar nicht so neuartigen Weise, sondern so, wie wir das alle aus der digitalen Branche kennen: mit der technischen Möglichkeit, alles zu verbessern und mit der Utopie, bei totaler Kontrolle alles Negative verhindern zu können. Keine Unfälle mehr, weil man über den Zustand aller Verkehrsteilnehmer bestens informiert ist und natürlich auch keine Opposition und keinen Widerstand mehr, weil alle Dialoge erfasst sind. Der Plot des Films setzt sich mit dem Gültigkeitsbereich der totalen Transparenz auseinander.

Die Substanz, um die es in dem Film geht und die er tatsächlich erfassbar macht, ist die Ethik des Individuums. Sie wird das Opfer der Vision von der totalen Kontrolle. Der innere Dialog, der Zweifel, die Skepsis, ihrerseits Grundformen der Autonomie des Individuums, werden durch die Idee von der totalen Transparenz vernichtet. Das hält kein Mensch aus! Absolut sehenswert!

Die eurasische Doktrin und die Lufthoheit

Wie war das noch mit der Lufthoheit? Und zwar gar nicht militärisch, sondern deutungsbezogen. Wer die Lufthoheit besitzt, kann vieles machen, ohne dass er befürchten muss, auf allzu großen Widerstand zu stoßen. Und die Bellizisten, d.h. diejenigen, die in den militärischen Dimensionen von Sieg oder Niederlage denken, die besitzen momentan die Lufthoheit. Auch das ist ein Befund so kurz vor der Wahl. Auch das ist ein Ergebnis bundesrepublikanischer Politik der letzten Jahre. Und das ist Besorgnis erregend.

Dazu gehört eine Regierung, die sich hat von transatlantischen Strategen in den USA in den historisch mehrfach falsifizierten Traum hineinziehen lassen, wer Eurasien beherrsche, der beherrsche die Welt. Das dachte hier in Europa Napoleon so, das dachte Kaiser Wilhelm und das dachte der wahnwitzige Hitler. Alle scheiterten böse, um genauer zu sein, es war das Ende aller. Wer meinte, Russland unter die militärische Fuchtel nehmen zu können, war bereits bei seinem eigenen letzten Kapitel der Geschichtsschreibung angelangt. Und so ist dort auch immer wieder zu lesen, trotz aller Größe, ein noch größerer und tödlicher Fehler war es, in Russland einzufallen.

In den USA glauben sie, in den Think Tanks, die so fein auch an einem germanischen Nachwuchs gearbeitet haben, der heute die Regierung berät und in den Medien verbreitet ist wie eine scheußlich inspirierende Mode, in diesen Think Tanks geht man davon aus, dass die Beherrschung Eurasiens Weltherrschaft bedeutet. Mit Eurasien ist das technologisch hoch entwickelte Zentraleuropa mit Deutschland im Herzen gemeint und Russland als unendliches Reservoir für strategisch wichtige Ressourcen. Das kommunizieren sie nicht laut, aber sie kommunizieren es und es hat seine Wirkung.

Alles, was seit 1990 mit der Wiedervereinigung Deutschlands, dem Zerfall der Sowjetunion und der Befreiung vieler osteuropäischer Länder geschah, ist im Lichte der eurasischen Doktrin zu sehen und zu bewerten. Und die Logik war eine durchgängige, systematische Osterweiterung der NATO, vom Baltikum bis zu Schwarzen Meer. Und das letzte Glied sollte die Ukraine sein. Jeder halbwegs strategische Mensch wusste, dass die Ukraine die Sollbruchstelle für ein sich immer mehr in die Enge getriebenes Russland darstellen würde. Die Destabilisierung der Ukraine und das in Aussicht gestellte Junktim von EU- und NATO-Mitgliedschaft sollte die Provokation sein, die den ersehnten Konflikt eskalieren ließ. Es soll NATO-Offiziere geben, die bei dem Wort Ukraine heute noch Schreikrämpfe bekommen, weil sie glauben, die Politikelite des Westens hätte völlig den Verstand verloren, als sie den Weg zu dieser Politik einschlug.

Und die Bundesrepublik machte mit, sie war entgegen der eigenen Einsicht bündnistreu und stürzte sich in ein Abenteuer, das noch nicht zu Ende ist. Die eurasische Doktrin, die momentan als reale Politikvorlage bestimmend ist, konnte nicht direkt den Menschen in Europa schmackhaft gemacht werden, weil sie in ihrem kollektiven Gedächtnis das Verhängnis von Invasionen nach Russland noch in einer gewissen Weise präsent haben.

Und so mussten die Medien, ja, und vor allem die des Staates, sich in die Geschwader einreihen, die die Lufthoheit erkämpfen sollten. Und tatsächlich hat dieses Unternehmen Erfolge gezeitigt. Nun, bei einem Manöver russischer und weißrussischer Streitkräfte auf deren eigenem Territorium, wird davon gesprochen, dass man sich an der Außengrenze der NATO, also direkt an der russischen Grenze, für deutsche Soldaten also 1000 Kilometer entfernt vom eigenen Staatsgebiet, bedroht fühle. Russland ist der Aggressor, die Lufthoheit ist errungen, der Verstand implodiert.