Archiv für den Monat September 2017

Gnadenreiche, unsere Königin

Da sitzt sie nun, in ihrem großen Schloss, das die ungebildete und derbe Bevölkerung ihrer Hauptstadt so kaltherzig die Waschmaschine nennt. Seit zwölf Jahren leitet sie die Geschicke des Landes von hier aus. Und da sie keine Regentin blauen Blutes ist, sondern sich vom Volk immer wieder die Regentschaft auf Zeit bestätigen lassen muss, und weil ihr das mit ihrer Hausmacht alleine nie gelang, musste sie Allianzen schließen. Das tat sie, die kluge und kühle Frau, die alles betrachtet wie einen chemischen Prozess, und so ist sie erfolgreich gewesen.

Geerbt hatte sie die Regentschaft von einem König, der gerne an den vollen Tischen saß und es sich gut gehen ließ, und der dem Volk, vor allem dem armen, richtig in die Tasche gegriffen hatte. Als sie die Königin wurde, half ihr dabei die Hausmacht des alten Königs und brachte die vollen Kassen mit. Das Volk trägt die Schmach immer noch dem alten König nach. Seiner Nachfolgerin, die den Raub für sich nutzte, hielt man es nicht vor. So ungerecht ist die Welt. Sie gilt als die Fleisch gewordene Tugend und nicht als im Luxus schwimmender Parvenü.

Heute, an dem Tag, an dem sie wieder auf ihren Balkon gehen wird, um sich vom Volk die lautstarke Zustimmung zu holen, steht sie schon am frühen Morgen vor dem Spiegel und fragt den schlauen Geist, ob sie alles richtig gemacht hat. Und dabei lächelt sie wissend. Denn für sie, die aus dem kalten Reich der Wissenschaft kommt, gibt es kein richtig und falsch mehr. So zu denken, das hat sie sich abgewöhnt. Heute räsoniert sie nur noch darüber, ob sie damit durchkommt oder nicht. Und womit sie durchkommen soll, das sagen ihr auch einige befreundete Familien, die bestimmte Interessen haben. So wie es eben ist, in jedem Königreich, warum sollte es bei einer Königin anders sein?

Und, so vor dem Spiegel, da wird sie dankbar, dass sie immer noch dort steht. Nicht jede Entscheidung, die sie traf, war klug, und nicht alles, was sie machte, kam dem Volk zugute. Wie damals, als sie den Geldhändlern half, den ganzen Süden am Meer zu plündern und statt diese etwas zu schröpfen den armen Völkern dort den Rest gab. Oder als sie mithalf, im Osten einen Krieg vom Zaun zu brechen gegen das weite Land, das in einen anderen Kontinent führte. Da hatte sie sich den Hitzköpfen aus dem westlichen Weltmeer angeschlossen, wahrscheinlich aus einer kleinen menschlichen Schwäche, denn sie weiß genau, dass ein Krieg gegen das große Land im Osten noch nie gewonnen wurde. Oder, letztlich, als sie all die Wilden ins Land ließ, die vor einem Krieg flohen, den sie mittrug. Das war ein heikles Spiel, da hatte sie viel reden müssen, um die verärgerten Geister wieder zu beruhigen.

Aber, und noch einmal schaut sie in den Spiegel, hatte es ihr geschadet? Nein. Denn es gab immer Gruppen im Volke, die mit ihr sein wollten, um in die Waschmaschine zu kommen und an der Macht teilhaben zu können. Erst war es die Hausmacht des alten Königs, dann waren es die Freigeister vom niederen Fluss, die mit ihrem Prinzen an ihrer Seite die Zukunft verloren. Dann war es wieder die Hausmacht des alten Königs, die, obwohl sie fast niemand mehr mochte, weil sie schon an ihrer Seite war, sich wieder bewarb, anscheinend bis zum endgültigen Ende. Und die Erben des toten Prinzen vom niederen Fluss antichambrierten bereits wieder ebenso wie die Schildknappen, die die Front im Osten härten und die Brennstoffe erneuern wollten.

Die Königin lächelt. Denn sie weiß, an Hilfsangeboten, ihre Regentschaft zu verlängern, wird es auch diesmal nicht fehlen. Dass ihr niemand die Hand reichte, daran hat sie auch schon gedacht. Denn sie denkt an alles. Aber von denen, die sich drängen werden vor dem großen Tor, hat das noch noch niemand bedacht. Wären sie sich einig, wäre es vorbei mit der schon so langen Herrlichkeit in der Waschmaschine. Aber so ist es eben nicht. Aber das Träumen, das Träumen war noch nicht verboten, auch nicht im Reich der fettigen Süßspeisen, der schweren Biere, des vielen Regens und der finsteren Mienen. Mehr zu lachen, das wäre vielleicht der Schlüssel, aber wem fiele das ein, an einem so folgenschweren Tag.

Heinrich Heine, die schlesischen Weber

Heinrich Heine

Die schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
„Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch –
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft, gefoppt und genarrt –
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie Hunde erschießen läßt –
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt –
Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht –
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch –
Wir weben, wir weben!“

(1844)

All Along The Watchtower

Sie war kaum auf dem Markt, das kreiste sie schon auf meinem Dual-Plattenspieler. Ich war begeistert. All Along The Watchtower, Jimi Hendrix. Ich besaß diese Single und es war meine erste Platte. Die Rückseite hieß Can You See Me. Die imponierte mir auch. Ich war damals 12. Durch einen älteren Freund war ich auf Hendrix gestoßen und ein Monteur aus einer Fernsehwerkstatt hatte mir die Platte aus einer größeren Stadt mitgebracht. Und sie lief und lief. Einen ganzen Sommer lang. In den Ferien nahm ich sie und meinen Dual mit an einen See, an dem wir eine Hütte hatten. Und All Along The Watchtower lief und lief. Tag und Nacht. Der arme Jimi hatte keine Zeit, einmal Luft zu holen.

Ich spielte sie Freunden vor und auch dem einen oder anderen netten Mädchen. Die meisten von ihnen mochten diese Art der Musik jedoch nicht. Sie hörten lieber Donovan. Das ärgerte mich, aber nicht lange. Nachts war es am schönsten. Da saß ich dann irgendwann alleine und hörte der zunehmend von Knistertönen begleiteten Weise zu. So langsam, auch durch die Übersetzungskünste von älteren Freunden, begriff ich auch noch, worum es in dem Text ging. Das war alles ganz geheimnisvoll, dass da ein Narr mit einem Dieb über den Irrsinn der Welt verhandelte.

Nach diesem Sommer war ich Agent in Sachen Hendrix. Dass die Komposition von Bob Dylan war, wusste ich damals nicht. Immer noch kreiste die Platte auf meinem Dual, und immer, wenn mich Schulfreunde besuchten, mussten sie sich diese grandiose Nummer anhören. Manche nickten freundlich, andere aber waren wie elektrisiert. Ihnen ging es so wie mir. Die musikalische Botschaft für uns, damals, in der Provinz, war eindeutig. All Along The Watchtower verstand den Irrsinn, den wir selbst verspürten, in dem Trott, in der Langeweile, in dem Gefühl, lebendig begraben zu sein. All Along The Watchtower erweckte uns zu neuem Leben. Mit diesem Stück begann die Zukunft.

Im letzten Jahr fand ich einen Freund von damals im Internet. Wir hatten uns über vierzig Jahre nicht gesehen. Ich meldete mich bei ihm, und fragte, wie es ihm ginge und was er mache. Und was tat er, als erstes? Er schickte mir einen YouTube-Clip mit Hendrix´ All Along the Watchtower. Das war Poesie. Nach vierzig Jahren war das Stück der Leuchtturm, an dem wir uns wiederfanden. Da mussten wir uns gar nicht mehr so viel erzählen, denn wir wussten bereits vieles, intuitiv.

Damals kamen dann andere Platten dazu und viele neue Entdeckungen faszinierten mich. Die Hörgewohnheit wich immer noch von der heutigen extrem ab, aber das Repertoire wurde größer und größer. Doch All Along The Watchtower blieb. Auch heute noch ist es ein modernes, frisches Stück, und der Text von Dylan gehört mit zu der grandiosesten Lyrik, die das zwanzigste Jahrhundert hervorgebracht hat.

Seit dem Wiedertreffen mit dem Freund aus alten Tagen höre ich das Stück wieder öfter. Es ist immer noch aufregend. Und es wird mich weiter begleiten.