Archiv für den Monat September 2017

Durchgefallen!

Christopher Nolan. Dunkirk

Wenn schon einen Kriegsfilm drehen, dann aber mit einer Haltung! Man kann sich die großen Schlachtbewegungen des II. Weltkrieges aussuchen und versuchen, ihre strategischen Positionen transparent zu machen. Dünkirchen 1940 stellte eine Situation dar, über die bis heute viele Historiker rätseln. Die wichtigste Frage in diesem Zusammenhang war die, warum die Deutsche Wehrmacht nicht nachsetzte, um die Invasion der Briten zu einem vollkommenen Debakel zu machen. Der Krieg hätte wohl eine dramatische Wende genommen. Ob das über Sieg oder Niederlage entschieden hätte, sei dahingestellt. In seinem Film Dunkirk macht der bekannte Regisseur Christopher Nolan (u.a. Batman) jedoch etwas anderes.

Es ist ein Film der Bilder. Und zwar von Bildern mit dem großen Besteck der Animation. Das tatsächlich nachweisbare große Elend, das trotzdem aus dem glimpflichen Rückzug der britischen Streitkräfte nach einer missglückten Invasion im belgischen Dünkirchen resultierte, geht unter in einem Orkus faszinierender, in Farben getränkter Bilder über den Strand, die See und die zwischen Himmel und Meer stattfindenden Luftkämpfe. Die spärlichen Dialoge können keinen Schlüssel bieten über den tatsächlichen kriegshistorischen Kontext. Zu sehen sind verzweifelte Individuen, die versuchen, zu retten, was zu retten ist. Die gewaltigen Bilder gehen einher mit der mächtigen Geräuschkulisse einer tobenden Kriegsmaschinerie. Und ganz nebenbei, unterschwellig, wird die Sympathie mit denen deutlich, die vor dem Schicksal standen, quasi schutzlos flüchten zu müssen.

Und auch diese Thematik hätte Gelegenheit geboten, eine mehr als aktuelle Frage zu stellen. Wie, so hätte sie geheißen, muss es Menschen gehen, die jenseits staatlich organisierter Flucht vor dem gleichen Schicksal stehen? In einer Zeit, in der Millionen Menschen aufgrund militärischer Kampfhandlungen auf der Flucht sind, wäre das ein Aspekt gewesen, der vielleicht dabei geholfen hätte, ein Publikum zu sensibilisieren für die unvermeidbaren Folgen von Kriegen.

Stattdessen, und diesen Vorwurf kann ich der Regie nicht ersparen, fand eine Ästhetisierung von Kriegshandlungen durch einen Rausch von Bildern statt, die jenseits des historischen Kontextes Bestand hätten. Es wäre eine Umfrage wert, was dieser Film mit denen macht, die ihn ansehen. Bei meinem Kinobesuch und der Beobachtung des Publikums und seiner Gespräche nach Ende der Vorstellung hatte ich durchweg den Eindruck, dass, wenn überhaupt, die Reaktion eine emotionale war. Erstens, Krieg erzeugt Leid, was ja noch akzeptabel ist und zweitens, faszinierende Bilder, was ein Armutszeugnis darstellt. Aus dem Gemetzel auch dieser folgenschweren Episode des II. Weltkrieges eine Faszination der Bilder zu machen, ist eine unzulässige Romantisierung.

Zudem hätte mich interessiert, ob die Zuschauerinnen und Zuschauer durch den Film einen Eindruck davon bekommen hätten, was Dünkirchen historisch wirklich bedeutet hat. Ich wage die Antwort: Keinen! Insofern stelle ich in Bezug auf den wegen seiner technischen Realisierung allenthalben gelobten Film die Frage, was das soll? Geht es darum, Krieg zu einem Faszinosum zu machen, das gottgewollt über die Menschheit hereinbricht? Eine traurige Bilanz! Alles ist legitim, aber es muss sich einer kritischen Reflexion stellen. Und da fällt Dunkirk durch.

Konzertierte Realitätsverweigerung

Ehrlich gesagt, die Anteile des Pessimismus bezüglich des Allgemeinzustandes meines Landes sind noch einmal in die Höhe geschnellt. Denn obwohl seit Jahren zwei Entwicklungstendenzen immer stärker werden, die Anlass zu einer negativen Stimmung geben, sind die Gaukler der öffentlichen Meinung anders unterwegs. Die eine bedrohliche Kulisse ist die der inneren Entzweiung der Gesellschaft, ihre tiefe Spaltung in Arm und Reich, in Privilegiert und Ausgeschlossen, in Überfluss und Not. Und die zweite Katastrophe ist die seit nahezu zehn Jahren betriebene Isolation Deutschlands im internationalen Kontext. Austeritätspolitik bei der Bankenverschuldung hier und eine psychopathologisch getriebene Konfrontationspolitik mit Russland haben alle Voraussetzungen für ein neues internationales Debakel geschaffen, in dem Deutschland eine Hauptrolle spielen wird.

Und da stehen nun Bundestagswahlen an und es treffen sich die Kanzlerin und ihr Herausforderer in einem Fernsehduell. Die Realitätsverweigerung in diesem Land geht soweit, dass die Fragen, die essenziell für den Fortbestand der gegenwärtigen Verhältnisse stehen, gar nicht angesprochen wurden, weil die Weichen zu den beschriebenen Tendenzen sowohl von Christdemokraten als auch von Sozialdemokraten gestellt wurden. Sowohl bei der inneren Spaltung als auch bei der äußeren Isolation. Dass die beiden Akteure des gestrigen Abends nicht auf diesen Themen herumritten, ist nur logisch und dass die Qualität von Journalisten, die im öffentlichen Fernsehen ihre Auftritte bekommen, nicht dazu ausreicht, um den Anschein einer vierten Gewalt zu erwecken, ist seit langem bekannt. Und die, die zugelassen waren, gehören zur renommierten Claque der Regierung.

Die Felder, über die gesprochen wurde, wirkten im Verhältnis zu den Themen, die interessieren sollten, eher öde, denn sie dienten dazu, von den großen Problemen, die essenziell wirken werden, abzulenken. Dennoch, und ohne a priori Partei ergriffen zu haben und das a posteriori zu wollen, der Herausforderer Schulz hat, sofern das in einem Konsensgespräch überhaupt möglich ist, die weitaus bessere Figur in vielerlei Hinsicht abgegeben. Was die Meinungsanalysen nach der Sendung daraus gemacht haben, mag all jene bestärken, die mittlerweile mit einem großen Kontingent guter Argumente von einer Propagandamaschine der Regierung sprechen.

Dass die Partner einer großen Koalition sich nicht gegenseitig das Fell abziehen können, ohne sich selbst zu verleugnen, entspricht einfacher Logik. Daher ist es unsinnig, dem Herausforderer mangelnde Aggressivität. Die Kritik und der Schluss aus diesem Duell können eigentlich nur heißen, dass eine satte Koalitionsmehrheit von 75 Prozent im Parlament an Einheitsstaaten erinnert und der Republik auf Dauer nicht gut tun kann. Die Grundsätzlichkeit der Entscheidungen, die hinsichtlich der Alleingänge und Abenteuer in den letzten Jahren getroffen wurden, hätten eine massivere Opposition verdient.

Das alberne Design des Duells mit seinen Spielregeln, die Art der Fragen, die anschließende Diskussion im kleinen Kreise, die Berichterstattung über das politische Public viewing, die Analysen der Meinungsforschungsinstitute und die Rückschlüsse, die daraus resultierten, haben deutlich gemacht, dass die Demokratie noch mehr gelitten hat als in den goldenen Zeiten des Wettbewerbs um die Macht für möglich gehalten wurde. Einhergehend mit der Marginalisierung der parlamentarischen Opposition hat die Monopolisierung der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten zu einer freiwilligen Unterwerfung der dortigen Journalisten unter die Doktrin der Regierung geführt.

Keine nennenswerte Opposition im Parlament, kein kritischer Journalismus, der die Gelegenheit ergriffen hätte, dieses Missverhältnis zu thematisieren oder mit dem Finger auf die wahren Probleme zu zeigen, nichts von dem ist geschehen. Drei Wochen vor der Wahl. Das ist eine geniale Form der konzertierten Realitätsverweigerung. Einfach weltmeisterlich!

Warum kein vereinigtes Korea?

Nach dem II. Weltkrieg gehörte Korea zu einem der Länder, deren Schicksal ungeklärt war. Selbst seit 1910 durch Japan besetzt und von diesem Regime kontinuierlich gedemütigt, wuchs im Kontext des II. Weltkrieges der Widerstand gewaltig und die Niederlage Japans ließ ein Machtvakuum entstehen, das einerseits durch die Kommunistische Partei des Nordens und nationalistische Gruppen des Südens genutzt werden sollte. Der Konflikt wuchs sich aus zu einem Stellvertreterkrieg. Der Norden wurde durch das benachbarte China unterstützt, der damals wesentlich kleinere Teil im Süden durch die USA. In einer ersten militärischen Intervention, juristisch wie so oft völkerrechtswidrig, wurden die Truppen des Nordens weit zurück gedrängt. Daraus resultierte ein mehr als zweijähriger „Bürgerkrieg“ (1951-1953), dessen Resultat die seitdem bestehende Waffenstillstandsgrenze am 38. Breitengrad darstellt und bei dem ca. eine Million Soldaten und drei Millionen Zivilisten ums Leben kamen. Ein Friedensvertrag existiert bis heute nicht.

Zumindest diese spartanisch beschriebene historische Grundlinie sollte bekannt sein, wenn man sich politisch und journalistisch mit dem Thema beschäftigt. Die Bilder, die hierzulande zum Thema Korea produziert werden, reflektieren weder die Historie noch tragen sie dazu bei, die Bedürfnisse der Koreanerinnen und Koreaner in Nord wie Süd herauszufinden und zu verstehen. Stattdessen existiert nur der irre Diktator Kim Il Jong, der wie ein verfettetes, ungezogenes Kind an irgendwelchen nuklearen Baukästen herumfummelt und nichts anderes im Sinn hat, alle andern, vor allem die USA, zu verärgern. Dass es zu jedem der tatsächlich durchgeführten Raketentests Vorschläge aus dem Norden gibt, die sich mal auf einen Friedensvertrag und mal auf Manöver mit US-Beteiligung beziehen, wird geflissentlich überhört und somit verschwiegen.

Und dass der koreanische Süden gerade eine der größten politischen Krisen seit der Teilung, allerdings mit Bravur überlebt hat, spielt ebenfalls nur eine untergeordnete Rolle. Die Präsidentin wurde aufgrund von Massenprotesten wegen Nepotismus und Korruption abgesetzt, was zur Folge hat, dass die südkoreanische Gesellschaft durchaus bereit sein dürfte für neue Wege. Was den Norden wie den Süden bis heute eint, ist das Trauma aufgrund der ungeheuren Verluste während des Bürgerkrieges. Und dass es im Norden wie im Süden eine immer größere Zustimmung zu einer Politik der Versöhnung gibt, ist nicht nur Trägern von Geheimnissen bekannt. Dieser Wunsch wird zunehmend auf beiden Seiten mit sehr pragmatischen, so gar nicht propagandistischen Vorschlägen formuliert. Aber diese Tatsache könnte nur stören, solange man sich exklusiv dem Aufbau und dem Erhalt von Feindbildern widmet.

Geostrategisch ist ein gespaltenes und somit militärisch verfügbares Südkorea für die USA ein Pfund. In Zeiten, in denen China die Form des einzig potenten Gegenspielers der USA um Weltherrschaft annimmt, ist eine Militärbasis direkt vor der Nase Chinas Gold wert. Dass dieser Aspekt weder bei der Diskussion noch bei der Berichterstattung Erwähnung findet, bezeugt, dass sich ein Teil der Beteiligten der Fähigkeit einer einfachen Analyse beraubt haben und der andere Teil sich dem Gewerbe der Propaganda längst begonnen hat anzuschließen.

Angesichts eines analogen Schicksals, der Teilung des eigenen Landes als Folge des II. Weltkrieges, sollte gerade in Deutschland ein empathischerer, verständnisvollerer Standpunkt Raum gefasst haben. Das Einzige, das bei der Betrachtung des politischen Diskurses in diesem Land noch fasziniert, allerdings im denkbar schlechtesten Zusammenhang, ist die Tatsache, dass die schlimmsten Dunkelmänner in Sachen politischer Aufklärung diejenigen sind, die selbst aus den Kammern einer vermeintlichen Diktatur entfleucht sind. Der Kalte Krieg und das Ressentiment haben auch sie geprägt und zu Monstern gemacht.