All Along The Watchtower

Sie war kaum auf dem Markt, das kreiste sie schon auf meinem Dual-Plattenspieler. Ich war begeistert. All Along The Watchtower, Jimi Hendrix. Ich besaß diese Single und es war meine erste Platte. Die Rückseite hieß Can You See Me. Die imponierte mir auch. Ich war damals 12. Durch einen älteren Freund war ich auf Hendrix gestoßen und ein Monteur aus einer Fernsehwerkstatt hatte mir die Platte aus einer größeren Stadt mitgebracht. Und sie lief und lief. Einen ganzen Sommer lang. In den Ferien nahm ich sie und meinen Dual mit an einen See, an dem wir eine Hütte hatten. Und All Along The Watchtower lief und lief. Tag und Nacht. Der arme Jimi hatte keine Zeit, einmal Luft zu holen.

Ich spielte sie Freunden vor und auch dem einen oder anderen netten Mädchen. Die meisten von ihnen mochten diese Art der Musik jedoch nicht. Sie hörten lieber Donovan. Das ärgerte mich, aber nicht lange. Nachts war es am schönsten. Da saß ich dann irgendwann alleine und hörte der zunehmend von Knistertönen begleiteten Weise zu. So langsam, auch durch die Übersetzungskünste von älteren Freunden, begriff ich auch noch, worum es in dem Text ging. Das war alles ganz geheimnisvoll, dass da ein Narr mit einem Dieb über den Irrsinn der Welt verhandelte.

Nach diesem Sommer war ich Agent in Sachen Hendrix. Dass die Komposition von Bob Dylan war, wusste ich damals nicht. Immer noch kreiste die Platte auf meinem Dual, und immer, wenn mich Schulfreunde besuchten, mussten sie sich diese grandiose Nummer anhören. Manche nickten freundlich, andere aber waren wie elektrisiert. Ihnen ging es so wie mir. Die musikalische Botschaft für uns, damals, in der Provinz, war eindeutig. All Along The Watchtower verstand den Irrsinn, den wir selbst verspürten, in dem Trott, in der Langeweile, in dem Gefühl, lebendig begraben zu sein. All Along The Watchtower erweckte uns zu neuem Leben. Mit diesem Stück begann die Zukunft.

Im letzten Jahr fand ich einen Freund von damals im Internet. Wir hatten uns über vierzig Jahre nicht gesehen. Ich meldete mich bei ihm, und fragte, wie es ihm ginge und was er mache. Und was tat er, als erstes? Er schickte mir einen YouTube-Clip mit Hendrix´ All Along the Watchtower. Das war Poesie. Nach vierzig Jahren war das Stück der Leuchtturm, an dem wir uns wiederfanden. Da mussten wir uns gar nicht mehr so viel erzählen, denn wir wussten bereits vieles, intuitiv.

Damals kamen dann andere Platten dazu und viele neue Entdeckungen faszinierten mich. Die Hörgewohnheit wich immer noch von der heutigen extrem ab, aber das Repertoire wurde größer und größer. Doch All Along The Watchtower blieb. Auch heute noch ist es ein modernes, frisches Stück, und der Text von Dylan gehört mit zu der grandiosesten Lyrik, die das zwanzigste Jahrhundert hervorgebracht hat.

Seit dem Wiedertreffen mit dem Freund aus alten Tagen höre ich das Stück wieder öfter. Es ist immer noch aufregend. Und es wird mich weiter begleiten.

11 Gedanken zu „All Along The Watchtower

  1. Avatar von almabualmabu

    Kann es sein, daß seit dreissig, vierzig Jahren keine vernünftige Musik mehr gemacht wird, sondern überwiegend naja-Stücke, oder werde ich langsam zum Opfer meines fortgeschrittenen Alters und leide schon an der „weisst-du-noch-Krankheit“?

    1. Avatar von Gerhard MersmannGerhard Mersmann Autor

      Kommt auf das Genre an. Sehe ich aber nicht so. Nur hatten wir das Glück, in einer sehr markanten und produktiven Phase der allgemeinen Kunstproduktion aufzuwachsen.

      1. Avatar von almabualmabu

        Ja, aber warum elektrisiert einem heute kein Stück mehr auf ähnliche Weise wie damals? Das letzte Mal, dass mir ähnliches passierte, war Ende der 90er mit Buena Vista Social Club und den Kubanern

      2. Avatar von Gerhard MersmannGerhard Mersmann Autor

        wahrscheinlich, weil die unmittelbare menschliche Erfahrung immer weniger eine Rolle spielt und der artifizielle, synthetische Anteil das Wesen zunehmend ausmacht…

      3. Avatar von almabualmabu

        Wir werden also zunehmend zu synthetischen, zu Kunstwesen? Ich hab‘ mir schon so etwas gedacht…

    2. Avatar von autopictautopict

      Genau, es ist die Krankheit die jede/n in der individuellen sensiblen Zone trifft (Musik, Literatur, Architektur, Design). Man muss sich auf Neues einlassen (wollen) und man wird noch heute reich belohnt. Klar, viele zitieren die alten Helden und die Auswahl ist groß. Aber abseits des Radios hat jedes Jahrzehnt sehr sehr großartige und auch authentische Musik gebracht. Ein Stück weit ist das auch subjektiv, auch klar.
      (Radiohead – In Rainbows / 2007)

  2. Avatar von gerhardgerhard

    Schöner Beitrag. Kommt nicht von ungefähr, dass die Interpretation weitestgehend Konsens-fähig als beste Dylan-Coverversion ever gilt.
    Bis heute sensationell, wie Hendrix mit Feedbacks und Rückkopplungen spielte und die Gitarre in genialsten Tönen jaulen und fließen ließ, hat über Jahrzehnte nichts von seiner Magie verloren. Wird ja auch gerne in irgendwelchen APO-/68er-/RAF-Dokumentationen verbraten, zumindest beim Anklingen der ersten Akkorde geht mir dann noch heute jedesmal das Herz auf.

    XTC haben auf ihrem Postpunk-Debüt „White Music“ 1978 auch eine wunderbar abgedrehte Version präsentiert.

    Die Prärie-Rock-Ausgabe von Giant Sand ist auch nicht zu verachten, beide Fassungen kommen aber bei weitem nicht an die Hendrix-Version ran.

    Viele Grüße,
    Gerhard

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