Reisewarnungen

Jetzt belustigen sich alle. Die Reisewarnung der Türkei für alle, die sich nach Germanistan aufmachen wollen, entbehrt deshalb nicht der Komik, weil sie dasteht wie eine infantile Replik auf die Worte des Auswärtigen Amtes in Bezug auf die Türkei. Wenn ein Fall so klar zu sein scheint, ist sein Schicksal, dass er sehr schnell zu den Akten gelegt wird. Das ist aber nicht klug. Denn Reisewarnungen haben eine lange Tradition, sie gehören zum diplomatischen Besteck wie zum Survivalkästchen vieler Privatmenschen. Denn Reisewarnungen spricht nicht nur das Auswärtige Amt, sondern auch immer einmal wieder der Nachbar oder die Kollegin aus.

Mir fällt da eine Episode ein, die für vieles steht. Ich kam 2008 aus den USA, hatte den Obama-Wahlkampf aus nächster Nähe erlebt und sehen können, wie es den Demokraten damals gelang, große Teile der als „apolitisch“ zu betrachtenden Bürgerinnen und Bürger zu aktivieren und zu heißen Wahlkämpfern zu machen. Ich erzählte öfters davon, auch, weil sich das alles sehr positiv von den langweilig und verbissen anmutenden politischen Auseinandersetzungen im eigenen Land wohltuend abhob. Eine in der aktiven Politik durchaus bewanderte, gebildete und kluge Frau reagierte sehr erfreut auf meine Schilderungen und meinte, wenn Obama gewählt würde, dann könne man ja wieder in die USA fahren. Bei George W. Bush, dem Kriegstreiber, ginge das ja nicht.

Mich trieb diese Reaktion, die ich noch öfter hören sollte, mächtig um. Ich stellte mir vor, meine asiatischen oder eben auch amerikanischen Freunde würden eine Einladung meinerseits nicht annehmen mit der Begründung, solange Angela Merkel an der Regierung sei, kämen sie nicht nach Deutschland. Ich selbst hatte während der Präsidentschaft Ronald Reagans eine mich sehr prägende, und zwar positiv prägende und auch mein Amerikabild sehr differenzierende Zeit erlebt.

Und dann dachte ich an die Länder, in die ich selbst oder Freunde von mir gefahren waren, in denen jeder Tag ein Geschenk des Daseins zu sein schien, weil alles Grauenhafte möglich erschien. Diese Länder lagen woanders, und manche rühmten sich damit, dorthin zu fahren, obwohl sie die Namen der jeweiligen Tyrannen und Diktatoren, die dort wüteten, nicht einmal kannten. Und nicht zuletzt hatte ich erlebt, dass die jeweiligen wirtschaftlichen und politischen Interessen eine essenzielle Rolle spielen, bevor Botschafter Gefahr ins Auswärtige Amt melden. Als im Mai 1998 beim Sturz Soehartos Jakarta brannte, waren alle ausländischen Gruppen bereits evakuiert, als der deutsche Botschafter, der exzellente Beziehungen zum diktatorischen Clan pflegte, schrieb, alles sei sicher und es gebe keinen Grund zur Beunruhigung. An diesem Tag waren schon Tausende ums Leben gekommen.

Allerdings existiert ein Qualitätskriterium, das bei der Entscheidung, in ein anderes, vielleicht sich auch in Turbulenzen befindendes Land zu fahren oder nicht, eine Rolle spielen kann. Es ist die Frage, ob in dem jeweiligen Land Institutionen existieren, die vor Willkür schützen. Dass dieses der Fall bei den USA ist und bei der Türkei nicht, sollte nicht so schwer sein zu erkennen. Und dass das sogenannte Abendland mit einer Teilung von Judikative, Exekutive und Legislative den Mutterboden für derartige Institutionen, die sich daraus ableiten lassen, besitzt, auch. Diesen Unterschied zu leugnen ist nahezu ein ideologischer Akt. Daher die Empfehlung: Reisen auch in Krisenherde, sich selbst gut informieren und wissen, warum in dem einen Fall von offizieller Seite gewarnt wird und im anderen nicht. Meine Entscheidungen stehen daher für die nächste Zeit fest: Ich will mir in den USA ansehen, was dort im Moment geschieht, einer Einladung in die Türkei bin ich nicht gefolgt, aber in Kiew war ich kürzlich und ich fahre zeitnah noch einmal dorthin und auch Moskau interessiert mich einmal wieder.

2 Gedanken zu „Reisewarnungen

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  2. Avatar von monologemonologe

    Das weist wieder in Richting deutsche Leitkultur, die Erdogan entdeckt zu haben scheint, wenn er die Touristen- und sonstigen Ströme hierher leiten zu können glaubt. Diese Retourkutsche ist ein elementares Teilchen türkischer Streitkultur: wirf dem Gegenüber genau das vor, was er dir vorwirft. Das ist sehr effektiv, weil es oftmals so völlig absurd ist, dass einem nichts mehr dazu einfällt, Flaute.

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