Archiv für den Monat August 2017

Mensch, Maschine I

Über die wohltuende Produktivität von Muße wußten nicht nur die griechischen Philosophen zu berichten. Was ihnen als Gewissheit galt, wurde immer wieder in den Fokus der Betrachtung gezogen. Nein, Muße, d.h. eine Zeit fern von Zwängen und Verpflichtungen, wurde immer wieder als unabdingbar für den menschlichen Erkenntnisprozess erkannt und behandelt. Althochdeutsch muoza bedeutet Gelegenheit, Möglichkeit. Die Möglichkeit, sich über sich selbst Klarheit zu verschaffen, das eigene Erlebte zu betrachten und dabei Schlüsse zu ziehen, ist von psychologischer wie pädagogischer Seite immer wieder betont und herausgestellt worden. Mit der Akzeleration, die die Technisierung und Industrialisierung der Moderne mit sich brachte, wurde das epistemologische Refugium der Muße jedoch ein immer rareres Gut, das heute fast wie ein ein Relikt in der Vitrine der eigenen Entwicklungsgeschichte steht.

Wer sich heute das Recht herausnimmt, den Zustand der Muße zu suchen, gilt bereits entweder in dem hysterisierten Schöpfungsprozess als nicht mehr verwertbar oder bereits als Rebell. Die immer schnelleren Prozesse und die damit verbundene Rastlosigkeit bei einem Zustand, der mit dem Synonym Online am besten beschrieben werden kann, ist keine Zeit mehr für die nicht zweckrational komponierte Reflexion. Wer das Sein an sich zu betrachten gedenkt, der hat sich dem vermeintlich produktiven Prozess entzogen. Ob die erwähnten Prozesse allerdings tatsächlich produktiv sind, sei dahin gestellt. Dass sie einen Zweck erfüllen, steht fest. Er kann auch als Bändigung des freien Willens beschrieben werden. Denn welchem Zweck diente sonst die Tatsache, keine Zeit mehr zu haben für das, was essenziell ist: Das Nachdenken über die eigne Bestimmung und die Erwägung dessen, was als die eigene Zukunft bezeichnet werden kann.

Es sind die Umstände, die dazu beigetragen haben, dass die Reflexion in einer saturierten Ruhe nicht mehr stattfinden kann. Das Monstrum der Digitalisierung, dem immer noch und immer mehr Heilswirkungen in Bezug auf die Arbeitsprozesse wie auf die menschlichen Beziehungen zugeschrieben werden, hat bereits ganze Arbeit geleistet. Der Blick auf ganz profane Vorgänge fördert dieses zutage. In den Büros werden die Pausen vor den Bildschirmen abgehalten, statt sich zu unterhalten wird gescrollt, in den Restaurants und Cafés starren diejenigen, die sich zwecks sozialer Beziehungen eigentlich treffen wollten, gebannt auf ihre Smartphones und schweigen. Und eine Unzahl von Menschen existiert nur noch im synthetischen Dialog mit der Maschine. Mit freiem Willen oder kulturellem Verfall hat das wenig zu tun. Es ist die Herrschaft der Technik über den Menschen.

Anstatt diesem die Möglichkeiten aufzuzeigen, wie er sich den Zugriffen der Technik erfolgreich entziehen kann, um sich selbst zu finden und soziale Kontakte zu ermöglichen, werden in den Schulen bereits Camps eingerichtet, in denen die Bindung an die Maschinenwelt und die mit ihr verknüpften Verwertungsprozesse bereits eingeübt werden. Mit Lernen hat das nichts zu tun, es handelt sich um großartig angelegte Programme und üppig finanzierte Maßnahmen der Konditionierung.

Wohl denen, die in Elternhäusern aufwachsen, denen bewusst ist, was an Kreativität und Chancen durch das Mantra der Digitalisierung vernichtet wird und die wie die letzten Kämpfer einer versinkenden Kultur den Konsum der digitalen Drogen zu rationieren suchen. Gesamtgesellschaftlich wird das nicht reichen. Wenn es bereits als erwiesen gilt, dass Computerprogramme den Ausgang von Wahlen beeinflussen können, wäre es doch an der Zeit, sich Gedanken über Strategien zu machen, die digitale Maschinenwelt in die Schranken zu verweisen, die ihr gebührt: Sie vom Sockel des Wertes an sich zu werfen und sie zu einem nützlichen Zweck zu reduzieren.

Ein Freibrief für die geheime türkische Polizei

Momentan muss um jeden Menschen gefürchtet werden, der türkische Wurzeln hat, nicht wie ein Schaf hinter dem Demagogen Erdogan herläuft und von seinem Recht auf Freizügigkeit Gebrauch macht. Dass es gefährlich ist, vor allem für Türken aus Deutschland, eine Reise in die Türkei zu machen, hat sich bereits herumgesprochen. Dass nun auch in anderen europäischen Ländern die geheime Polizei des türkischen Diktators die Jagd auf alle eröffnet hat, die des Türkischen und des Verstandes mächtig sind, zeigt, mit wieviel Impertinenz der Diktator vorgeht und wie naiv und politisch unzurechnungsfähig zuweilen europäische Behörden agieren. Längst ist bekannt: die türkische Polizei ist überall und ihr Ziel ist es, Menschen einzuschüchtern und diejenigen zu jagen, die sich nicht einschüchtern lassen. So wie sie momentan agiert, scheint sie einen Freibrief zu besitzen.

Auch im jetzigen Fall, der Festnahme des Deutschen Schriftstellers in Spanien, fällt der deutschen Bundesregierung die eigene Appeasement-Politik vor die Füße. Die Entwicklung der Türkei seit dem vermeintlichen Putschversuch verharmlosend, aus Motiven, die mit dem Flüchtlingsdeal mit Erdogan zusammenhängen, wurde immer wieder davon gesprochen, dass man alles mit großer Sorge beobachte. Seit den Herren Hitler und Mussolini sollte sich allerdings in Europa herumgesprochen haben, wie sehr sich politische Kriminelle um derartige Sorgen scheren. Alles, was seit dem Putsch in der Türkei passierte, sieht so aus, als hätte der Reichstagsbrand im faschistischen Deutschland als Blaupause gedient. Die Zerschlagung der unabhängigen Justiz und die Kriminalisierung ihrer Vertreter, die Zerschlagung der regierungskritischen Presse und er Inhaftierung aller namhafter Journalisten, die Säuberung des Militärs und des öffentlichen Dienstes, alles fand im Nazi-Deutschland statt. Erdogan scheint diesen Teil der Geschichte genau studiert zu haben.

Und so wie die innere Entwicklung der deutschen Republik in Hochgeschwindigkeit zu einer Terrordiktatur vollzogen wurde, genauso träumerisch gebärdete sich Außenpolitik der europäischen Staaten. sie redeten auch davon, dass man alles mit großer Sorge betrachte und man durch unbesonneneres Handeln Hitler keinen Vorwand für noch dreistere Manöver geben wolle. Dass die Bundesregierung bis jetzt dieses Duplikat einer grandios gescheiterten Appeasement-Politik abliefert, ist der Skandal. Die wenigen, nur im Zusammenhang mit dem Wahlkampf stehenden kritischen Anmerkungen gegenüber dem Terroristen in Ankara, sind kein Indiz für einen Sinneswandel.

Nicht nur, dass jetzt anscheinend erfolgreich Türken und ehemalige Türken mit einer neuen Nationalität in ganz Europa gejagt werden wie Freiwild, nein, der Beitrag des von Erdogan zu verantwortenden Terrorismus im syrischen Krieg ist noch nicht abgeschlossen. Es reicht nicht, dass ein Land, das sich NATO-Partner nennt und für das der Bündnisfall gilt, ohne Mandat immer wieder auf syrisches Territorium zu militärischem Handeln betreten hat. Der große Schlag wird demnächst erst ausgeführt werden. Mit aller Macht wird Erdogan versuchen zu verhindern, dass sich in den vom ISIS befreiten Gebieten ein Kurdenstaat bilden wird. Um das zu verhindern, wird die Türkei wieder einmal kriegerisch und völkerrechtswidrig eingreifen und ihren Terror weiter treiben.

Es ist zu erwarten, dass diese Entwicklung dann aus Berlin wieder mit großer Sorge betrachtet werden wird.Und es wird deutlich werden, dass sich politische Kriminelle durch eine derartige Rhetorik nicht werden beeindrucken lassen. Der Faschismus ist wieder zuhause in Europa und diesmal trägt er türkische Farben. Allein angesichts dieser Tatsache ist es erschreckend, an welchen Themen sich der gegenwärtige Bundestagswahlkampf abarbeitet. Diesel-Affäre, Ehe für alle, mehr Gerechtigkeit – weltfremd wäre eine sehr wohl meinende Umschreibung.