Archiv für den Monat Juni 2017

Helmut Kohl und die Gunst der Stunde

Nihil nisi bene. So bin ich erzogen und so passt es zu meinem Naturell. Ich kann nicht zornig sein auf Menschen, die nicht mehr sind. Mir geht es emotional so ähnlich wie dem Kollegen aus Ostdeutschland. Ich wuchs in der ehemaligen BRD auf, als sie noch das bessere Beispiel zweier Systeme sein wollte und sich anstrengte, das zu beweisen. Helmut Kohl war lange Zeit Kanzler. In meinem Gedächtnis bleiben nicht bestimmte Einzelheiten. Nur  ein dumpfes Gefühl, das nicht zu Unrecht auch als bleierne Zeit beschrieben wurde. Kohl kam an die Macht, weil die Sozialdemokratie gespalten war, Teile den Sturz Brandts nie verziehen hatten und andere den Pragmatismus Schmidts so liebten. Die FDP ging mit Kohl und damit wechselte die Macht.

Kohl war ein Vertreter des rheinischen Kapitalismus. Heute glaube ich, dass diese Lebenseinstellung von der Landkarte verschwunden ist. In unseren Tagen, in dem der Berliner Protestantismus spröde und humorlos wirkt, kommt einem Helmut Kohl vor wie einer der letzten Menschen in der Politik. Er ging in Ludwigshafen in die städtische Sauna und saß in Mannheim bei Da Gianni und verzehrte seine geliebte Carbonara. Oft lief ich an der Karosse des Bundeskanzlers vorbei, wenn er dort mal wieder eingekehrt war und musste schmunzeln. Oder, als ich einen Anzug in einem hiesigen Kaufhaus kaufen wollte und die Verkäuferin mich lobte, dasselbe Modell habe der Helmut Kohl gerade auch bei ihr gekauft. Wer weiß, wo man gut isst und einen erlesenen Wein angeboten bekommt, und wer dort verkehrt, wo alle anderen auch, der hat etwas Menschliches.

Andererseits war die politische Biederkeit, dokumentiert durch die Bilder vom Wolfgangsee, wo er mit Strickjacke und Pfeife im Ruderboot sitzt, für mich und meine Generation eine Provokation an sich. Wir waren alle aus unseren Provinznestern und Familien getürmt, um eine neue Zeit zu begründen. Und dann Reformstau und Stillstand.

Die Einheit, von deren Zeitpunkt alle überrascht waren, auch er, lasst euch keinen Mythos verabreichen, diese Einheit wäre ohne die neue deutsche Ostpolitik von Brandt und Bahr nie möglich geworden. Und sie wäre ohne Helmut Kohl nicht über Nacht gekommen und zum Faktum geworden. Brandt und Kohl sind die Väter der Einheit, und das täte keinem von beiden weh.

Wie sie dann gemanaged wurde, diese Einheit, daran habe ich bis heute große Zweifel. Wahrscheinlich hat Kohl, der in großen Linien dachte, sich keine Gedanken zu den Details gemacht. Da waren so Griffelspitzer wie Schäuble gefragt, die aus der Einheit einen Anschluss machten. Der Einigungsvertrag besiegelte das Ende aller schöpferischen Optionen, die existierten. Wir hätten uns alle reformieren können, von der Verfassung bis hin zur Art der Demokratie, aber es ging um die schnellen Fakten a la Bonn. Dass der rheinische Kapitalismus sich damit selbst abschaffte, ist nur das kleinere Übel. Die große Enttäuschung über das wahre Gesicht des neuen, protestantischen Kapitalismus in der ehemaligen DDR ist bis heute eine Hypothek, die explosiven Charakter hat.

Ich sehe Helmut Kohl vor mir, wie er im Rollstuhl sitzt. Ein alter Mann, von der Krankheit gezeichnet. Der in seinen besten Tagen einen Riecher hatte für die Gunst der Stunde. Und der sehr deutsch war. Deshalb haben ihn viele immer wieder gewählt, auch wenn es niemand zugab. Mit diesem Bild im Kopf kann ich nicht zornig sein. Wenn ich manche Ergebnisse seiner Politik sehe, bin ich das schon.

Das kalte Herz… — Ein lesenswerter Nekrolog aus dem Osten!

Das kann doch nicht sein, dass unter Bloggern niemand einen Nachruf auf den „Vater der Einheit“ zustande kriegt? Bloß – mir will’s auch nicht gelingen. Heucheln will ich nicht, da werden dieser Tage bereits alle Rekorde gebrochen. Anklagen kann ich nicht, denn – wenn‘s auch schwerfällt, es zu gesteh’n – ich verdanke ihm die Rettung […]

über Das kalte Herz… — toka-ihto-tales

Zukunft

Die Frage ist einfach. Wann machen sich Menschen Gedanken über die Zukunft? Die Motive, über das, was zeitlich vor ihnen liegt, nachzudenken, sind unterschiedlich. Es kann, im negativen Fall, etwas mit Befürchtungen zu tun haben. Wenn bestimmte Entwicklungen so weiter gehen wie bisher, dann kann das schlimm enden. Vom Grundsatz genauso berechtigt, wie die noch zu erwähnenden positiven Impulse, handelt es sich bei der negativen Überlegung um eine in Deutschland sehr ausgeprägte Variante.

Positiv inspirierte Überlegungen über die Zukunft entspringen nicht selten neu entdeckten Möglichkeiten. Technische Innovationen haben immer wieder dazu inspiriert, vor allem jene, die mit der Erhöhung des Tempos und der Überbrückung von Raum zu tun hatten, wie Ballons, Eisenbahnen, Flugzeuge und das Telefon. Das lange Zeit allerdings am weitesten verbreitete Motiv, sich die Zukunft mit angenehmen Konnotationen auszumalen, war die Kritik an den unhaltbaren Zuständen der Gegenwart. So entstanden die Religionen, so entstanden die Befreiungstheorien und sie strebten nach einer Umwälzung der bestehenden Verhältnisse und einer gerechteren Welt in der Zukunft.

Vor allem die Moderne hat zwei Quellen, die zum Nachdenken über die Zukunft anregen, immer wieder gespeist. Sowohl ist die Moderne so dicht an technischen Innovationen wie keine andere Epoche, als auch eine historische Periode schnell wechselnder sozialer Konstellationen, bei denen es immer große Kohorten von Verlierern gibt. Letztere reflektierten eine andere Zukunft. Die Dualität von technischer Innovation und sozialer Revolte hat die Moderne zu einem Labor von Zukunftsmodellen gemacht, wie es vorher historisch in dieser Dimension noch nicht vorgekommen ist.

Das Eigentümliche, mit dem wir momentan konfrontiert sind, ist das Versiegen positiv konnotierter Zukunftsvisionen mit dem Ende des Kalten Krieges, mit der Wiedervereinigung Deutschlands, mit dem Siegeszug der Globalisierung, mit dem Primat der Finanzinteressen vor der Politik. Das ist insofern markant, als dass in dieser Zeit die Digitalisierung, die historisch revolutionärste technische Möglichkeit, das Tempo zu maximieren und Räume zu überbrücken, ihren Siegeszug unternahm. In anderen Zeiten hätten die Zukunftsvisionen Inflation gehabt. Die sehr schnelle Anwendung dieser Technologie im militärischen Komplex hat allerdings die bereits existierenden Schreckensvisionen von einer pervertierten Menschheit in den Schatten gestellt.

Mit den historischen Ereignissen, die die USA als alleinige Supermacht, zumindest für eine kurze Periode, übrig ließen und der systematisch pervertierten kommunistischen Befreiungsideologie in der Sowjetunion trat ein Zustand ein, in der sich die existierende Macht nicht mehr glaubte legitimieren zu müssen und die an ihr existierende Kritik sich schamvoll in den dunklen Winkel verzog. Was folgte, war ein rauschhaftes Gelage des Finanzkapitalismus, dessen Ergebnisse sich im Jahr 2008 bereits andeuteten und dessen diabolisches Spiel noch nicht zu Ende ist.

Gegenwärtig befinden sich die Gesellschaften, die dieser Machination unterlagen, noch im Schockzustand. Wie benommen suchen sie, suchen wir alle nach Erklärungen über die rasante Verwahrlosung der Verhältnisse, die durch blanke Gier am besten beschrieben sind und die nichts mehr mit dem zu tun haben, was als soziale Räson bezeichnet werden könnte. Noch werden die Mechanismen, die zu diesem Zustand geführt haben, dechiffriert, noch wird nach Schuldigen gesucht. Dem wird allerdings mit einer nahezu als Gesetzmäßigkeit zu bezeichnenden Sicherheit auch die Periode folgen, in der von einer anderen Form der Zukunft gesprochen wird. Der Geist der Utopie wird wieder auferstehen und das Prinzip Hoffnung wird zurückkehren.