Archiv für den Monat Juni 2017

Komplexe Phänomene und Volkes Stimme

Es besitzt durchaus Charme, bestimmte Bilder aus dem Alltag zu bemühen, um wirklich große und komplexe Phänomene verständlich zu machen. Manchmal ist das zielführend, manchmal aber auch nicht. Es kann auch auf die gefährliche Bahn dessen führen, was im Allgemeinen als Populismus verstanden wird. Die berühmte schwäbische Hausfrau ist so ein Bild. Ihre Eigenschaften werden gerne von Politikern selbst bemüht, um die eigene Politik zu erklären. Unter dem Strich steht dann zumeist die Aussage, dass man nicht mehr Geld ausgeben kann, als man besitzt. So trivial richtig der Satz ist, so irreführend kann er auch sein.

Denn eine Politik, die keine Hypotheken auf die Zukunft aufnimmt, kann fatal sein. Und eine schwäbische Hausfrau nähme vielleicht auch ein Darlehn auf, um die Ausbildung der Tochter gewährleisten zu können. Was, um etwas giftig zu sein, die schwäbische Hausfrau kann und die Politik im Allgemeinen nicht, sie kann auf Ausgaben verzichten und anders priorisieren. Damit tut sich die Politik sehr schwer, weil keine Interessengruppe verzichten will, auch wenn die Ausgabe oder Subvention unsinnig ist. Es ist festzustellen, dass notwendige politische Investitionen mit einem einseitigen Bild der Sparsamkeit nur dürftig kritisiert werden können.

Ein anderes Bild, das aus dem komplexen Feld von Politik und Ökonomie stammt, ist das der strategischen Überdehnung. Es handelt sich dabei um ein Phänomen, mit dem irgendwann alle Imperien konfrontiert waren. Sie mussten eine gewaltige Infrastruktur unterhalten, um ihre globalen Machtansprüche gegen alle möglichen Konkurrenzen und Widrigkeiten durchzusetzen, die Kosten wurden allerdings irgendwann so groß, dass das ganze Imperium in die Knie ging. Das war so im großen Rom, das erfuhren die neuen Zaren im Moskauer Kreml und vieles spricht dafür, dass die imperialen Strategen am Potomac zu Washington derweilen mit dem gleichen Dilemma zu kämpfen haben.

Im Alltag, dem ganz profanen, wären wir wiederum nicht verlegen, um Bilder für das Phänomen der strategischen Überdehnung zu finden. Ein sehr schönes beschreibt die Redewendung, die davon spricht, dass die Augen größer als der Magen seien. Das ist plastisch und schildert den Drang, sich mehr auf den Teller zu legen, als man verspeisen kann. Es ist eine Metapher für unstillbare Gier. Der Schuster, der bei seinen Leisten bleiben soll, akzentuiert da eher auch die mentale Überforderung, die bei einer Usurpation von allzu Fremden sich einstellen kann. Und die schöne Berliner Formulierung, ob man es nicht auch kleiner habe, umreißt das Geckenhafte und Skurrile, das sich hinter dem großen Anspruch zumeist auch immer verbirgt.

So sehr davor zu warnen ist, berühmte Volkes Stimme unreflektiert dazu zu verwenden, um große Politik zu erklären, so sehr sollte man sich nicht dazu verleiten lassen, die Weisheit, die sich dahinter verbirgt, zu unterschätzen. Die drei wahllos aus dem Stegreif bemühten Redewendungen taten nichts anderes, um drei Aspekte der strategischen Überdehnung ziemlich präzise zu umreißen: Es existiert dabei ein physisches Problem des Verkraftens, eine kulturelle des Verstehens und eine exzentrische, ins Pathologische führende Selbstüberschätzung. Als Einstieg in die weitere Analyse ist das nicht schlecht. Und wer sich darin übt, der steht schon an der Schwelle zur Textanalyse. Das Grundrauschen der großen, komplexen Phänomene erzeugt ein ziemlich präzises Bild auch in der Alltagssprache.

 

ARD zwischen Hanna und Ismail

Der Bild war es gelungen, durch einen illegalen Livestream die Nachfrage nach einer Dokumentation dramatisch zu erhöhen, die der WDR in Auftrag gegeben hatte und die letztendlich den Titel trug: Gibt es einen neuen Antisemitismus? Die ARD wollte das Werk zunächst nämlich nicht freigeben, da es aus ihrer Sicht dramatische journalistische Mängel hatte. Nun strahlte sie es doch aus, mit zahlreichen Verweisen auf journalistische Mängel und korrigierendes Hintergrundmaterial. Ich will hier nicht auf die Personen eingehen, die nach der Ausstrahlung diskutierten und die sehr verunglückte Situation.

Ich hatte mir die Dokumentation angesehen und war über die sehr den israelischen Standpunkt referierenden Stimmen ebenso erstaunt wie über die kritischen Einblicke in den von der HAMAS dominierten Gaza-Streifen. Das war ich deshalb, weil ich es aus den öffentlich-rechtlichen Medien nicht gewohnt bin. Ich war erstaunt, aber nicht empört, weil ich die unglaubliche Blauäugigkeit gegenüber arabischen Quellen für absurd halte. Durcheinandergebracht hat mich die Dokumentation allerdings nicht. Das hängt damit zusammen, dass ich seit vielen Jahren versuche, mir die Perspektive aller Beteiligten zu erschließen. Dabei bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass die Leidtragenden in diesem Konflikt Palästinenser wie Israelis, Juden wie Muslime sind. Als Schachfiguren und Geiseln einer Politik des Hegemoniestrebens in der Region haben sie beide verloren, wenn sie sich nicht näher kommen. Gegenwärtig hat der Konflikt den Status einer Tragödie.

Doch, und diese Kritik an der Dokumentation ist aus meiner Sicht sehr berechtigt, die Frage war, ob es einen neuen Antisemitismus gibt. Und zwar in Deutschland und Europa. Die Dokumentation ging immer mal wieder auf die Frage ein, in dem sie Demonstrationen und Kundgebungen in Berlin oder Paris zeigte, in der antisemitische Parolen gerufen wurden. Und erst am Schluss wurde am Beispiel Frankreichs bzw. besonders Paris deutlich, wie dramatisch die Lage bereits ist. Dass Juden, nicht einzelne, sondern massenweise, auswandern, weil sie sich in Frankreich durch die täglichen antisemitischen Übergriffe nicht mehr sicher fühlen und Frankreich nicht mehr ihr Land ist. Eine Entwicklung, die auch in anderen Metropolen stattfindet, wie in Berlin und Amsterdam, aber dort noch nicht die furchtbaren französischen Ausmaße angenommen hat.

Diese Tendenzen sind bekannt und mit einem wachen Auge können sie leider oft und immer öfter beobachtet werden. Da entdecken manche Zeitgenossen plötzlich, dass Bayern München von Juden gegründet wurde und Ajax Amsterdam schon immer ein Juden-Club war. Da werden Eltern gefragt, warum sie ihre Kinder ausgerechnet Miriam oder Daniel genannt haben. Da werden Menschen, die die Kippa tragen, als Judenschweine beschimpft oder gar verprügelt. Das ist unerträglich und es ist unerträglich, wie sich die öffentlich-rechtlichen Medien seit langer Zeit sträuben, darüber zu berichten.

Reden wir nicht über die unsägliche Vergangenheit, das wurde oft gemacht und hat nicht dazu geführt, dass die Situation, wie sie heute ist, hat verhindert werden können. Reden wir über die Zukunft und stellen eine ganz einfache Frage: Kann eine wie immer geartete politische Bewegung, die für die vermeintliche Befreiung kämpft, das mit einem rassistischen, xenophobischen oder diskriminierenden Programm? Die Antwort ist Nein.

War die Position, die die ARD in dieser Angelegenheit eingenommen hat, schon schwach, so wirkte ihre revanchistische Meldung heute Morgen allerdings einer Ahndung würdig. Da kam ein Bericht auf tagesschau.de über die Diskriminierung am Mietmarkt. Der Titel: Hanna kriegt die Wohnung, Ismail nicht. Stellen wir die Frage, ob es einen neuen Antisemitismus gibt, noch einmal?