Archiv für den Monat Mai 2017

Von Mossadegh bis Gaza

Michael Lüders. Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet

Es kommt selten vor, dass ein geladener Gast in einer Talkshow des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bei seiner Vorstellung in einer Talkrunde durch die Moderatorin so beschädigt wird wie kürzlich im Fall Michael Lüders. Anne Will, gut besoldete Polit-Moderatorin, stellte Michael Lüders als einen Geschäftsmann vor, der daran interessiert sei, Informationen zu verkaufen. Und John  Kornblum, Mit-Diskutant und seit einem Jahrzehnt Bankenlobbyist, der regelmäßig im gleichen Format immer noch als Diplomat vorgestellt wird, obwohl er das schon lange nicht mehr ist, schmähte besagten Lüders als abenteuerlichen Verschwörungstheoretiker. Das Thema des Abends war Syrien.

Bei so einem Aufschlag ist es von besonderem Interesse, etwas mehr Licht in die Vorwürfe zu bringen und herauszufinden, was sich hinter den Beschuldigungen verbirgt. Mit seinem 2014 erschienenen Buch „Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet“ hat Michael Lüders genügend Material geliefert, um sich ein Bild von ihm zu machen.

Lüders Ansinnen ist es, etwas Klarheit in eine schier nicht mehr darstellbare Komplexität von Interessen und inneren Widersprüchen unter der Überschrift Syrienkonflikt herzustellen. Um die Kulturbrüche, Interessenkonflikte, Hegemonialschlachten, strategischen Gemetzel und kommunikativen Irrlichter verständlicher und erklärbarer zu machen, wählt der Autor eine historisierende Beschreibung eines immer größer werdenden destruktiven Sogs.

Die Zeitreise beginnt mit der Darstellung des aus Sicht des Autors vorliegenden Sündenfall des Westens im Nahen Osten, nämlich mit dem forcierten Regimewechsel im Iran im Jahre 1953, dem Sturz des demokratisch gewählten und die Ölindustrie sozialisierenden Präsidenten des Iran, Mossadegh. Die Modalitäten seines Sturzes, im Hause CIA designed, sollten fortan in unzähligen geplanten Regime Changes Anwendung finden und der Sturz selbst der erste Akt in einem Schauspiel werden, das immer noch anhält und ein Endlosthema zu sein scheint, bei dessen Spiel der Westen heute so wenig begreift wie vor sechzig Jahren.

Nach dem Iran folgt in der Reihe vom Autor ausgewählter Beispiele die Geburt von Al-Qaida. Wiederum handelt es sich um eine amerikanische Strategie, eine islamische Guerrilla gegen den sowjetischen Krieg in Afghanistan auszubilden und zu unterstützen. Die Installation des heutigen Islamistischen Terrors wäre ohne Zutun der USA so nicht möglich gewesen.

In einem weiteren Kapitel geht er auf die Dschihadisten ein, um die Unfähigkeit des Westens, aus Fehlern zu lernen, anschaulich zu illustrieren. Und so geht die Geschichte weiter über den Irak, der Unterstützung Saddam Husseins bis zu seiner Verteufelung, die Zerschlagung des irakischen Staates bis zu der ohne die Zerstörung nicht denkbaren Genese des Islamischen Staates, die zunächst freundlichen Beziehungen zu Syrien bis hin zur Kriegserklärung, weil Assad sich nicht für eine Pipeline unter westlich-saudischer Regie hat hinreißen lassen und der konkreten Interessen Russlands in diesem Zusammenhang, das als Gaslieferant gar kein Interesse an einer solchen hat. Und es endet mit dem Konflikt in Gaza, diesem entsetzlichen Kapitel einer kaum mehr denkbaren Befriedung, indem der palästinensische Souveränitätsgedanke keinen Boden mehr findet, ohne dass ein Frieden in absehbarer Zeit eine Chance hätte.

Das vorliegende, gut lesbare und mit Quellen versehene Buch weist Michal Lüders als einen seriösen Autor und exklusiven Kenner des Nahen Ostens aus. So, wie das Buch jedem zu empfehlen ist, der sich Klarheit über die unübersichtlich erscheinenden Widersprüche im Nahen Osten verschaffen will, genauso desavouiert es das Format Anne Will. Aber das spielt hier keine Rolle.

Es geht nicht um Werte!

„Giftgas Angriff in Syrien, Assad hat wieder Unschuldige ermordet!“, raunte es vor einigen Wochen durch den deutschen Medienwald. Schon Minuten nachdem der Vorfall bekannt wird steht für PolitikerInnen und JournalistInnen fest, wer der Täter ist. Auch Donald Trump stellt sich vor laufende Kameras und verkündet, dass ihm Angriffe gegen Kinder persönlich nahe gehen. Das ist […]

über Unter falscher Flagge – Syrien: Der Krieg, der keiner ist — nandalya

Portugal: Der Mythos kehrt zurück

Ein Mosaik ist entstanden in Portugal. Es ist ein Mosaik, das sehr an eine Zeit erinnert, die für viele Jahre längst der Vergangenheit anzugehören schien. Es ist die Zeit, als der Diktator Salazar mit eiserner Hand das Land regierte und die Verhältnisse nicht rückständiger und ungerechter hätten sein können. Über Jahrzehnte hatte der Diktator das Land regiert und versucht, den wenigen reichen Familien das Land zu sichern, das nach dem Niedergang des Kolonialismus in die Knie gegangen war. Dann, 1974, wurde Portugal von dem Fluch der Diktatur erlöst. In Wahrheit handelte es sich um einen Putsch der niederen Ränge des Militärs. Eingegangen ist dieser friedliche Putsch jedoch unter der Bezeichnung der Nelkenrevolution. Bei diesem Putsch waren kaum Schüsse abgegeben worden und die Bevölkerung hatte den umjubelten Soldaten Nelken in die Gewehrläufe gesteckt. Es folgte ein Neuaufbau, den der Westen, auch die von Willy Brandt geleitete sozialistische Internationale, mit vereinten Kräften unterstützt hatte.

Dennoch hatte sich in der Folge der Nelkenrevolution Erstaunliches getan, wovon allerdings wenig über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde. Es entstanden einige Kooperativen auf den enteigneten Gütern der Großgrundbesitzer, die es bis in das 21. Jahrhundert wirtschaftlich geschafft haben, obwohl die Integration Portugals in die Europäische Union immer mehr die Verhältnisse hin zu einer neuen Art der Privatwirtschaft restauriert hatte. Das, was in diesem Zuge als ein gelungener Weg propagiert worden war, befreite das Land tatsächlich von der faschistischen Willkür, am System der ungleichen Verteilung der Güter hat sich nichts geändert.

Und die Verhältnisse, die erst so richtig nach der Weltfinanzkrise im Jahr 2008 zum Ausdruck kamen, hinterließen ein Bild, das sich als ein neues System der Unterdrückung herausgestellt hat, das keinen Anlass zur Hoffnung gab. Da fallen dann Mosaiksteine auf, die erschrecken. Das Land gehört nach wie vor einem Dutzend Familien, die immer schon da waren und die Portugal unter sich aufteilen. Und dann gab es da noch Kredite und Korruptionsskandale, die sich ausgerechnet um deutsche U-Bootkäufe drehten und einen Verteidigungsminister den Job kosteten. Da gab es im Zusammenhang mit der vermeintlichen Sanierung Erfolgsmeldungen für die Chef-Ideologen des Wirtschaftsliberalismus, wie die komplette Privatisierung der Trinkwasserversorgung und vieler anderer lebenswichtiger Dinge, von denen sich in anderen Teilen Europas niemand ein Bild machen kann und will.

Portugal, das Land mit den 10 Millionen Einwohnern, verlor wieder einmal eine halbe Millionen Menschen, die das Weite suchten, weil es im eigenen Land kein Auskommen mehr gab. Insgesamt leben heute ca. 50 Millionen Portugiesen, die Anspruch auf einen Pass hätten, über die Welt verstreut, allein in Paris leben mit über einer Millionen Menschen fast doppelt so viele Portugiesen wie in der Landeshauptstadt Lissabon. Nun, bei der letzten Wahl, wurde die Regierung des Bankrottverwalters Coelho, der hündisch alle Austeritätsvorgaben der Fraktion um Schäuble umgesetzt hatte, abgewählt und durch ein Linksbündnis, bestehend aus einem linken Sammelblock, Sozialisten und Kommunisten unter der Führung des neuen Präsidenten Costa ersetzt. Seitdem ist die Stimmung im Lande merklich besser geworden. Ob sich die Verhältnisse werden ändern lassen, steht noch in den Sternen. Zumindest sitzen auf portugiesischer Seite keine Befehlsempfänger mehr am Tisch.

Es sollte schon zu denken geben, wenn vor einigen Tagen, zum 1. Mai, im ganzen Land der Mythos der Nelkenrevolution wieder beschworen wurde. Die Besitzverhältnisse stehen am Pranger, wie damals, und immer mehr Portugiesen suchen den Weg in einer Volksfront gegen den Geist der totalen Ausplünderung. Gibt das irgendwem zu denken?