Archiv für den Monat April 2017

Heute Morgen beim Bäcker

Der an der Ecke. Der Große. Dort, wohin sie alle kommen aus dem Viertel. Ganz früh, wenn die Welt erwacht. An der Theke standen wir wieder in Dreierreihen, hinter mir der emeritierte Professor, Politologe, der mit einer Intellektuellenbrille aus den siebziger Jahren jedes Mal die Welt erklärt. Diesmal ist es die Akzeleration der Prozesse. Ihm muss man zugutehalten, dass er seine wie Tiraden vorgetragenen Kurzvorträge stets in der zweiten Sequenz ins Deutsche übersetzt, die Beschleunigung scheint mir das Problem zu sein, der Mensch hört in immer kürzeren Abständen etwas für ihn Neues und er verliert damit Sicherheiten. Was, wie immer, zu einer Reaktion führt, die ein Partikel des Gesagten aufgreift, um die eigene Befindlichkeit zum Besten zu geben.

Diesmal ist es der Mann aus dem Maghreb, von dem niemand weiß, wovon er lebt, der jeden Tag gefühlte Stunden vor der Bäckerei mit seinem kleinen weißen Hundemischling, dem Puppenfänger, sitzt, Kaffee trinkt und raucht und der über alles Bescheid weiß, was im Viertel geschieht. C´est un monde fou, das hältst du nicht mehr aus, das schießt so ein Irrer auf den Champs Elysees herum, kurz vor der Wahl, Mon Dieu, als hätte Le Pen diese Amokbirne bestellt.

Worauf der Handwerker im Blaumann, dem die Bedienung gerade ein Laugehörnchen mit Butter beschmiert, die Worte heraustrommelt, über die jeder Dialekt verfügt, wenn es um den Fluch des Daseins und die Unlust mit dem eigenen Moment geht. Die Le Pens, die haben wir hier auch, und die Mohammeds, die sich den Sprengstoff in den Tornister stecken auch. Irgendwann gehst du in den Park und willst die Schwäne füttern und dann ballert dich so ein Irrer weg und du liegst im ungemachten Federbett.

Der Senior vom Fache der Politologie ergreift wieder das Wort und stellt klar, dass die Überforderung des Individuums mit schlechten Nachrichten nicht mit einer Verschärfung staatlicher Ordnung abzuwehren sei. Da pflichtet ihm der Mann aus dem Maghreb bei und raunt etwas vom Sonnenaufgang für die Faschisten, was der Professor geflissentlich überhört. Neben mir steht eine junge Frau, die vom Joggen kommt und Kopfhörer aufhat, die  die Konversation von ihr fernhalten und sie stattdessen mit coolen Rhythmen versorgt, durch die sie ziemlich unvermittelt ihre Bestellung mitteilt, ich hätte gerne zwei Seelen!

Ja, sagt da die Rentnerin, die bis jetzt geschwiegen hatte, du hättest sie gerne, Schätzchen, aber wenn du das Leben erst richtig kennst, dann wünschst du dir, du hättest sie nicht. Das Bonmot belustigt alle, denn es geht natürlich um kleine, mit Salz und Kümmel bestreute Weißbrote, die unter dem poetischen Namen der Seele verkauft werden und immer wieder dazu inspirieren, damit zu spielen.

Jedenfalls, so der Gelehrte, geht es nicht um Ordnung, sondern um die Fähigkeit des Einzelnen, mit der Information über Unordnung – wo auch immer – umgehen zu können. Vielleicht sollten wir uns selbst beschränken und nicht alles wissen wollen. Das machte uns dann auch nicht so verrückt. Tote bei einem Erdrutsch in China, Opfer der Tsetsefliege in Afrika, Mafiakämpfe in Mexiko oder Massenproteste in Venezuela. Es hängt zwar alles mit allem zusammen, aber brauchen wir die Information tatsächlich aus dem Kanal für alle? Könnten wir nicht sagen, in den Nachrichten kommen nicht mehr  die Katastrophen von überall aus der Welt, sondern nur noch das, was uns direkt betrifft.

Das ist ganz schön schwer, ruft da der Blaumann. Die wählen doch jetzt nur das aus, was sie wollen. Das wird in Zukunft auch nicht anders sein. Nimmt dann aber sein Laugehörnchen und einen  warmen Fleischkäse und drückt sich aus dem Laden. Auch die stoisch wirkende Joggerin verlässt mit einem unempathischen Lächeln und ihren zwei Seelen das Lokal. Zumindest diese Formation löst sich nun auf. Der Professor wirsch harsch durch die resolute Geschäftsführerin nach seinen Wünschen gefragt, denn sie orientiert sich an Verkaufszahlen und reibungslosem Ablauf und nicht an morgendlicher Reflexion des Weltgeschehens. Und schon schleicht der kluge Mann mit zwei Mittagssemmeln die dreistufige Treppe herunter und muss sich dabei an einer korpulenten Frau vorbeidrücken, die bereits einen Piccolo unter dem Arm hält und schon beim Hereinkommen nach einem Brötchen mit Fleischsalat verlangt.

Meine Bestellung trage ich auch schon mit mir heraus. Ich biege rechts ab, habe ein Walnussbrot und zwei Winzerbrötchen in der Tasche und einen Blitzdiskurs über die vermeintliche Notwenigkeit einer Selbstzensur zum Schutze der Demokratie hinter mir. Ein Podcast beim Bäcker. Solange die unmittelbare Wahrnehmung noch funktioniert.

Schnell und langsam, je nachdem

Nach dem türkischen Referendum wird eine Frage erneut diskutiert, die eigentlich bei jedem politischen Großereignis aktuell ist: Wie soll eine Regierung in einem solchen Fall reagieren? Soll sie einen klaren Standpunkt vertreten, auf Konsequenzen hinweisen und Angebote machen, die auf unzweideutigen Bedingungen basieren? Oder soll sie abwarten, genau beobachten, wie sich die Angelegenheit weiter entwickelt und dann langsam eine Strategie entwerfen, die den geänderten Bedingungen gemäß ist? Zumeist wird die Diskussion über die unterschiedlichen Herangehensweisen im Publikum sehr polarisierend geführt, während zumindest die deutsche Regierung nicht eindeutig einer der beiden Optionen zuzuordnen ist, auch wenn der allgemeine Eindruck vorherrscht, dass sie nicht schnell handelt und eher erst einmal beobachtet. Bei genauerem Hinsehen trügt dieser Eindruck jedoch.

Picken wir einige Ereignisse heraus! Bei der Ukraine zum Beispiel war die Position der Regierung sehr schnell klar. Sie war für einen Regimewechsel, nicht zimperlich bei der Beurteilung der neuen Machthaber und überaus schnell bei der Verurteilung Russlands. Ursache und Wirkung wurden nicht untersucht, das Junktim zwischen EU und NATO unbedingt unterstützt und die Wahl einer konfrontativen Strategie wurde als alternativlos angesehen.

Im Falle des Brexits folgte einer kurzen Schockstarre das Austarieren von Möglichkeiten, die von der Revision des Brexits über das Herausbrechen Schottlands bis hin zur Beibehaltung vorteilhafter Wirtschaftsbeziehungen ging. Bis heute liegt keine klare Position vor, und vieles wird von dem Verlauf der auch von Großbritannien geführten Verhandlungen abhängen, wie sich die Dinge weiter entwickeln.

Im Falle der Türkei herrscht eine abwartende Haltung vor, die sich aus der eben auch wirtschaftlichen und geostrategischen Gemengelage erklären lässt. Der deutliche, unmissverständliche Weg des Landes in eine Diktatur wird hingenommen, weil das Flüchtlingsabkommen bis zu den Wahlen im Herbst 2017 halten muss und weil die Türkei als NATO-Partner eine Toleranz gegenüber Menschenrechts- und Völkerrechtsverletzungen genießt, die anderen Staaten nicht zugebilligt wird.

Anders wiederum im Falle Griechenlands. Um die Banken zu retten, wurde eine ganze Nation, die zugegebenermaßen nicht ganz unbeteiligt an dem Dilemma war, als Geisel genommen und derart gedemütigt, dass der Vorgang paradigmatischen Charakter bekam und maßgeblich zu dem Vertrauensverlust innerhalb der EU führte. Die Erosion der EU in politisch rauen Zeiten hat ein Hardliner aus dem Finanzministerium zu verantworten, den sowohl Kanzlerin als auch Koalitionspartner haben machen lassen bis alle Freundschaften den Bach herunter gegangen waren.

Im Falle der Wahl des neuen US-Präsidenten war man sehr schnell dabei, Trump als die Personifizierung der westlichen politischen Krise zu bezeichnen. Das war schon in der ersten Nacht zu hören und war offen wie selten zuvor. Die Meinung änderte sich, als Trump zu kriegerischen Aktionen griff und die USA wieder als militanter Weltpolizist auftraten.

Und auch im Syrienkrieg war man rasant mit der Parteiergreifung. Da war mit Assad der Gegner sehr schnell ausgemacht, weil die Gaspipeline von Katar nach Europa unter westlicher Regie geführt werden sollte und plötzlich bei einem seit Jahrzehnten geduldeten Präsidenten Syriens Charaktereigenschaften auffielen, die man vorher nicht bemerkt hatte. Schon wurden die Kriegstrommeln gerührt und man ist mit Militär seit langem in einer völkerrechtswidrigen Handlung.

Diese Regierung ist alles andere als langsam. Sie verfolgt ihre Interessen sehr konsequent. Und es ist nicht eine Frage von klarer Kante oder nicht, sondern es ist eine Frage von Richtung und Haltung. Und da ist vieles zu beobachten, das nicht mehrheitsfähig ist.

Sie wissen nicht, was sie tun?

Gestern, nach dem türkischen Referendum, tasteten sich die Nachrichten in den öffentlich-rechtlichen Sendern sehr langsam an eine Einschätzung des Geschehenen heran. Das muss nicht schlecht sein, verwundert jedoch in diesem Fall. Es ging schließlich um die Legalisierung eines bereits seit Monaten unter den Bedingungen des Ausnahmezustandes verfolgten Kurses der Errichtung einer Diktatur. Das Tasten der Journalisten hatte einen Grund: Sie wollten zunächst herausfinden, welche Position die Bundesregierung einnimmt. Da nach einer Weile aus dem Kanzleramt wie dem Außenministerium die Devise kam, besonnen zu bleiben, taten es die Nachrichtenredakteure auch. Das hat System, denn einen Dissens mit der Bundesregierung, und sei es bei einer Einschätzung von Ereignissen, riskiert dort niemand mehr.

Dafür zeigte man, zumindest in der ARD, wie schnell die Redakteure sind, wenn es darum geht, Stimmung zu machen im eignen Lande. Diesmal traf es ausgerechnet diejenigen, die wahrscheinlich am meisten unter der Entwicklung in ihrer Heimat oder ehemaligen Heimat leiden. Die so genannten Deutschtürken. Ihnen wurde nämlich in der ARD bescheinigt, zu zwei Dritteln für das Referendum votiert zu haben. Was es mit dieser journalistischen Aufbereitung auf sich hat, liest sich folgendermaßen:

In der Bundesrepublik Deutschland leben 3,5 Millionen wahlberechtigte Menschen türkischer Abstammung. Davon besitzen gegenwärtig noch 1,5 Millionen einen türkischen Pass. Bei dieser Gruppe handelt es sich um die für türkische Angelegenheiten Wahlberechtigten. Die Beteiligung in Deutschland an dem Referendum betrug 50 %, d.h. Insgesamt gaben 750.000 Türken ihre Stimme ab. 63% stimmten mit Ja, was wiederum heißt, dass ca. 450.000 hier lebende Türken die Ermächtigung Erdogans befürworteten. In Bezug auf die gesamte Gruppe von 3,5 Millionen Türkischstämmigen sind das 13 %.

Die Meldung hatte sehr schnell zur Folge, dass in den sozialen Netzwerken die Posts inflationsartig verbreitet wurden, dass diejenigen, die mit Ja gestimmt hätten, sich bitte doch in die Türkei begeben sollten. Obwohl die Aussage nachvollziehbar ist, sie richtete sich natürlich an die Türkischstämmigen generell, was die Folge der Meldung aus den ARD- und sonstigen Nachrichten war: Zwei Drittel der Türken in Deutschland haben mit Ja gestimmt.

So schnell geht das, so schnell wird der Pfad der Demagogie beschritten und so schnell sind Verwerfungen etabliert, die so schnell nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, inwieweit zum Beispiel diese Meldung eine Art von staatlich autorisierten Fake News sind, die schnell aus dem Netz verschwinden sollten, oder ob es sich dabei um ein weiteres Testat für das miserable journalistische Niveau, das auch bei den teuren öffentlich-rechtlichen Anstalten vorherrscht, handelt.

Es wäre auch möglich, die Zahlen anders zu lesen: Wenn von 3,5 Millionen Türkischstämmigen in Deutschland nur noch 1,5 Millionen einen türkischen Pass haben, ist das ein gutes Zeichen für die Attraktivität der Bundesrepublik Deutschland. Wenn von den hier Wahlberechtigten nur 50 Prozent ihre Stimme abgeben, dann scheint das die hier Lebenden nicht mehr sonderlich zu interessieren. Und wenn von 3,5 Millionen nur 13 % mit Ja gestimmt haben, dann leben in unserem Land mehr als drei Millionen Bündnispartner für die Demokratie. So weit muss man nicht gehen, aber man könnte es. Was diese Interpretation zeigt, ist die erfolgte, auf Verwerfung zielende Desinformation. Das sollten sich diejenigen, die diese Anstalten zu verantworten haben, einfach mal durch den Kopf gehen lassen. Mit einem „sie wissen nicht, was sie tun“ ist es schon lange nicht mehr getan.