Archiv für den Monat März 2017

Kevin Großkreuz und der Metaphernwechsel

Das Zeitalter der Heroismus ist längst vergangen. Selbst dort, wo die Metapher von Brot und Spiele noch eine Geltung hatte, im Sport, ist das Barbarische und Martialische passé. Reden wir nicht vom Boxen. Da gab es Zeiten, wo Champions mit einem Tiger im Nachtclub auftauchten oder sich mit einer Pump Gun den Weg durch eine Polizeikontrolle freischossen. Dort wurde auch das berühmte Wort geprägt, dass man einen Boxer zwar aus dem Ghetto holen könne, aber das Ghetto selbst nie den Boxer verlasse.

Die letzte Domäne hierzulande, wo so etwas noch wirksam war, der Fußball, ist längst gestürmt. Vorbei die Zeiten, als Nationalspieler in der Nacht vor einem Spiel besoffen aus dem Taxi fielen und auf der Straße liegen blieben, vorbei die Zeiten, als Spieler mit Rocksängern in einer Spelunke unter den Tischen Schutz suchten, weil eine Schießerei im Gange war. Und vorbei die Zeiten, als ein Spieler alles auf die Sieben setzte und das Geld, das er in seiner Profikarriere verdient hatte, in einer Nacht verlor. Alles, was heute noch zu vernehmen ist, ist Fahren ohne Fahrerlaubnis oder die Verweigerung des Grußes bei der Auswechslung.

Der einzige, der in Deutschland an diese Zeiten erinnern konnte, ist Kevin Großkreuz. Der pinkelte schon einmal ins Foyer eines Berliner Nobelhotels oder er schmiss einem Stänkerer einen Döner ins Genick. Wie die Journale verlauten lassen, hat Großkreuz nichts gelernt. Jetzt, nach einer Tour durch Bordells und Clubs, die mit einer heftigen Schlägerei endete, hat ihn der Zweitligist VFB Stuttgart an die Luft gesetzt. Aufgrund seines schlechten Vorbildes sei eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr möglich. Noch vor einem halben Jahr, als sich der unvermeidliche Abstieg für diesen Club abzeichnete, hatten die Fans noch skandiert, „außer Kevin könnt ihr alle gehen!“ Hic transit gloria mundi. Ja, Kevin, so schnell kann es gehen.

Kevin Großkreuz, der Junge aus Dortmund Eving, dort, wo die Ruinen des ehemals glorreichen Bergbaus stehen, hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Der Spieler aus dem Proletariermilieu, der wegen seiner Schmächtigkeit in die Amateurliga geschickt worden war und doch zurück fand zu seiner geliebten Borussia, mit der er zweimal Meister wurde, ist am Ende seiner Fußballerkarriere angelangt. Und die Fans, die Leute wie ihn so lieben, weil er einer von ihnen ist, sind, wenn es nach den heutigen Monopolisten der Branche geht, genauso obsolet wie die früheren Helden. Aber so ist das Leben. Alles ist vergänglich. Der Fußball und seine Mythen verlassen die Bühne genauso geschlagen wie das einstige Proletariat.

Brot und Spiele hingegen wird es immer geben, Und so ist die Regie nicht untätig gewesen. Je steriler die Arenen des Fußballs und das Geschehen in ihnen wird, weil die Testosteronbomber aus den Unterschichten domestiziert werden, desto mehr verlagert sich der gnadenlose Konkurrenzkampf auf neue Formate. Analog zur restlichen Entwicklung der Gesellschaft sind es nun junge Frauen, die das Spiel zu spielen haben. In Settings wie „Germany´s Next Top Model“ keifen sich unterernährte Megären an und führen einen Zickenkrieg, der nicht zivilisierter ist als die Eskapaden, wie sie von Fußballern bekannt sind. Wer das glaubt, der sollte seinen Zivilisationsbegriff noch einmal kritisch überprüfen. Ja, der Metaphernwechsel ist in vollem Gange, und Kevin Großkreuz ist ein prominentes Opfer.

Ein Brief an meine türkischen Freunde

Liebe Freunde,

nun kennen wir uns seit vielen Jahren. In dieser Zeit haben wir uns schätzen gelernt. Es vergeht kein Tag, an dem wir uns nicht über den Weg laufen. Und jedes Mal, wenn das der Fall ist, stellen wir insgeheim, oder besser gesagt, im Unterbewusstsein fest, dass ihr wie wir einen guten Job machen. Ihr seid froh, dass es uns gibt und wir sind froh, dass es euch gibt. Das ist so eine geistige Spielerei, denn de facto wie de jure sind wir gleich. Wir sind allesamt Bürgerinnen und Bürger eines Staates, der eine Verfassung hat und sich zu den Grundrechten bekennt. Aber auch zur Gewaltenteilung und zum Primat des Rechtes.

Aber wenn wir gleich sind, was unterscheidet uns dann? Bis auf Kleinigkeiten wie das physische Aussehen oder die unterschiedlichen Essensgewohnheiten oder vielleicht auch der unterschiedliche Glaube unterscheidet uns im Wesentlichen nur eines. Es ist die Geschichte. Und, machen wir uns da nichts vor, eure Geschichte haftet euch genauso an wie uns die unsere. Der Unterschied zwischen uns ist, dass eure Familien einen anderen Weg an den heutigen Platz gegangen sind als die unseren. Während unsere Familien im selben Land blieben und in ihrer Sprache und Vorstellungswelt handeln konnten, musstet ihr oder eure Eltern oder eure Großeltern in eine andere, fremde Welt, in der eine andere Sprache gesprochen wurde, in der anders gedacht wurde, in der zu einem anderen Gott gebetet wurde und in dem die Familien anders strukturiert waren.

Das war für euch nicht einfach, und fürwahr, wir sind und waren immer ein stures Volk, das sehr kritisch auf diejenigen schaute, die neu hinzukamen, völlig unerheblich, aus welchem Sprach- oder Kulturkreis. Und, wenn wir uns aus dieser Erfahrung unsere gemeinsame Geschichte anschauen, dann habt ihr es geschafft. Ihr habt eine schmerzhafte Feuertaufe bestanden, denn schon lange gehört ihr dazu und keiner will euch missen. Und ihr werdet nicht nur geschätzt wegen eurer Leistungen in diesem unserem System, sondern auch, weil ihr vieles mitgebracht habt, das unser Leben bereichert hat.

Wie ich bereits sagte, wenn uns heute etwas unterscheidet, dann ist es unsere Geschichte. Und diese Geschichte hier, im alten wie im neuen Deutschland, die hat uns sehr geprägt. Das große Trauma, das dieses Land erlebt hat, war der Faschismus. Er hat die Gesellschaft gespalten, er hat das Recht außer Kraft gesetzt, er hat den Terror zum Regierungsinstrument gemacht und er hat einen Krieg angefacht, der die ganze Welt in Brand setzte. Einige von denen, die das erlebt haben, sind noch unter uns und ich empfehle euch, mit ihnen zu sprechen. Denn sie wissen noch sehr genau, nach welchem Regiebuch die Nationalsozialisten damals vorgegangen sind, um an die Macht zu kommen. Da, und die beiden Ereignisse lege ich euch wirklich ans Herz, weil ich euch so schätze und es gut mit euch meine, da waren ein Reichstagsbrand ein Ermächtigungsgesetz. Danach ging alles seinen Gang.

Ich habe Stimmen aus euren Reihen gehört, die kritisierten, dass bestimmte deutsche Behörden es türkischen Politikern untersagt haben, hier für etwas Werbung zu machen, dass wir mit unserer Geschichte als ein Ermächtigungsgesetz bezeichnen würden. Ihr, oder einige von euch, seht das als mangelnden Respekt vor eurer Herkunft. Das ist falsch. Es ist unsere Fürsorgepflicht euch und euren in der Türkei lebenden Familien gegenüber, dass euch eine Geschichte wie die unsere erspart bleibt. Begreift es! Ihr seid angekommen! Die Verbote sind eine Liebeserklärung an euch!

Wie immer, euer M.