Archiv für den Monat März 2017

Chuck

Der Kronzeuge gegen die These, der Rock ´n´ Roll sei eine weiße Angelegenheit gewesen, ist gestern im Alter von neunzig Jahren gestorben. Dabei wäre ihm diese Zeugenschaft völlig egal gewesen. Wichtig war ihm, dass seine Musik Dampf machte und alles stimmte. Der zornige und zielstrebige junge Mann beschritt sozial den Weg, den es brauchte, ein junges, rebellisches Genre wie den Rock ´n´ Roll ins Leben zu rufen. Der Preis war hoch, aber es hat sich gelohnt.

Als junger Mann war der 1926 in St. Louis, Missouri, geborene Charles Edward Anderson Berry bereits mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Oder, um es wahrheitsgemäß auszudrücken, er hatte sich an mehreren Einbrüchen beteiligt und einen Raubüberfall auf dem Gewissen. Das hieß mehrere Jahre Jugendgefängnis, genau bis zu seinem 21. Geburtstag. Danach jobbte er hier und da herum und die Sozialprognose für ihn wäre nicht sonderlich positiv ausgefallen. Ihn rettete jedoch eine Anstellung als Pförtner bei einem Radiosender, wo er nicht nur gute Musik hören, sondern auch noch eine gebrauchte Gitarre erwerben konnte.

Es folgten die autodidaktischen Exzesse, die alle treiben, die sich aufs Neuland begeben und irgendwann kam ein Chuck Berry zunächst mit Blues Klassikern auf die Bühne, die er eigenartig intonierte und inszenierte. Und dann kam der Besuch in Chicago, bei dem dieser Chuck Berry Ikonen wie Muddy Waters und Elmore James hören und sehen wollte. Und, als er sich ein Autogramm von Muddy Waters holte, wagte er sich ihn zu fragen, ob er ihm ein gutes Studio empfehlen könne. Dieser nannte ihm Chess Records, das bis dahin den Blues promovierende Label. Leonard Chess erkannte in Berry das, was er war: ein Revoluzzer, der eine ganze Generation mit treiben würde.

Es folgten Hits über Hits, die heute bereits zum Kulturgut Nordamerikas gehören. Jeder von ihnen durch die dynamische Performance eines Chuck Berry, der nebenbei die E-Gitarre zum lead-Instrument machte, durch Texte, die sich von dem sonstigen Gesülze durch harte Botschaften abhoben, genauso bekannt wie durch überzählige, unendliche Cover-Versionen, von den Beatles bis zu den Stones und bis zu jeder Hobbyband in irgendeinem Keller in der Provinz: Back in The USA, Sweet Little Rock ´n´ Roller, Maybeline, Roll Over Beethoven, Memphis Tennessee, Sweet Little Sixteen, Johnny B. Goode, No Particular Place To Go…

Chuck Berry spielte zunächst nur vor schwarzem Publikum, bis sich herumsprach, was in diesen Konzerten passierte. Nach und nach wagten sich die ersten Weißen zu den Konzerten und es dauerte nicht lange, bis der Rock ´n´ Roll sich von der Rassenfrage etabliert hatte. Chuck Berry blieb seiner Musik treu, auch als der Rock ´n´ Roll anderen Genres in Sachen Popularität weichen musste. Der Mann aus St. Louis schaffte es vom Jugendknast sowohl in die Rock ´n´ Roll als auch in die Blues Hall of Fame. Er spielte bis vor kurzem auf vielen Bühnen der Welt. Der Rock ´n´ Roll war sein Leben. Er hat ihn bis zum letzten Atemzug leben können. Was für ein Privileg!

Der Echoraum

Metaphern und der Kontext ihres Gebrauches sind Juwelen der Erkenntnis. So richtig ins Bewusstsein kam diese Einsicht hierzulande mit dem damals bahnbrechenden Werk Theweleits, den Männerphantasien. Der hatte die deutsche Literatur von zweihundert Jahren durchwühlt und das patriarchalisch-maskuline Dominanzdenken anhand der verwendeten Metaphern dechiffriert. Seitdem gab es immer wieder Ansätze, den Gebrauch von Metaphern, die es durchaus bis hin zu Kollektivsymbolen schaffen können, wissenschaftlich zu untersuchen und auf ihren sozialen, politischen und psychologischen Gehalt zu untersuchen. Leider ist es bei Versuchen geblieben, denn der Erkenntniswert solcher Betrachtungen ist sehr groß.

Kollektivsymbole, um es noch einmal zu verdeutlichen, sind solche Metaphern, die nicht in einzelnen Werken der Literatur, sondern in der gesamten Gesellschaft benutzt werden. Das ist nur möglich, wenn sie von den unterschiedlichen Teilen einer Gesellschaft akzeptiert und tatsächlich als Bild benutzt werden. Sehr lange waren es noch Bilder aus dem Krieg (Granaten, Bomben, Haubitzen), dann folgten technisch-industrielle (Volldampf, unter Strom, Module, Schnittstellen). Die hier gewählten Begriffe sind willkürlich, aber sie illustrieren die Intention der Aussage.

In Bezug auf das Internet und die damit verbundene jüngste Entwicklung der Meinungsbildung haben sich die Fronten zwischen professionellem Journalismus und den Hobby-Bloggern dramatisch verhärtet (auch ein Kollektivsymbol aus vergangenen Zeiten), weil das Monopol der Medien durchbrochen wurde und die Ökonomie der Informationsindustrie zu dramatischen Veränderungen geführt hat. Einerseits befindet sich der professionelle Journalismus auf dem absteigenden Ast, andererseits können intelligente und schreibkundige Privatpersonen ohne nennenswerte Kosten ein großes Publikum erreichen. Das ist für die, die vom Verkauf von Informationen leben müssen, das pure Drama.

Insofern ist es kein Wunder, dass aus den Reihen des professionellen Journalismus sehr schnell eine Metapher benutzt wurde, die gut gewählt war und die es sogar schon bis zum Kollektivsymbol geschafft hat. Es ist die des Echoraumes. Was damit beschrieben werden sol,l ist die in vielen Internetforen herrschende Atmosphäre der Einigkeit. Wie bei der Schwarmintelligenz finden sich diejenigen, die eine spezielle politische, religiöse oder abenteuerliche Sicht der Dinge haben und bestätigen sich in ihrer Sicht gegenseitig. Und tatsächlich ist dieses Phänomen immer wieder zu beobachten und tatsächlich ist die Metapher von einem Echoraum, also das wiederholte Hören der eigenen Sätze und Meinungen, ein treffendes Bild.

Die Kritik, die sich mit der Metapher des Echoraumes verbindet, ist die, dass kein kritischer Diskurs mehr stattfindet und eine eindimensionale Meinungsproduktion den kritischen Journalismus ablöst. Eigenartiger Weise deckt sich dieser Vorwurf nur bedingt mit meinen eigenen Erfahrungen. Es ist wohl eine Teilwahrheit. Was allerdings auffällt, ist das Abgleiten des professionellen Journalismus in eben diesen kritisierten Zustand. Ursache dafür scheint die Ökonomie zu sein. Da war es die Monopolisierung beim Medienbesitz und die Revolutionierung der Produktion, die den Echoraum in die reale Lebenswelt dieses Metiers verwandelt haben. Monopole sind recht eindimensional was die Artikulation ihrer Interessen anbetrifft. Hinzu kommt der Zwang, sich auch auf die Billigproduktion des binären Zeitalters zu beziehen. So sind viele Mäuse in den elektronischen Archiven unterwegs, die unter prekären Arbeitsverhältnissen das liefern, was ihnen gesagt wird und fetten Katzen der Meinungsmache, die den Echoraum des Meinungsmonopols so richtig zum Schwingen bringen.

Echoraum hat es zum Kollektivsymbol geschafft und die, die den Begriff als solches kreiert haben, sitzen mitten drin.

Amsterdam, no longer what it used to be

Der Beitrag wurde vor den Wahlen in den Niederlanden veröffentlicht. Er wirft ein kritisches Licht auf die Stadtentwicklung sozialdemokratischer Prägung und prophezeit der Sozialdemokratie ein verheerendes Wahlergebnis. Letzteres ist jetzt ein Faktum, das mit dem Avancement des Populismus allein nicht erklärt werden kann.

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Amsterdam und die Niederlande waren einmal fortschrittliche Orte. Alles Geschichte. Don’t blame Geert Wilders. He is just the result of what the old political establishment did. Medium hat an einem sehr exemplarischen Beispiel gezeigt, um was  es geht. Es geht gar nicht um, den Islam, usw. – es geht um das Geld, wie immer.

Amsterdam war einmal berühmt für seinen Rotlicht-District, um die „windows“ with prostitutes. Sie wurden Jahrzehnte, if not Jahrhunderte toleriert, wirklich legalisiert wurde die Sexarbeit erst 2000. Inzwischen sind die roten Lichter im historischen Rotlichtbezirk weitgehend verschwunden. Sie wurden gentrifiziert. Das Land im historischen Stadtzentrum ist einfach zu wertvoll. Zu wertvoll für sozialdemokratische Funktionäre, um dem vielen Geld zu widerstehen, das Immobilienhaie bezahlen. Die seit Jahrzehnten von den Sozialdemokraten dominierte Stadtverwaltung startete Project 1012.

Project 1012 is a policy plan aimed to fundamentally change the Red Light District (located in postcode region 1012). Its goal is to…

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