Archiv für den Monat März 2017

Wie eine Träne im Ozean

Vielleicht ist es die Metapher überhaupt, die in der Lage ist, das Gefühl zu materialisieren, dem der Mensch in der Moderne, in der technisierten Massengesellschaft, unterliegt. Der in der heutigen Ukraine geborene Schriftsteller Manés Sperber ersann diese Metapher als Titel für eine Romantrilogie, die er geschrieben hatte und die sich mit der verlorenen, zerbrochenen Illusion des Kommunismus auseinandersetzte. Folgerichtig hatten bereits die einzelnen Bücher leidensgeschichtliche Titel: 1. Der verbrannte Dornbusch, 2. Tiefer als der Abgrund, 3. Die verlorene Bucht. Anhand zweier Protagonisten beschrieb Sperber den langen Weg von Osteuropa in den Westen und vom Stalinismus in den bürgerlichen Liberalismus. Obwohl der Faschismus besiegt werden konnte zum Preis eines materiell zerstörten Westeuropas brachen große Teile der osteuropäischen kommunistischen Jugend unter der Niederlage des kommunistischen Ideals durch den Stalinismus ebenfalls zusammen. Wie eine Träne im Ozean, das beschrieb die Weiterexistenz in einer immensen, amorphen, gewaltigen Masse mit der individualisierten, nur atomisiert wahrnehmbaren Trauer und Melancholie. Nichts konnte vernichtender sein, um das 20. Jahrhundert zu beschreiben.

Jenseits der kommunistischen Ideale hat das Bild jedoch seine Fortsetzung. Während im Osten die bereits geopferte Vision immer noch auf dem Altar stand, wurde im Westen die Freiheit des Individuums als das große Projekt des 20. Jahrhunderts festgeschrieben. Und nach dem Kapitel, das als der Kalte Krieg bezeichnet wurde und das nun eine Renaissance erfährt, als das Sowjetimperium implodierte und der Freie Westen auf keine Grenzen mehr zu stoßen schien, da entpuppte dieser sich auch jener Generation, die mit ihm als Stimulans aufgewachsen war, als ein verzerrtes Projekt, in dem es um nackte Macht und nackten Reichtum ging. Bliebe man im literarischen Genre, so müsste jetzt eine weitere Trilogie folgen, und zwar die über die zerbrochene Illusion des Westens, die eine ehemalige Jugend zurücklässt, die sich fühlt wie die einstige kommunistische. Das Déjà-vu jedoch könnte sich unter der gleichen Metapher wiederfinden wie das historische Original: Wie eine Träne im Ozean.

Und alle, die sich mit Abscheu oder in großer Enttäuschung von den politischen Visionen abgewendet haben und nun auf eine technische Lösung des menschlichen Strebens nach Glück setzen, werden mit Sicherheit auf die gleiche Bezugsgröße zurückkommen wie die ihr vorweggegangenen idealistischen Bewegungen. Am Ende stehen Macht, Gewalt und Reichtum. Die technische Vision ist ebenso wenig von den beschämenden Mustern der menschlichen Natur zu trennen wie bei den politischen Visionen, die ihr vorausgegangen sind. Und so konstant wie der Ruin einer jeden Vision ist das Bild, das das menschliche Debakel, das sich hinter dieser Zerstörungstat verbirgt.

Wenn es eine literarische Pionierarbeit in der Moderne gab, die eine Analogie zu Sperbers Roman bildet, dann waren es Balzacs Verlorene Illusionen und Glanz und Elend der Kurtisanen, die die brutale Hinrichtung der Illusion der freien Meinungsäußerung durch eine unabhängige Presse zum Thema hatten. Das bürgerliche Ideal der freien Meinung verschwand unter dem Hammer des Wertgesetzes und des Zeitungsmarktes. Das war es noch die verlorene Illusion Einzelner. Nach dem Einsturz des Kommunismus betraf es radikal alle, ohne Ausnahme. Und die Metapher, die unser aller Gemütszustand präzise umreißt, ist die Träne im Ozean. Mit dieser Tragödie müssen wir leben.

Zum Tag der Poesie

Ich bin ein Stern

Ich bin ein Stern am Firmament,
Der die Welt betrachtet, der die Welt verachtet,
Und in der eigenen Glut verbrennt.

Ich bin das Meer, das nächtens stürmt,
Das klagende Meer, das opferschwer
Zu alten Sünden neue türmt.

Ich bin von Eurer Welt verbannt
Vom Stolz erzogen, vom Stolz belogen,
Ich bin der König ohne Land.

Ich bin die stumme Leidenschaft,
Im Haus ohne Herd, im Krieg ohne Schwert,
Und krank an meiner eigenen Kraft.

Hermann Hesse

Nicht nach der absoluten Macht gegriffen

Joseph J. Ellis. George Washington

Kein anderer Mythos strahlt so in die amerikanische Geschichtsschreibung wie die Figur George Washingtons. So erklärlich es auch sein mag, die Ikonisierung des Gründungsvaters der USA par excellence hinterlässt mehr Skepsis als Begeisterung. Der, der quasi alleine mit einer humpelnden Kontinentalarmee die übermächtigen Briten bezwang, der die amerikanische Nation in die Verfassung schrieb, dem es gelang, den Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Staaten von Nord und Süd während seiner Zeit herzustellen, dem Feldherrn und Präsidenten und dem bescheidenen virginischen Pflanzer. So sehr einer jeden Nation die positive Würdigung ihrer Geburt zuzugestehen ist, der helle Glorienschein verhindert Fragestellungen, die bis heute virulent sind und die hilfreich wären, um bis in die Gegenwart reichende Phänomene zu erklären.

Joseph J. Ellis, emeritierter Professor für amerikanische Geschichte am Mount Holyoke College in Massachusetts und ausgewiesener Kenner der amerikanischen Gründungsgeschichte, hat versucht, die übermächtige Figur George Washingtons realistisch nachzuzeichnen und in den Kontext zu setzen, der ihr gebührt. George Washington. Eine Biographie ist er Titel dieser Arbeit und sie ist, um es gleich zu sagen, dem Ziel einer historischen Blickschärfung im positiven Maße sehr nahe gekommen. Wie es seriöse Historiker tun, hat Ellis Quellen über Quellen studiert, um sich ein Bild von dem zu machen, was er nicht selten als Phänomen George Washington beschreibt. Und dieses, „unbestochene“ Bild konfrontiert er immer wieder mit dem nationalen, heroischen Narrativ.

Das Ergebnis ist ein entspannt zu lesendes Buch, das durchaus den Protagonisten Washington mit Wohlwollen bedenkt, ihn aber weder mythisiert noch verdammt. Da wird deutlich, dass dem jungen Militär die Ungeduld die schlimmsten Niederlagen einhandelte, während erst sukzessive die Fähigkeit des Zuwartens entwickelt wurde, welcher er wiederum die größten Erfolge verdankte. Und ohne die Faszination des Gedankens an die junge amerikanische Nation zu trüben, wird auch deutlich, dass die alles entscheidende Schlacht von Yorktown mehr durch die Initiative der französischen Alliierten als durch einen kriselnden Washington gewonnen wurde.

Die wahre Größe des für die militärischen Siege Gefeierten bestand jedoch in seiner diplomatischen Fähigkeit, eine Balance zwischen den das heutige Parteiensystem antizipierenden Republikanern und Föderalisten herzustellen. Washington, der zu den reichsten Bürgern der neuen Nation gehörte, betrachtete vieles nach seinem realen Tauschwert, was ihn vor ideologischer Überhitzung bewahrte und ihm die Geduld verlieh, auf den richtigen Moment zu warten. So gab er, der den humanistischen Grundsatz der Verfassung als höchstes Gut schätzte, seinen eigenen Sklaven erst in seinem Testament die Freiheit und thematisierte die Frage nicht schon vorher öffentlich, weil er ahnte, dass die junge Republik sich an diesem Thema bis auf die Grundmauern bekämpfen würde.

Joseph J. Ellis gelingt es, einen übergroßen historischen George Washington vor dem Auge des Lesers erstehen zu lassen, der sehr viel in seinem Leben lernen musste, dem Niederlagen nicht fremd und Siege eher unangenehm waren. Und dessen größte Tat es war, nach dem großen Sieg gegen die Briten, nicht nach der absoluten Macht zu greifen, die ihm die neuen Amerikaner begeistert gewährt hätten. Das wahrhaft Große an dieser Figur, so die vorliegende Biographie, war die der Demokratie verpflichtete Tugend. Das wiederum ist ein Maßstab, der gesondertes Lob verdient!