Archiv für den Monat Februar 2017

Das Sich-Delektieren an der eigenen Unzulänglichkeit

Es existiert ein böses Wort von Adorno über den Jazz, in dem er das transportierte Gefühl dieser Musikform als das Sich-Delektieren der Schwarzen mit der eigenen Unzulänglichkeit bezeichnet. Das Zitat zeigt zweierlei. Zum einen, dass es sich bei Adorno um ein Exemplar des elitären Bürgertums gehandelt hat und er exklusiv in den Kategorien desselben gedacht hat und zum anderen, dass es in der Betrachtung solcher Zitate eine Historizität geben muss. Wenn diese Erkenntnis nicht mehr zählt, dann sind die Zeiten düster. Denn wenn nicht mehr historisiert werden kann, d.h. wenn es nicht mehr zulässig ist, etwas innerhalb der Maßstäbe der zu betrachtenden Zeit eine Weile gelten zu lassen, dann herrscht das Dogma und das Amöbenhafte. Menschen ohne Geschichte sind gattungsgeschichtlich hirnlose Wesen, vor denen man sich in Acht nehmen muss.

Doch zurück zu der Formulierung Adornos. Mit ihr dokumentierte er auch seine epistemologischen Grenzen, denn wenn ein Genre aufzeigt, dass die Kunstgeschichte nicht mit dem Bürgertum an ihr Ende gelangt ist, dann ist es der Jazz. Er war und ist die urbane Befreiung vom ruralen Kolonialismus und die Formgebung industrieller Kakophonie. Das hat Adorno nicht begriffen, weil ihm etwas unterlaufen ist, was ihm ansonsten in seiner Musiksoziologie nicht passiert ist: er hat sich mit den Texten begnügt, ohne die tonalen Folgen zu studieren. Aber damit lassen wir es auch bewenden.

Das Sich-Delektieren an der eigenen Unzulänglichkeit jedoch ist als Formulierung an sich genial, weil sie etwas beschreibt, das durchaus als ein im kantischen Sinne Unaufgeklärtes gelten kann. Denn, bei Betrachtung heutiger stereotyper Verhaltensmuster ist das in der adornoschen Formulierung Getroffene keine Seltenheit. Immer wieder ist dieser Sachverhalt anzutreffen. Individuen oder Menschengruppen finden zusammen, beschreiben sich und ihre Rolle in einem Prozess und stellen fest, dass sie in diesem Prozess zu Recht keine souveränen Subjekte, sondern manövrierte Objekte sind. Und, das ist das Fatale, sie ergötzen sich sogar daran. Der Status des Unaufgeklärten Selbst erscheint als etwas Lust Spendendes, als ein Zustand des Genusses. Das Sich-Delektieren an der eigenen Unzulänglichkeit entpuppt sich als das Ergebnis umfassender Entmündigung.

Eine Eskalation zum Schlechteren ist schlichtweg nie ausgeschlossen. Und so verwundert es kaum, dass das Bekenntnis zur eigenen Unzulänglichkeit von denen, die politische Prozesse gestalten sollen, auch noch aufgenommen wird wie eine willkommene Einladung, um Trost zu spenden. Das ist frivol und unaufrichtig, weil es das bewusste Handeln von Menschen als gesellschaftlichem Akt nicht mehr vorauszusetzen gewillt ist. Da wird es schwierig, noch weitere Abstufungen zu finden. Es mutet an, wie eine prä-humane Phase der Existenz.

Die Koketterie mit der eigenen Unzulänglichkeit mit Empathie eliminieren zu wollen, ist der Versuch, Verweigerung durch Zuwendung zu therapieren. Zumindest spricht sehr viel dafür, dass es sinnvoller ist, die negativen Folgen von Unmündigkeit aufzuzeigen, als die mit ihr korrelierenden Belohnungssysteme hervorzuheben. Es ist sinnvoller, Forderungen an die Unzulänglichen zu stellen, als sie von einem Leben in Selbstbestimmung abzuschirmen und ihnen den Müßiggang der Bevormundung als erstrebenswertes Ziel zu suggerieren. Es heißt, dass das von Kant formulierte Heraustreten aus der selbst verantworteten Unmündigkeit nur durch eine Forderung an das Subjekt gewährleistet werden kann. Und nicht durch Sympathie für das Opfer. Das klingt banal, ist jedoch die Essenz von Befreiung!

Von Richtung und Haltung

Es geht hoch her in diesen Tagen. Überall machen sich die Konkurrenten für die kommenden Bundestagswahlen locker und versuchen schon einmal, ihre Claims abzustecken. Da ist, auch durch die internationalen Ereignisse, eine Dynamik ins Spiel gekommen, die vor einem halben Jahr noch undenkbar war. Der Grund ist die Offenheit eines Spiels, bei dem vieles von anderen Faktoren abhängt. Es wird in Frankreich, den Niederlanden und in Deutschland gewählt werden. Wie diese Wahlen ausgehen werden, steht in den Sternen. Dennoch wird ihr Ausgang darüber bestimmen, was aus dem jetzigen Europa werden wird. Vieles spricht dafür, dass es nicht so bleibt, wie es ist. Das ist positiv, wenn man den Bürokratismus, den Zentralismus und die Dominanz des Wirtschaftsliberalismus betrachtet, es ist negativ, wenn die nationalistischen und teils völkischen Embleme wieder benutzt und als Konzept für die Zukunft verkauft werden.

Das europäische Binnenverhältnis wiederum wird darüber entscheiden, wie mit den USA als einem Land, das in der Wertschöpfung schwächelt und von den internationalen Finanzströmen zunehmend abgeschnitten ist, umgegangen werden wird. Wird Europa sich spalten und beherrschen lassen oder wird es mit einer Stimme sprechen und der gestrigen Ordnungsmacht zeigen, wo ihre Grenzen sind? Auch das steht in den Sternen, und wahrscheinlich ist letzteres nicht, weil das Aufbegehren geübt sein muss, bevor es Erfolg hat. Und zumindest in Deutschland, das der Welt etwas vormachen kann bei Revolutionen von Oben, bei denen von Unten hat es bis auf einige kurze, glückliche Episoden nie geklappt. Und nach aufgeklärten Designern für eine Revolution von Oben sieht es gegenwärtig eher nicht aus.

Mit dem Verhältnis zwischen Europa und den USA ist auf der sich in eine neue Ordnung bewegenden Welt noch gar nichts geregelt. Und es könnte auch alles ganz anders laufen. In Großbritannien hoffen die Akteure des Brexit auf eine neue, enge Koalition zwischen den USA und GB jenseits der EU. Sollte es darauf hinauslaufen, dann wären die Briten in kurzer Zeit voll in amerikanischer Hand, was das Schicksal des einstigen Empires relativ schnell besiegeln könnte. Der Rest der EU befände sich, sollten diese Annahmen stimmen, auf dem Weg zu neuen Bündnispartnern und Märkten, die vielleicht weiter in Osten liegen, als heute befürchtet wird. Die Gefahr, die in einem solchen Fall von der großen Macht China ausginge, wäre die Inhalation europäischen Know-Hows in chinesische Planungsstrategie und chinesische Dominanz. Dann stünde der glorreiche Westen von Gestern plötzlich da wie eine ausgebrannte Ruine.

Und, der Faden könnte noch weiter gesponnen werden. Oder ganz anders. Das hängt von der Perspektive der Betrachtung ab. Wichtig ist zu bemerken, dass wir vor keinen kleinen Routinen stehen, die abzuspulen sind, sondern entscheidend daran mitwirken werden, was aus dieser Welt in den nächsten Jahrzehnten werden wird. Manche, so ist zu sehen, brechen schon jetzt unter dieser Last der Verantwortung zusammen. Andere waren ihr nie gewachsen. Aber diejenigen, die bereit sind, sich an diesen Entscheidungen aktiv zu beteiligen, denen sei gesagt, dass es bei all der vor uns liegenden Komplexität vor allem auf zwei Dinge ankommt: Auf Richtung und Haltung. Wer weiß, wohin er möchte, und die Umstände definieren kann, wie er sich fortbewegen will, der hat viel gewonnen, in Zeiten von Furcht und Unsicherheit, in Zeiten von  falschen Lösungen und schnellen Antworten.

Sandmännchen oder Red Herring?

Der Erzählung nach kam abends das Sandmännchen und streute mit fürsorglicher Güte den noch aufgeregten Kindern eine Prise des Sandes, welchen es in einem Sack auf dem Rücken trug, in die Augen. Dabei erzählte es eine Gute-Nacht-Geschichte, in der es keine Aufregung mehr gab, ganz im Gegenteil, sie hatte den Charakter eines schönen Traums, in dem nichts Schlimmes vorkam, sondern sich vieles widerspiegelte, was sich Kinderseelen wünschten. Das Ergebnis war ein sanfter Schlaf, fernab der aufregenden Welt. Selbst die verbal-homöopathische Betäubung, die sich in diesem Ritual zeigte, war das Zeichen einer heilen Welt. Diese existierte nie. Aber was wäre die Sozialisation des Menschen ohne ritualisierte Formen der Illusion?

Warum ich das erzähle? Weil mir kürzlich jemand sagte, das Phänomen Donald Trump wäre eine Erscheinung wie das Sandmännchen. Mit dem Bösen, das mit diesem Mann assoziiert werde, würden die Menschen hier, fernab der USA, wieder einmal eingeschläfert und davon abgehalten, die Augen offen zu halten und zu sehen, was hier alles im Argen liegt und womit man sich besser beschäftige als mit Donald Trump. So ganz Unrecht hatte der Mann nicht, auch wenn der Vergleich gewaltig hinkt. Denn ob Trump, oder Erdogan, oder Putin, oder Assad, die große Aufmerksamkeit, die diese Menschen und ihr Tun genießen, sie hat sicherlich etwas damit zu tun, die eigenen Umstände unausgesprochen zu beschönigen und von eigenen Defiziten abzulenken. Insofern dient die mediale Ekstase, mit der über die Bösewichter dieser Welt berichtet wird, den Menschen Sand in die Augen zu streuen. Aber, und das ist der Unterschied zum Bild und Narrativ des Sandmännchens, die Sicht wird getrübt, aber nicht das Einschlafen ist das Ziel, sondern es wird mit Angst und Schrecken gearbeitet, vielleicht auch, um Aggressionen zu erzeugen.

Es ist nicht zu unterschätzen, dass die Deutung des Bekannten, von dem ich berichtete, keine Einzelepisode darstellt. Immer mehr Menschen kommen zu dem Schluss, dass der Aufmerksamkeitsfokus sich auf Dinge richtet, die weit weg von dem sind, was die eigenen Einflussmöglichkeiten betrifft. Und die Reaktion vieler, die auf dieses Spiel anspringen und es mitmachen, zeigt, dass es etwas beinhaltet, das einerseits befriedigt, anderseits aber kaum praktische Folgen für das eigene Handeln hat. Bei allem, was da verbal an Entrüstung über den Tisch geht, ist daher zu hinterfragen, ob die Radikalität dann noch gegeben wäre, wenn es Spitz auf Knopf im eignen Lebensbereich geht. Zu oft ist zu beobachten, dass die über Verhältnisse oder Personen in der Ferne richtenden so aufrechten Demokraten im Alltag jede Schmähung und Demütigung schlucken wie die frommen Lämmer. Auf sie zu setzen, wenn es einmal wirklich um die Menschenrechte im eigenen Land ginge, bei dem die Skrupellosen direkt vor der Haustür stehen, halte ich für eine fatale Spekulation.

Da das Bild des Sandmännchens nicht ganz stimmig ist, sollte die Technik der Desinformation vernünftiger Weise mit einem anderen Begriff belegt werden. Im Angelsächsischen existiert der Begriff des Red Herrings, also des Roten Herings, der ziemlich genau die Ablenkungsmanöver beschreibt, mit denen wir es zunehmend zu tun haben. Wir sollten ihn häufiger verwenden, weil er mehr auf die Notwendigkeit der Korrektur deutet als auf das bloße Einschläfern. Wer merkt, dass er bewusst auf eine falsche Fährte gesetzt wird, der verspürt sofort das Bedürfnis, dem Manöver auf die Schliche zu kommen.