Archiv für den Monat Februar 2017

Lessings Katharsis und das Subjekt in der Moderne

Als wesentliches Krisensymptom unserer Zeit bezeichnen Sozialpsychologen die mangelnde Ambiguitätstoleranz als Massenphänomen. Damit ist gemeint, nicht mit Unabwegbarkeiten und Ungeklärtheiten leben zu können. Oder anders herum, es geht um die nicht mehr vorhandene Fähigkeit, sein Leben zu leben, ohne es mit einfachen Wahrheiten absichern zu können. Vor der Moderne hätte man diesen Zustand zweifelsohne als mangelndes Gottvertrauen bezeichnen können und man hätte nicht falsch gelegen. Heute, wo Gott meistens in der Form eines modehaften Fetischs vorkommt, ist ihm die Fähigkeit verloren gegangen, Vertrauen zu generieren. Und die armen Seelen, die durch die rasende Komplexität der Moderne schlingern, finden kein Vertrauen mehr in sich selbst. Zumeist handelt es sich um entmündigte Objekte, die aus individuellem Erfolg keine Kraft mehr schöpfen können.

Der Positivismus als die vulgärste Form des zeitgenössischen Rationalismus hat es vor allem geschafft, den Glauben an mögliche Gewissheiten lächerlich zu machen. Und da die Verwissenschaftlichung unseres Daseins immer wieder als die große Errungenschaft des Zeitalters gepriesen wird, soll es wohl so sein, dass dennoch nicht alles in dem Tempo erklärt werden kann, wie es zum Vorschein kommt und es darf in der verkopften Ära nicht sein, Trost spenden zu wollen und zu können. So werden Menschen hinterlassen, die sich vieles nicht mehr erklären können, die über keinen inneren Kompass verfügen, um dennoch Orientierung zu finden und denen niemand mehr Trost spendet.

Gotthold Ephraim Lessing war es, der vielleicht als letzter versucht hat, das Zeitalter der Moderne bewusst zu betreten und etwas mit in es hineinzunehmen, das aus der Vergangenheit stammt und dennoch in die Zukunft weisen kann. Es ist, man lese seine Hamburger Dramaturgie, der Begriff der Katharsis. Die in der griechischen Antike formulierte Gewissheit über die Persönlichkeitsbildung durch das Mit-Leiden und Mit-Erleben. Wer jenseits der Rationalität an die emotionale Möglichkeit der Charakterformung denkt, so Lessing, seziert den Menschen nicht mit dem kalten Messer und lässt ihn liegen, sondern gibt seiner eigenen Komplexität den Segen.

Mit dem Kleinen Organon von Brecht war dann alles vorbei, er, der sonst alles wusste, liquidierte die Katharsis zugunsten der Alleinherrschaft der Vernunft. Diese enthüllte nahezu alles, sie erklärte vieles, aber sie schuf dennoch nicht das Vertrauen, dessen es bedarf, um eine immer komplexere Welt zu ertragen. Die Freiheit, die die Erkenntnis mit sich bringt, erzeugte die Unsicherheit, die aus dem verlorenen Vertrauen resultierte. Und die Aufgabe, die daraus resultiert, ist klar und deutlich zu formulieren: Wie kann die Herrschaft der Vernunft und des Verstandes gesichert werden, ohne das Vertrauen in die Grundalgen der Existenz zu zerstören?

Die eindeutige Beantwortung der Frage gliche einer Weltformel. Eine Annäherung an das Themenfeld sei jedoch erlaubt, und man verzeihe das Staccato: Die Vernunft muss sich ihrer Reinheit immer wieder vergewissern und sich nicht kontaminieren mit Methoden der Manipulation. Die Individuen müssen als Subjekte gelten und ihr Handeln als Subjekt muss als Forderung über allem stehen. Bei der Persönlichkeitsbildung müssen kathartische Episoden bewusst erlaubt sein. Das Streben nach Wahrheit muss die unterschiedlichen Anstrengungen vereinen.

Es fällt schwer an ein solches Projekt zu glauben. Aber genau das gehört zu jenem Vertrauen, das die Voraussetzung für Veränderungsprozesse ist. Wer sich nicht als handelndes Subjekt fühlt, verändert nichts. Unabhängig vom Erfolg!

Dortmunder Gewalt und so genannte Flachzangen

Manchmal ist es sehr einfach, sich eine Meinung zu bilden. Da liegen die Verhältnisse offen und es muss nicht lange recherchiert werden, um zu dem Urteil zu kommen, dass da etwas gehörig falsch gelaufen ist. So geschehen anlässlich des letzten Bundesliga-Heimspiels von Borussia Dortmund gegen Red Bull Leipzig. Da hatten Anhänger der Dortmunder solche von Leipzig gewaltsam angegriffen und einige davon verletzt. Das ist nicht in Ordnung, wie es nie in Ordnung ist. Es steht so im Gesetz und das Gesetz hat seinen Sinn. Punkt.

Festzustellen, dass ordnungswidrig und damit inakzeptabel gehandelt wurde, ist das eine. Darüber hinaus die Delinquenten gesellschaftlich jenseits der zu erwartenden gesetzlichen Strafen kollektiv zu marginalisieren und sogar den gesamten Verein in Haftung zu nehmen, das entspricht nicht dem Willen des Gesetzes. Es deutet darauf hin, dass diejenigen, die sich jetzt im Recht wähnen, nicht identisch mit jenen sind, die für das Recht stehen.

Borussia gegen Red Bull. Der alte Name Preußens, der aus der Zeit stammt, als sich Preußen die westfälischen Kohlegruben einverleibte, gegen eine Kopie der in Südostasien verbreiteten Stimulationsbrause Krating Deng. Wer sich ein wenig für Geschichte interessiert, der kann bereits durch die Gegenüberstellung dieser beiden Namen vermuten, dass es bei der Aggression, die vor dem Spiel zum Vorschein kam, nicht um Fußball ging. Es ging um Geschichte, genauer gesagt um den Tod des Ruhrgebiets, die Globalisierung und die subventionierte Wiedergeburt Leipzigs als wirtschaftsliberale Ost-Metropole. Ob das die Schläger so im Kopf hatten? Ich glaube es nicht, aber sie hatten es im Bauch.

Dortmund gehört zu jenen Städten, durch die vor vierzig Jahren der Leibhaftige geschritten ist und alles zerstört hat, was den Menschen dort Arbeit und Würde gab. Quasi über Nacht verlor die Stadt achtzigtausend Arbeitsplätze. Es war dahin mit der Identität, es war dahin mit einem auskömmlichen Leben. Der Fußball war das einzige Feld, auf dem die Selbstachtung weiter leben konnte. Heute hat sich Dortmund durch ungeheure Anstrengungen einigermaßen erholt. Doch die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel wird bleiben. 

Fragt man die Leute dort, so hat die erste Phase der Globalisierung für das Ende von Kohle und Stahl im Ruhrgebiet gesorgt. Die Globalisierung wiederum ermöglichte es Menschen wie dem „Erfinder“ von Red Bull, ungeheure Vermögen anzuhäufen und alles machen zu können, wonach ihnen der Sinn steht. Es bezieht sich auf die Frage, wo man Steuern zahlt, wem man die Revenuen zukommen lässt, die das Unzählbare erreicht haben und wo man gedenkt, etwas aus dem Boden zu stampfen. Dessen eingedenk ist es keine Überraschung mehr, dass auch der Fußballverein Red Bull Leipzig zu einem Symbol des unanständigen Reichtums und der willkürlichen Entscheidung geworden ist. Vor allem aus der Perspektive jener, die da ausgeflippt und gewalttätig geworden sind.

Jogi Löw, der Bundestrainer, der als Schwarzwälder weit weg ist vom brutalen Takt der weltumspannenden Beschleunigung, sprach davon, dass solche Leute nichts im Fußball zu suchen hätten. Und Mehmet Scholl, der in München residiert, nannte die Gewalttäter Flachzangen. Ich tue mich schwer mit solchen Aussagen, weil sie davon ablenken, dass es eine Form der Geschichte gibt, die Menschen zu dem machen, was sie sind. Ja, sie müssen dennoch das verantworten, was sie tun. Keine Frage. Aber so zu tun, als gäbe es keine Ursachen für die Gewalt, als läge es exklusiv an der Degenerierung der Delinquenten, das ist ganz ausgewachsenes Flachzangentum. Historisch gesehen, versteht sich.