Archiv für den Monat Januar 2017

Dirty Dancing

Hysterie ist nie ein gutes Mittel, um sich in Krisen zu orientieren. Manchen reicht auch schon die Normalität, um hysterisch zu werden und andere wiederum behalten selbst in nicht haltbaren Verhältnissen dermaßen die Nerven, dass sie alle anderen irritieren. Bei einem ganz normalen Verkehrsunfall kann man beobachten, dass eine Unterscheidung in Bezug auf die Katastrophe gemacht werden kann: In der Regel sind diejenigen, die sich von Berufswegen, d.h. professionell mit dem Unfall beschäftigen müssen, bei Bedarf Polizei, Sanitätsdienste und Feuerwehr, mit einer erstaunlichen Ruhe bewegen. Das haben sie trainiert und das ist gut so. Denn alle anderen Akteure sind durch Traumatisierungen, Schockzustände oder schlichte Emotionalisierung ein weiteres Sicherheitsrisiko.

Und so wie es im Zivilverkehr der Fall ist, sollte es auch in allen anderen Bereichen zugehen. Und auf dem Feld der Politik ganz besonders. Gesellschaftliche Krisen bergen das Höchstmaß an zu verursachendem gesellschaftlichen Schaden. Eine ganz besondere, delikate Krise kam mit dem Finanzcrash von 2008 daher. Aufgrund der Versuche, die Gesellschaft zu beruhigen, was sehr vernünftig war, weil Panik und Geld immer eine tödliche Mischung sind, hat sich jedoch eine Beruhigung eingeschlichen, die in hohem Maße gefährlich ist. Die Krise von 2008 ist nicht nur noch nicht ausgestanden, sondern sie ist die Ursache für die wachsende politische Destabilisierung der Welt. Und in einer solchen Situation keine Diskussion darüber zu führen, was die Entfesselung der Banken mit staatlicher Unterstützung an Gegenmaßnahmen erfordert, ist nur mit der Agenda zu erklären, den Kurs weiter zu verfolgen. Die Banken wurden ermutigt, so weiter zu machen, wie bisher. Dabei wird nicht gesehen, dass es eben jener Crash war, der den USA die ökonomische Grundlage für ihre Weltherrschaft entscheidend angeschlagen hat und diese nun darauf reagieren.

Die Reaktion der USA auf die Veränderung der Weltwirtschaft wiederum führt dazu, dass sie ihre Politik neu orientieren und vermutlich ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen neu definieren. In diesem Prozess ist für die alten Allianzen zunächst einmal wenig Platz. Und genau diese Erkenntnis führt zu der Hysterie im deutschen Regierungslager auf die Wahl Donald Trumps. Alles, was dieser bis jetzt zu weltökonomischen wie politischen Konstellationen von sich gegeben hat, spricht für diese Neuorientierung, die übrigens auch Obama im Gepäck hatte, die ihm jedoch misslungen ist. Die Bundesrepublik, die seit ihrer Gründung quasi mit einer Meistbegünstigungsklausel im Windschatten der USA gefahren ist, hat heftige Veränderungen zu befürchten, entweder finanziell oder sogar militärisch. Das macht die Regierung regelrecht kirre, weil es in ihren Szenarien nicht vorkam.

Es ist also nicht die Ursache der Krise, der Crash von 2008 und seine Folgen, der die Regierung in die Hysterie treibt, sondern die Reaktion des großen Verbündeten USA darauf. Und deshalb sind die staunenden Europäer mit einem Phänomen konfrontiert, das nur in die aberwitzige Psychologie deutscher Kalkulation passt, das sich jedoch als zunehmend real herauskristallisiert. Man scheint zu kalkulieren, dass eine militärische Konfrontation mit alt bekannten Größen dazu führen könnte, die alten Bündnisse konservieren zu können. Und deshalb gehen die Initiativen, vor allem gegen Russland, von Berlin aus, immer gepaart mit der Forderung an die USA, gefälligst mitzumachen. Das ist eine neue Erkenntnis, die unglaublich ist. Aber wenn man genau hinschaut, ist keine andere Erklärung zu finden.

Überschussrecycling und der tendenzielle Fall der Profitrate

Yanis Varoufakis. Der globale Minotaurus. Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft

 
Selten wurde eine Person in der deutschen Öffentlichkeit derartig verzerrt dargestellt. Es hatte weniger mit ihm, als mit seiner Rolle zu tun. Und die Legende in Deutschland stand von den faulen Griechen, die über ihre Verhältnisse gelebt hatten und jetzt nicht die Zeche bezahlen wollten. Und dann kam aus der Syriza-Regierung plötzlich ein neuer griechischer Finanzminister daher, selbstbewusst, ohne Krawatte, aber mit Motorrad und lachte das vereinigte Konsortium der tatsächlichen Bankenretter einfach aus. Das war für viele der Zunft unerträglich und dabei ging die Wahrheit über Varoufakis unter. Er seinerseits hatte eine unzweifelhafte Reputation als Wirtschaftswissenschaftler und bereits in Sydney, Glasgow und Cambridge gelehrt. Und was die Zusammenhänge der Weltfinanzkrise anbelangte, da gehörte er wohl zu den versiertesten Analytikern.

In seinem Buch „Der globale Minotaurus. Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft“, das 2015 erschien, wandte er sich zum ersten Mal an ein größeres Publikum und versuchte die Begebenheiten, die nicht nur sein Land und Europa, sondern vor allem die USA und den Rest der Welt in eine massive Finanzkrise gestürzt hatten, zu entschlüsseln. Das ist ihm gelungen, obwohl alles sehr komplex ist und trotz der einfachen und erklärenden Sprache dadurch nicht einfacher wird.

Methodisch brilliert Varoufakis durch den Umstand, dass er zwei mit einander verbundene systemische Krisenfaktoren analysiert, sie historisch einordnet und daraus abgeleitet die richtigen Fragen stellt.

Beim ersten Faktor handelt es sich um den Globalen Mechanismus zum Überschussrecycling (GMÜR). Dabei handelt es sich um den globalen Plan der USA nach den vorangegangenen Weltfinanzkrisen. Mit der Etablierung Deutschlands und Japans wurden wareproduzierende Länder geschaffen und protegiert, die global die Konsumgüternachfrage befriedigen konnten, ihre Kapitalüberschüsse aber dennoch in der Wall Street anlegten, was die USA, den globalen Minotaurus, trotz Handelsbilanzdefizits dazu befähigte, Dollars nach Belieben zu drucken.

Und der zweite Faktor ist einer der Kernsätze der Kapitalanalyse von Karl Marx, der bis heute wirkt und den immer höheren Kapitalaufwand immer weniger entschädigt. Es handelt sich um den tendenziellen Fall der Profitrate. Der durch die Konkurrenz und den technischen Fortschritt begünstigte permanente Rationalisierungsprozess dezimiert die am Wertschöpfungsprozess beteiligten Menschen und reduziert somit die Quellen des Gewinns.

Obwohl alle bisherigen Weltfinanzkrisen die gleichen Ursachen hatten und obwohl sie immer damit endeten, dass die Regierungen der ramponierten Länder versuchten, die Banken und ihre außer Rand und Band geratenen Zocker an die Leine zu nehmen, muss das Jahr 2008 als Scheitelpunkt betrachtet werden. Die Systemkrise hat eine derartige Qualität angenommen, dass ein systemimmanentes Krisenmanagement keine Luft mehr verschaffen kann. Ganz im Gegenteil: Von Washington bis Berlin wurden Hilfspakete für die Banken geschnürt, statt sie zur Räson zu rufen. Die Quintessenz aus Varoufakis´ Szenario ist das Ende des kapitalistischen Finanzmarktes in seiner jetzigen Form und damit das Ende der kriegerischen Pax americana. Ob damit ein chinesisches Zeitalter anbrechen wird, ist nach Varoufakis noch ungewiss.

Der globale Minotaurus ist eine exzellente Analyse der Weltwirtschaft, die trotz ihrer Verständlichkeit nicht darauf verzichtet, komplexe Details zu beleuchten. Und das Buch zeigt durch seine Qualität auch, wie wenig in der propagandistisch verpesteten Berichterstattung noch darauf verzichtet wird, dem seriösen Bild der handelnden Akteure gerecht zu werden. Noch ein Grund, sich der Lektüre zu widmen.

Liä Dsi: Und die Moral von der Geschicht … — nit möööglich!

Yang Dschu sprach: “Bequeme Wohnung, schöne Kleider, feine Speisen und schöne Frauen: Wer diese Dinge hat, was braucht der mehr zu begehren? Wer diese Dinge hat und dennoch mehr begehrt, der ist eine unersättliche Natur; eine unersättliche Natur aber ist wie eine Made im Haushalt der Welt. (Was man zum Beispiel) Pflichttreue nennt, ist keineswegs […]

über Liä Dsi: Und die Moral von der Geschicht … — nit möööglich!