Archiv für den Monat November 2016

Carte blanche für den Diktator

So, alles wäre alles ganz neu, reagiert die staatliche Berichterstattung auf die Ereignisse in der Türkei. Hört man ihnen zu, scheint es so zu sein, als liefe dort plötzlich einiges aus dem Ruder. Gespeist wird diese Sichtweise von dem Wunsch, dass die Politik der Bundesregierung gegenüber dem Land am Bosporus nicht falsch gewesen sein möge. Doch der Wunsch ist bereits zu einer fatalen Erinnerung geworden. Denn vieles, was momentan in der Türkei passiert, wäre ohne die Duldung einer zielgerichteten Installierung einer Diktatur durch Deutschland, die EU und die NATO nicht geschehen. Der Westen, der sich so gerne als Wertegemeinschaft bezeichnet, hat es zugelassen, wie ein ziemliches armeseliges Regiebuch, das aus dem Arsenal der deutschen Nazis stammt, Schritt für Schritt in die türkische Realität umgesetzt werden konnte.

Man muss schon sehr gläubig sein, um immer noch davon auszugehen, dass in der Türkei vor einigen Monaten rebellische Elemente in Armee und Justiz einen Staatsstreich geplant haben. Binnen weniger Stunden, die von der Dramaturgie auf Präsidentenseite nicht zu überbieten waren, reichten, um dem Spuk ein Ende zu bereiten. Das Volk, so hieß es, sei an der Seite des osmanischen Demagogen gewesen und noch in der Nacht begann die staatliche Maschinerie zu rollen wie geschmiert. Bis heute sind über 100.000 Menschen aus dem öffentlichen Dienst entlassen und ca. 35.000 sitzen im Gefängnis. Zeitungsredaktionen sind geschlossen, Redakteure hinter Gittern, im Parlament wird die Todesstrafe vorbereitet, Bombardements auf kurdische Wohnviertel innerhalb der Türkei werden fortgesetzt, kriegerische Handlungen auf syrischem Gebiet ohne Mandat und Einladung gehören zur Alltagsroutine und nun rollt die Welle von Verhaftungen von Parlamentsabgeordneten. Der Putsch war der türkische Reichstagsbrand, die Pogromnächte folgten.

Vor allem Deutschland hat dem türkischen Präsidenten eine Carte blanche in die Hand gegeben, als die Bundesregierung mit ihm in Verhandlungen über die Flüchtlingsrouten trat. Der Deal, wie er genannt wurde, dass keine Massenbewegungen von syrischen Flüchtlingen mehr nach Europa und damit auch nach Deutschland kamen, beinhaltet de facto freie Hand für die diktatorische Umgestaltung der Türkei. So bitter sich das anhört, da haben zwei Menschenhändler am Tisch gesessen und der skrupellosere von beiden spielt die Karten konsequenter als der andere. Und der türkische Diktator hat Zeit, bis zur nächsten Bundestagswahl im September 2017 sollen keine großen Flüchtlingsbewegungen nach Deutschland kommen. Bis dahin dürfte das Zuchthaus mit Namen Türkei komplett eingeweiht sein.

Entlastung bei der Rechenschaft, die die Bundesregierung für ihre Politik ablegen muss, enthält sie durch die Tatsache, dass das türkische Unwesen bis dato aus geostrategischen Aspekten auch vom amerikanischen Imperium und damit durch die NATO gedeckt ist. Aber nur für einen Moment, denn die NATO-Mitgliedschaft ist längst durch eine wachsende Kriegsgefahr, die durch imperiale Interessen und nichts anderes motiviert ist, zu einem großen Risiko geworden. Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.

Deutschland, und nicht diese Bundesregierung, Deutschland steht vor schwer wiegenden Entscheidungen. Sie betreffen die Definition der eigenen Rolle. So, wie sie die jetzige Rolle spielt, teils ein Funktionär in eigener, zumeist rein ökonomischer Sache, teils als Mitglied der amerikanischen Jagdmeute, bringt sie Schaden über sich und die sie betreffende Welt. Deutschland als zentraleuropäische Macht braucht eine Stimme, die für den Frieden spricht und die die Konsequenz in sich trägt, die im Umgang mit Diktatoren erforderlich ist.

Sprachverwirrung: Kontext oder Bedeutung?

Wichtig ist, sich von der Illusion zu befreien, irgendwie würde alles schlechter. Der Gedanke, der häufig in den Diskussionen um die Gegenwart und die Gestaltung der Zukunft auftaucht, beinhaltet eine Unterstellung, die so nicht zu halten ist. Sie spielt mit der These, früher sei alles besser gewesen. Dass dem nicht so ist, wissen alle, denn sonst hätte es keine Triebfeder für die Veränderung gegeben. Richtig scheint vielleicht eine weniger optimistische, dem gegenwärtigen Verlauf aber vielleicht gerechter werdende These zu sein, die besagt, dass es zwar nicht besser, aber anders werde. Und ich möchte an dieser Stelle nicht auf die Geschichte an sich eingehen, denn das wäre vermessen, und auch nicht auf die politischen Entwicklungen auf unseren Breitengraden, denn da träfe die These nicht zu, weil es momentan schlechter wird, aber vielleicht auf das Phänomen der Kommunikation. Keine Angst, es geht um nichts Abstraktes, sondern die Sprache.

Es fällt auf, dass die benutzte Sprache mit der Interaktionsgeschwindigkeit, die die Digitalisierung mit sich bringt, eine Veränderung in ihrer Nutzung wie Formung erfährt und erfahren hat. Das zu benutzende Wort wird in großer Geschwindigkeit aus dem Vokabular entnommen und in den Äther geschleudert. Dort wird es wie eine flüchtige Erscheinung aufgenommen und es erfährt eine Erwiderung, die ebenso schnell und sphärisch ist. Das, was dabei verloren geht, ist die Bedachtheit wie die Bedächtigkeit. Beides hat bei der Auswahl und Wahl von Sprache eine immense Bedeutung. Sprache verliert so an Macht, und, bei den Nutzern, in vielerlei Hinsicht auch an Bedeutung. Das Resultat ist, dass der Sinn eines Wortes und einer Aussage nicht mehr in der eigenen Bedeutung, sondern in dem am häufigsten benutzten Kontext rekonstruiert wird. Das hat Folgen.

Prekär kann es werden, wenn sich Menschen, die die Sprache aus diesen unterschiedlichen Kulturen entnehmen, sich unterhalten wollen. Das geht eigentlich kaum noch, weil die Bedeutung der Worte nicht mehr gleich ist und ein semantischer Austausch mehr zur Verwirrung als zur Klärung führt. Um die These zu untermauern, hier ein aktuelles Beispiel:

In einem Text auf dieser Seite war die von mir wiederholt vertretene These zu lesen, dass der Erfolg die Mutter der Motivation sei. Ich bin bei der Formulierung dem gefolgt, was in der Etymologie, der Geschichte der Wortbedeutung, das Adäquate ist. Erfolg kommt von erfolgen, d.h. bei einem Erfolg handelt es sich um ein Ergebnis von irgend etwas. Und in dem Substantiv Motivation steckt die Urform Motiv. Lapidar und dennoch treffend ausgedrückt bedeutet Motivation schlichtweg, über ein Motiv zu verfügen. Ein Mensch, und so ist die These gemeint, der etwas probiert und dabei ein Ergebnis erzielt, hat ein Motiv, in seiner Aktivität fortzufahren. Wenn die Aktivität in eine Übung mündet, handelt es sich dabei sogar um den Prozess des Erlernens.

Die Kritiker der These, dass ein positives Ergebnis das Motiv zum Weitermachen liefert, beriefen sich bei den entscheidenden Begriffen auf den allgemein üblichen Kontext der Nutzung dieser Wörter. Erfolg deuteten sie als Glanz und Glitter, sowie monetären Reichtum. Und Motivation war ein Synonym für den eher therapeutischen Versuch, Menschen zu bestimmten Aktivitäten zu ermutigen. Beide Begriffsnutzungen korrelieren nicht miteinander, deshalb führte der Diskurs zu einer Irritation. Es lohnt, sich die Ursachen klar zu machen. Aber die unterschiedliche Nutzung von Sprache sollte bewusster wahrgenommen und thematisiert werden.

Von Moralisten und Komplizen

Jetzt, kurz vor den amerikanischen Wahlen, taucht das Phänomen wieder in voller Blüte auf. Da baden sich die Beobachter und Kommentatoren in einer Orgie von Entrüstung über die Kandidaten. Zugegeben, sowohl Clinton wie Trump sind Exemplare einer Spezies von Politikern, wie wir sie hier noch nicht kennen, aber bestimmte Grundwesenszüge sehen wir auch hier. Doch darum geht es nicht. Entscheidend scheint zu sein, dass es zu großer Erholung führt, Politikern einen Berufs- wie Lebensstil nachzuweisen, der weit von dem entfernt ist, was der legendäre kleine Mann sich so vorstellen kann. Und es führt dann auch folglich zu zwei Reaktionen, die sehr logisch sind.

Die eine Reaktion konzentriert sich auf die moralische Entrüstung. Da überwiegt der Tenor, dass man mal wieder sieht, wie verkommen die Profession doch ist und, da ist man sich bereits seit Urzeiten einig, dass Politik ein schmutziges Geschäft ist. Die zweite Reaktion, die ebenso logisch ist, gibt sich etwas selbstkritischer und geht davon aus, dass jeder Mensch, der in die Position eines Politikers käme, sich so verhalten würde. Die Gelegenheiten, die sich für Politiker aufmachen, sind zu nutzen, und wer das nicht mache, sei dumm. Da treffen Moralismus auf Finesse, der Moralismus tritt in der Regel wesentlich lauter auf, aber die andere Position ist genauso häufig vertreten.

Gemein ist den beiden Analysen nur, dass sie die Umstände, in denen sich die Politik treibenden Menschen befinden, als eine beschreiben, in der in der Regel Dinge möglich sind und häufig passieren, die das normale Leben nicht eröffnet. Der Zugang zu den Opportunitäten wird gewährleistet über den Schlüssel zur Macht. Dort, wo Macht im Spiel ist, sind auch die Mittel, zu verführen, zu bestechen und zu verfallen. Da alles, was mit diesen Stimuli in Verbindung steht, durchaus menschlich ist, stellt sich die Frage, wie damit vernünftig umzugehen ist, ohne mit dem moralischen Zeigefinger oder als Komplize dazustehen.

Zurück zum Wahlkampf in den USA: Das, was tatsächlich erzürnt, sind die Verhältnisse, in denen sich die älteste Demokratie der Neuzeit befindet. Wie sind Verhältnisse zu beschreiben, in denen Figuren avancieren, die sich nicht ihrem Metier der Gestaltung sozialer Verhältnisse widmen, sondern sich exklusiv den Interessen partikularer Nutznießer widmen? Dass, vor allem angesichts der jüngsten sozialen Kahlschläge in der amerikanischen Gesellschaft, sich immer schillerndere Gestalten zu diesem Spiel hergeben, liegt doch eigentlich auf der Hand. Da die politische Programmatik verwässert ist bis zur Unkenntlichkeit, können sich diese Unholde, über die sich medial momentan so aufgeregt wird, so entwickeln und halten. Eine Hillary Clinton ist ebenso eine Ohrfeige ins Gesicht der amerikanischen Gesellschaft wie ein Donald Trump. Programmatisch ist das, was beide von sich geben, gleich chaotisch. Das Perverse ist, dass es darauf gar nicht mehr ankommt.

Auch die europäische Politik unterscheidet sich von dieser amerikanischen Tendenz nicht. Die Lobby in der City of London schickt analog ihre Kandidaten ins Spiel und die Lobbyisten der Deutschland AG suchen die am schlechtest sitzenden Anzüge, um mit ihnen das Gleiche zu machen. Es geht seit langem nicht mehr um das, was Politik erreichen soll, sondern um die Figuren, die sich für das Spiel mit den Leckereien am empfänglichsten zeigen. Und solange keine Fragen nach den tatsächlichen politischen Plänen gestellt werden, wird das Spiel so weiter gehen.