Archiv für den Monat Oktober 2016

Landunter?

Internationalisierung, Globalisierung. Digitalisierung und Beschleunigung, Digitalisierung, und Beschleunigung der Kommunikation. Technisierung aller Lebensbereiche. Wachsende Interdependenzen. Wachsende Ambiguität, wachsende Komplexität, wachsender Rationalisierungsdruck. Deregulierung, wachsender Druck auf die Institutionen der Politik.

Die allgemeine Tendenz der Bewegung ist nichts für Ruhe suchende, nach Kontemplation strebende Menschen. Sie und ihr Weltbild scheinen auf dem absteigenden Ast zu sein. Es ist die Zeit der Macher, der coolen Typen, die die Schalter bedienen und sich mit Koks das Hirn wegblasen. Wer da nicht mehr mitkommt, dem haftet auch noch das Stigma des Langsamen an. Und es stellt sich die Frage, die sich immer schon gestellt hat: Wer hat hier eigentlich den Verstand verloren? Ja, früher, früher war das immer klar. Da waren es die Dropouts, die schnell identifiziert werden konnten, die als nichtmehr ganz koscher galten. Heute, heute scheint das anders zu sein.

Diejenigen, die sich selbst immer als die Basis gesehen haben, als Basis der Gesellschaft, als Basis des Zeitgeists, als Basis überhaupt. Diejenigen, die als Otto Normalverbraucher galten, die sind heute das, was früher die Dropouts waren. Sie sind die Sonderlinge, auch wenn sie sich vermeintlich in der Mehrheit fühlen, sie sind die Sonderlinge, die mit voller Wucht aus der Zeit fallen. Im Gegensatz zum beschleunigten Mainstream brauchen sie noch Zeit zum Denken, und im Gegensatz zum trendigen Rest surfen sie nicht den ganzen Tag in virtuellen Welten rum. Sie gehen immer wieder ins richtige Dasein und verbringen dort, so flüstert man sich zu, manchmal sogar mehrere Stunden am Stück! Außerhalb des Internets! In der langweiligen Scheiße des Seins! Ist es da ein Wunder, wenn die koksinspirierten Hirne der Prozessbeschleuniger ausrasten? Was ist das für ein Affront gegen den Trend. Zeit ist Geld, Zeit ist Rausch!

Es ist schon sehr verwunderlich, dass so etwas wie alte Wahrheiten herhalten müssen, um die Zurückgebliebenen vor der urteilenden Vernichtung der beschleunigten Geister schützen zu müssen. Sind die alten Bedürfnisse tatsächlich passé? Strebt der Mensch noch etwas an, was außerhalb der lockenden Möglichkeitsform liegt? Ist die Welt, in der wir leben, wirklich um so viel komplizierter geworden als die, die hinter uns liegt?

Um ehrlich zu sein, wir wissen es nicht. Jede Zeit, das lässt sich belegen, nimmt sich sehr wichtig und nur selten gehen die Zeitgenossen mit ihrer eigenen Zeit gelassen um. Immer wurde gedacht, man stünde kurz vor der neuen Zeit, zumindest seit der Moderne. Was beruhigt, ist, dass es so etwas wie einen Weltfrieden gibt, der sich in den Routinen des Alltages manifestiert. Unabhängig vom Datum, unabhängig vom Zivilisationsgrad und unabhängig von Ethnie oder Religion. Korn wird weltweit geerntet und Brote weltweit gebacken, Beschleunigung hin, Kommunikation her, die basalen zivilen Prozesse und die hinter ihnen stehenden Besitzverhältnisse haben einer größere Wirkkraft auf das gesellschaftliche Dasein als die Tools der Beschleunigung.

Wer weiß, wie Werte geschaffen werden, wer weiß, wer es letztendlich vollbringt und wer weiß, wie diese Werte tatsächlich verteilt werden, der hält es auch aus, nicht gleich auf allen anderen Blödsinn eine Antwort zu bekommen, der hält es auch aus, dass manches komplizierter  ist al es scheint und der lässt sich auch nicht hetzen von denjenigen, die die Werte gar nicht schaffen. Manche Zusammenhänge entschleunigen ungemein und manche Kausalitäten erklären alles.

Studien zur Befindlichkeit des Journalismus

Uwe Krüger. Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen

So, wie es einige Zeit gebraucht hat, um den verschiedenen kontroversen Themen der jüngsten Vergangenheit ein wenig Raum zur näheren Betrachtung zu lassen, so war das auch erforderlich, die Art und Weise, wie über die kontroversen Themen in den Leitmedien berichtet wurde, kühleren Kopfes zu untersuchen. Angefangen hatte vieles mit der Weltfinanzkrise und der Rettung systemrelevanter Banken, es ging weiter mit der EU-Kreditpraxis und der Verschuldung Portugals, Spaniens und Griechenlands, daran daran an schloss sich eine nie dagewesene Austeritätspolitik, es ging weiter mit dem Junktim der EU-NATO-Osterweiterung, vor allem in der Ukraine, und es setzt sich fort mit der Position der Bundesregierung in der Frage von Massenmigration und den damit verbundenen europäischen Verwerfungen in der EU und dem Verhältnis zur post-putschistischen Türkei und deren Interventionen in Syrien, es gab und gibt genug Themen, über die heftig gestritten werden kann. Was sich quasi zeitgleich entwickelte, war der große Unmut über die Berichterstattung in den so genannten Leitmedien, und dort wiederum besonders in den öffentlich-rechtlichen, die bekanntlich in Deutschland mit einem Monopol ausgestattet sind.

Nun liegt eine Untersuchung von Uwe Krüger vor, die den Titel trägt: Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen. Und, um das gebührende Lob gleich vorneweg auszusprechen, Uwe Krüger erliegt nicht der Versuchung, durch Simplifizierung zu einem schnellen Urteil zu kommen. Wohltuend geht er vom Beginn der, wie er es nennt, Vertrauenskrise zwischen den Produzenten von Nachrichten und deren Konsumenten aus und versucht, Prozess wie Apparat der Meinungsmache im Alternativlos-Deutschland zu dechiffrieren.

Zum einen verfolgt er eine die einzelnen Institutionen untersuchende soziologische Linie, in der vor allem deutlich wird, dass mit der wirtschaftslibertären Ideologie auch die Zeiten für Aufsteiger aus dem Lager der sozialen Underdogs zum Top-Journalisten vorbei sind. Anhand der Auswahlpraktiken der renommierten Journalistik-Schulen zeigt er, dass dort der Prototyp des Mittelklassen-Talentes die besten Chancen zur Annahme besitzt. Zum anderen dokumentiert er, vor allem anhand zahlreicher Beispiele aus den oben genannten Themenkrisen, dass sich innerhalb der Institutionen bestimmte Netzwerke und Lobbys festgesetzt haben, die den dort zu produzierenden Mainstream definieren. Nahezu alle Alpha-Tiere aus den Leitmedien sind Mitglieder us-amerikanischer Think Tanks, die durch Einladungen, Privilegien und Karrieresprünge so manches bewirken können.

Damit einher geht der bereits seit vielen Jahren sich fortsetzende Trend, sich als eine die Politik der Regierenden erklärende, und nicht kritisch zu durchleuchtende Institution zu begreifen. Verdeutlicht wird dieses durch das Phänomen, dass in der Berichterstattung über von der Regierung noch nicht thematisch besetzte Sachverhalte durchaus kritische Ansätze noch zum Vorschein kommen. Hat die Regierung jedoch ein Thema okkupiert, erfolgt Hofberichterstattung. Ebenfalls interessant ist der Proporz von Zustimmung und Kritik in den einzelnen Beiträgen. Der Verweis der kritisierten Medien, sie produzierten ebenso viel Kritisches wie Affirmatives, trifft sogar zu. Nur sind die kritischen Kommentare nie im Zentrum, sondern immer an den Rändern der Zeitung oder bei Rundfunkbeiträgen mitten in der Nacht.

Krügers Studie ist auf jeden Fall die Lektüre wert, wenn der Satz stimmt, dass die Reduktion von Komplexität schnell zu propagandistischen Formen des Urteils führen kann. Es ist sachlich und informativ, nur zum Schluss wirkt er ein wenig hilflos, wenn er vor allem an die Journalisten appelliert, die Nutzer als mündig zu betrachten und mit ihnen auf Augenhöhe zu kommunizieren. Bei denen, die den Weg zur Propaganda eingeschlagen haben, wird das wenig nützen. Und diejenigen, die das begrüßten, fristen mit journalistischen Minijobs ihr Dasein.

Eine Visite im Kalten Krieg

Steven Spielberg. Bridge of Spies – Der Unterhändler

Dass man sich in Hollywood des Kalten Krieges erinnert, mag in den sich mehr und mehr zuspitzenden Szenarien der alten Kontrahenten USA und Russland kein Wunder sein. Wenn sich ein Steven Spielberg der Sache annimmt, kann man sich jedoch beruhigenderweise sicher sein, dass daraus kein die Klischees bedienender Schwarz-Weiß-Film entsteht, in dem das Gute in Washington und das Böse in Moskau beheimatet ist. In dem 2015 erschienenen Film Bridge of Spies – Der Unterhändler geht es, wie es im Titel bereits anklingt, um den Austausch von gefangenen Spionen bzw. wichtigen Informationsträgern der jeweils anderen Seite.

Der Handlungsrahmen, dessen Kenntnis das Erlebnis der Betrachtung in keiner Weise trüben wird, ist recht simpel und dokumentiert bereits gerade damit, wie brisant die Zeiten waren, die da thematisiert werden. Ein russischer Spion wird in den USA verhaftet und ein renommierter Anwalt aus einer Kanzlei, die sich vornehmlich mit Versicherungsfällen beschäftigt, wird von den amerikanischen Behörden gefragt, ob sie die Verteidigung des Delinquenten übernehmen will. Die Wahl fällt auf einen Schadensspezialisten namens Donovan, der von Tom Hanks dargestellt wird. Dessen Steckbrief ist einfach beschrieben: amerikanischer Mittelstand, Glaube an die Verfassung und das Gute im Menschen. Donovan wird sich schnell der Absurdität der Situation bewusst, denn einerseits wurde er engagiert, um der Öffentlichkeit einen ordentlichen Prozess vorweisen zu können, andererseits muss er mit ansehen, dass niemand einen ordentlichen Prozess wünscht. Schnell wird der seriöse Anwalt Donovan zum vermeintlichen Querulanten und zu einer öffentlich gehassten Person.

Der russischen Spion, und das ist ein Verdienst des Anwalts, wird nicht zum Tode verurteilt, sondern bekommt eine dreißigjährige Haft. Das Kalkül, das sich der Richter nach einem Dialog mit Donovan zueigen gemacht hat, bezieht sich auf die vielleicht auftauchende Möglichkeit eines Austausches, sollte die Sowjetunion selber amerikanischer Agenten habhaft werden. Und das geschieht schneller als gedacht, als ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug mit neuem Aufnahmeequipment über sowjetischem Hoheitsgebiet abgeschossen und der Pilot, der sich retten kann, gefangen genommen wird. Da tritt der amerikanische Geheimdienst wieder an den Anwalt heran und beauftragt ihn, selbstverständlich ohne offizielles Mandat, nach Ost-Berlin zu gehen und mit den Russen über einen Austausch zu verhandeln.

Der Film entwickelt sich zu einer Zeit- wie Charakterstudie der handelnden Personen und Parteien. Sehr differenziert werden die immer kurz greifenden Motive der amerikanischen Seite dargestellt und ein Bild gezeichnet von den verwinkelt wirkenden Motivationszügen der Russen wie der Deutschen. Da geht es nicht nur um einen Deal, da geht es auch um Protokoll und Reputation, da geht es um lässliche wie unbedingt zu vermeidende Gesten. Und da geht es um Diplomatie jenseits des Protokolls, die das heute handelnde Personal kaum noch zu kennen scheint. Hanks stellt diesen Anwalt als weich und naiv wirkend, aber ungemein hartnäckig dar und das Personal, dass sowohl die russische wie die deutsche Seite spielt, hat zumeist einen deutschen Paß, was vielleicht daran liegt, dass es bis heute in Hollywood nur zur Darstellung der totalitären Welt engagiert wird. Letztendlich kommt es kurz nach dem Bau der Mauer zu einem Austausch auf der bis heute im Volksmund als Agentenbrücke bezeichneten Glienicker Brücke.

Das Gefühl, das der über zwei Stunden dauernde, völlig ohne Action konzipierte und niemals langweilige Film hinterlässt, ist eine tief eingeritzte Nachdenklichkeit. Über Gut und Böse, und über die Widersprüchlichkeit der Welt. Deshalb ist er sehr zu empfehlen.