Archiv für den Monat Oktober 2016

Die Fähigkeit zur Erkennung des Wahren

Wie lange halten sich eigentlich Durchhalteparolen, wenn deutlich wird, dass ihre Essenz längst nicht mehr der Wirklichkeit entspricht? Wie fühlt es sich an für diejenigen, die entscheiden müssen, ob sie denen, die sie gewählt haben, weiter vertrauen sollen, wenn ihnen klar wird, dass nichts von dem, was sie tatsächlich beobachten, mit der Erzählung übereinstimmt, die ihnen täglich von neuem kredenzt wird? Das kommende Jahr wird zeigen, wie das ist, wenn die erzählte Geschichte nicht mit der gemachten Erfahrung übereinstimmt. Eine Momentaufnahme zeigt, dass das Bild, das routinemäßig immer wieder versucht wird zu erzeugen, gewaltig bröckelt.

Die demoskopischen Institute, jene Drogenschmieden für die Mandatsträger, geben zur Zeit hinlänglich Ergebnisse ihrer regelmäßigen Befragungen bekannt, die die These berechtigt erscheinen lassen, dass die Erzählung von den Werten, die die Politik dieser Republik vermeintlich leiten, gewaltig ins Schlingern geraten ist. Denn den Befragten, d.h. den Wählerinnen und Wählern ist seit langem bekannt, dass in Griechenland keine Rettungspakete für ein Land, sondern Zwangskredite für die Rettung Hasard spielender Banken in der Wirkung sind. Ihnen ist bekannt, dass in der Ukraine keine lupenreinen Demokraten im Kampf gegen Russland unterwegs sind. Ihnen ist ebenso bekannt, dass in Syrien nicht der Menschenfresser Assad der alleinige Verursacher des ganzen Leids ist, sondern auch vom Westen unterstützte Terrorgruppen. Sie wissen, dass aus ihrem Land seit Jahren diejenigen mit Waffen beliefert werden, die zu Recht als Kriegstreiber identifiziert sind. Ihnen ist bekannt, dass es bei den Freihandelsabkommen, die in der EU so holprig eingespielt werden, starke Lobbys ihre Interessen zur Geltung bringen. Und ihnen ist bekannt, dass Hillary Clinton mit ihren Aussagen sehr für die Prognose weiterer kriegerischer Handlungen in Europa und im Nahen Osten steht.

Dennoch herrscht, sowohl bei den offiziellen Sprechern der Bundesregierung als auch bei den sie unkritisch folgenden Leitmedien der Tenor vor, wir, d.h. der Westen, seien die Guten, die sich in der international sich immer mehr zuspitzenden Lage für die Werte von Demokratie und Menschenrechten einsetzten, währen der Rest der Welt dominiert wird von manischen Egoisten und grauenhaften Zeitgenossen. Kurt Tucholsky hat einmal den folgenschweren Satz formuliert, dass das einfache Volk in der Sache meistens falsch liege, vom Gefühl her aber eine beachtenswerte Fähigkeit zur Erkennung des Wahren in sich vereine. Die Ergebnisse der Demoskopen scheinen diese These zu bestätigen. Das Kartenhaus der moralgetriebenen Politik ist längst zusammengebrochen, nur im gar nicht so idyllischen Berlin ist diese Erkenntnis noch nicht angekommen.

Nun kann man die Schuld, was für ein schreckliches Wort in unserem Wirkungskreis, man kann die Schuld bei denen suchen, die die Akteure nicht triezen und ständig mit den Erkenntnissen konfrontieren, die längst Gemeingut sind. Es wäre ein Plädoyer mit dem Phänomen der Lügenpresse, seinerseits einem Hetzbegriff aus anderen Zeiten, die keiner mehr so haben will. Und natürlich hat das vor langer Zeit bereits eingeschlafene Staatsmonopol der Berichterstattung seine kritische Sicht sträflich vernachlässigt. Aber auch der gute Ton und die gute Atmosphäre, die immer dann noch herrscht, wenn gelogen wird, dass sich die Balken biegen, haben ihren Teil dazu beigetragen, dass viele Mandatsträger immer noch glauben, sie könnten ihre verzerrenden Märchen immer weiter erzählen, weil niemand etwas merkt. Da scheint nur noch zu helfen, die gute Stimmung bei jeder Gelegenheit zu verderben, bei der dieser Versuch unternommen wird. Nicht erst bei der Wahl, sondern bereits jetzt. Sonst sehen sich die Enttäuschten letztendlich noch mit dem Vorwurf konfrontiert, sie hätten irrational gehandelt.

Schulbubenhaft

Putin, der im hiesigen Blätterwald personifizierte Beelzebub, hatte eigentlich vieles getan, um die deutsche Rolle bei der Lösung internationaler Konflikte hervorzuheben. Kurz bevor er sich nach Berlin aufmachte, hatte er die Gespräche mit US-Außenminister Kerry zum Thema Syrien auf Eis gelegt. Alles, was in diesem Konflikt zu sagen war, wurde nach Berlin verlegt. Wer erwartet hatte, dass die deutsche Politik dieses als Chance begriff, sah sich getäuscht. Schulbubenhaft eiferte man den amerikanischen Narrativen nach. In beidem, im Ukraine-Konflikt wie im Syrien-Krieg.

Dass die EU sich selbst zur Disposition gestellt hat, ist seit dem Junktim der EU-Erweiterung wie dem NATO-Beitritt im Falle der Ukraine bekannt. Seither hat es keinerlei Neubesinnung gegeben, auch wenn das deutsche Außenministerium immer wieder Zwischentöne preisgibt. Entscheidend ist jedoch auf dem Platz, d.h. in diesem Falle am Verhandlungstisch. Und dort vertritt Deutschland die expansionistische Auffassung der USA und bietet die Synchronität von NATO und EU an. Damit ist die EU als politisches Bündnis längst Geschichte, ohne dass es dezidiert bewusst wäre. Es existiert keine europäische Einigkeit gegen Russland, es existiert keine Einigung zur Unterstützung des korrupten Oligarchen Poroschenko und es existiert keine Einigung über die vermeintlich deckungsgleichen Interessen von EU und NATO. Wenn Merkel und Steinmeier das gestern so dargestellt haben, dann haben sie die besondere Avance Putins in Bezug auf ukrainische Lösungsmodelle nicht nur nicht verstanden, sondern sie haben die Spaltung Europas weiter vorangetrieben. Sie haben damit exakt jenen Raum beschrieben, in dem sich Loyalität in Einfalt verwandelt. Geholfen haben sie damit allerdings niemandem, nicht der Ukraine, nicht Deutschland und auch nicht der EU. Wenn man so will, haben sie es ganz privat vermasselt.

Und im Falle Syriens waren sie in der Falle, in die sie sich ebenfalls selbst begeben haben. Indem sie auch dort die Interessen der USA und Saudi Arabiens verfechten, haben sie sich auf die Darstellung der Konfliktlinien festlegen müssen, mit denen hier täglich das längst den Braten riechende Publikum traktiert wird. Die Geschichte von dem Elend in Aleppo, die deshalb nämlich nicht aufhört, weil sich die USA weigern, in dem beweinten Ost-Aleppo die terroristischen Kräfte von der Zivilbevölkerung zu trennen. Wie zynisch das ist, muss gar nicht mehr ausgeschmückt werden. Aber jeder Träne, die über die Opfer dort vergossen wird, sollte mindestens eine weitere folgen für den hoch moralischen Westen, der wie die letzte islamistische Mischpoke nämlich systematisch dazu übergegangen ist, die Zivilbevölkerung als Geisel zu nehmen. Wer in diesem Fall und bei Kenntnis der Gegebenheiten noch so argumentiert wie Kanzlerin und Außenminister, der attestiert sich eines: Für einen Neuanfang, an dessen Ende eine friedliche Lösung stehen soll, komplett verbrannt zu sein. Wenn die Gespräche, die in der letzten Nacht geführt worden sind, für ein Ergebnis stehen, dann für die dringliche Notwendigkeit, auf deutscher Seite das Personal auszutauschen. Aus Nützlichkeitserwägungen wie aus Scham.

Putin ist kein Friedensengel und Assad kein Demokrat. Aber es geht um das amerikanische Interesse, einen Keil zwischen die Kontinentalmächte Russland und Deutschland zu treiben wie im Falle der Ukraine und um die Regie über eine Pipeline mit katharischem Gas durch Syrien. Wer die Fakten zum Gegenstand der Erörterung macht, kommt sehr schnell zu Ergebnissen, die sich wesentlich von dem unterscheiden, was über das Treffen in Berlin kolportiert wurde.

 

Lernen durch Paradoxien

Je erdrückender die Komplexität, desto größer der Wunsch nach Vereinfachung. Jede mehr vereinfacht wird, desto destruktiver werden die Szenarien. Und es dauert nicht lange, bis auch die ungelenksten Geister bald erkennen, dass der Weg der Vereinfachung nicht zielführend ist. Er folgt einem immer stärker werdenden Bedürfnis, ja, aber er führt zu keiner Lösung. Die Vereinfachung wirkt wie billiges Crack: Sofort ändert sich die Wahrnehmung, aber es dauert auch nicht lange und alles erscheint noch schlimmer als vorher. So werden Wahrnehmungsapparate zerstört und es scheint nur noch radikalere Lösungen zu geben.

Die erste, naheliegende, ist immer die beste, auch wenn sie nicht die einfachste ist. Im Falle wachsender Komplexität lautet die Lösung Eins: Sei in der Lage, die Komplexität zu beschreiben, sei in der Lage, sie auszuhalten, sei in der Lage, sie zu analysieren, sei in der Lage, die Kausalitäten zu erkennen und sei in der Lage, eventuell einen Gegenentwurf zu zeichnen. Das alles ist nicht einfach, nein, wahrscheinlich handelt es sich bei der ersten gleich um die schwierigste Option. Nur wer die Komplexität erklären kann, wird sich in ihr zurechtfinden und nur wer sich in ihr zurechtfindet, wird sie durch eine neue Ordnung auflösen können.

Die zweite Lösung wäre die bewährte, die wir alle kennen, die aber zu nichts führt. Es ist die Reduktion der Komplexität auf einen einzigen, eindimensionalen Sachverhalt und die Emotionalisierung der Wirkung. Zuweilen nennt man diese Methode auch Propaganda, weil sie am Ende immer den Weg der Verwerfung beschreibt. Da gibt es immer Schuldige und Opfer, immer hochrangige Akteure und Halbintelligenzler, immer Hass und Ressentiment. Warum die Karte der Vereinfachung bei so vielen negativen Resultaten immer noch sticht? Weil der homo sapiens ein fauler Hund ist und sich nicht um das Schicksal anderer kümmert.

Eine weitere mögliche Lösung wäre die wohl elaborierteste, aber sie setzte wahrscheinlich zu viel voraus. Nach ihr müssten nämlich nahezu alle in der Lage sein, das Geschehen zu begreifen und andere, entlegene Formen der Interpretation als Teil eines Spieles zu betrachten, das gut ausgehen wird. Bei den ständig präsenten Ängsten aller Spieler eine wohl kaum akzeptable Voraussetzung. Der Lösungsfunke wäre die paradoxe Intervention. Sie wäre, rein pädagogisch, in der Lage, anhand ihres Verlaufes zu illustrieren, worin das Wesen des Problems besteht und wie es mit einfachen Mitteln zu lösen ist. Insofern ist die paradoxe Intervention keine Lösung, sondern der Hinweis auf eine mögliche Lösung.

Kürzlich stand die Empfehlung einer paradoxen Intervention sogar in der Zeitung. Um der russischen Propaganda am besten begegnen zu können, solle man allen russischen Staatsbürgern die freie Einreise in die EU gewähren. Das ist schlau, und das lässt sich auf vieles übertragen. So könnten die 13 Prozent Zinsen, welche der IWF und die EU-Kreditinstitute aus den griechischen Krediten erhalten, auch den anderen Kunden dieser Banken gewährleistet werden. Oder man könnte über Nacht das Gesundheitswesen der Bundesrepublik privatisieren, um ein Gefühl darüber aufkommen zu lassen, wie sich das anfühlt. Analog könnte es mit Schulen gehen. Oder die Puerto Ricaner könnten ihren Staat via Volksabstimmung über Nacht zu einem souveränen eigenen Gebilde machen, und wir könnten sehen, wie die USA als Hüter des Völkerrechts damit umgingen. Analog dazu könnten Waffenlieferungen an ISIS durch NATO-Mitglieder geächtet werden. Denn die wahre Friedenspolitik ist mittlerweile zum größten Paradoxon des Westens verkommen.

Die Möglichkeiten der Paradoxien wären unendlich, die Lernfelder so groß, dass sie die Komplexität gewaltig relativierten.