Archiv für den Monat September 2016

Zum Konnex von Controlling und Autonomie

Irgendetwas stimmt nicht bei der vermeintlichen Symbiose von mehr humaner Qualität und technischer Möglichkeit. Der Wunsch, alles im Blick zu haben, was in einem Prozess auftauchen mag, führt zur Umkehrung dessen, was bezweckt ist. Ja, da steht zunächst das Ziel im Raum, menschliche Arbeit sich gestalterisch entfalten zu lassen. Das ist ein Erbe, das seit den Geburtsstunden der Aufklärung eine große Rolle spielt. Vielleicht auch deshalb, weil es der Wille des freien Menschengeschlechts war, der sich bei allen Fortschritten am wenigsten realisierte. Der Wille, frei agieren zu können, unterlag immer den Beschränkungen, die entweder die Technik oder die Zweckausrichtung vorgaben. Der Wille, frei agieren zu können, hat sich bis in unsere Tage fortgeschleppt, eben weil er nie so richtig reüssierte. Die Gründe, warum dieses so ist, sind ebenso alt wie der Wunsch selbst.

Es existieren im Wesentlichen zwei Ansätze, die sich bei der Realisierung von Freiheit immer wieder treffen. Eine Herangehensweise verschreibt sich der Überlegung, dass Freiheit etwas hoch komplex Organisiertes ist, dass nur durch eine Fortführung der hohen Komplexität gesichert werden kann und durch eine zentrale Steuerung erfolgen muss. Alles muss gesichtet und in seiner Entwicklung beobachtet werden, um Fehlentwicklungen frühzeitig zu erkennen. Die Gewährleistung von Freiheit ist dadurch an eine archaische Form der Kontrolle gekettet. Der Widersinn sticht eigenartigerweise niemandem ins Auge. Kontrolle durch fremde Systeme und Freiheit schließen sich aus.

Die Voraussetzung von Freiheit ist die Einsicht in das Notwendige. So banal das heute klingt, so groß ist die Herausforderung, völlig frei die Freiheit zu nutzen und völlig frei auf die Freiheit zu verzichten. Dieses Vermögen, frei zu handeln, muss das Ziel sein, dem sich alle Zwecke unterordnen. Stattdessen ist die technische Sicherung der nicht vorhandenen Kompetenz das hoch verehrte Surrogat, in das alle Mühen fließen. Kontrollsysteme sind der gesellschaftliche Preis für das Versagen bei der Erziehung zur Freiheit.

Die Generierung von Kontrollsystemen erfordert hohe Investitionen, sie erhöht die Komplexität und ist damit ein wesentlicher Grund für die immer stärker werdende Tendenz zu Bürokratisierung gesellschaftlicher Prozesse. Auch wenn auf so mancher politischen Agenda seit langem der Bürokratieabbau steht, so ist die Tendenz der Aufbau neuer Bürokratien.  Denn je weniger die Fähigkeit zur Ausübung der Freiheit ausgeprägt ist, desto mehr muss eine kontrollierende Bürokratie die agierenden Menschen im Auge behalten. Es ist einer der wichtigsten Widersprüche unserer Zeit.

Die gegenwärtige Tendenz geht in die Richtung des Ausbaus der Kontrollsysteme und des Abbaus von Freiheitsrechten. Die entstehenden Bürokratien werden immer komplexer und eine Transparenz, die ihr Funktionieren entschlüsseln würde, scheint immer schwerer herstellbar zu sein. Die Entfremdung derer, die an den Kontrollapparaten arbeiten, von dem, was die Lebensbedingungen des Volkes genannt werden, wächst mit jedem Tag exponentiell. Die zunehmende Bürokratisierung, die durch das Anwachsen der Controlling-Systeme entsteht, ist ein sicheres Indiz für zunehmende Entmündigung und Entrechtung.

Eine Kehrtwende hin zu mehr Selbstbestimmung und Autonomie kann ermöglicht werden, wenn die dazu notwendigen Freiheiten eingeübt werden und der Urteilskraft der Menschen vertraut wird. Die Verlegung der Entscheidung an die Basis ist gleichbedeutend mit dem erfolgreichen Kampf gegen die Bürokratie. Das ist die entscheidende Erkenntnis. Wer Bürokratieabbau mit einer Effektivierung von Prozessen verwechselt, der hat den Zusammenhang von menschlicher Kompetenz und Freiheit nicht begriffen.

Leistung in der Politik, Loyalität bei der Arbeit

Im Allgemeinen wird politischen Organisationen zugeschrieben, dass ihr wesentlicher Referenzbegriff die Loyalität ist. Es bedeutet, dass das Fortkommen innerhalb der Organisation davon abhängt, wie loyal sich ein Mitglied gegenüber der Organisation in bestimmten Stresssituationen verhalten hat. Ist die Loyalität entsprechend groß, d.h. kann sich die Organisation und ihre Mitglieder an verantwortlichen Stellen auf die Loyalität des Einzelnen verlassen, so ist das gut für die Organisatin wie für den Einzelnen.

Bei Arbeitsorganisationen ist der Referenzwert ein anderer. Dort geht es um die Kategorie Leistung. Wer gute Leistungen erbringt, trägt zur Schaffung guter Resultate bei und empfiehlt sich für mehr Mitsprache über die Geschicke der Organisation. Wer Leistungen erbringt, weiß, wie der Laden funktioniert und das ist das Kriterium per se. Wertschöpfung ist messbar. Wer viel leistet, schafft große Werte und wer große Werte schafft, hat Gewicht.

Wer der hier vertretenen These kritisch gegenübersteht, möge sich einem Gedankenspiel widmen, das nahezu kuriose Resultate erzielt. Man stelle sich vor, in einer politischen Organisation zähle in erster Linie die Leistung. Es hätte zur Folge, dass das gesamte Spitzenpersonal ausgetauscht werden müsste und der Laden dennoch bei der ersten Krise auseinanderflöge, weil die mangelnde Loyalität die Fluchtbewegung der Leistungsträger zur Folge hätte.

Umgekehrt wäre es fatal, wenn in der Arbeitsorganisation die Loyalität die oberste Priorität genösse. Dann gäbe es zwar ein großes Gefühl des Zusammenhaltes, die Wertschöpfung ginge allerdings gegen Null, weil die Leistungsträger die Organisation verließen wie die Ratten das sinkende Schiff und die Organisation wäre sehr schnell dem Untergang geweiht.

Nicht, dass es nicht auch in der Realität diese kuriosen Gebilde gäbe, aber sie sind selten und zählbar. Das Entscheidende bei der Betrachtung ist jedoch etwas anderes: Wenn die beiden Referenzwerte jeweils für ein System sprechen, die Loyalität für die Politik und die Leistung für die Arbeit, so heißt das nicht, dass nicht beide auch im jeweils anderen System vorhanden sein müssten und sogar einen lebenswichtigen Part spielten. Sowenig wie politische Organisationen ohne Leistung auskommen, so wenig können Leistungsorganisationen ohne Loyalität existieren. Auch wenn der jeweilige Wert nicht das wesentliche Charakteristikum der Organisation ist, so ist er dennoch ein entscheidendes Kriterium.

Im Falle der politischen Organisation kann eine mangelnde Leistungsfähigkeit nicht durch exklusive Loyalität kompensiert werden und eine gänzlich loyalitätsfreie Arbeitsorganisation scheitert auf der ganzen Linie, wie hoch die Wertschöpfung auch sein mag. Dieser Zusammenhang führt zu dem Punkt, der die einzige Gemeinsamkeit der beiden Referenzsysteme beschreibt: Sie können sowohl durch den Entzug der Grundsubstanz wie durch den Entzug des Supplements empfindlich getroffen und gelähmt werden.

Politische Organisationen, denen von den eigenen Mitgliedern die Loyalität verweigert wird, befinden sich sofort auf der Alarmstufe Rot, während sie bei der Verweigerung der Leistung erst allmählich begreifen, dass eine substanzielle Krise bevorsteht. Analog verhält es sich bei der Arbeitsorganisation: Die Verweigerung der Leistung bewirkt den sofortigen Schockzustand, das Ausbleiben der Loyalität zehrt langsamer aus.

Inwieweit welches Mittel von den Mitgliedern gewählt wird, hängt von dem internen Dissens ab. Transparent und ehrlich wäre es, die eigene politische Organisation durch Loyalitätsentzug und die eigene Arbeitsorganisation durch Leistungsverweigerung zu warnen. Die jeweils andere Option wirkt eher wie ein schleichendes Gift. Letzteres wird momentan favorisiert. Die klaren Worte fehlen. In der Politik fehlt es an Leistung, und bei der Arbeit mangelt es an Loyalität.

Bei Luigi

Nichts übt eine solche Anziehungskraft aus wie die Abende, wenn, nach Monaten der Kälte und Gräue das Grün in die Bäume schießt und die ersten Lokale ihre Gärten öffnen. Dann treibt es in unseren Breitengraden alle, die im schlummernden Besitz ihrer Lebenslust sind, abends, nach den Pflichten des Tages, nach draußen, um ein gutes Essen oder ein kühles Getränk zu genießen und sich zu versichern, dass das Leben noch etwas anderes zu bieten hat als künstliches Licht und installierte Heizungen, als schlechtes Fernsehen oder auch gute Bücher. Dem Menschen ist nach Sozialkontakten unter freiem Himmel und der Schwung, mit dem er diesem Trieb nachgeht, ist einzigartig. Im Sommer ist dieses Gefühl immer noch präsent, aber es wird begleitet von den Mühen der einen oder anderen Hitzewelle, die vor allem in der großen Stadt dann zur Plage werden kann, wenn die hohen Temperaturen Einzug in die Wohnungen genommen haben und nachts der Kampf um einen erholsamen Schlaf geführt wird und man leider unterliegt.

Erlösung folgt dann nur noch im Spätsommer, wenn die Tage noch heiß sind, die Straßen leer, weil viele Zeitgenossen noch im Urlaub und in den Ferien weilen und die Nächte so langsam andeuten, dass es auch wieder kühl werden wird. Nach der ersten Chance im explosiven Mai ist das Ende des Augusts und der Beginn des Septembers die letzte, sich noch einmal abends draußen aufzuhalten und das Leben im Freien zu genießen. Die Abende haben dann einen anderen Charakter. Im Gegensatz zum Tatendrang des Frühlings sind sie geprägt von ruhigen, beschaulichen Gesprächen, so als wolle man den vergangenen Sommer für das bisherige Leben nehmen und noch einmal in angenehmer Atmosphäre alles Revue passieren lassen. Die Leute sind ruhig und gut gelaunt und an der Art, wie sie auf den vergangenen Sommer zurück blicken, kann man sehr gut erkennen, was sie von ihrem zukünftigen Leben noch erwarten. Manche, die innerlich wissen, dass ihre verbliebenen Lebenskontingente das Stadium,der Überschaubarkeit erreicht haben, sind eher melancholisch und andere, die sich noch nicht mit solchen Gedanken auseinandersetzen, sprühen ein letztes Mal voller Initiative, indem sie planen, was im nächsten Sommer noch alles zu unternehmen ist.

Ein immer wieder eigenartiges Phänomen in unserem Viertel ist der Italiener Luigi mit seinem Restaurant. Luigis Küche zählt sicherlich zu den besseren Exemplaren ihrer Zunft, auch wenn er sich dafür immer extrem gut bezahlen lässt. Was besonders an seinem Lokal reizt, ist der wunderbare Garten, der schattig und urban ist, in dem man das Gefühl entwickeln kann, tatsächlich irgendwo in Italien zu sitzen und die Durchdringung des öffentlichen Raums mit guten Gerüchen und Lauten der Ausgelassenheit genießen zu können. Was uns jedesmal verwundert ist die Tatsache, das Luigi genau dann, wenn er als wirtschaftlich denkender Gastronom den Garten am besten nutzen könnte, sich in seine weiße Luxuslimousine mit üppiger blonder Begleitung setzt und entspannt nach Sizilien rollt. Im gesamten August hängt dann ein Schild an seinem Lokal, dass darauf verweist, dass Luigi sich darauf freut, ab dem ersten September für seine geschätzte Kundschaft wieder da sein zu dürfen.

Wenn das Wetter mitspielt, wie es treffender in unserer Sprache nicht ausgedrückt werden kann, dann ist folglich der erste September der Tag, an dem man abends zu Luigi geht, um in diesem Sommer das gute Gefühl seiner Küche und seines Gartens, aber auch des ganzen Viertels noch einmal für sich haben zu können. Denn trotz seiner etwas überpfefferten Preise treibt es Vertreterinnen und Vertreter aller in diesem Viertel lebenden Schichten in sein Lokal. Zwar fällt bei den einen, die es nicht so locker sitzen haben, die Wahl auf eine Pizza, während die anderen sich beim Entree für dünne Scheiben der Salami vom Pata Negra und einen folgenden Wolfsbarsch entscheiden. Egal, man trifft sich bei Luigi und es wird dort etwas reproduziert, was den Stadtteil so einzigartig macht: Das Nebeneinander unterschiedlicher Sozial- wie Bildungsschichten, die die Eigenheit besitzen, die Existenz der jeweils anderen in besonderem Maße zu schätzen, statt sie zu verachten.

Als ich die Straße überquerte und Luigis Lokal bereits im Auge hatte, das übrigens einen eigenen Namen hat, der hier keine Rolle spielen soll, konnte ich feststellen, dass der Garten voll besetzt war. Zum Glück war mein Freund Willy, mit dem ich mich verabredet hatte, früh genug dort gewesen, saß an einem Tisch und winkte mir. Luigi begrüßte uns überschwänglich, aber auch sichtlich gestresst. Er hatte, nach dem Monat in Sizilien, entweder noch nicht zu einem strammen Arbeitsrhythmus zurückgefunden oder nicht mit einem solchen Andrang gerechnet.So hielten wir ihn nicht lange durch unsere Konversation von der Arbeit ab und lasen aufmerksam die besonderen, auf Schiefertafeln geschriebenen Angebote des Tages. Willy und ich hatten uns schnell entschieden, er wählte Antipasto mit Pata Negra, ich roten und weißen rohen Thunfisch, beim Hauptgang wollten wir beide eine Lammhaxe, die auf der Tafel stand. Luigi bedeutete uns, die Haxen seien noch nicht so weit, wir müssten verstehen, das sei heute sein erster Tag und die müssten noch schmoren. Wir sahen uns bedeutungsvoll an, weil wir die Erklärung beim besten Willen nicht verstanden und bestellten etwas anderes, was auf der regulären Karte stand.

Während wir uns der Vorspeise widmeten, erschien meine Frau, die, vom Yoga kommend, Pasta bestellte, diese längst nicht kontemplativ verspeiste und uns wieder alleine ließ, da sie um unser folgendes Zigarrenritual wusste. Zeitgleich tauchte noch eine Gesellschaft auf, die den einzigen noch nicht besetzten Tisch reserviert hatte. Offensichtlich handelte es sich um ein Elternpaar, das zusammen mit dem erwachsenen Sohn und dessen Freundin unterwegs war. Vater und Mutter wirkten respektabel, hatten etwas patronesk Mediterranes an sich, das allerdings mehr auf den Balkan wies als auf Italien. Der Sohn wirkte wie die in unserer Stadt nicht selten geglückte Symbiose aus seiner originären Provenienz und der sehr bodenständigen, robusten Qualität der Straße. Das wurde durch sein Äußeres noch unterstrichen. Er verfügte über eine bullige Figur, die, begünstigt durch die hohen Temperaturen und die damit verbundene Kleidung von kurzer Hose und knappen mit T-Shirt, durch zahlreiche Tätowierungen unterstrichen und verziert wurde. Seine Braut hingegen wirkte puppenhaft und ausstaffiert, wankte ein wenig unsicher auf ihren Pfennigabsätzen und stellte dabei ein gefrorenes Lächeln zur Schau.

Als sich die Gesellschaft setzte, begrüßten sich Luigi und Sohn wie leibliche Brüder, während der ornamentierte Kraftprotz lautstark herumtönte, die italienische Küche sei die beste und er kenne alles. Sein Vater, ebenfalls bullig, etwas vom Alter und Genuss gezeichnet, aber durchaus noch einflussreich und mächtig wirkend, sah seinen Sohn dabei etwas verächtlich an, während die Mutter mit schweifendem Blick für das Barbarische ihres Sohnes um Verzeihung bat.

Willy und ich resümierten derweil den Sommer, der mal kühl und verregnet und mal von außergewöhnlichen Hitzeperioden gekennzeichnet gewesen war und insofern dem Bild der letzten Jahre glich. Letztendlich war es keine gute Saison für eine Zigarre am Abend gewesen, denn bei Regen machte es keinen Spaß und bei drückender Hitze schon gar nicht. Umso schöner sollte der Ablauf dieses abends werden. Als Luigi, nun mit Schweißperlen auf der Stirn, uns den Hauptgang brachte, viel uns zum ersten Mal ein Paar an einem Nachbartisch auf, weil die Frau, die wie eine verhärmte Lehrerin, die dem Veganismus nahesteht wirkte, immer wieder aufstand und mit Luigi sprach. Luigis Physiognomie war zu entnehmen, dass er sich anstrengen musste, um höflich zu bleiben. Es schien sich um Instruktionen darüber zu handeln, wie das von ihr bestellte Essen zubereitet werden sollte und welche Zutaten auf jeden Fall vermieden werden sollten. Ihr Begleiter, der prima vista gar nicht zu ihr passte, weil er eher wie ein harter, sportiver Outdoortracker wirkte, saß unbeteiligt am Tisch und machte zu allem ein freundliches Gesicht.

Was mich beruhigte war die Mimik zweier Damen, ihrerseits sommerlich elegant und stilvoll gekleidet, die das Auftreten der Instruktorin amüsiert und dezent ironisch verfolgten. Vor deren Tisch lag ein deutscher Pinscher, genauer gesagt eine deutsche Pinscherhündin, die Luigi treu ergeben, wenn nicht gar verfallen, weil sie schlicht von Luigi durch kulinarische Schnipsel bestochen war. Die Dame, die den Hund ihr eigen nannte, nahm es wissend hin und sprach wie von einer Bühne in den Garten, Luigi wisse, wie er sich Frauen zugeneigt mache. Diese Bemerkung ließ uns wiederum schmunzeln und verschaffte uns einen Stimmungswechsel, weil wir uns gerade über das leidige Thema der EU unterhielten. Das korrespondierte nicht mit der guten Qualität des Essens, das sich dem Ende neigte und nun durch einen Espresso abgeschlossen werden würde.

Längst war am Nachbartisch aufgetragen worden. Der tadelnde Vater hatte sich aufs Telefonieren zurückgezogen und sah aus, als dirigiere er Containerflotten im Frachthafen von Rotterdam, während die Begleitung des Sohnes immer noch gleichbleibend ihr Lächeln verstrahlte. Nur Mutter und Sohn steckten über einer Riesenschale Muscheln die Köpfe zusammen und unterhielten sich lautstark. Die wesentlichen Botschaften sendete allerdings der Sohn, und die Satzfragmente bestanden immer wieder in der Aussage, Mutti, du kennst mich doch, da brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Diese Aussage führte zur Kontinuität des Lächelns der Freundin, einem leichten Zucken der Augenbraue des Vaters und zu einem wohlwollenden Schmatzen der Mutter beim Auslutschen der Muscheln.

Als der Espresso an unseren Tisch kam, schnitten wir unsere Zigarren an und entzündeten sie. Voll im Genuss der ersten Züge vernahmen wir dann große Aufregung in unserem Rücken und ehe wir uns orientieren konnten lief die Lehrerin mit der schlechten Körperhaltung, ihren Teller in Händen haltend, kopfschüttelnd und den Backpacker im Schlepptau an uns vorüber und bekam vom konsternierten Luigi einen gerate frei gewordenen Tisch auf der anderen Seite zugewiesen. Als wir Luigi fragend ansahen murmelte er etwas von unter freiem Himmel und alles sei in Ordnung.

Die Episode ließ uns in einen kurzen Kulturpessimismus verfallen, der allerdings nicht lange anhielt, weil, so unser Resümee, das Leben zu kurz sei, um sich intensiv mit Engstirnigkeit und Hysterie zu befassen. Dieses harsche Urteil wurde bestätigt, als ich beobachten konnte, wie die vermeintliche Lehrerin es völlig entspannt hinnahm, dass ihr Backpacker sich nach dem Essen eine Zigarette drehte und sie beim späteren Rauchen immer wieder anblies.

So langsam leerte sich das Lokal, die beiden Damen mit der Pinscherhündin verabschiedeten sich, ohne dass es Luigi versäumte hätte, die Abhängigkeit des Tieres von ihm nicht noch einmal zu intensivieren, der Mustersohn versicherte seiner Mutti ein letztes Mal seine Zuverlässigkeit und schon waren wir bis auf einen Tisch auf der anderen Seite des Eingangs die einzigen Verbliebenen. Dieser Tisch wuchs durch ein ständiges Kommen immer neuer Gäste an. Es wurde lauter und lauter. Immer wieder kamen vor allem neue Frauen hinzu, die, wie der Volksmund so sagt, in ihren besten Jahren waren. Alle waren spärlich wie modisch gekleidet, alle fielen bei der Begrüßung Luigi um den Hals als sei er die Liebe ihres Lebens und alle rauchten eine Zigarette nach der anderen. Sie orderten Wein wie Champagner in Flaschen, die Luigi in Eiskübeln an den Tisch schaffte. Dort wurde es immer ausgelassener, die eine berichtet über die wilden Partys in Südfrankreich, die andere, wie sie zu Hause unter dem Solarium eingeschlafen sei. Dann fuhr quietschend ein Wagen vor und vier Männer stiegen aus, einer sprang an den Zaun vom Garten und schrie, jetzt ginge es wieder los, ein anderer, als er am Tisch angekommen war, verkündete mit piepsender Stimme, er habe heute schon drei Ibuprophen 600 und fünf Grippostad eingeworfen, jetzt helfe nur noch Champagner.

Willy und ich redeten wenig, wie immer bei der Zigarre, es ist das Wohltuende, sich einem Genuss zu widmen und dennoch die Sinne empfänglich zu machen für die Aufnahme anderer Eindrücke. Wir kamen sehr schnell zu der Einsicht, dass unser Viertel so, wie wir es heute bei Luigi wieder einmal erlebt hatten, trotz und wegen aller Schrägheiten das war, wofür wir es liebten. Nachdem Luigi zum Abschied den finalen Grappa gebracht hatte und wir uns zufrieden vom Tisch erhoben, schien es bei der übrig gebliebenen Gesellschaft erst richtig los zu gehen.

Als wir uns vor dem Lokal verabschiedeten versicherten wir uns, dass mehr Gelassenheit und Toleranz dem Leben gut täten. Ein besseres Resümee für einen solchen Abend konnte es nicht geben. Auch da waren wir uns einig.