Archiv für den Monat Juli 2016

Der Fußball und die lernende Organisation

Rein gefühlsmäßig wäre ein italienisches Basta! jetzt wohltuend. Die EM geht ins Finale ohne die Deutschen, aber mit zwei Teams, die sich das durchaus verdient haben. Irgendwie ist es auch langweilig, sich wieder die Ideologen vorzunehmen, die ihre Tiraden über das Turnier zu transportieren suchten. Lassen wir es dabei: Deutschland ist raus, obwohl es teilweise überzeugen konnte, andere waren besser, weil sie mehr Tore geschossen haben. Aber getreu der festen Überzeugung, dass der Fußball auch immer wieder eine Plattform ist, auf der lebens- und gesellschaftsrelevante Themen illustriert werden, sei doch noch ein Gedanke gestattet. Das Spiel gegen Frankreich ist wieder so ein Ereignis, das genug Material für die Gegenüberstellung zweier Herangehensweisen an Komplexe wie die Arbeit und das Leben insgesamt liefern. Es handelt sich um den Umgang mit Fehlern.

Die eine Betrachtungsweise ist klassisch und destruktiv. Sie sieht sich einen Vorgang an und versucht anhand seines Ablaufes auszumachen, wo Fehler aufgetreten sind und wer sie verursacht hat. Im vorliegenden Fall ist das sehr einfach: der erste Fehler wurde von Schweinsteiger bei seinem Handspiel begangen, der zweite in der zweiten Hälfte war das Abwehrverhalten von Kimmich gegenüber Pogba und die falsche Technik Neuers kurz darauf. Die Methode ist so populär, weil sie durch ihre Einfachheit besticht. Es handelt sich dabei um die Personalisierung von Fehlern, als deren Resultat immer Sündenböcke, Schuldige und bei den Betroffenen eine starke Belastung der Zukunft stehen.

Eine andere Herangehensweise hingegen wäre die systemische Analyse der Fehler, unabhängig davon, wer sie begangen hat. Besonders Schweinsteigers Handspiel wäre dann, weil es ebenso unerklärlich bleibt wie das Boatengs gegen Italien, zu untersuchen auf einen Bereich wie die Häufigkeit bestimmter Übersprunghandlungen und die Gründe, die dazu geführt haben, dass so eine Reaktion eintritt. Des Weiteren wäre die Frage, warum es einem so großen Talent wie Kimmich psychisch nicht gelingen konnte, einen brisanten Ball einfach weg und in den Himmel zu dreschen. Auch dort könnte eine Beziehung zwischen Corporate Identity und damit verbundenen No Gos gefunden werden, über die die die ganze Organisation diskutieren und sich Klarheit verschaffen muss. Deutlich würde und wird bei dieser Methode, dass die Fehler im System begründet sind und jedem passieren können, solange der Grundkonflikt nicht geklärt ist. Es ginge also nicht um die Person, sondern um das System, in dem die Person agiert.

Der Unterschied zwischen der Personalisierung von Fehlern und der systemischen Analyse derselben ist genau der zwischen technokratischem Modell und einer lernenden Organisation. Was den Sprachgebrauch im Fußball anbetrifft, so befindet sich das Gros der Betrachter noch in der Welt des technokratischen Modells, weil kurioserweise immer von individuellen Fehlern gesprochen wird, einem Synonym für menschliches Versagen. Es unterstellt, dass das System im Gegensatz zum Menschen unfehlbar ist. Praktisch aber scheint bereits der Weg in Richtung systemischer Analyse geöffnet zu sein, weil zumindest in den Reihen der Nationalmannschaft die Sündenbocksuche nicht auf fruchtbaren Boden fällt.

Bleibt zu hoffen, dass sich die systemische Analyse mehr und mehr durchzusetzen beginnt, da es sich dabei um den ersten und entscheidenden Schritt Richtung lernender Organisation handelt. Letztere wird seit Jahrzehnten propagiert und gefordert, aber in nur seltenen Fällen gelebt. Wenn es dem Fußball gelingt, der Ära der ätzenden Personalisierung von Fehlern die Grenzen aufzuzeigen, dann hat auch dieses Ausscheiden etwas zum Guten bewirkt. Und Frankreich wie Portugal stehen aufgrund ihrer bisherigen Leistungen zu Recht im Finale. Warum? Weil das immer so ist, ob das den Ideologen gefällt oder nicht!

Gentrifizierung in der Metzgerei

In der Skizzierung eines um sich greifenden Musters beschreibt Christoph Twickel unter dem Titel Gentrifidingsbums genau das: Woran ist zu bemerken, dass ein städtisches Quartier von diesem Prozess ergriffen worden ist? Von einem Prozess, der mit einem Fremdwort belegt ist, mit dem sich viele Menschen schwer tun? Und wie soll erklärt werden, was Gentrifizierung tatsächlich ist, wenn es sich doch um einen schleichenden Prozess handelt? Twickel selbst macht das am Beispiel Hamburgs sehr gut und anschaulich. Er weist darauf hin, dass zuerst der türkische Gemüsehändler durch ein veganes Café ersetzt wird, dass am Platz der letzten Bar im Viertel nun eine Kinderkrippe entsteht. Und, das wohl treffendste Bild dieser Beobachtung, nachts leuchten aus den antiken Cafés die Apple Logos der aufgeklappten Rechner, hinter denen ätherisch anmutende Gestalten sitzen. Vieles davon ist stereotyp, und wer noch schnell in demnächst lukrativen Wohnraum investieren will, der sollte jetzt schnell aktiv werden. Und wer dann lange genug wartet, der kann, wenn er Glück hat, irgendwann durch ein wunderschönes Viertel flanieren, in dem es wenige Menschen gibt, vor dessen Häusern exklusive Kinderfahrräder der Firma Manufaktum stehen und in dem die Langeweile die Herrschaft übernommen hat.

Wer sich allerdings mit dieser Stereotypie zufrieden gibt, kann sich auch gewaltig irren. Denn die Gentrifizierung kann schon ihre Spezifika aufweisen und in ganz anderen Mustern auf sich aufmerksam machen. Mitunter trifft in diesem Prozess nämlich nicht ein Ghetto auf das andere, sondern das neue Ghetto schleicht sich in das alte und versucht es durch seine Lebensweise zu majorisieren.

Wie das aussehen kann, erlebe ich immer samstags, wenn ich meiner obligatorischen Einkaufsroutine folge und dabei auch beim Metzger lande. Ja, sie haben richtig gehört, beim Metzger! Wenige hundert Meter von dieser Metzgerei, die in der Hauptstraß des Viertels liegt, hat vor kurzer Zeit einer der jungen Stararchitekten, die in Design und ökologischer Bauweise hervorstechen, einen größeren Komplex mit chiquen Apartments und Ateliers gebaut. Obwohl der Kaufpreis pro Quadratmeter mehr als das Doppelte des üblichen Verkehrswertes betrug, waren die Objekte schnell verkauft und bezogen. Seitdem tauchen auch beim Metzger nicht mehr exklusiv nur Handwerker, Rentnerinnen, Studentinnen und Studenten sowie der eine oder andere Arbeiter oder Bildungsbürger auf, sondern auch neuartige Sozialtypen und Charaktere.

Da ist dann schon mal ein massiger Mann mit Schlägermütze und Hornbrille, der mit einem breiten Wiener Akzent und einer Lautstärke, als würde er auf einer Theaterbühne extemporieren, kiloweise Rinderfilet ordert, oder sein Pendant, die feingliedrig und nahezu asiatisch anmutende Philologin, die mit drei Scheiben Schinken und einem Paar Frankfurter nach Hause geht, oder der seinem Pulk von ungezogenen Kindern dozierende Welterklärer, der vor lauter politischer Korrektheit eigentlich keinen Hunger haben dürfte oder die leidende bildende Künstlerin, die schon am frühen Morgen mit rotweingeölter Stimme die Vergeblichkeit ihrer Kochbemühungen beklagt und auch die auf eine Inspirationskrise zurückführt.

Eingebettet ist das Ganze in den alten Stamm des Viertels, wie erwähnt, Rentnerinnen und Rentner mit übersichtlichen Bezügen, raubeinige Handwerkern mit radikalen Ansichten, Studenten aller Couleur, Lebenskünstler der alten Kategorie und Musiker, die zu der Besonderheit des Quartiers schon immer gehörten und die vielleicht eine der Ursachen sind, warum es andere Kreative dorthin zog.

An einem dieser Samstage nun hatte eine hoch betagte Rentnerin ihre spärlichen Wünsche geordert und mit ihrer brüchigen Stimme ein Das wärs angeschlossen. Gebeugt schritt sie zur Kasse, kramte aus ihrer Einkaufstasche das Portemonnaie heraus und wartete auf die Bedienung, als ihr schweifendes Auge auf einem technischen Gerät haltmachte. Was ist denn das? sprudelte es aus ihr heraus. Die nun sich ebenfalls dort befindliche Chefin des Hauses erklärte es ihr: Das ist für Kreditkartenzahlung. Auf das von der Rentnerin eingeworfene Was soll denn das? folgte gleich die Erklärung: Das ist für Kunden, die hier für größere Beträge einkaufen, die wünschen sich, dass sie auch in dieser Form bezahlen können.

Die Rentnerin schüttelte den Kopf und fragte nach dem Preis, den sie zu zahlen hatte. Die ihr mitgeteilten fünf Euro neunundachtzig zählte sie passgenau in das Zahlschälchen., wobei sie, mehr für sich, dabei erklärte, dass das, was sie hier kaufte, immer gleich und bar bezahlt würde. Ich brauche so etwas nicht, schloss sie, mit einem leicht verächtlichen Blick auf die ihr nicht vertraute Apparatur. Dann drehte sie sich um und ging mit einem kaum vernehmbaren, durch das Anstoßen der Zunge am Gaumen erzeugten, dreimal wiederholten Missfallenston aus dem Geschäft. Das Publikum in der gut besuchten Metzgerei sah sich zum Teil belustigt, zum Teil vielsagend an. Manche verstanden, was da gerade geschah, manche verstanden es nicht. Die, die nichts verstanden hatten, schienen den größten Spaß zu haben.

Über das Scheitern von Interventionen

Solange Systeme funktionieren und in einer relativ friedlichen Umgebung ihrer originären Zweckbestimmung nachkommen können und  mit vertretbaren Leistungen aufwarten, ist die Welt in Ordnung. Doch wann ist das schon der Fall? Um ehrlich zu sein, eigentlich nie. Konkurrenzverhältnisse zwingen immer zu besonderen, kurzfristig anberaumten Veränderungen, auch langfristig angelegte und stabile Rahmenbedingungen verlangen heutzutage nach einer Strategie, die nicht nur Ziele formuliert, sondern auch berücksichtigt, was passiert, wenn sich schlagartig die Rahmenbedingungen ändern. Zuweilen wird, zumindest der erste Teil einer solchen Überlegung, mit dem Titel Risikomanagement belegt.

Systeme, die nicht funktionieren und dennoch von sich überzeugt sind, existieren ebenfalls. Die irritierende Feststellung kann zutreffen, wenn folgender Zustand eingetreten ist: Das System produziert zwar kaum noch oder keine Leistung mehr, es reproduziert sich aber famos selbst. Dann hat sich der erste Lehrsatz der Systemtheorie durchgesetzt, der da lautet, Systeme sehen ihren Sinn nicht in der Zweckbestimmung, sondern in ihrer Reproduktion. Spätestens wenn ein solcher Zustand erreicht ist, ist eine Aktion erforderlich.

Die Aktionen, mit denen Systeme kuriert und wieder leistungsfähig gemacht werden sollen, werden als Interventionen bezeichnet. Interventionen sind, wie es das Wort bereits sagt, Eingriffe von außen, die etwas bewirken sollen. Es wird unterschieden zwischen Interventionen mit Impulscharakter, übergriffigen, paradoxen und absurden Interventionen, je nach der Intention dessen, der die Intervention bestellt oder lanciert hat. Zumeist ist der Zweck der Intervention reflektiert, bevor die Art der Intervention gewählt wird. Wenn das nicht der Fall ist, mangelt es an Professionalität oder es spielen noch weitere Motive einer anderen Ordnung eine Rolle, die allerdings nicht thematisiert werden können.

Jede Intervention in ein bestehendes System führt zunächst zu einer Störung der Abläufe und einer Verstörung der Aktiven. Es geht darum, dem System an sich deutlich zu machen, dass die eigene Systemrationalität und das eigene Agieren nicht mehr ausreicht, um das System längerfristig existenziell zu sichern. Auch dabei handelt es sich um eine paradoxe Erkenntnis: Obwohl das System bestrebt ist, sich immer wieder zu reproduzieren, bringt es dennoch nicht die strategische Kompetenz hervor, um die erforderlichen Dimensionen der Innovation zu taxieren.

So sinnvoll und so überlebensnotwendig Interventionen sind, so destruktiv und suizidal können sie sein, wenn bei der Wahl der Art und Mittel falsche Entscheidungen getroffen werden. Einmal abgesehen von einer feindlichen, auf Destruktion abzielenden Intervention, sind bei den Interventionen, die etwas Positives bewirken sollen, einige Dinge zu beachten:

Der Anlass der Intervention muss mit den Zielen des Systems korrelieren. Dazu ist es erforderlich, Transparenz herzustellen über eine Identität der Interessen von System und Intervention. Es ist die alles entscheidende Voraussetzung, denn wenn die Kongruenz der Ziele von System und Intervention nicht gegeben ist, dann entwickelt sich ein mit der typischen Schärfe eines Überlebenskampfes geführte Auseinandersetzung zwischen beiden Faktoren.

Neben der Kommunikation über die Ziele müssen ebenfalls die sozialen Verkehrsformen des traktierten Systems berücksichtigt werden. Denn der Charakter der Intervention in ein System wird im System identifiziert mit der Art und Weise, wie miteinander umgegangen wird. Wer anderen Gesetzen des Umgangs folgt, so der Schluss im System, der verfolgt auch andere Ziele. Und zu den Verkehrsformen zählen nicht nur die sozialen Umgangsformen, sondern in vielen Fällen auch die Produktionsmethoden.

Der Schluss, der nahe liegt, ist empirisch und beispielhaft sehr oft zu beobachten. Wer bei einer Intervention die Ziele nicht kommuniziert, wer sich an die sozialen Umgangsformen nicht hält und keine überzeugenden Argumente vorzubringen vermag, die Produktionsmethoden, die vielleicht doch veraltet sind, zu ändern oder selbst mir antquierten Vorschlägen daherkommt, der hat das Scheitern der Intervention bereits fest eingebucht.