Archiv für den Monat Juli 2016

Zeit für den Underground

Ob es gleich als eine Gesetzmäßigkeit gelten kann, dass das Genre des Undergrounds auftaucht, wenn ganze Welten einstürzen, sei dahingestellt. Fakt ist jedoch, dass sich eine Gegenwelt herausbildet, die der sich in einer tiefen Krise befindlichen Behaglichkeit des herrschenden die Zunge provozierend herausstreckt. Der Underground der 1970iger Jahre war ein einziger Affront gegen das Gesetzte, und die Akteure scherten sich nicht darum, ob noch irgend eine Ordnung ihr Leben beeinträchtigen könnte. Sie machten ihr Ding, Pfiffen auf die codifizierten Sanktionen und erlebten dadurch eine Freiheit, die heute unvorstellbar ist. Plötzlich war alles möglich und nichts war mehr heilig. Das Interessante daran war, dass viele Erscheinungen des Underground weder ins Destruktive noch ins Obszöne abglitten. Der Underground suchte nach einem Gegenentwurf, und kam dabei nicht um die Ironie des Herrschenden herum. Die Dokumente dieses historischen Undergrounds belegen, das Genre hatte Esprit und Witz.

Letzteres entwickelte sich aus der Kritik an dem real Erlebten, an den einstürzenden Dogmen und den schlecht gespielten Rollen. Damals ging es um bürgerliche Doppelmoral, den Kalten Krieg, den Schah von Persien, den Vietnamkrieg und die Provinzialität der Politik. So furchtbar das alles klingen mag, aber es war eine sehr heile Welt verglichen mit den Abstürzen, die seit Jahren im Hier und Heute zuhause sind. Da war eine Weltfinanzkrise, da platzten Immobilien- und Kreditblasen, da ging es immer mehr Ländern an den Kragen, da wurden gewählte Regierungen destabilisiert und Diktaturen gepimpt, da würde mit Verbrechern koaliert und Kriegstreiber mit Waffen versorgt, da herrschte das Standrecht. Und in einem Land, das mitten im Geschehen liegt und das an vielen dieser irrsinnigen, widersprüchlichen Manövern teilnahm, da beherrschten die Gesellschaft Themen, die mit all dem nichts zu tun hatten. Böse Zungen benennen den Wandel und bringen ihn auf das Dreigestirn von Laktoseintoleranz, Veganismus und Helene Fischer.

Wenn die Zustände so sind, wie sie sind, dann lässt sich das falsche Leben nur noch im Underground ertragen. Denn wer in der Gesellschaft steht noch für das, was sie als Modell für sich reklamiert? So wie es aussieht, nur noch der Gegenentwurf. Es ist immer ein Indiz für kritische Zustände, wenn bestimmte Begriffe inflationär fallen. Im Moment ist Wertegemeinschaft so ein Terminus, der ausgerechnet von denen ständig benutzt wird, die alles dafür getan haben, um Schwindelzustände zu produzieren. Eines ihrer großen Vergehen ist die politische Billigung doppelter Standards, die Moralisteninquisition schlechthin. Wenn die Werte an billiges Zweckdenken gekettet sind, haben sie ihre Unschuld verloren. Jede Reaktion, ob auf die Ereignisse in der Türkei, auf einen Amoklauf im eigenen Land oder auf einen Anschlag im benachbarten Frankreich, und das Ausbleiben jeglicher Reaktionen auf noch weitaus schlimmere Ereignisse im Rest der Welt zeigen den doppelten Boden, auf dem agiert wird. Hinzu kommt die Maßlosigkeit, mit der der eigene zweckbestimmte Standard bedient und der vermeintlich unnütze ignoriert wird.

Es ist nötig, sich über soviel Dreistigkeit und Ignoranz zu erregen, und es nötig, diese Erregung politisch zu organisieren. Es ist wahrscheinlich, dass sich aus der geschilderten Unglaubwürdigkeit und Maßlosigkeit ein Gegenentwurf etabliert, der jenseits der direkten politischen Aktion und Einflussnahme spielen wird. Die ersten Phänomene sind schon vernehmbar und ganz im Trend könnte die neue Bewegung Underground2 genant werden. Cool bleiben, witzig sein und sein Ding machen. Jenseits der etablierten, und jenseits der gentrifizierten Langeweile.

Reise ohne Kompass

Es handelt es sich nicht nur um eine pädagogische Dimension. Sie reicht bis in die Psychologie und, wenn die Idee zu Ende gedacht wird, bis in die Politik. Es handelt sich um die Frage, die klassisch in der Erziehung gestellt wird und die herausfinden will, welche Faktoren es sind, die ein erfolgreiches Leben ausmachen. Die Diskussion um das, was wir jungen Menschen mitgeben wollen für eine erfolgreiche Zukunft, sie ist nach dem PISA-Schock kurz aufgeflammt, aber letztendlich schien sie niemanden zu interessieren. Da ging es viel mehr um die Besitzstände der Lobbys, über den Zweck von Schule wurde kaum geredet. PISA entpuppte sich als ein erschreckendes Symptom für den mentalen Zustand der Gesellschaft. Sie war, wie an vielen anderen Punkten, nicht in der Lage, positiv das zu formulieren, was sie wollte. Wer es versuchte, wurde kollektiv gemobbt. Man unterhielt sich lieber über Ausstattungen und Details statt über die große Idee.

Dabei ist es nicht schwer, sich auf die Grundideen einer humanistisch definierten Erziehung zu fokussieren, denn seit der Antike existieren wunderbare Ausführungen darüber und der Test, die Probe aufs Exempel, kann jeden Tag in jeder Situation gemacht werden. Die Menschen, die im Alltag auffallen, weil sie leistungsfähig und erfolgreich sind, sie kann man untersuchen auf die Faktoren, die dazu führen. Das Auge dafür lässt sich ohne Schwierigkeiten entwickeln. Und die Ideen liegen in den Annalen. Wenn Gesellschaften keinen Konsens mehr darüber erzielen, was sie eigentlich den Zukunftsgenerationen mitgeben wollen, dann befinden sie sich in einer tiefen mentalen Krise, der die richtige, existenzielle bald folgen wird. Denn sie haben selbst kein Bild mehr von der Zukunft.

Dabei sind die Grundlagen einer humanistisch definierten humanen Existenz sehr schnell zusammengefasst. Menschen, die zumindest über die Anlage verfügen, ein erfolgreiches Leben zu führen, haben so etwas wie einen inneren Kompass. Es heißt, über das erworbene Wissen und die konkret erworbenen Fertigkeiten haben Sie eine Vorstellung davon, in welche Richtung sie sich bewegen oder was sie erreichen wollen. Und diese eigene Perspektive für die Zukunft wird gestützt durch eine Haltung, die gespeist wird von Werten, die dem Individuum wichtig sind. Was sich aus dieser Kombination von Richtung und Haltung entwickelt, ist das, was allgemein als ethisches Handeln bezeichnet wird. Es geht um die vier Faktoren Wissen, Können, Strategie und Werte. Der Konsens darüber kommt nicht mehr zustande und die Perspektive, die daraus resultiert, ist alles andere als überzeugend.

Die vielleicht böse anmutende Transponierung dieser Ausführungen in die Welt der Politik verdeutlicht die Dramatik, die gerade in diesen Tagen deutlich wird. Erfolgreiche zukunftsfähige Politik benötigt, ebenso wie jedes Individuum, Wissen und Können, eine Strategie und eine Haltung, mit der diese Strategie umgesetzt werden soll. Es ist müßig, sich darüber zu unterhalten, ob die fehlende Strategie und die nicht existierende Haltung die Aneinanderreihung von Krisenphänomenen selbst produziert hat oder ob diese Krisen jede Form von Strategie und Haltung verdrängt haben. Wichtig scheint die Erkenntnis zu sein, dass ein Fortbestehen des Gemeinwesens nur möglich ist, wenn die Politik, die es repräsentiert und gestaltet, sich dieser Notwendigkeiten bewusst ist. Es muss Konsens hergestellt werden über die Richtung, und es muss getragen werden mit der entsprechenden Haltung. Die Vorstellung der Bundesregierung angesichts der internationalen Konflikte und Krisen ist aus dieser Perspektive ein Desaster. Anlass genug, um die Diskussion für die Zukunft zu beginnen.

Das vergebliche Streben nach Glück

Somerset Maugham, The Painted Veil

Der englische Schriftsteller W. Somerset Maugham gehört zu jener Kategorie, die bereits zu Lebzeiten nicht nur großen Erfolg hatten, sondern mit ihrem Leben das Tempo und die Möglichkeiten des 20. Jahrhunderts illustrierten. Wer vermöchte denn in unseren Tagen eine Berufsbiographie zustande bringen, in der ein Medizinstudium genauso steht wie Geheimagententätigkeit und die Existenz des Erfolgsautors. Vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das eher möglich und Maugham steht mit dieser Vita nicht allein. Seine schriftstellerische Qualität bestand vor allem darin, im Profanen die erzählwürdige Geschichte förmlich zu riechen und daraus eine Erzählung zu machen, die durch exakte Bobachtung wie psychologische Zeichnung glänzt. Maugham selbst sah dieses Talent kritisch, weil sein Maßstab Joseph Conrad war, den er nicht erreichte. Wohl deshalb nannte er sich selbst gerne einen erstklassigen unter den zweitklassigen Schriftstellern.

The Painted Veil (Dt., Der bunte Schal, ebenfalls verfilmt) erschien im Jahr 1925 und thematisiert das Schicksal einer jungen Frau, die im kolonialen England für sich den Anspruch formuliert, eine Scheibe vom lebenswerten Kuchen abzubekommen. Zeitlich liegt The Painted Veil weit hinter Anna Karenina und Madame Bovary und deshalb hat diese Erzählung auch kaum noch Anspruch auf das Revolutionäre, das in der Darstellung eines Frauenschicksals der genannten Romane zu finden war. Was allerdings nichts darüber sagt, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse der 20iger Jahre im kolonialen England nicht doch den Stoff lieferten, um die Ausweglosigkeit der emanzipatorischen Individualisierung der Frau aus bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen zu veranschaulichen.

Die Handlung spielt in England, Hongkong und in der chinesischen Provinz, es handelt sich um eine aus sozialem Aufstiegskalkül geschlossene Ehe, in der der Anspruch auf Liebe nicht eingelöst wird, es handelt sich um Betrug aus Enttäuschung und Suche nach Glück und es handelt sich um den Versuch, Demütigung durch berufliches Engagement zu kompensieren. Auf dieser Abstraktionsebene ist das dann keine alte Klamotte aus den 20iger Jahren des letzten Jahrhunderts, sondern hoch aktuell. Denn das Streben nach Freiheit und Glück kollidiert immer noch brutal mit den Bedingungen, in denen wir uns als Individuen wiederfinden, nur die geschlechterspezifische Benachteiligung scheint sich zum Nachteil beider noch verschoben zu haben…

Somerset Maugham gelingt es mit seiner so vom Beobachtungsauge geschulten Sprache, die Welt der Hauptfigur zu beleuchten und die inneren Konflikte deutlich zu machen. Die Lektüre, die Geduld abverlangt, weil die Handlung nicht auf den schnellen Plot aus ist, gewährt Einblicke in das soziale Gefüge der englischen Klassen, in die kolonialen Expat-Kreise in Hongkong, in das Elend der chinesischen Provinz sowie in die Weltabgewandtheit von christlichen Missionaren oder chinesischen Gelehrten. Die Gleichzeitigkeit dieser Welten sind das Exquisite an den kolonisierten Tropen und die Welt, in der sich die europäischen Akteure dort tummeln, hat mit dem Festgefügten  traditionell Geprägten der europäischen Heimat nichts gemein.

Der Fokus jedoch liegt auf dem Innenleben der jungen Frau aus bescheiden bürgerlichen Kreisen, die sich nach Liebe und Anerkennung sehnt und die durch ihre eigenen Höllen gehen muss, um mit der Erkenntnis alleine zurück zu bleiben, dass es vielleicht der Generation ihrer Tochter vorbehalten bleibt, das ausleben zu können, was ihr verwehrt war. Eine immer noch moderne Erzählung.