Archiv für den Monat Juni 2016

Bürokraten, diesseits und jenseits des Rheins

Es ist ein Kuriosum. Vor allem Deutschland und Frankreich können historisch als die Länder betrachtet werden, die sich bei der Organisation der bürgerlichen Gesellschaft in hohem Maße verdient gemacht haben. Während die Revolution im Wesentlichen und mit Wucht in Frankreich zuhause war, konnten die Deutschen damit weniger anfangen. Dafür taten sie, besonders in Preußen das, wofür sie schon immer weltweit bekannt sind: Sie bauten Systeme auf und organisierten sie. Die Verwaltung der bürgerlichen Gesellschaft, an der auch die Franzosen sehr erfolgreich und vielleicht gegen ihr Naturell gearbeitet haben, ist ein entscheidender Baustein der bürgerlichen Gesellschaft.

Vielleicht hat es doch mit der Revolution zu tun, dass man in Frankreich durchaus die Formulierung zu hören bekommt, bei dieser oder jener Person handele es sich um einen Spitzenbürokraten oder eine Spitzenbürokratin. Dass ist ernst gemeint und vor allem als außergewöhnliches Lob zu verstehen. In Deutschland wäre ein solcher Kommentar hingegen undenkbar, weil die Bürokratie generell unter dem Stigma leidet, sie sei unsensibel, mache alle gleich und vor allem von den wahren Verhältnissen, in denen die Menschen leben, weit entfernt.

In diesem Kontext fällt mir immer die Episode ein, dass mir gerade indonesische Kolleginnen und Kollegen, die sehr unter einer individualisierenden und einzelfallbezogenen Bürokratie litten, wie sie selbst sagten, sprich einem Apparat, der auf Beziehungen und monetären Zuwendungen beruhte, ihre Auffassung zu Protokoll gaben, dass sie ein Land wie Deutschland beneideten, weil die Bürokratie alles gleich mache und ohne Einfluss von irgendwo ihren Gang ginge.

Ein anderer Zugang ist der etymologische. Bürokratie heißt, wörtlich übersetzt, die Herrschaft des Büros. Das ergibt natürlich keinen Sinn, denn eine Organisationsform der Gesellschaft, der Arbeit oder des Sports etc. sollte nicht das Maß dessen sein, wohin sich die Körperschaft entwickelt. Das riecht fürchterlich nach Selbstzweck und erklärt das Ressentiment, das in Deutschland herrscht. Mangels Revolution hat sich dort der Selbstzweck, zunächst durchaus in staatsräsonaler Absicht, weit in der Vordergrund drängen können, weil mangels demokratischer Revolution der Konnex zu dem sozialen Ereignis nicht hergestellt werden konnte. Die französische Variante hatte es da leichter. Dort wurden die Bürokraten willkommene Helfer, um die Revolution in den Alltag zu gießen. Die Arbeit mochte niemand so richtig, aber diejenigen, die sie zu verrichten vermochten, genossen und genießen hohes Ansehen.

In Deutschland hingegen, wo die Organisation an sich bereits eine hohe erotische Ausstrahlung hat, laufen diejenigen, die sich mit ihr befassen, immer wieder Gefahr, ihr Geschäft überzubewerten und ohne Skrupel zum Selbstzweck werden zu lassen. Das ist immer wieder gefährlich, weil es einen gesellschaftlichen Überdruss erzeugt, den die Politik dann irgendwie kanalisieren muss. Die Lobby der Bürokraten ist in Deutschland ausgenommen stark und nicht selten bestimmt sie die Politik anstatt dass die Politik die Bürokraten vor sich her treibt. Das ist in Frankreich immer noch anders, auch wenn ebenfalls immer einmal wieder eine bestimmte Eigendynamik zu verzeichnen ist.

Der Sinn von Bürokratie ist es, den Zweck der Organisation, von der Gesellschaft bis hin zum kleinen Verein, zu einem möglichen Ziel zu machen. Die Probleme und Routinen des Alltages sind von ihr so zu gestalten, dass sich die Beteiligten zurecht finden und zu ihrem Recht kommen. Der eigentliche Zweck jedoch sollte immer eine höhere Kategorie sein als die temporären Bedürfnisse der Bürokraten. Wenn dem so ist, dann stehen die Verhältnisse auf dem Kopf.

Südliche Systeme, westliche Euphorie und zentraler Wille

Was ist mit einem Gebilde los, in dem sich die einzelnen regionalen Qualitäten geographisch verschieben? Das ist nicht nur eine interessante, sondern vielleicht auch die alles überragende Frage einer systemischen Analyse Europas. Wie immer mit einem zwinkernden Auge, denn natürlich ist das alte Jägerspiel, der Fußball, nur etwas für Jungen, die gerne träumen und mit der Realität, so wie sie viele Frauen sehen, nichts zu tun hat. Selbstverständlich vermeintlich. Denn, so trotzen die verschmähten maskulinen Perspektiven, warum sollte eine Welt wie die Politik, in der zumeist die Männer noch das Sagen haben, warum sollte diese Welt nicht so funktionieren wie das Männer- und Jägerspiel Fußball? Lassen wir es wirken!

Zurück zur Ausgangsfrage. Der Verlauf des Turnieres, das, auch das muss gesagt werden, eigentlich noch gar nicht begonnen hat, zumindest was die Echt-Auftritte anbelangt, der Verlauf des Turnieres hat dennoch bereits gezeigt, dass in Europa momentan so etwas wie das Upside-Down-Syndrom zu verzeichnen ist. Der Süden, der sonst für Spontaneität und Lebensfreude steht, entpuppt sich vor allem mit Spanien und Italien als eiskalt kalkulierendes Theoriegebäude kantischer Dimension. Wie auf dem Schachbrett der Welterklärung werden dort nach einem eisernen System die Figuren verschoben und das, was den Süden ansonsten so sympathisch macht, das Feuer und das Gefühl, das ist verbannt und liegt im Eisfach.

Der Westen, der immer getragen war von Abenteuerlust und Eroberungsphantasien, der spielt mit den Teams England und Frankreich feurig auf, erscheint aber etwas konzeptionslos und macht trotz aller Wucht einen fragilen Eindruck. Da wird es reichen, das eine kalte Schnauze auftaucht, die einen kühlen Plan umzusetzen weiß, und die alten Antipoden des hundertjährigen Krieges werden einstürzen wie die Holzscheite am heidnischen Osterfeuer.

Das Zentrum schließlich, das sich so fühlte wie am Dirigentenpodest, wähnt sich noch in einer Probe und fuchtelt mit dem Stab recht wirr in der Luft herum. Ob der deutsche Dirigent in der Lage ist, mit seiner Partitur die einzelnen Sätze zu einem harmonischen Auftritt zu bewegen, wird von vielem abhängen, letztendlich von der Überzeugung, dass es alle wollen. Saturiertheit war schon oft der größte Feind erfolgreicher Armeen. Einmal siegreich und vollgefressen und selbst armselige Räuberbanden hatten ihre historische Chance.

Über die Gewalt, in die sich ganz Europa zunehmend manövriert, wurde bereits berichtet, über die Privatisierungsnummer á la UEFA noch nicht genug. Das Vermarktungsmonopol bringt es mit sich, dass sich diese Organisation tatsächlich aufführt wie ein Monopol aus alter Zeit. Es herrscht Zensur, Informationen werden gezielt gestreut und gesetzt, Bilder werden nur gezeigt, wenn die Absicht der Manipulation gestützt wird und sanktioniert wird jeder, der sich dem Monopol und seinen Vorgaben widersetzt. Wie abgeschlunzt ist doch ein System, in dem nach Gewalttätern genauso gefahndet wird wie nach einem Spieler, der einem Fan einen Gefallen tun will!

Und auch da ist die Analogie einmal wieder angebracht. Wie steht es um die europäischen Organisationen, wenn sie wie die Dampfwalzen über den Sinn der ganzen Veranstaltung hinwegrollen? So wie die europäische Politik nicht bestimmt werden kann von Bürokraten, wenn sie erfolgreich sein soll, so kann der Fußball nicht gedeihen, wenn Bürokraten ihre Machtphantasien ausspielen und den möglichen Reichtum an Ideen im Keim ersticken. Das Publikum mag sich drehen und wenden, wie es will: Wer hinschaut, kann richtig etwas lernen!

Die Tragik kannte lange Zeit kein Ende

Maria Schrader. Vor der Morgenröte

Es sind die letzten Kapitel in einem Leben voll von Opulenz. Opulenz von Bildung, Opulenz von bürgerlicher Lebensweise, Opulenz von politischer Katastrophe und die Opulenz eines Gegenbildes zum eigenen Leben. Maria Schraders Film Vor der Morgenröte, dessen Titel eine Zeile aus Stefan Zweigs Abschiedsbrief ist, hat die letzten Exilstationen des großen österreichischen Erzählers eingefangen. Josef Hader, der bekannt ist durch seine Fähigkeit, das Grobschlächtige und Böse darzustellen, gelingt es, den feinsinnigen Intellektuellen mit gebrochenem Herzen in eine Präsenz zu zaubern, die angesichts der Aktualität des Exilthemas angebracht ist.

Stefan Zweig gehörte sicherlich zu den Schriftstellern im Exil, die durch ihren bereits vor der nationalsozialistischen Katastrophe erlangten Weltruhm Zugänge fanden, die anderen verwehrt blieben und über Mittel verfügten, die ein halbwegs erträgliches Leben in der Fremde zu führen ermöglichten. Aber es waren wenige Privilegierte, wie noch Thomas Mann und Lion Feuchtwanger, deren Exil sich so gestalten ließ, dass sie dem Metier der Schriftstellerei im Großen und Ganzen treu bleiben konnten.

Stefan Zweig, der Feinsinnige, der mehrere Sprachen sprach, der das europäische Kulturerbe mit sich herumtrug, der das ganze Arsenal der Psychoanalyse in seinem Werk zur Anwendung bringen konnte, der die Geschichte Europas immer wieder versuchte in ihren aktuellen Botschaften darzustellen, dieser Stefan Zweig gehörte nun auch zu dem großen Heer derer, die dort, wo ihre Sprache gesprochen wurde, kein Gehör mehr fanden und sich in einer Welt zurechtfinden mussten, die sich gegen das faschistische Deutschland zu formieren begann und die die Verjagten zu instrumentalisieren suchten. Genau dagegen wehrte sich Zweig, was sicherlich auch zu Enttäuschungen bei Kollegen führte. Zweig sprach aus der Ferne nicht gegen Deutschland, sondern stets für seine Vision von einem gerechten Europa. Das reichte vielen nicht.

In dem Film Vor der Morgenröte wird der Grundkonflikt des Exilanten nur sanft berührt und nimmt nicht die Dimension ein, die er in realiter hatte. Darunter leidet der Film allerdings nicht. Die Auseinandersetzung zwischen den Exilanten drehte sich immer um den Punkt, ob jetzt so etwas wie Littérature engagée an den Tag gelegt werden musste, in dem sich die Schriftsteller der Tagespolitik widmeten oder ob das zu schaffende Kunstwerk trotz des Grauen an dem Anspruch von Wahrheit und Grundsätzlichkeit zu messen sei. Zweig bleib bei letzterem und nahm dafür Anfeindungen in Kauf.

Wie ein schleichendes Gift hingegen lähmte ihn der schleichende Verlust des Erzählraumes in seinem Gedächtnis, das Bewusstsein, irgendwann nicht mehr die Sicherheit zu haben, das europäische Leben in seiner kulturellen Tiefe darstellen zu können, weil er sich nicht mehr darin befand und weil ihn dort als Stimme niemand mehr vermisste. Dieser nagende Zweifel erreichte nahezu alle, die aus dem den Untergang exportierenden und selbst untergehenden Deutschland in die Welt geschleudert wurden und die, um mit Zweigs Worten zu sprechen, die Träger des Geheimnisses des künstlerischen Schaffens waren.

Vor der Morgenröte fängt viele Momente ein, die auf den sukzessiven Verlust dieser Sicherheit hinweisen und die die Trauer vermitteln, die damit verbunden ist. Der Kontrast des üppigen, tropischen und bunten Brasiliens, der letzten Exilstationen Zweigs, zu dem Leben eines älter werdenden Mannes, der sich seiner kulturellen Wurzeln zunehmend beraubt fühlt, dieser Kontrast führte wohl zu der Hoffnungslosigkeit, die Zweig und seine Gefährtin zu dem trieben, was die kulturelle Nachwelt noch mehr demoralisierte. Die Tragik kannte lange Zeit kein Ende.