Archiv für den Monat Mai 2016

Die Globalisierung stößt das Tor nach Europa auf

Es ist einfach. Und es ist plausibel. Dennoch tut sich ein ganzer Kontinent furchtbar schwer damit. Als alles noch so war, wie es scheinbar immer war, da war die Welt Europas noch in Ordnung. Als die Züge in die weite Welt von Europa ausgingen und sie in die entlegensten Winkel dieser Welt führten, um danach wieder zurückzukehren, wenn möglich wie in dem berühmten Refrain beschrieben, schwer mit den Schätzen des Orients beladen. Die Entdeckung der Welt war die Kolonisierung derselben von Europa aus. Die Europäer bereisten die Welt und kehrten bereichert nach Europa zurück. Das gefiel. Und so hätte es bleiben können. Zumindest aus Sicht der Europäer. Aber so ist es nicht geblieben. Deshalb herrscht jetzt Chaos. In Europa.

Man kann das ja auch einmal anders sehen. Aus Sicht der fälschlich als Indianer bezeichneten Ureinwohner Amerikas, aus Sicht der Aborigines oder Papua, aus Sicht der Zulu. Für sie war das, was als Periode der langanhaltenden Globalisierung in die Geschichte eingegangen ist, keine Reise in die weite Welt, sondern eine Heimsuchung. Sie kamen von irgendwo, diese Langnasen, sie ergriffen Besitz von ihrem Land und sie gingen nicht mehr fort. Die, die heimgesucht wurden, hatten sich zu arrangieren mit den Neuen, die anders sprachen, die andere Sitten hatten und die sich nicht anpassten an die Umgangsformen ihrer Gastgeber.

Nun, spätestens im 21. Jahrhundert, ist aus der globalen Kolonisation endlich eine Globalisierung geworden. Die Reiseströme sind keine Einbahnstraßen mehr. Vorbei die Standorte, von wo die Reise ausgeht und wohin sie, bereichert, wieder führt. Sondern es geht drunter und drüber, auch Europa ist ein Ziel geworden, massenhaft, von Menschen, die andere Sprachen sprechen, andere Sitten haben und nur bedingt gewillt sind, die Umgangsformen derer anzunehmen, als deren Gäste sie sich vielleicht fühlen. Willkommen! Die Welt hat das Tor der Globalisierung nach Europa aufgestoßen!

Historiker, Ethnologen, Anthropologen und Sozialwissenschaftler hatten die von Europa ausgehende technische Modernisierung der Welt und die Reaktion auf sie in den heimgesuchten Kulturen so vortrefflich beschrieben. Die Ängste, die vorhanden seien gegenüber dem Neuen, die psychische Überforderung der großen, ungebildeten Massen und ihre Neigung, dem Reflex eines anachronistischen Fundamentalismus zu folgen. Das war alles so logisch abgeleitet, und wer, mit einem aufgeklärten Hintergrund, wollte diesem Deutungsmuster nicht folgen?

Ach Europa, wie es einmal so schön hieß, wie menschlich bist du doch geworden, angesichts der tatsächlichen Durchsetzung der Globalisierung. Jetzt, wo du auch heimgesucht wirst von Besuchern aus anderen Teilen der Welt, da sind politische Muster auf deiner Landkarte identifizierbar, die doch nur in den unterentwickelten Regionen dieser Welt bekannt waren. Da wären, sofern sie unbestechlich wären, die Urteile der Historiker, Ethnologen, Anthropologen und Sozialwissenschaftler gefragt, die erklären könnten, warum die hier psychisch überforderten, ungebildeten Massen plötzlich wie die Wilden irgendwelchen atavistischen Predigern folgten, die einem anachronistischen Fundamentalismus huldigten.

Ja, der europäische Fundamentalismus, welcher auf die weltwirtschaftliche Modernisierungswelle im XX. Jahrhundert folgte, lief unter der Maske des Faschismus durch die Nacht. Der Durchbruch der Globalisierung nach Europa verursacht gerade wieder einen Fundamentalismus, der, analog zu seinem Vorläufer, die Tatsachen der neuen Geschichte mit den Ordnungsprinzipien der gerade zerstörten Welt bändigen will. Illusionärer geht es nicht. Menschlich verständlich ist es schon. Aber es führt trotzdem nicht weiter.

Der Finanzminister und die Rechenkünste der Deutschen

Im letzten Band der Trilogie des fortschreitenden Wahnsinns von Eckehard Henscheid beginnt die groteske Erzählung mit der Schilderung einer in Italien trampenden Deutschen, die sich bei einem Italiener neben der Mitfahrgelegenheit auch noch einen Liebesdienst aufschwatzen lässt, den der Freier in einem Lire-Betrag bemisst, der sich für die Deutsche grandios anhört, aber in DM umgerechnet recht kläglich ausfällt, weil, so das epische Ich, die Hauptperson sich mit den Nullern vertan und damit ihre mangelnde Intelligenz bereits unter Beweis gestellt hatte. Henscheids Trilogie erschien in den 1970iger Jahren und ist aus heutiger Sicht immer noch flott zu lesen. Das liegt zum einen an dem toll-dreisten Schreibstil, an den völlig abgefahrenen Sujets und an dem Genuss, der entstehen kann, wenn man noch einmal Zugang zu einer Epoche erhält, die längst vergangen ist. Diese Vergänglichkeit der bundesrepublikanischen Post-Protest-Gesellschaft ist das immer noch Reizvolle an dieser Lektüre. Und angesichts der heutigen radikal-protestantischen Spaßfeindlichkeit kommt so manches Mal ein wehmutsvolles Seufzen dazu.

Doch der Anlass der Schilderung war eigentlich ein anderer. Es ging um die Rechenkünste der Deutschen, beziehungsweise geht es um das Denken über die Rechenkünste der Deutschen. Und es geht um das Denken vor allem eines Politikers, der meint, die Deutschen müssten, sofern es um das Rechnen geht, alle in der Schule sitzen bleiben und eine Ehrenrunde drehen. Und schlimmer noch: Ginge es nach der Eischätzung des Bundesministers der Finanzen, der ja jeden Tag mit Zahlen zu tun hat und also etwas davon verstehen muss, dann ist das Volk, in dessen Auftrag er in einem kolossalen Gebäude in Berlin sitzt und die Geschicke des Staates mit an entscheidender Stelle steuert, dann ist dieses Volk derartig dumm, dass es nichts andres verdient hat, als gehörig verachtet und verspottet zu werden.

Um diese These, die der Bundesfinanzminister vor sich her zu tragen scheint wie eine Monstranz, in vollem Umfange zu unterlegen, hat er in den letzten Jahren einige Experimente durchgeführt. Nach dem Lehmann-Desaster, das noch vor seiner Amtszeit stattfand und für das der deutsche Fiskus bereits mit 250 Milliarden Euro bürgte, war er am Zug. Es begann ganz harmlos mit den windigen Krediten, die deutsche Staatsbanken der griechischen Regierung gegeben hatten, um Lebensnotwendigkeiten wie U-Boote und gewaltige Flugabwehrbatterien aus deutscher Produktion zu kaufen. Als die Käufer die Kredite zurückzahlen sollten, gingen sie in die Knie. Nach einem erniedrigenden Verfahren für die verführten Kreditnehmer bekamen sie neue Kredite, deren Haftung die Steuerzahler aus den Kreditgeberländern übernahmen. Der deutsche Steuerzahler haftet bis dato mit mindesten 62, vielleicht aber auch mit 85 Milliarden Euro.
Als die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und sonstigen Kriegsgebieten dieser Welt in Europa Zuflucht suchten, waren die Kalkulatoren demographischer Bewegungen schnell bei einer erwarteten Zahl von 1 Million Immigranten in Deutschland. Die Taschenrechner des Bundesfinanzministers, die in solchen Situationen genau wissen, was zu tun ist, bezifferten die damit verbundenen Kosten auf eine Milliarde Euro. Das, so sprach gleich der Minister, drohe die Ausgeglichenheit des Haushaltes nachträglich zu stören und er regte in diesem Atemzug an, eventuell die Benzinsteuer zu erhöhen oder die Renten zu senken. Das war so ganz der Finanzminister, denn es war auf Spaltung der Bevölkerung angelegt. Ach ja, und als die Automobilindustrie bei ihm antichambrierte und darauf verwies, dass sie die Entwicklung der Elektromobilität verschlafen habe und deshalb eine kleine Subvention aus dem Staatssack erwarte, da zeigte er sich generös und warf 1,5 Milliarden in hohem Bogen auf die angerichteten Snacks, um die Laune wieder ein bisschen zu heben.

Versteckte Appelle und torkelnde Boten

Die Reaktion der zumeist regierenden Parteien auf den Aufstieg der AFD, oder, wie es selbst in der öffentlichen Berichterstattung ohne Gänsefüßchen heißt, der Aufstieg des Rechtspopulismus, führt zu Konsequenzen bei den Regierenden, die deutlich machen, dass wenig von dem, was den Trend ausmacht, richtig wahrgenommen wurde. Wäre das der Fall, dann würden zum Beispiel die Medien nicht mit dem Wording der angegriffenen Politik selbst in die Berichterstattung gehen. Und wäre das der Fall, so suchten die Angegriffenen nicht bei Fehlern oder Inkonsistenzen der Angreifer, sondern sie suchten nach Fehlern bei sich selbst.

Viele derer, die den Protest wählten, distanzierten sich von seinem Label. Es ging ihnen, durchaus glaubhaft, vor allem um den Schock, den Schlag ins Gesicht derer, die denken, sie könnten treiben, was sie wollten, weil sich sowieso niemand dagegen auflehnt. Soweit die Fehlannahme. Jetzt den Fokus auf das Medium der Kritik zu richten, gleicht der antiken Metapher von der Tötung des Botens, der die schlechte Nachricht bringt. Die Ursache liegt in der eigenen Politik begründet, die verantwortlich ist für Arbeitsverlust, Lohnsenkung, Subvention von Spekulation, Verhöhnung durch die staatlich monopolisierten Medien und das Verbot von allem, was der so genannte Kleine Mann sich noch leisten konnte, auch wenn es nur ein Schein von Freiheit war.

Doch die Kritisierten begreifen die Botschaft nicht. Vielleicht gelingt es ihnen noch, den Boten zu meucheln, das verlorene Vertrauen, welches sich in der Radikalisierung ausdrückt, das werden sie mit diesem Vorgehen nicht zurückgewinnen. Insofern ist die Art und Weise, wie versucht wird, die Träger der kritischen Botschaft zu verhöhnen, ebenso eine empfundene Verhöhnung derer, die nur warnen wollten. Da liegt es nahe zu vermuten, dass es nur eine Spirale ist, die nach oben zeigt. Die Bräsigkeit der parlamentarisch Herrschenden, die sich momentan bei der Koalitionsbildung wie eine Altkleidersammlung im großen Stil generiert, zerstäubt mit gnadenloser Konsequenz genau das, was letztendlich die Hoffnung auf Besserung in sich trägt: Das Erstarken einer Opposition, die konsequent und böse ist, die sich aber an die Spielregeln hält.

Es ist kein Glück festzustellen, dass die Radikalisierung der Bürgerschaft in unserem Land mit wuchtiger Tendenz wie in anderen Ländern Europas auch nach rechts geht. Es ist das gleiche Unglück, das sich allerdings ableitet aus der gleichen törichten Politik, die auch und gerade im benachbarten Frankreich zu dieser Revolte geführt hat, die bald das ganze Europa überzieht. Diejenigen, die den Begriff der Revolte traditionell für sich beanspruchten, schauen ebenso verdutzt auf das Geschehen wie die Regierenden des Kontinents, die ihren Augen nicht trauen.

Wie immer, wenn sich Dinge zügig verändern, ist es ratsam, die Augen offen zu halten und genau zu beobachten, was passiert. In den europäischen Ländern, in denen die Rechten schon seit Jahren auf dem Vormarsch und in den Parlamenten sind, hat die Barbarisierung des zivilen Lebens nicht stattgefunden, zumindest nie so schlimm, wie es schon in Teilen Deutschlands der Fall ist, ohne dass die Rechten regierten. Das lässt den Schluss nahe, doch sehr genau darüber nachzudenken, was tatsächlich hinter der Botschaft steckt, mit der ein überforderter Bote momentan ungestüm durch den Raum torkelt. Soviel ist gewiss: Es ist der Appell an alle, die bereits in Verantwortung stehen, ihr Leben zu ändern, und zwar radikal.