Archiv für den Monat Mai 2016

Schluss mit Lustig!

Welche Vertreter der leichten und seichten Unterhaltungsmusik auf welchem Wettbewerb welche Preise einheimsen, ist für viele Menschen unerheblich. Wenn sie unter sich bleiben und das enthusiasmierte Publikum darüber abstimmt, so gehört das zu der Freiheit, die jedem zustehen mag. Etwas brisanter wird es, wenn derartige Wettbewerbe von einem Monopolmedium, das aus Steuergeldern finanziert wird, zentral vermarktet und aufbereitet werden. Auch das kann im Sinne eines Interessenproporzes noch angehen, aber wenn es, wie nun im Falle des European Song Contest ESC, zu einem weiteren Akt der Mobilmachung im Sinne von Kriegspropaganda dient, dann ist Schluss mit Lustig.

Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Schlagerwettbewerb, in dessen Statuten steht, unpolitisch zu sein – was, zugegeben, in übertragenem Sinne sowieso nicht geht -, lässt ein Lied zu, das angesichts der wachsenden Militarisierung des Ukraine-Konfliktes nicht politischer sein könnte. Zudem ergreift das Lied Partei für die Krim Tataren, die sich während des Russlandfeldzuges mehrheitlich als Freiwillige der deutschen Wehrmacht gegen die Sowjetunion anschlossen. Dass ihnen diese Kollaboration mit dem deutschen Faschismus nicht gut bekam, wird in diesem Lied beklagt.

Es kann weder gedreht noch gewendet werden: Das dann auch noch durch Interventionen der Jury prämierte Lied ist eine politische Konfrontation mit Russland. Zudem birgt es noch weiteren Zündstoff, wenn bedacht wird, dass es sich bei den Krim Tataren um ein Turkvolk handelt, es bereits jetzt Verwerfungen zwischen Russland und der Türkei entlang des Syrienkrieges gibt und der gegenwärtigen türkischen Regierung alles zuzutrauen ist, was im Bereich des aggressiven Interventionismus denkbar ist.

Reden wir nicht mehr über die Scharlatane, die uns gegenwärtig in den staatlich alimentierten Medien präsentiert werden! Es hat keinen Sinn, sich über diese hirn- und niveaulosen Komparsen zu echauffieren. Egal, ob bei Schlager- oder Modewettbewerben, auch auf dem Sektor, der sich mit der Moderation und Reflexion des politischen Zeitgeschehens befasst, stammeln die Püppchen des Mainstreams mittlerweile nichts anderes als Fetzen des Ressentiments, des Unverstandes und der Kriegshetze in die Kleinmikrophone am eigenen Revers. Aus dem einen oder anderen Ausrutscher ist mittlerweile ein Orkan billigster Propaganda geworden. Und Propaganda heißt, zu vereinfachen und zu emotionalisieren. Wer sich in diesem scham-und niveaulosen Ensemble noch wundert, dass allerorts mit Begriffen wie Lügenpresse und Systemmedien operiert wird, sollte, bevor er oder sie sich in Behandlung begibt, die eigenen Machwerke noch einmal genau anschauen. Tiefer kann eine Branche nicht sinken.

Die Bundesregierung hat die Politik, die zur Spaltung und Militarisierung der Ukraine geführt hat, nicht nur mitgetragen, sondern sie ist gegenwärtig dabei, die Konfrontation mit Russland zunehmend zu einer direkten militärischen Operation vorzubereiten. Auf Anfrage des US-Präsidenten Obamas werden nun 1000 deutsche Soldaten direkt an die russische Grenze im Baltikum beordert, weil sich die Verbündeten dort bedroht fühlen. Militarisierung nach Gefühl sozusagen, und in diesem Kontext könnte sich die Frage stellen, ob das Niveau der Bundesregierung sich mit den Untiefen des öffentlich–rechtlichen Journalismus deckt. Aber dem ist nicht so, verlassen Sie sich darauf.

Das, was in der Stunde wachsender Kriegsgefahr besorgt und besorgen muss ist die Haltung der organisierten Politik. Wie kann es sein, werden sich viele fragen, und dass das so ist, sieht man an den ins Bodenlose fallenden Zustimmungsraten, wie kann es sein, dass dort sozialdemokratische Ministerinnen und Minister mit am Kabinettstisch sitzen, die im sprichwörtlichen Sinne den Tisch nicht umwerfen und unter lautem Protest den Saal verlassen? Bevor die Durchsetzung von Mindestlöhnen eine Rolle spielt, muss man den Krieg verhindern. Ist das so schwer zu begreifen?

Der inszenierte Konflikt im Herzen Europas

Yana Milev (Hg.). Europa im freien Fall. Orientierung in einem neuen Kalten Krieg

Jeder Versuch, die weitere, einen Krieg vorbereitende Spaltung Europas zu thematisieren und Wissen darüber zu verbreiten, wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte und politisches Bewusstsein über die Brisanz dieses Debakels zu vermitteln, muss per es schon einmal honoriert werden. Die sich mehrende Literatur, vor allem hinsichtlich des Ukraine-Konfliktes, stammt in der Regel von Journalisten, Historikern oder ganz einfach von Bestsellerautoren des Genres „politisch heiß“. Eine Revue der bisher erschienenen Werke belegt, mit wenigen Ausnahmen, allerdings nur die tiefe Spaltung, die durch unsere Gesellschaft in dieser Frage mitten hindurch geht. Entweder es handelt sich um Ausführungen, die den dunklen Drahtzieher Wladimir Putin hinter jeder Verwerfung sehen oder es sind Schriften, die die USA als europäisches Blut saufendes Imperium darstellen. Obwohl in beidem eine gewisse Wahrheit liegt, so reicht das nicht, um eine starke, auf Vernunft gegründete Gegenposition gegen die Spaltung Europas zu begründen.

Yana Milev als Herausgeberin des kleinen Bandes Europa im freien Fall. Orientierung in einem neuen Kalten Krieg ist das Verdienst zuzuschreiben, verschiedene Menschen angesprochen zu haben, die vor dem Beginn dieser verhängnisvollen Entwicklung respektvoll als Intellektuelle bezeichnet worden wären. Yana Milev, ihrerseits u.a. Dozentin für Reflexionskompetenz an der Universität in St. Gallen, tat dieses nicht inflationär, dafür aber qualitativ hoch stehend. So sind die Autoren, die sie für einen kleinen Band sehr interessanter, aber unterschiedlicher Herangehensweise an das Thema stehen, renommiert genug, um Interesse zu wecken: Sloterdijk, Shemlev, Münkler, Grinberg und Ganser. In insgesamt vier Beiträgen wird die kritische Situation Europas beleuchtet.

Herfried Münkler, der Historiker und Spezialist in der Betrachtung der Neuartigkeit vom Krieg und Kriegsführung, geht vor allem auf die Frage der europäischen Mitte ein und ihren neuerlichen Verlust durch die Auflösung des Dialogs zwischen Russland und Deutschland. Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk schlägt in seinem Beitrag über digitalen Kolonialismus einige Sequenzen gegen die Cyber-geheimdienstlichen Aggressionen der USA. Der Schweizer Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser schreibt eine kleine Chronik des von den USA betriebenen Regime Change und stellt diese Reihe von übergriffigen Interventionen gegen andere Nationen, Staaten und Völker in Beziehung zu ihrem eigenen Anspruch und der tatsächlichen Funktion des Imperiums. Und die russischen Autoren Ruslan Grinberg und Boris Shmelev stellen die Frage, ob so etwas wie ein europäisches Haus überhaupt möglich ist.

Nicht nur die Auswahl der Autoren ist in diesem Band gelungen, sondern die damit vorhandene Mischung unterschiedlicher Zugänge zu einem beunruhigendem Thema im Besonderen. Vor allem aus historischer Sicht muss doch sehr manipuliert, lanciert und inszeniert werden, um die Aktivitäten der USA, die zumeist völkerrechtlich nicht sanktioniert, ganz und gar nicht demokratisch und immer auf die Destabilisierung von Regionen, also auch Europas, ausgerichtet sind, als den eigentlichen Aggressor identifizieren. Es wird zudem deutlich, wie sehr Europa unter einer mangelnden eigenen weltpolitischen Identität leidet und wie sehr Deutschland unreflektiert diesen notwendigen Prozess, in dem es sich selbst auch definieren müsste, als Handlanger einer selbst gegen deutsche Interessen gerichteten Konfliktpolitik agiert.

Das Wohltuende an der Lektüre ist das nie aufkommende Gefühl, man befände sich in einer Propagandaschlacht. Alle Autoren haben eine solche Qualität, dass die Lektüre dazu führt, den schwelenden, inszenierten Konflikt inmitten Europas mit mehr Verstand zu betrachten.

Das Absurde im Wahren

Das schöne an der Realität ist manchmal ihre Fähigkeit, sich selbst zu karikieren. Das sieht dann so aus, als sei es gar nicht mehr die Realität, sondern eine bewusste Überzeichnung dessen, was sie eigentlich ist. Dazu bedarf es dann keines Satirikers oder Karikaturisten. Nein, die beteiligten Menschen handeln so, wie es eigentlich gar nicht sein dürfte und machen den ganzen Akt dann zu einem Kunstwerk, das auf einer Theaterbühne präsentiert werden könnte, handelte es sich nicht doch eben um die ganz normale, schnöde Realität, die zu diesem Anlass jedoch ganz anders daher kommt. Der amerikanische Sänger Tom Waits hat das Phänomen einmal Beautiful Maladies genannt, am besten vielleicht übersetzt mit so etwas wie dem zauberhaften Debakel, im Deutschen könnte es vielleicht auch als das Absurde im Wahren betitelt werden.

Nun, vor wenigen Tagen, als ein emotional Überdrehter im bayrischen Grafing auf einem Bahnhof mit einem Messer auf Passanten losgegangen war und dabei einen Mann getötet hatte, keimte gleich die Frage auf, ob es sich dabei um eine terroristisch motivierte Tat handelte, da, so gaben manche Zeugen an, der Täter immer wieder Allah ist groß gerufen habe. Die örtliche Polizei schloss diese These allerdings nach Festnahme des Täters gleich aus, nachdem sie die Identität wie die Verwirrung des Mannes festgestellt hatte.

Kurz darauf, als handele es sich um eine Variante von Handlung I in Grafing, spielte sich einige hundert Kilometer nördlich in Müncheberg in Märkisch Oberland (MOL) auf einem Bahnhof ein anderes Szenario ab: Da hörten Mitreisende in dem im Bahnhof stehenden Zug einen Passagier, wie er laut und deutlich kurze Sätze wie Allah in Müncheberg, Allah ist gut und Allah Tschüss in sein Smartphone rief. Zumindest glaubten sie das zu hören, und sie hatten richtig gehört, nur nicht gesehen oder gewusst, wie der Mann seine Worte geschrieben hätte, wenn sie ihn dazu aufgefordert hätten. Jedenfalls flüchteten die Mitreisenden panikartig über die Gleise und anliegenden Gebäude, brachten sich in Sicherheit und alarmierten die Polizei.

Nach Angaben des Polizeidirektors Maik Kowalski, und auch hier sind wir wieder bei der Karikatur im Realen, ließ sich der Verdächtigte ohne jeden Widerstand festnehmen. Der Mann war zwar überrascht, aber ruhig und außerdem unbewaffnet. Nach seinen Parolen gefragt, die als islamistischer Hintergrund und eine potenziell zu erwartende Tat hätten Interpretiert werden können, brach dieser dann in Gelächter aus. Er hatte nämlich mit seinem Bruder in Mannheim telefoniert und seine bevorstehende Ankunft durchgeben wollen. Dabei hatte er sich sprachlich des Mannheimerischen bedient und das dort oft verwendete Alla, übrigens abgeleitet aus dem französischen Allez, welches eine treibende Rolle in der sprachlichen Handlung einnimmt, gebraucht. Der Irrtum der panikierenden Mitreisenden, wie es treffender im Luxemburgischen ausgedrückt würde, bestand in einer antizipierten Schreibweise, die es so im Mannheimerischen gar nicht gibt, die aber den Schluss nahelegte, es handele sich um den arabischen Begriff für Gott. Der Mann konnte danach seine Heimreise nach Mannheim fortsetzen und, sofern vorhanden, seinem wie auch immer lokalen Gott dafür danken, so glimpflich einer provinziellen Fehlinterpretation entgangen zu sein.

Was das alles aussagt über die Befindlichkeit der Bevölkerung, die natürlich auch darauf reagiert, wie die Realität, in der wir uns bewegen, medial kommuniziert wird, sei jetzt einfach nicht hinterfragt. Die Absurde im Wahren, die Beautiful Maladies, sie wirken stärker aus sich selbst heraus.