Archiv für den Monat Mai 2016

Sich selbst ein Ständchen

Bob Dylan. Fallen Angels

Es ist die Zeit, in der es so manch großer Künstler fertig bringt, passend zu seinem fortschreitenden runden Geburtstag ein Werk vorzustellen. Diese Werke können unterschiedlich sein. Entweder, sie verweisen auf das bisherige, lange schöpferische Schaffen oder sie ziehen Bilanz. Ganz selten wird noch einmal eine neue Perspektive eröffnet, es gilt schließlich, das eigene Leben zu betrachten.

Bob Dylan legt passend zu seinem 75. Geburtstag das Album mit dem Titel Fallen Angels vor. Und der Titel ist das Einzige, was aus Dylans Feder stammt. Bei den 12 eingespielten Songs handelt es sich, und bereits da tappen vielleicht einige in die erste Falle, nicht exklusiv um Stücke Frank Sinatras, sondern um Standards aus der amerikanischen Jazzgeschichte. Zwar hat Frank Sinatra tatsächlich Young At Heart, Polka Dots And Moonbeams, All Or Nothing At All, That Old Black Magic oder Come Rain Or Come Shine gesungen, aber auch er griff auf das Kollektivgedächtnis des Jazz seines Landes zu.

Es sind die Weisen, die in diesem Land gefühlt immer schon gespielt wurden und von denen nicht nur ein Frank Sinatra, sondern auch ein John Coltrane nicht lassen konnten. Im Reigen solcher Größen fehlt Bon Dylan einfach. Er, der mit dem Protest begann und dem Protest gegen das Vorgefertigte immer treu bleib, er kann auch den Standards eine neue Perspektive der Interpretation geben. Wieder hat er diejenigen seiner Anhängerschaft enttäuscht, die ihn bereits passend in eine Schablone gepresste haben. Aber er passt weder in das Protest-Folk- noch in das Rock-Muster. Bob Dylan ist ein großer Musiker, der zum Nationalepos seines Landes, dem Jazz, genauso gehört wie die bereits Genannten und viele der Kreativsten mehr.

Fallen Angels ist in einer Weise arrangiert, die von der sonstigen Verwertung abgeweicht, weil Dylan weder voluminöse Bläser noch schmalzige Streicher einsetzt. Er lässt sie mit Minimalbesetzung spielen und singt dazu mit seiner ihm heute typischen, etwas heiseren, lyrisch klingenden Stimme, die eine Melancholie vermittelt, die in dem Wissen um die Vergänglichkeit des Schönen liegt.

Mit Fallen Angels gibt sich ein Großer selbst ein Ständchen. Das macht er unprätentiös und im Wissen um die Kultur, in der er sich hat entwickeln können. So wild die Geschichte ist, auf die er als Individuum zurück blicken kann, so ruhig und selbstbewusst ist das Narrativ dieses Landes, das nicht umsonst auf die Universalthemen der Menschheit immer wieder rekurriert. Bob Dylan hat die Lieder aus dem kollektiven Gedächtnis seiner Nation genommen, die vor allem auf die Liebe verweisen. Das ist gut, das ist dem Anlass gebührend und es ist ihm vor allem vergönnt.

Im Lotterbett der Kolportage

Lange vor der Digitalisierung von Produktionsbedingungen hatte Walter Benjamin den berühmten Aufsatz mit dem Titel Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit geschrieben. In der Arbeit zeigte Benjamin, dass er seiner Zeit weit voraus war. Messerscharf analysierte er vor allem, inwieweit das reproduzierte Kunstwerk selbst die Wirkung auf das es betrachtende Publikum verändere. Er sprach von der Aura eines Artefakts, der verloren ginge, wenn die Serienproduktion bekannt sei. So weit, so gut oder so schlecht. Viele seiner Beobachtungen in diesem Aufsatz sind bis heute überdenkenswert, auch wenn selbst kaum anzunehmen ist, dass Benjamin an den Universitäten positivistischer Weltbetrachtung noch gelesen oder gelehrt wird.

Heute, im digitalen Orkan, scheint die technische Reproduzierbarkeit als Problem der kulturellen Rezeption nicht mehr die zentrale Frage zu sein. Es hat sich vor allem mit der digitalen Revolution und dem damit verbundenen Zugang zu weltweiten, kollektiven Kommunikationssystemen und deren Portalen und Foren noch etwas anderes, gravierendes getan. Das, was immer die Grundlage eines jeden künstlerischen Schaffens gewesen ist, das Kreieren von etwas Neuem, scheint der originellen Kolportage gewichen zu sein. Vor allem in den so genannten sozialen Medien ist zu beobachten, dass die sich dort tummelnden Menschen nicht die Gelegenheit einer im Vergleich zu früher ungeheuren Publizität nutzen, um ihre originellen Gedanken, Ideen, Formversuche, Erkenntnisse oder Thesen zur Diskussion zu stellen.

Stattdessen bemühen sie sich in erster Linie darum, die Kolportage zu perfektionieren. Posts, die zwar originell sind, aber nicht Neues zu bieten haben, werden geteilt, um der Community zu demonstrieren, welche genialen Zugänge man hat. Dass es sich dabei um schlichte Zufallstreffer handelt, die irgendwo im Netz gefunden wurden, spielt dabei keine Rolle. Neben dem Fakt der Kolportage kommt noch hinzu, dass es sich in den seltensten Fällen um einen Affront handelt, der eine Diskussion entfachen könnte, der man sich vielleicht auch unter Inkaufnahme einer unangenehmen Auseinandersetzung stellen müsste. Es sind Signale des Konsenses, die mit den kolportierten Posts ausgesendet werden.

Kreativität ist ein Prozess der Freisetzung von Gedanken und Gedankenkombinationen, in dem die Schaffung von einem neuen Sinnzusammenhang im Mittelpunkt steht, der letztendlich nicht nur gedacht, sondern auch materialisiert und sozialisiert werden muss. Zuerst kommt die Idee, die in eine Form zu bringen ist und dann eine wie immer geartete gesellschaftliche Akzeptanz erarbeiten muss. Dass ist ein Weg, der jeder neuen Idee und jedem kreativen Prozess bevorsteht und der gelernt werden muss, weil er alles andere als einfach ist. Das Spiel des Scheiterns ist jenen, die ihr Augenmerk entweder auf die Kunstgeschichte oder den Wissenschaftsprozess gerichtet haben, bekannt: Die geniale Idee ist nichts ohne ihre Formung oder technische Realisierung und das neue Artefakt wird verkannt, wenn die Idee und der Nutzen der Gesellschaft aufgrund von Unverständnis nicht plausibel ist.

Die angepriesene Möglichkeit der digitalen Kommunikation hat, zumindest als Massenphänomen, der Kreativität bis heute nicht die Tür geöffnet. Stattdessen wirkt ein Erziehungsprozess, den Stefan Zweig einmal, natürlich in einem anderen Kontext, denn da bezog er sich auf die Auftragsproduktionen eines Honoré de Balzac, das Lotterbett der Kolportage genannt hat. In den sozialen Netzwerken wird die Kolportage bis zum Exzess geübt, statt die Möglichkeit genutzt, das selbst Erdachte in den Sturm der Kritik zu stellen, um es zu erproben. Denn die Kritik ist die Mutter der Schöpfung, wer sie nicht aushält, der oder die kann nichts gestalten. Weder in der Kunst, noch in der Wissenschaft, und schon gar nicht in der Politik.

Annäherung an eine Philosophie des Hörens

KAH/BA. The Sixth Sense

In einer Welt, die ohne große Vorbehalte mit dem Adjektiv technokratisch bezeichnet werden kann, ist die Beschreibung des sechsten Sinns ein Unterfangen, das allenfalls in philosophischen Kategorien mit Begriffen wie Vor-Schein seriös thematisiert werden kann. Ansonsten unterliegt der Versuch, sich dem sechsten Sinn zu nähern, dem schnellen Verdacht, sich gehörig in den falschen Sphären verirrt zu haben. Das tonale Pendant der Philosophie könnte der letzte Ausweg sein, sich dieser Kategorie zu nähern. Und wenn es sich um ein anerkanntes epistemologisches Experimentierfeld handeln könnte, dann ist es der Jazz. Dort wäre es alles andere als verwegen, sich auf den Weg zum sechsten Sinn zu gegeben.

Der in Graz lebende Musiker und Musiklehrer Heinrich von Kalnein (saxophones/ alto flute) hat, zusammen mit Christian Bakanic (accordion/ grand piano/ Fender Rhodes) und Gregor Hilbe (drums/ live electronics/ loops) diesen Versuch auf dem Album The Sixth Sense unternommen. Mit insgesamt neun Aufnahmen hat sich das Trio auf verschiedenen Wegen dem Thema genähert. Die verschiedenen Zugänge vermitteln der Hörerschaft eine Ahnung davon, worum es sich handelt.

Aufkommende Ängste, dass es sich dabei um ein völlig verkopftes, schlecht hörbares Experiment handelt, sind zwar verständlich, aber ganz und gar nicht angebracht. Goerg, der Opener, kommt aus einem kurzen, schrillen Off schnell zu einer infantilen Melodielinie des Bebop, die allerdings in eine in das Konzept eines zeitgenössischen Fusion eingebettet ist.

The Sixth Sense, das Folgestück, in dem Flötensequenzen sich in den Akkordeonläufen spiegeln, wird getrieben von einer an einen strammen Ritt erinnernde perkussive Untermalung und vermittelt die Aporie des Unterfangens. Der sechste Sinn scheint auf unter dem Eindruck des Getriebenseins aus den Alltagsroutinen. Die lyrische melodische Reflexion lässt sich nicht abhalten von den harten Bedingungen des zeitlosen Treibens. Wake-Up Call greift genau diese Idee auf und nimmt das Tempo heraus, und verfremdet das im Thema angedeutete Aufscheuchen durch das genaue Gegenteil: durch stoisch wiederholte Akkorde auf dem Klavier haben haben Flöte und Saxophon die Möglichkeit, sich in der Erprobung der Vorahnung zu verlieren.

Dass in der Folge Titel wie Kammermusik 6 und Kammermusik 4 auftauchen, unterbrochen von Pfeil, lässt die Spekulation offen, dass die Vorgeschichte mit ihren Traditionen bei der Vorahnung eines durchaus produktive Rolle haben können. The Sun ist das Stück, in dem die Frage nach der unbändigen Energie gestellt wird, die erforderlich ist, um in das Jenseits der Erkenntnis zu gelangen. Good Night And Good Luck ist die Aufforderung, sich der Reise des Experimentellen anzuschließen, allerdings mit der Beigabe, dass sie sich nur aus dem Willen des Individuums selbst beschreiten lässt. Lampedusa A.K.A. At Last verweist nicht umsonst auf eine entlegene Insel, die, bevor sie durch die schrecklichen Ereignisse der Zeitgeschichte in den Fokus geriet, für das Marginale der Zivilisation steht, eine Grenzzone zwischen Realität und einer Ahnung der Sinne.

The Sixth Sense ist ein sehr gut hörbares, musikalisch ansprechendes Experiment, dem es gelingt, an eine Philosophie des Hörens heranzuführen und dennoch Genuss zu vermitteln. Eine Seltenheit!