Archiv für den Monat April 2016

Die höchste Form des urbanen Blues

Thelonious Monk. Solo (1954 – 1961)

Er war der Outcast schlechthin. Und dabei ist seine Biographie schon wieder stereotyp für einen Afroamerikaner, der es im Jazz zu etwas gebracht hat. Geboren und die ersten Jahre verbracht in North Carolina, dann die Übersiedlung in den New Yorker Stadtteil Harlem, Mekka des Jazz, der Vater geht stiften, der Sohn wächst bei der Mutter auf. Sie bringt ihn zum Klavier und dort beginnt, stimuliert von Kirchenchören und House Rent Parties, die Genese des revolutionärsten Jazz des XX. Jahrhunderts.

Thelonious Monk, dessen Schaffen nun in der reinsten verfügbaren Form unter dem Titel Thelonious Monk. Solo (1954 – 1961) vorliegt, gilt neben Charlie Parker und Dizzy Gillespie als Mitbegründer des Bebop, jenes Genres, das alles aus den Angeln hob, was die binäre Musik bis dato zu bieten hatte. Obwohl Monk zu Recht zu den Vätern des Bebop gezählt wird, was die Konstruktion seiner Stücke wie die Infantilität seiner Melodielinien hinreichend dokumentieren, wird er kaum damit assoziiert. Monk hatte die Größe, sich nicht darum zu scheren, was die anderen von ihm dachten. Er schwamm immer gegen den Strom, selbst gegen den, der ihn selber trieb. Ihm fehlt das Herzrasen des Bebop-Mainstreams, aber er illustriert seine Konstruktionsprinzipien wie kein anderer.

Monk Solo umfasst vieles von dem, was Monk komponiert hat. Und nahezu alles, was er komponiert hat, wurde zum Jazz-Standard. Die Interpretation seiner eigenen Stücke auf diesem Album verdeutlicht die Genialität dieses bipolaren Musikers. Die wohl bekannten Stücke bekommt die Hörerschaft präsentiert in ihrem konstruktiven Aufbau, in ihrem Standardarrangement und in mehreren eigenwilligen Interpretationen. Gerade diese Art, die Stücke zu spielen, ohne Orchestrierung, ohne rhythmische Fremdakzentuierung und ohne melodischen Ornamente, zeigt das kühl kalkulierende, das verfremdende und das aufbrausende Temperament Thelonious Sphere Monks.

Die biographischen Daten, die auf der einen Seite so wichtige Zugänge schaffen, um das handelnde Subjekt zu verstehen, treten in dieser Werkschau wieder in den Hintergrund. Ob Alkohol oder Benzedrine, ob bipolare Störung oder sanfter Soziopath, alles, was diesen Outcast in seiner sozialen Existenz zu beschreiben hilft, tritt bei Monk Solo zurück.

Hier tut sich etwas auf, das die Jazzgeschichte selten zu bieten hat. Hier ist die Hörerschaft mit dem Komponisten im Werkstudio, jenseits der Brände und Polizeisirenen der Insel Manhattan, jenseits des Zeitgeistes, jenseits der Gravitationskräfte des Alltags und wird Zeuge, wie die wohl urbanste Form des Blues entwickelt wurde. Es ist keine Geheimformel, aber eine extrem eigenwillige Perspektive, mit der Monk die wohl bekannten Schemata zitiert, verfremdet und moduliert wieder beschleunigt. Wenn das Gewohnheitsohr die Beschleunigung erwartet, dann nimmt er das Tempo heraus, wenn eine Akkordfolge logisch erscheint, folgt eine Dissonanz und wenn das Verharren erwartet wird, dann nimmt dieser Genius wieder Fahrt auf, voller Verachtung.

Wer die Muße hat und es aushält, der sollte sich Monk Solo zu Gemüte führen. Nicht einmal, nicht zehnmal, sondern für den Rest des Lebens. Die existenziellen Etüden, die von Thelonius Monk zu hören sind, sind Anfang, Höhepunkt und Ende eines Genres zugleich. Und dem Superlativ folgt bekanntlich die Tristesse. Aber ist das nicht auch das Wesen dessen, was als Blues beschrieben wird?

Russische Spione auf dem Leidse Plein

Vor den Zeiten jener brausigen Hysterie, die diejenigen ereilt hat, die für den Transport von Informationen zuständig sind, hatten Generationen von Journalisten eines gelernt: Betrachte die Sache kalt. Eiskalt! Es hieß, beschreibe erst einmal den Sachverhalt, distanziert und ohne wertende Attribute, einfach nur den Sachverhalt. Dann versuche, Wirkungszusammenhänge zu verstehen. Warum folgert aus dem einen etwas anderes, wo liegen die Gründe, existieren vernünftige Erklärungen? Und wenn das Geschehen ist, dann stelle Fragen, die genau in die Richtung gehen, die nur schlecht erklärbar sind. Aber bitte, beantworte sie nicht! Das ist die Sache der Leserinnen und Leser!

Und wieder einmal hat ein Großteil der schreibenden Zunft alles verhunzt und damit zur immer schrecklicher werdenden Erosion des Vertrauens beigetragen. Was ist passiert? In den Niederlanden hat ein Referendum stattgefunden. Dieses ist verfassungsgemäß möglich und hat den Sinn, in strittigen Fragen die Regierenden zu beraten. In diesem Referendum haben sich die Niederländer gegen das Assoziierungsabkommen mit der Ukraine ausgesprochen. 62 Prozent waren dagegen, 32 dafür, das Quorum des Referendums von 30 Prozent wurde erreicht und überschritten.

Die Diskussion in den Niederlanden ging vor allem um die Frage, dass es verhängnisvoll für die EU sei, die normalen Vorgänge einer Mitgliedsaufnahme mit einem NATO-Beitritt zu verbinden. Angesichts der militärischen Auseinandersetzungen, die dem Ukraine-Konflikt folgten, da es weniger um einen neuen Lidl in der Provinz, sondern um NATO-Raketen auf der Krim ging, was ein No Go für Russland bedeutete, ist das Räsonnement der Niederländer eine sehr nachvollziehbare und auch vernünftige Sache. Es sei bemerkt, dass die Nachbarn der Bundesrepublik sehr gut über die Befindlichkeiten hierzulande, einem der Big Player in der EU, informiert sind und gesehen haben, dass die Interessen der NATO hier seitens der Regierung wie der Presse als kongruent mit denen der EU kommuniziert wurden. Das ist tatsächlich ein Verhängnis, und sich dagegen auszusprechen ist ein Akt der Vernunft.

Eine Berichterstattung über diesen einfachen Sachverhalt fand schlichtweg nicht statt. Im Vorfeld wurde über dieses Referendum so gut wie gar nicht berichtet und nun, da das Votum vorliegt, wird bewertet, bevor der Sachverhalt beschrieben wird. In den propagandistischen Fieberphantasien sind die Niederländer, die sich gegen den Assoziierungsvertrag mit der Ukraine ausgesprochen haben, nicht nur der radikalen Rechten im eigenen Lande auf den Leim gegangen, sondern auch Opfer russischer Propaganda geworden. Folgt man der Berichterstattung, die keine ist, dann wimmelt der metaphorisch so bedeutungsvolle Leidse Plein zu Amsterdam von russischen Spionen, die sich nun triumphal mit Heineken Bier zum taktischen Sieg zuprosten.

Es ist ein Debakel. Mit jedem politischen Ereignis, das sich im Kraftfeld Europas abspielt, dokumentiert vor allem der öffentlich-rechtliche Sektor, der sich ohne Umschweife zu einer Marketingabteilung der Bundesregierung entwickelt hat, dass alles geschehen darf, nur eines nicht. Jede Form von Kritik an dem eingeschlagenen außenpolitischen Kurs, der auf Konfrontation mit Russland geht, muss um alles in der Welt diskreditiert werden. Eine Abkehr von dem Junktim EU-NATO scheint nicht vorgesehen, die wachsende Missbilligung seitens der europäischen Bevölkerungen dafür wird in Kauf genommen. Wer so operiert, darf sich über eine zunächst emotionale Radikalisierung der Bevölkerung nicht wundern. Wer hat es schon gerne, sehenden Auges betrogen zu werden? Ob Panama Papers oder niederländisches Referendum, in wenigen Tagen hat sich die Ideologieschmiede hierzulande selbst und wieder einmal das Testat der propagandistischen Unzurechnungsfähigkeit zugeschrieben.

Früchte des Zorns!

Gute Nachrichten für die Rüstungsindustrie. Die weltweiten Ausgaben für Waffen sind wieder einmal gestiegen. Genau gesagt auf über 1,6 Billionen US-Dollar. Wer sich das nicht vorstellen kann, muss sich nicht sorgen. Alles, was mit Herrschaft in der digital-globalen Ära zu tun hat, spielt sich in einer Dimension ab, die sich dem Apparat der unmittelbaren Wahrnehmung entzieht. Deshalb ist es auch so schwer, so etwas wie ein Ungerechtigkeitsgefühl zu mobilisieren. Ob nun ein unübersichtliches Meer an Briefkastenfirmen oder die genannte Kaufsumme für Rüstung. Sicher ist nur, es geht um Bereicherung, von der man glaubt, sie nur durch Zerstörung erlangen zu können. Es geht um Ressourcen und es geht um Krieg.

Mit Abstand der größte Investor in Kriegswerkzeug sind die USA, die mit über 500 Milliarden Dollar ungefähr das Zehnfache von dem ausgeben, was Russland für Rüstung aufbringt. Und selbst das große Russland liegt noch hinter China und Saudi Arabien. Die Bundesrepublik wiederum bringt immerhin Zweidrittel der Mittel für Rüstung auf wie Russland. Vergleicht man die militärische Effektivität der beiden Streitkräfte, bekommt man einen nachdrücklichen Hinweis, was es bedeutet noch in einem heroischen oder schon in einem post-historischen Zeitraum zu leben.

Die Zahlen relativieren sehr viel von dem, was der im freien Fall befindliche Journalismus in Bezug auf wachsende Kriegsgefahren mit dem Holzhammer zu suggerieren sucht. Wenn jemand auf- und hochrüstet, so ist es einerseits der Westen und andererseits Saudi Arabien, das es sehr ernst meint mit seinen Großmachtansprüchen im Nahen und Mittleren Osten. Und was nicht in der Statistik steht, ist aus hiesiger Sicht das eigentliche Gaunerstück. Die Hochrüstung des despotischen Wüstenstaates zu einer massiven Kriegsgefahr wird in erheblichem Maße durch Lieferungen der deutschen Waffenindustrie mitbetrieben, mit Wissen und Genehmigung der Bundesregierung versteht sich.

Die neue Formel, mit der der menschenverachtende Flüchtlingsdeal mit der Türkei erkauft werden soll, nämlich das primäre Ziel sei es, Fluchtursachen zu bekämpfen, entpuppt sich als frivoler Zynismus. Der wachsende Einfluss Saudi Arabiens in der Region wird Flüchtlinge im Überfluss produzieren. Wie verkommen muss Politik sein, wenn sie in derartigen Kontexten mit Arbeitsplätzen in den Waffenschmieden argumentiert? Wie weit ist es dann noch bis zum totalen Zynismus, dessen Ausmalung einem halbwegs sozial denkenden Menschen immer noch unmöglich erscheint?

Es geht um Ressourcen, es geht um Krieg und es geht um Propaganda. Wie viele Beispiele braucht es noch für die Gutgläubigen, um zu verdeutlichen, dass die immer klarer werdenden Zusammenhänge nichts mit einem wie auch immer gearteten Zufall zu tun haben? Sie zerstören die Nationalstaaten, sie zahlen keine Steuern, sie verticken Waffen an Verbrecher und sie kaufen sich Meinungsagenturen, die ihre Drecksstrategien mit moralistischen Doktrinen und allerlei ökologischem Firlefanz verzieren. Die Verlogenheit, mit der sich ihre Kommunikatoren durch den immer verzwickteren Alltag lavieren, wird täglich dokumentiert und führt dennoch zu keinem Aufschrei.

In Island genügte die Enthüllung der Verwicklung des Premiers in die Panama-Mossack-Fonseca-Briefkastenarchitektur, um nahezu die gesamte Bevölkerung zum Proteststurm zu mobilisieren. Nun mag argumentiert werden, bei einem Land, das so viele Einwohner wie Mannheim habe, sei das nicht so schwer. Aber bei einem Land wie der Bundesrepublik, mit einer Geschichte wie der ihrigen, müssten eine halbe bis eine Million Menschen zu einem kleinen Aufmarsch in Berlin doch möglich sein. Und ginge es nur darum zu zeigen, dass es so auf keinen Fall mehr weiter geht!