Archiv für den Monat April 2016

Diabolische Quellen

Nicht selten gehen ökonomische Entwicklungen und lancierte politische Vorhaben Hand in Hand. Bestimmte wirtschaftliche Trends begünstigen den demokratischen Kontrollverlust und schaffen damit einen Freiraum für politische Manöver im Dienste handfester Interessen. Eines der furiosesten Beispiele für diesen Trend ist die Entwicklung des Rundfunk- und Pressewesens. Dort hat sich eine Zweiklassengesellschaft von Redakteurinnen und Redakteuren etabliert, die es in sich hat. Zum einen ist das tarifliche Portfolio vernünftig definierter Journalisten längst passé. Vorbei die Zeiten, in denen angehende Journalisten diesen Beruf von der Pike auf lernten, fest bei einem Haus angestellt waren und nach einem feststehenden Tarif bezahlt wurden.

Die aus dem Tarif und der Festanstellung erwachsene Unabhängigkeit ist dahin. Stattdessen hat sich ein Heer von so genannt freien Mitarbeitern gebildet, das nach von den Auftraggebern definierten Einzelleistungen honoriert wird. Wer nicht das liefert, was in das intendierte, meinungsbildende Schema passt, ist schlichtweg raus aus dem Spiel. Die Folge ist eine bittere Abhängigkeit, die zu dem führt, was irritierender Weise, aber nicht unbedingt falsch als Prostitution bezeichnet wird. Von einem Pressekodex kann dabei nicht mehr gesprochen werden. Es handelt sich um die Vergabe von Dirty Jobs. Wer essen will, macht mit, wer nicht mit macht, schreibt Werbebroschüren für Discounter.

Das Pendant zu dieser wirtschaftlichen und mentalen Pauperisierung bilden diejenigen, die als Galionsfiguren der Meinungsmacher fungieren und bezeichnet werden müssen. Auch sie sind nicht selten Freelancer, betreiben aber eigene Agenturen und werden als Dauerpropagandisten verpflichtet. Ihre Honorare haben eine Dimension erreicht, die alleine darauf hinweisen, dass es sich um Aufträge handelt, die nicht koscher sind. 70.000 Euro pro einstündigem, wöchentlichen Setting streichen die Protagonisten dieses Milieus ein. Sie haben das, was als journalistische Hemmschwelle bezeichnet werden muss, längst abgelegt und sind sich für keine manipulativen Sottisen zu schade. Ein Blick in die Polit-Talkshows der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten illustriert, was damit gemeint ist. Von ihrem Bildungsgrad her wissen sie, was sie tun, aber es ist ihnen egal. Der Zweck heiligt die Mittel.

Vieles von dem, was so gerne von Kritikern als Lügenpresse oder Propaganda bezeichnet wird, basiert auf diesem ökonomischen Setting. Hier das Heer der rechtlosen und einem prekären Markt ausgelieferten Zulieferern und dort die Showmaster der Mystifikation, die mit rhetorischer Finesse die politische Agenda bestimmter Strategiegruppen an den Mann bringen. Letztere haben ihr Handwerk dort gelernt, wo die schillernden Strategien ausgeheckt werden. Immer häufiger sind es so genannte Think Tanks oder Denkfabriken. Einer der bekanntesten Nachrichtenjournalisten des ZDF entstammt einem solchen amerikanischen Think Tank und seine Thesen lassen sich direkt in den Papieren dieser Vereinigung nachlesen. Wer erwartet, dass sich die Auftraggeber, in diesem Fall als staatliches Monopol geschützte Institutionen wie die den öffentlich -rechtlichen angeschlossenen Rundfunk- und Fernsehanstalten ein solches Vorgehen verbitten würden, sieht sich getäuscht. Die Denkfabriken und Think Tanks sind zu ohne Umschweife autorisierten Quellen dieser Anstalten avanciert.

So verwundert es nicht, dass in Bezug auf die Berichterstattung über internationale politische Zusammenhänge mittlerweile ohne Skrupel die Denkfabriken und Think Tanks als hervorragende Quelle angegeben werden. Um es zu verdeutlichen: Es handelt sich dabei in der Mehrheit um von bestimmten Strategie- und Wirtschaftslobbys finanzierte Institute, die die Interessen im internationalen Kontext ausloten. Die Krise des Journalismus ist die legale Infiltrierung desselben durch diese Lobbys. Es geht längst nicht mehr darum, diese oder jene Interessen geleitete Information im Einzelfall zu problematisieren. Es geht um die Zerschlagung dieses Systems zugunsten der Installation eines handwerklich sauberen Journalismus. Wenn nötig als Gegeninszenierung. Da ist Kreativität gefragt!

Die Teleologie der Verwirrung

Unter didaktischen Gesichtspunkten hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten eine völlige neue Institution in der Bildung öffentlicher Meinung etabliert. Es ist der unter der Chiffre Talk Show zur Schau gestellte Diskurs über scheinbar relevante gesellschaftliche Fragen. Das Setting kam, wie so oft, aus den USA und entspringt dem durchaus positiven Gedanken, dem, was öffentliches Interesse erregt, einen wiederum öffentlichen Raum zu geben, in dem diskursive Reflexion stattfinden kann.

Doch das, was ursprünglich als eine Avance an eine direktere Form von Demokratie verstanden werden konnte, unterliegt wie immer einer nahezu tödlichen Ambivalenz. Die Ablösung der Eliten durch das Volk hatte schnell ein Ende und aus einer sehr virulenten Gegenöffentlichkeit wurde sehr schnell ein professionell fragwürdiges Setting, in dem Dauerakteure gleich Sprachautomaten ihre Dogmen in eine scheinbar hitzige Debatte schleuderten. Positionen wurden nicht verändert, die herrschende Doktrin nie demontiert und die Möglichkeit von tatsächlichen Alternativen systematisch blockiert. Neben den Sprachautomaten unterschiedlicher Couleur tauchten die Moderatorinnen oder Moderatoren auf, deren Job es war und ist, die herrschende Doktrin von Zeitgeist und Modernität in dem jeweils günstigsten Licht erscheinen zu lassen.

Der andernorts beklagte Verlust einer politischen Programmatik fand in dem Medium der Talkshows seine Entsprechung. Die Betrachtung des Ganzen, die Identifizierung eines gesellschaftlichen Konsenses und die Ableitung daraus auf das erregende Einzelne wurde ersetzt durch die Betrachtung des Partikels und, wenn es hoch kommt, den Schluss von dort auf das Ganze. Das, was als das große Prinzip der Deduktion bezeichnet werden kann, die Ableitung des Einzelfalls von einer holistischen Weltbetrachtung, fand Ersatz im Prinzip der Induktion, in dem seinerseits der Einzelfall dazu dient, um auf ein vermeintlich höheres Ganzes zu schließen, dem jedoch niemand mehr folgen kann, weil es gar nicht mehr existiert. Das Ergebnis ist eine chronische Irritation und böse Zungen behaupten, darin läge der ganze Sinn der Übung.

Das, was dann in der Chronologie der Ereignisse auftaucht, sind Schlagworte, die hoch emotionalisieren, aber kaum noch etwas klären. Ein amerikanischer Freund, nicht der deutschen Sprache mächtig, der ein bis zweimal im Jahr den Weg nach Deutschland findet, begann ein Spiel damit, dass er nach Schlagwörtern fragte, die er immer wieder in den Radionachrichten hörte und unter denen er sich nichts vorstellen konnte. Das Spiel begann mit der Frage Whats Lüchow-Dannenberg?, hatte jedes Jahr mindestens ein bis zwei neue Aspekte, mal Kachelmann, mal Fukushima, mal Nokia Bochum, mal Edathy, mal Parteispenden, mal Atommüll und Waldsterben, mal Flüchtlingskrise oder Böhmermann.

Die Hitze, die sich mit den Schlagworten verbindet, strahlt bei ihrer Nennung noch ab. Die traurige Bilanz dieser wenigen, in dem Spiel mit dem amerikanischen Freund zitierten Begriffe, ist eine praktische Folgenlosigkeit sondergleichen. Ihre Bearbeitung im öffentlichen Raum hat zu einer jeweils moralischen Positionierung der Gesellschaft beigetragen, aber nicht zu rational getroffenen politischen Konsequenzen.

Diese Kritik auf das Medium der Talk Show zu reduzieren wäre jedoch weit überzogen. Die Demoskopie als synthetische, psychedelische Droge vieler Politiker hat jedoch dazu geführt, dass sich große Teile der politischen Klasse mehr um die Zugehörigkeit zu der korrekten moralischen Position gekümmert hatten als um die politisch sinnvolle Konsequenz. Nur so konnte das Medium der Talk Show zu dem verkommen, wie es heute erlebbar geworden ist. Eine Reflexionsrunde von gesellschaftlich Irrelevanten, deren Teleologie die Verwirrung ist.

Der politische Witz in Zeiten der Inquisition

Es wäre eine sehr verkürzte und nur zu einem Bruchteil zutreffende Erklärung, den Niedergang des Humors in der Politik auf den in Berlin und Washington herrschenden Protestantismus zurückzuführen. Eine solche Deutung würde zwar so manchem Nostalgiker des rheinischen Bonns oder der zuweilen barock wirkenden Pfalz ins Kalkül passen. Aber es ist dennoch Unsinn, weil in früheren Zeiten vor allem in der Politik so manche Typen vertreten waren, die aus protestantischem Hause kamen und mit Esprit und Witz nahezu funkelten.

Wichtig ist jedoch die Beobachtung, dass seit einiger Zeit der Witz in der Politik ebenso zurück gegangen ist wie der Lachen über die Politik. Das ist insofern bemerkenswert, als dass beides Politik wie Volk immer als begleitende Erscheinung ausgemacht hat. Über alle Zeiten galt der Witz als hohes Gut politischer Kultur. Das geht zurück bis in die Antike und wurde immer nur dann unterbrochen, wenn brutale Diktaturen den Prozess der Zivilisation unterbrachen. Dann wurde der Humor auf Seiten der Mächtigen durch Zynismus ersetzt und das Volk hatte in Gleichnisse und Parabeln zu flüchten, um den Dissens noch zum Ausdruck bringen zu können.

Der Zeitpunkt, an dem sich das Lachen hierzulande aus der Politik verabschiedet hat, fällt mit dem Ende des Kalten Krieges und der Wiedervereinigung und dem folgenden Umzug der Regierung nach Berlin zusammen, ist aber nicht die Ursache. Doch seit dieser Zeit machte sich, in Bezug auf das eigene politische System, eine Art Triumphalismus breit, der sich nach und nach zu einem Überlegenheitsgefühl entwickelte, das sich mit den Ideen von einer neuen Lebensweise paarte, die vieles von dem in sich trug, was die vielen, unterschiedlichen und pittoresken Reformbewegungen der Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts bereits vorgelebt hatten. Aus der inneren Überzeugung erwuchs ein todernstes Bekehrungsbewusstsein, das bis heute vieles von dem Moralismus in sich trägt, der sich jeden Tag im Sprachgebrauch der Politik manifestiert.

Moralismus und ein sich immer weiter entwickelnder Kodex des politisch Korrekten haben zu einem Mechanismus geführt, der seit der Heiligen Inquisition in allen Aspekten zwar bekannt, dessen Wirkung durch die Erkenntnis dennoch nicht außer Kraft gesetzt ist. Das in der Politik etablierte Sendungsbewusstsein hat sich gepaart mit der Angst in großen Teilen der Bevölkerung, etwas zu formulieren, das nicht mit dem politisch Korrekten korrespondiert. Es dreht sich nicht mehr um eine politisch andere Meinung, sondern um ein verfolgenswertes falsches Weltbild, das sich in dem Dissens zur herrschenden Politik vermuten lässt.

Es wäre eine empirische Untersuchung wert, wann es begonnen hat, das Verschwinden des politischen Witzes, der Karikierung von Politik in der Bevölkerung und der humoristischen Überzeichnung bestehender Politik. Fest steht, dass diese zum Prozess der Zivilisation gehörenden Phänomene nahezu ausgestorben sind und wir uns, um bei der historischen Einordnung zu bleiben, in einem Zeitraum befinden, der nicht zu diesem Prozess dazugehört, sondern ihn unterbricht. Wenn es nichts mehr zu lachen gibt, dann herrscht ein inquisitorischer Extremismus.

Da ist es kein Wunder, aber bezeichnend, dass ausgerechnet das politische Kabarett das letzte Refugium ist, in dem politischer Dissens formuliert werden kann. Allerdings auch dort ohne das Lachen. Ganz im Gegenteil. Das zeitgenössische politische Kabarett ist eine Wohltat, weil dort noch Tacheles geredet werden kann. Ganz ohne Humor. Ganz ohne Lachen. Das hat, zumindest in dieser Phase der Geschichte, die zeitgenössische Inquisition durch Angst und Schrecken einkassiert.