Archiv für den Monat April 2016

Die Inkongruenz von Anspruch und Macht

Was unterscheidet überregional, wenn nicht global agierende Mächte von der Bundesrepublik Deutschland? Diese Frage ist vielleicht besser geeignet, das Dilemma zu beschreiben, in dem sich das sich neu erfindende Deutschland befindet als eine nur die inneren Kräfte betrachtende Analyse. Die USA, China oder auch Russland, um es ohne Umschweife zu sagen, weisen eine starke Deckungsgleichheit zwischen ihrem Anspruch auf Einfluss und einer diesen unterstreichenden Sanktionsstärke auf. Einfach ausgedrückt, der Machtanspruch, den diese Staaten formulieren, ist im wesentlichen kongruent mit der Möglichkeit, diesen auch militärisch zu unterstreichen.

Deutschland als die in der EU erlebte neue Großmacht verfügt über eine erstaunliche wirtschaftliche Potenz, mit der sich sehr gut in die Angelegenheiten dritter Staaten intervenieren lässt, wie es sich vor allem in Südeuropa zeigt, aber die militärische Option ist aus historischen Gründen nicht vorhanden. Zum einen fuhr die alte Bundesrepublik immer unter dem militärischen Schutzschild der USA und konnte die notwendigen finanziellen Aufwendungen, die ein verstärktes militärisches Engagement erfordert hätte, in aller Ruhe zu zivilen Zwecken verzehren. Zum anderen ist nach dem faschistischen Desaster der Übergang in die Post-heroische Gesellschaft sehr schnell und reibungslos vollzogen worden und selbst eine eher profane Überlegung, wie der wachsende politische Einfluss militärisch abgesichert werden kann, führt zu einer kollektiven Empörung, die in den eingangs aufgezählten Staaten von großem Einfluss eher unbekannt ist.

Nun, an diesem Wochenende, wird sich wieder sehr konzentriert zeigen können, was zwischen dem Großmannsgehabe, das die Vertreter der Republik noch vor kurzem innerhalb der EU an den Tag gefelgt haben und dem tatsächlichen internationalen Gewicht an Defiziten liegt. Die Kanzlerin reist mit einer Delegation in die Türkei und es wäre mehr als ratsam, dem in den Größenwahn abdriftenden Präsidenten der Türkei zu zeigen, wo die Grenzen für ihn selber liegen, bevor noch weiter über die Grenzen für Flüchtlinge geredet wird. Seine Selbsttäuschung ist bereits wesentlich gefährlicher für den Weltfrieden als die Kontingente an Flüchtlingen, die zwischen der Türkei und der EU geschachert werden wie Schlachtvieh. Sehr schnell wird zu sehen sein, ob die Kanzlerin der Republik es einem Obama oder Putin gleichtun kann und den ehemaligen Kringelverkäufer in die Schranken verweisen wird.

Und kurz danach wird US-Präsident zu seinem letzten offiziellen Besuch in Hannover erwartet. Und es ist jetzt schon bekannt, dass er von der Bundesrepublik verlangen wird, sich direkt mit militärischer Präsenz an die russische Grenze zu begeben, um die NATO dort zu unterstützen. Es wäre eine Entscheidung gegen den Gründungsmythos der Wiedervereinigung, der aus dem Verständnis der Versöhnung und dem Ende des Kalten Krieges entstand. Die Frage ist, wo die Regierung steht. Betreibt sie das Ende der europäischen Verständigung, wofür seit den Balkankriegen vieles spricht, dann sendet sie auch Teile ihrer Operettenarmee, die für den Nachwuchs mit Familienfreundlichkeit und Kinderbetreuung wirbt, direkt an die russische Grenze, um zumindest dem eigenen, wiederholten Untergang schon mal in die immer noch heroisch gestimmten Augen schauen zu können. Will sie das nicht, dann sollte die Kanzlerin auch in der Lage sein, das zum Ausdruck zu bringen, und nicht durch den Äther der Allgemeinplätze schlingern.

Ein Land, das Ansprüche formuliert, die es nicht durchsetzen kann, ist eine Gefahr für sich selbst. Ihm haftet immer etwas Monströses an. Angesichts der gegenwärtigen Inkongruenz von Anspruch und tatsächlicher Macht wäre es angeraten, konsequent zu sein, d.h. Positionen zu vertreten, für die man einstehen kann und bescheiden zu sein, wenn das nicht der Fall ist.

Die Vergewaltigung der Sprache

Wer weiß, vielleicht befinden wir uns längst in einem Zeitalter, in dem zumindest im Westen der Individualismus noch wie ein Banner hochgehalten wird, aber es sich schon längst abgezeichnet hat, dass es sich um eine Illusion gehandelt hat, die zwar in der bürgerlichen Epoche eine Berechtigung hatte, aber in der technokratisch bestimmten Massengesellschaft zu Staub zerbröselt ist. Denn, genau betrachtet, wo ist denn Individualismus, der den Namen verdient, wenn nicht ein Privileg einiger Weniger, die es sich leisten können, in einer durch Vorschriften und Regelungen durch deklinierten Welt? Wer kann es sich noch leisten, sich einem durch die Gewalt der Meinungsmaschinen im Kommunikationszeitalter fabrizierten Mainstream zu widersetzen, ohne sozial ausgegrenzt und an den sprichwörtlichen Pranger gestellt zu werden?

Es ist nicht nur die Zivilcourage, die vonnöten ist, um sich einem durch keinen politischen Akt vollzogenen, aber trübe wirkenden Kollektivismus zu widersetzen. Mut findet sich immer und überall, auch wenn die Angst zu einem festen Bestandteil der kollektiven Befindlichkeiten mutiert ist. Doch die Courage wirkt oft sehr verzweifelt, weil das Wesen ihres Aufbegehrens von vielen gar nicht mehr verstanden wird. Darin liegt vielleicht der Fluch der Gegenwart. Die allgemeine, erst unterschwellige, jetzt offene Vergewaltigung der Sprache, um der Wahrheit über die Gegebenheiten keine Chance mehr zu geben, hat genauso um sich gegriffen wie die Möglichkeit, dieses Werk zu dechiffrieren geschwunden ist. Es bedarf einer nicht geringen Portion an Bildung und Technik, um die Perfidie der Verschleierung zu durchschauen und zu dekonstruieren.

Nehmen wir ein ganz unverfängliches, gar nicht politisches Beispiel, um zu demonstrieren, was damit gemeint ist. Momentan schwirrt so ein Begriff durch den Kommunikationsäther, der von der Automobilindustrie lanciert und der sicherlich nicht ohne Hilfe von Marketingagenturen zustande gekommen ist. Es handelt sich um den Begriff des autonomen Fahrens. Der Sinn des Begriffes Autonomie hat seine Geläufigkeit aus dem Verständnis, in der Lage zu sein, selbst zu bestimmen, was für den Akteur gut oder schlecht ist, ohne Bevormundung einer dritten Kraft. Es ist folglich ein Begriff, der auch politisch sozialisiert ist mit den Konnotationen von Freiheit und Unabhängigkeit.

Was die Automobilindustrie jedoch damit bezeichnet, ist ein weiterer, gewaltiger Schritt weg von Individualismus und Unabhängigkeit. Das autonome Fahren beschreibt als Endziel das Ende des Individualverkehrs, die Steuerung derer, die in einem Auto sitzen, durch Bord- und als nächstem Schritt Satellitencomputer, die außer dem Fahrtziel alles regeln. Das, was daran autonom sein soll, kann sich nur auf die Steuerungssysteme beziehen, nicht aber auf die Individuen, die sich in dem Automobil befinden. Und gelungen ist die Umdeutung und interessant, aber auch enttäuschend dabei ist, dass selbst die schlimmsten Automobilafficionados diese Mystifikation weder erkennen noch dagegen revoltieren. Es handelt sich um ein typisches Manöver, wie der Sinn eines Begriffs zweckrational umgedeutet wird und eine phlegmatische Öffentlichkeit so etwas ohne Protest hinnimmt.

Was bereits in einer Frage, die die Mobilität von Menschen betrifft, ohne große Wellen des Widerstandes gelingt, ist im Bereich der Politik längst Usus und gehört zum Tagesgeschäft. Wer in der Lage ist, den Sinn von kollektiven Begriffen umzudeuten, der kann die Emotionen im großen Spiel bereits neu anordnen und aus einer rational zu betrachtenden Angelegenheit die wildesten Zornräusche konstruieren. Man denke nur an das Wort Versteher. Etwas vor gar nicht länger Zeit positiv Besetztes ist zu einem regelrechten Hetzbegriff mutiert. Erst wird die Sprache vergewaltigt und dann wird ihr der Sinn geraubt.

Strategische Kompetenz

Das Zitat wird gerne dem eisernen Kanzler Otto von Bismarck zugeschrieben. Es beinhaltet die These, dass die erste Generation die Ärmel hochkrempele und ein Imperium aufbaue, die zweite dieses Imperium zumeist solide verwalte und die dritte lieber Kunstgeschichte studiere. Was wie ein Zynismus klingt, lässt sich in der Geschichte allzu oft verifizieren. Ob Bismarck, wenn er es denn war, die Familie Krupp im Auge gehabt hat, ist weder gesichert noch wahrscheinlich. Dass es gerade auf diesen Industriegiganten zutrifft, ist wiederum nicht von der Hand zu weisen. Es ist eine interessante Übung, nach Beispielen zu suchen, die diesen Zyklus belegen. Es gibt genug davon.

Die Frage, die daraus resultiert, ist die, ob das Wort übertragbar ist. Zum Beispiel auch auf Staaten. Folgen auch sie dieser ewig wiederkehrenden Weise von Expansion, Sicherung und Sophistizierung, die letztendlich den langsamen Niedergang einleitet? Das wäre und ist keine neue Erkenntnis. Und diese Erkenntnis hat historisch eine derartige Wirkung gehabt, dass sie in manchen Historikerkreisen sogar als ein Gesetz der geschichtlichen Entwicklung betrachtet wird.

Wenn dem so wäre, dann stellte sich die Frage, wozu eigentlich noch die ganze Aufregung über den Niedergang von Systemen, die doch alle nur einem Gesetz folgen, das so ehern wie der Kanzler Bismarck ist. Sie wäre vergeblich und der Rat, der denen, die zum Aufbegehren gegen den unweigerlichen Niedergang tendieren, einfach zu raten, den Augenblick, der so vergänglich ist, einfach zu genießen und das Leben neu zu definieren.

Das Aufregende an der Geschichte ist jedoch, dass immer wieder Phänomene in den Annalen auftauchen, die die vermeintlichen Gesetze rigoros widerlegen. Nicht jedes Imperium verschwindet mit dieser Gesetzmäßigkeit wieder in der Versenkung. Viele halten sich über Zeiträume, die Generationen wie kurze Augenblicke erscheinen lassen und sollten sie einmal ins Schlingern geraten, so dauert es nicht lange und sie tauchen wieder auf. Mit der gleichen Macht und Stärke und mit der ganzen Erfahrung, die sich nicht verflüchtigt hat, sondern in weiser Voraussicht konserviert wurde.

Die Ausnahmen, ob in politischen oder wirtschaftlichen Systemen, haben bei genauer Betrachtung eines gemein: Sie haben eine Vision, die nicht erodiert ist und sie verfügen über genaue Kenntnisse, welche Gefahren in der kollektiven Mentalität schlummern. Vielleicht kommt diese Haltung in der alten chinesischen Militärweise zum Ausdruck, die so lapidar formuliert klingt. Kennst du deine Feinde, kennst du dich selbst, hundert Schlachten ohne Schlappe. Sie impliziert die genaue Beobachtung sowohl der konkurrierenden Systeme als auch die Fähigkeit, von einer höheren Ordnung das eigene Agieren genau zu studieren. Was sich dahinter verbirgt, ist nichts anderes als strategische Kompetenz, die das einzige Mittel zu sein scheint, das Weitsicht und Gegensteuerung ermöglicht. Auch dort, wo diese Fähigkeit vorhanden ist, kann es zum Niedergang kommen, aber dann handelt es sich um Entwicklungen, die tatsächlich nicht kalkulierbar waren. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Das genaue Studium dessen, was die strategische Kompetenz zu nennen ist, kann das Mittel sein, welches helfen kann, die Erosion, die die metaphorische dritte Generation vollzieht, doch noch aufzuhalten. Irgendwie scheinen das viele Menschen auch in der Gegenwart zu merken. Es wird sehr viel von Strategie geredet, was diesem Bedürfnis entspricht. Aber das schlichte Gerede von der Strategie allein macht noch keine Strategie aus. An ihr zu arbeiten, ist die Aufgabe, der sich die stellen sollten, die mit der Entwicklung der Gegenwart nicht leben wollen. Wer da noch laut tönt, er fahre auf Sicht, der hat das Tal der Perspektivlosigkeit längst erreicht.