Archiv für den Monat Januar 2016

Die Zeit der Sensenmänner

Im Zeichen der Demoskopie stehen sie derweilen hoch im Kurs. Sie gelten als die, die ungeachtet des Zeitgeistes den Mut besitzen, unbequeme Wahrheiten zu sagen und kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sie mahnen die eiserne Faust an, wo gestalterische Phantasie angebracht wäre. Sie schreien nach Ordnung, wo Flexibilität gefordert wäre und sie begünstigen Feindbilder, die keinem helfen werden. Aber das scheint alles unerheblich zu sein. Die medialen Kommunikationsorgane stilisieren sie zu Helden, dabei könnte ihre Botschaft dürftiger nicht sein. Egal, woher das Elend kommt, ordentlich den Knüppel raus, dann ist auch wieder Ruhe. Sollte das die Maxime sein, die in Deutschland wieder Mehrheiten zu gewinnen in der Lage ist, dann wäre es vergeudete Zeit, über mögliche Perspektiven für dieses Land überhaupt noch zu räsonieren.

Doch zurück zu den drei SSS. Seehofer, der reine Symbolkämpfe inszeniert, Schäuble, der die Ent-Solidarisierung Europas bis zur letzten Jacketkrone ausgefochten hat und nun auch Edi Stoiber, der im Kreise von Pommes & Pralinen seit Jahren zur Pilzkultur der Brüsseler Euro-Bürokratie gehört, die er eigentlich abschaffen sollte. Edi droht jetzt auch, und weil es so en vogue ist, fällt er in den Chor der anderen beiden, die es so lieben, Ultimaten zu stellen. Nicht, dass die Sympathien der Frau gölten, die sich seit Jahren um Entscheidungen drückt, aber die drei Schergen aus dem Süden der Republik, die verkörpern beileibe nicht die Alternative, derer es bedürfte, um aus Problemlagen Lösungskonzepte zu machen.

Jetzt, in einem Moment, in dem der Konservatismus auf einen Regimewechsel drängt, fallen die drei politisch längst desavouierten Schergen aus dem Gebüsch und klimpern auf der Tastatur der Staatsräson, um ihren Machtanspruch zu untermalen. Aber, Hand aufs Herz, wer von ihnen wäre denn in der Lage, die Macht und das Amt zu übernehmen? Sie selbst wohl kaum und alleine die Namensnennung möglicher Kandidatinnen und Kandidaten aus dem konservativen Lager verursacht Stockgeräusche in der Luftröhre. Zu sehr hat die Meisterschülerin des Pfälzer Bürgerkönigs an der Technik der Macht geleckt. Protestantisch bieder, wie sie ist, duftet das Fallbeil bei ihr nicht nach Hausmacher und Kraut, sondern bitter nach Metall. Aber spielt das eine Rolle? Weggeätzt hat sie alle, die aufgrund von Begabung oder Fleiß in Frage gekommen wären.

So bleibt die Drohung der drei Sensenmänner nichts anderes als eine wahltaktische Finte, mit der sie versuchen wollen, vor den bevorstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt den Wellenreitern des politischen Populismus Stimmen zu entreißen. Ihr Zubiss liegt längst des nächtens, wenn es Zeit zum Meucheln wäre, im Corega-Bad. Und so bekommen sie gar nicht mehr mit, wer im Schutze der Dunkelheit die Straßen des Landes beherrscht. Sähen sie es, mit ihren starigen Blicken, so stellten sie fest, dass es nicht Syrer und Mohren sind, die dieses Land bedrohen, sondern Neid und Missgunst, Zwist und Angst und eine bleierne Hoffnungslosigkeit.

Wenn die Bussarde kreisen, so heißt es in ländlichen Gebieten, dann ist die Zeit des Sensenmannes angebrochen. Dann taucht er auf, kommt aus den wabernden Nebeln und lässt seine scharfe Sense durch die milchige Luft surren, dabei ein Grinsen aufgesetzt, das gar keines mehr ist. Denn wo der Tod herrscht, da gibt’s auch nichts zu lachen. Nur die Persiflage schafft das noch. Und diese Sensenmänner, die sich nun wieder anbieten, die gehören in diese Kategorie.

Licht durch Klang

Michael Wollny Trio. Nachtfahrten

Natürlich ist es absurd, bei einem Siebenunddreißigjährigen noch den Begriff „Wunderkind“ in den Mund zu nehmen. Aber etwas, das sich besonders in dieser Produktion zeigt, legt den Terminus dennoch nahe. Die als Wunderkinder in der Musik bezeichneten vereinen in sich Eigenschaften, die in dieser Komplexität nur bei dieser Erscheinung zu finden sind. Da geht es natürlich immer um die schon existierenden technischen Fertigkeiten, aber es geht auch um die unbefangene Inspiration, den Mut etwas Unkonventionelles auszuprobieren und eine gewisse Frivolität bei der Ausführung. Michael Wollny ist so einer, auch wenn er lange kein Unbekannter mehr ist und sich längst in der Welt des Jazz einen Namen gemacht hat. Wollny, dessen bisherige Alben mit Titeln daher kommen, als handele es sich um seltene Schriften aus der Heidelberger Romantik, hat mit seinem neuesten Album „Nachtfahrten“ vierzehn Stücke vorgelegt, die den Begriff in vielerlei Hinsicht durchdenken.Dem Trio mit Christian Weber (Bass) und Eric Schaefer (Drums) ist ein Werk gelungen, das vieles durchbricht, zu dem traditionelle Jazz-Trios in der Lage sind.

Nachtfahrten ist eine Sammlung von Stücken, die sich nicht nur allesamt, auch in der direkten Folge, hören lassen, ohne zu ermüden. Wie Exerzitien, die sich um das Dasein drehen, philosophiert Wollny an seinem Flügel. Da ist soviel Neues, das zunächst nur mit der Negation beschrieben werden kann. Nein, keine Melodien, die dann mit eloquenten Interpretationen um- und unterspült werden, sondern jedes Kompositum ist eine eigene Annäherung an das Wesentliche. Erst tastend, probierend, bis eine melodische Figur entsteht, um sie sogleich wieder zu verwerfen und nach der nächsten, neuen, noch gelungeneren zu suchen. Das alles aber mit der Ruhe, dem Selbstvertrauen und der Gewissheit, dass es wieder gelingen wird, dass es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt, im Prozess der Schöpfung.

Das Michael Wollny Trio demonstriert mit Nachtfahrten den Doppelcharakter der Romantik. Sie, die lange als die Abkehr von der realen Welt geschmäht wurde, war und ist tatsächlich eine Abkehr von der realen, technisch kalten Welt der Machbarkeit. In dieser Abkehr schlummert aber auch etwas Revolutionäres, das mit voller Kraft die Suche nach der Schönheit fortsetzt. Dieser Prozess ist in Nachtfahrten dokumentiert. Längst nicht alles offenbart sich bei ersten Hören, das Werk ist das Medium eines sich wiederholenden Prozesses der Erkenntnis. Sie leuchtet in der Nacht, ohne das Licht bemühen zu müssen, es ist der reine Klang.

Und wenn es eines schnellen Beweises bedürfte, dann wäre es das letzte Stück dieser Sammlung, das dem Album seinen Titel gab: Nachtfahrten. Mit ihm schließt der Prozess und er offenbart auf kolossale Weise den Prozess des Schaffens. Untermalt von einem unheilvollen Rhythmus, der sich anhört wie die Totentrommel auf dem Weg zum Schafott, werden die Entwicklungslinien der menschlichen Irrungen und Wirrungen kartiert. Es ist die Offenlegung des Prinzips von Ordnung und Kreativität, wie es deutlicher nicht machbar zu sein scheint. Beides gehört zusammen, beides zerstört und beides schafft die Schönheit. Genug der Worte!

Ein gefährliches Muster

Krisenerscheinungen führen zu Überlegungen staatlicher Reaktion. Politik, die staatliches Handeln gestaltet, ist gefragt. Der Charakter von Krisen wiederum ist ein Resultat politischen Handelns. Wer diesen Zusammenhang übersieht, begibt sich auf den Weg der Irrationalität. Die Feststellung ist trivial, die Erkenntnis darüber nicht. Die politischen Auseinandersetzungen um probate Mittel der Krisenbewältigung ignorieren zumeist diese Kausalität. Wird die Logik von Ursache und Wirkung ausgeklammert, so sind irrationale Strategien favorisiert. Ein Menetekel der Ansätze von Lösungsversuchen dokumentiert dieses Dilemma.

Die Türkei, das Land an der Pforte Europas, wird momentan nach einem Muster administriert, welches auch in anderen, der Europäischen Union angehörenden Ländern, mutatis mutandis übernommen wird. Dort begann die regierende AKP mit der Säuberung der Justiz. Die Unabhängigkeit der Gerichte ist ein Grundpfeiler der demokratischen Logik. In der Türkei reichte es aus, dass Staatsanwälte damit begannen, Korruptionsvorwürfe gegen namhafte Regierungsmitglieder zu untersuchen. Die Reaktion der türkischen Regierung war drastisch. Unzählige Staatsanwälte und Richter, die in laufende Verwahren involviert waren, wurden kurzerhand aus dem Dienst enthoben. Wenn Sie dieses nicht unwidersprochen hinnahmen, wurden sie kurzerhand von gleichgeschalteten Kollegen zu drastischen Gefängnisstrafen verurteilt.

Der nächste Schlag richtete sich gegen kritische Journalisten und Fernsehmoderatoren. Sobald sie das Handeln der Regierung unter die Lupe nahmen, fuhren die LKWs der geheimen Staatspolizei vor den Redaktionsstuben vor, verhafteten die vermeintlichen Delinquenten bei der Arbeit und sorgten dafür, dass dieselben in Schnellverfahren zu drakonischen Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Manche befinden sich in Haftanstalten und sollen dort Jahrzehnte verbleiben.

Die dritte Kraft, die für eine lupenreine Diktatur außer Justiz und Presse noch fehlt, ist die Polizei oder ein nach innen instrumentalisiertes Militär. Dort ist der Kampf für den sich zu einem Diktator mausernden Präsidenten Erdogan noch nicht gewonnen, aber Teile des Polizeiapparates befinden sich bereits in den Händen der AKP. Der Preis für eine Revision des diktatorischen Angriffs auf die staatlichen Institutionen steigt mit dem Fortschreiten ihrer Demontage. Im Falle der Türkei scheint es so zu sein, dass eine Kursänderung nur noch durch einen Bürgerkrieg zu erreichen ist.

Innerhalb der EU existieren bereits Varianten dieses Musters. Ungarn war das erste Land, dass Journalismus und Justiz ins Fadenkreuz nahm. Polen ist das aktuelle Beispiel. Dort begann der Angriff mit der Verstaatlichungsattacke gegen das Pressewesen und es folgte die Justiz. Eine ironischen Logik folgend könnte es auch so ausgedrückt werden: die Staaten der ehemaligen sozialistischen Volksdemokratien, die sich den Rezepten des ungehemmten Wirtschaftsliberalismus verschrieben haben, erinnern sich angesichts der Resultate der radikalen Privatisierung und den mit ihr einhergehenden anarchischen Tendenzen alter Tugenden und etablieren ein Übermonster von Staat, der alles kontrolliert und sich selbst nicht mehr kontrollieren lässt. Das ist so, wie es ist und weder durch Appelle, wie im Falle der Türkei, noch durch Verfahren der EU, wie im Falle Polens, von außen aufzuhalten, wobei der Verstaatlichungshysterie in Polen immerhin noch eine große Tradition gewerkschaftlicher Koalition dagegen steht.

In der Diskussion um Anti-Krisen-Strategien in der Bundesrepublik sollten diese Erscheinungen dazu dienen, sich nicht dazu verleiten zu lassen, sich derartigen Rezepten zu verschreiben. Die „intelligentere“ Version der Unterwanderung eines kritischen Journalismus hat durch die Dequalifizierung des Berufsstandes bereits Ergebnisse gezeitigt, die staatlichen Interventionismus unnötig macht. Die Krise polizeilichen Handelns sollte mit einer Stärkung ihrer jetzigen Funktion und nicht durch eine Kampagne der Gesetzesverschärfung vonstatten gehen, die dann eine Gleichschaltung der Polizei nach sich zöge. Die Lage hierzulande ist anders als in der Türkei, in Ungarn oder in Polen, aber die Gefahr der Anwendung des beschriebenen Musters ist dennoch virulent.