Archiv für den Monat Dezember 2015

Die spanische Blaupause

Sie leugnen es nicht einmal. Um die Gier nach ständigen Superlativen zu befriedigen, sprechen die Welterklärer von einer historischen Zäsur in Spanien. Die eine große Veränderung nach dem Ende der Franco-Ära, die royalistische Einführung einer parlamentarischen Demokratie, basierte auf einem Zweiparteiensystem. Es war die vom Rest Europas mitgetragene Antwort auf das Ende des letzten faschistischen Systems. Eingeläutet hatte es ETA, wovon heute niemand mehr spricht. Aber ihr Attentat in Barcelona auf den designierten Nachfolger Francos, Carrero Blanco, machte den Weg frei für die konstitutionelle Monarchie. Vielleicht wäre damals schon mehr für dieses gebeutelte Land möglich gewesen, aber die Kontur der europäischen Großmacht zeichnete sich bereits im Jahr 1975 ab. Der damals junge König Juan Carlos setzte auf das Parlament, auch als der franquistische Oberstleutnant Tejero noch einmal putschen wollte und sein Magazin im Parlament entleerte.

Danach herrschten erst die Sozialisten, bis sie sich abgenutzt hatten und korrumpiert waren und dann die Konservativen, bis sie die gleichen Merkmale aufwiesen. Das ging so über Jahrzehnte. Aber Spanien, dessen Herrschaft der Schwarzhemden geschlagene vierzig Jahre andauerte, Spanien arrangierte sich mit der schnellen Vergänglichkeit der Illusionen. Und es wurde von der ersten Stunde an stimuliert durch sehr viel billiges Geld. Billiges Geld aus der EU, die vieles versprach. Es entstand eine moderne Infrastruktur und die Baubranche boomte, spanische Waren erhielten neue Märkte und spanische Verbindlichkeiten erhielten sehr tolerant Stundung. Währenddessen sank die Moral der Regierenden, ob PSOE oder PP, ob Rot oder Schwarz. Eine Hand wusch die andere und irgendwann hingen alle auf der Klebespur der europäischen Bürokratie, einem Monster, das einem unabhängigen Spanien so fremd war.

Und am Zahltag, da kamen sie wieder, die Schaftstiefel, diesmal die der EU und des IMF, und sie diktierten etwas, das sie selber Austerität nennen, was aber vielleicht besser mit Neokolonialismus übersetzt würde. Die Regierung der Konservativen beugte sich dem Diktat und verordnete den Abbau des Sozialstaates, die Privatisierung von Infrastruktur und Bildung sowie des Gesundheitswesens. Die Folge ist verheerend. Die Arbeitslosenquote ist bis heute horrend, 60 Prozent der jungen Leute sind ohne Arbeit und die Talente verlassen scharenweise das Land. Chefideologen wie der Deutsche Schäuble und die Französin Lagarde haben ganze Arbeit geleistet und eine weitere europäische Nation in den Bankrott getrieben. Ja, es ist eine Zäsur. Und ja, es ist so schwerwiegend wie der Übergang vom spanischen Faschismus zur Demokratie.

Es ist wenig blumenreich für die trunkenen Philo-Europäer, dass wegen der EU-Politik das Grundmuster der spanischen Demokratie dahin ist. Der Aufschwung anderer, junger Parteien, aus denen vor allem Podemos herausragt, ist das Resultat auf den Schock durch den Neokolonialismus. Was passieren wird, weiß bis jetzt noch niemand so recht, denn PP ist bei 28, PSOE bei 22, Podemos bei 20 und Cuidadanos bei 14 Prozent. Eine Mehrheit, bewirkt durch eine Koalition, ist nicht in Sicht. Es kann alles so bleiben, wie es ist, es kann aber auch alles anders werden. Das Wahlergebnis in Spanien attestiert Europa eine ebenso gravierende Wirkung wie der historische Faschismus. Das ist eine richtig herbe Bilanz für alle, die von Europa geträumt haben. Sie dürfen sich bei den Dogmatikern des Wirtschaftsliberalismus bedanken. Und alle sollten in solchen Situationen wie gegenwärtig in Spanien höllisch aufpassen und genau beobachten, wer wo und wie aktiv wird. Spanien war schon einmal eine Blaupause, dort entschied sich der Kampf zwischen Demokratie und Faschismus in Europa. Das Parkett schwingt noch nach, schauen wir hin!

Die Pocke bleibt im Keller!

Es ist Halbzeit und die Pocke bleibt jetzt erstmal im Keller. Nach der WM im letzten Jahr war alles anders. Der Titel in Brasilien wirkte wie ein Intermezzo, über das sich so niemand richtig freuen konnte. Zuerst wohl, aber nachhaltig, wie es hier so furchtbar heißt, nachhaltig war die Freude nicht. Das lag daran, dass alle wussten, wie langweilig die nachfolgende Bundesliga werden sollte. Und alle behielten Recht. Nach der gefühlten Schmach von zwei Dortmunder Titeln hatten die Bayern den Krieg erklärt, Werkspionage und Agentenkauf betrieben und dann noch das Monster mit der neuen Fußballtechnologie verpflichtet, das als Separatistenikone von Katalonien in den Freistaat wechselte. Dort implementierte er den fußballerischen Drohnenkrieg, sehr erfolgreich, aber todlangweilig.

Und jetzt, nach der Hälfte der Folgesaison, nahezu das gleiche Bild. Mental hat es das Publikum aber immerhin geschafft, sich damit abzufinden, dass der Titel schon vergeben ist und der Rest um andere, auch attraktive Plätze spielt. Das hört sich nett an, aber den wirklichen Kick vermittelt es nicht, Hand aufs Herz. Das ist wie Casino ohne Geld oder Brause aus Sektgläsern. Die Monopolisten von der Isar haben dem republikanischen Publikum die Schule fürs Leben versaut. Ja, der paradigmatische Charakter des Fußballs offenbart die ganze Misere.

Fußball ist immer eine Metapher für die Kooperation im Inneren und den Wettstreit der Kooperationssysteme gegeneinander. War der letzte große Paradigmenwechsel im Fußball die Rolle des Einzelnen gewesen, der vom Spezialisten zum Allrounder wurde und alle Aufgaben wahrnehmen musste, so wie jeder im Arbeitsleben das auch zu durchlaufen hatte, so ist das System Guardiolas das des Wettstreits. Sein System ist das des Nicht-Kontakts, des Zuschlagens aus dem Nichts, analog zur Drohnentechnologie. Es geht nur untergeordnet um Kooperation, in Wahrheit aber um einen einseitig sauberen Krieg und Dominanz. Das Spiel Bayern Münchens ist ein Abbild der Misere unserer Zeit. Die Ethik liegt im Gully, Dominanz an sich ist das Ziel. Erdacht haben sich diese Skala pathologische Narzissten, und die Resonanz zeigt, dass ihr krankes Hirn noch fasziniert.

Der Rest der Liga macht das, was die Konkurrenz im Arbeitsleben eben auch macht. Sie sind mal gut und mal schlecht, diejenigen, die viel investiert haben und nicht das entsprechende Ergebnis erzielt haben, gucken entweder dumm aus der Wäsche oder sie suchen Schuldige. Verantwortung dafür tragen in erster Linie immer die Trainer und einige von ihnen wurden bereits entlassen. Andere, die mehr erreicht haben, als sie vorher spekulierten, sie machen ein anderes, ebenfalls bekanntes Spiel, denn sie schauen vielsagend in die fragenden Gesichter, um zu suggerieren, dass sie mehr wussten, als sie erzählt haben. Aber spätestens nach der nächsten Niederlage ist dieser Zauber dahin.

Die großen Traditionsclubs, die die syndikalistische Professionalisierung a la Bayern nicht vollzogen haben, sind in diesem großen Kampf ins Schlingern geraten, der HSV scheint sich zu berappeln, Stuttgart muss ernsthaft bangen und Schalke, ja Schalke ist immer besser als der Rest, egal, wo sie stehen, sie sind der Verein der Solidarität, ihn ficht eigentlich nichts an.

Nun geht der Pep und Ancelotti soll kommen. Das kann dem deutschen Fußball nur gut tun. Letzterer hat mit Drohnen nichts am Hut, das ist ein kultivierter Mann, da fragt sich nur, wie lange es er bei den Barbaren aushält. Und Dortmund wird sich etwas einfallen lassen müssen. Ob ein Trainer, der eine esoterische Terminologie absondert, eine Krise im rauen Stimmengewirr des Ruhrgebiets übersteht, das ist schon eher zweifelhaft. Aber, es bleibt spannend, wenn der Atem lang ist!

Zentraleuropa hat den Verstand verloren

Die Nächte sind nicht still und auch nicht heilig. Auch in der nächsten Woche nicht. In Europa geht wieder ein Gespenst um. Aber es schleicht nicht unbemerkt durch die Landschaft, sondern es poltert recht laut bei seinen Verrichtungen. Es ist das Gespenst des Krieges. Ja, für alle, die seit Jahren sediert sind durch die Droge, mit der nicht nur die ewige Jugend, sondern auch der ewige Frieden und natürlich die ewige Freiheit verabreicht wird: Die Lage ist ernst und wird immer ernster, denn mittlerweile basteln Regierungen, die über den ganzen staatlichen Apparat verfügen, an einer Aggression gegen Russland. Neben den kürzlich im Kontext zum Syrienkonflikt erlebten Vorkommnissen zwischen der Türkei und Russland, sind es immer wieder Provokationen der Ukraine und nun eine Art Generalmobilmachung in Polen. Polen tritt dabei an, das düsterste Kapitel eines europäischen Roll Backs in die Finsternis von Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und Antiislamismus zu schreiben.

Nun könnte der Blick aus Zentraleuropa gelassen bleiben, wenn es sich bei diesen Konflikten tatsächlich um bilaterale Angelegenheiten handelte. Denn dann wären die Konfliktkurse insofern begrenzt, als dass Russland sie sehr schnell zu seinen Gunsten lösen könnte. Das Problem aus hiesiger Sicht entsteht dadurch, dass die Mitgliedschaft in der NATO alle Konflikte bei militärischer Eskalation zu einem Bündnisfall machen würde, in dem die Bundesrepublik dann ebenso präsent ist wie Frankreich und Großbritannien. Das birgt die Gefahr eines sich sehr schnell verbreitenden Krieges.

Wer immer noch zu Gelassenheit mahnt, hat nicht begriffen, was derzeit bereits passiert. Der Abschuss eines russischen Kampfbombers, der 17 Sekunden über türkischen Territorium war, gehörte zu dem Kalkül des immer wilder werdenden Despoten vom Bosporus, um Resteuropa in seinem Nötigungsspiel in Sachen Flüchtlinge und EU-Mitgliedschaft an die Kandare zu nehmen, was nachweislich gelang. Die EU betreibt unter deutscher Federführung Appeasement und belohnt den Konfrontationskurs der Türkei.

In der Ukraine, die kürzlich erst einen 40-Milliarden-Kreditpaket von EU und IMF erhielt, weigert sich momentan, russische Gasrechnungen für 2 Milliarden Euro für bereits erhaltene Lieferungen zu begleichen. Die dortige Regierung, bei der es sich um renommierte Vertreter jener Oligarchen handelt, denen in Russland das Handwerk gelegt wurde, unternimmt alles, um den bewaffneten Konflikt im Donez-Becken am Köcheln zu halten.

Und in Polen putscht die neue nationalistische Regierung momentan gegen das gesamte Volk. Das Land ist tief gespalten, der Casino-Kapitalismus hat in den Städten eine neue Klasse von Reichen geschaffen, die nicht wissen, wohin mit dem Geld, gleichzeitig fristet dort ein mittelloses Proletariat, das im Strukturwandel ignoriert wurde, eine soziale wie eine Daseinskrise. Und auf dem Land lebt ein Polen, das von allem nichts mitbekommen hat außer der Wahrnehmung, das es keine Rolle mehr spielt. Da sind viele Ängste unterwegs, die zu einer neuen Variante des europäischen Fundamentalismus geführt haben. Seit ihrer Regierungsübernahme besetzt die nationalistische Rechte zielstrebig alle strategischen Positionen in Staat, Justiz, Medien und im Militär, um für ihren Feldzug gegen die Demokratie wie den erklärten Erzfeind Russland gerüstet zu sein. Lech Walesa, die Ikone der polnischen Gewerkschaftsbewegung, warnt vor einem heißen Bürgerkrieg. Fast ist dieser zu wünschen, um Schlimmeres zu verhindern.

NATO bedeutet zunehmend Kriegsgefahr. Die Großmacht USA kann ihre Aggression gegen Russland nicht verbergen und die Vasallen, die aufgenommen wurden, legen pausenlos Lunte. Und in Zentraleuropa, namentlich in Deutschland, Frankreich und etwas westlicher, in Großbritannien, hat man anscheinend den Verstand verloren, sonst weilte man nicht mehr in diesem Bündnis.