Archiv für den Monat November 2015

Administrativ betriebene Sabotage

Es klingt schon fast wie eine Beschwörungsformel. Überall melden sich so genannte Experten, die davor warnen. Auf den Online Portalen der großen Zeitungen singen die Kassandras mittlerweile im Chor und immer mehr Politikerinnen und Politiker aus der zweiten Reihe klingen wie die Regensburger Domspatzen. Ihnen allen ist gemein, dass sie zu denen gerechnet werden wollen, die schon frühzeitig gewarnt haben, wenn die Hütte schließlich brennt. Doch die Furcht davor, dass die Stimmung im Lande kippt, diese Furcht hat wenig mit politischer Analyse und notwendigen Schlussfolgerungen daraus zu tun, sondern sie erinnert sehr an den Pygmalion Effekt, auch bekannt als Self Fullfilling Prophecy. Die Vermutung, dass viele dieser Warner regelrecht erlöst sein werden, wenn die Toleranz gegenüber Flüchtlingen in diesem Lande umschlägt in eine Pogromstimmung, ist nicht aus der Luft gegriffen.

Ein Blick auf die Fakten hilft immer. Auch in diesem Fall! Die bisherigen Zahlen der Flüchtlinge, die ins Land gekommen sind, können mit denen aus dem ersten Irakkrieg zu Anfang der neunziger und denen aus dem Balkankrieg zu Ende des selben Jahrzehnts im letzten Jahrhundert verglichen werden. Die geographische und zeitliche Konzentration ist eine andere. Und wer bitte, hat nicht junge Nachbarn oder Kollegen aus jener Zeit, die gar nicht mehr weg gedacht werden können und sollen? Sie haben die Gesellschaft in starkem Maße bereichert. Sie fallen lediglich durch ihre Qualitäten auf, aber nicht durch die Bestätigung von Vorurteilen.

Vieles ist heute, wie gesagt, konzentrierter und intensiver. Aber es existiert zum einen ein verbrieftes Recht in der Verfassung und es existiert zu anderen eine gesellschaftlich-organisatorische Potenz, die nicht zu bestreiten ist. Ersteres verpflichtet, letzteres ist eine Möglichkeit, dieses Land im positiven Sinne zu profilieren. Was nicht zu beidem passt, ist die Stimmungsmache aus einem bestimmten politischen Lager, das bis ins Parlament reicht, eine Exekutive, die in ihrer Inkonsequenz beschämt und Dilettantismus wie Inkonsistenz in der politischen Geschäftsführung, die den Schluss nahe legen, diesen Verein schnellstens abberufen zu müssen.

Vor Ort, dort, wo sich die Anforderungen bemerkbar machen, in den Kommunen, existieren nach wie vor große Initiative und bürgerschaftliches Engagement. Beides wird lediglich konterkariert von Aufsichtsbehörden wie zum Beispiel der Regierungspräsidien, die in ihrer Weltfremdheit und ihrer Ferne vom operativen Geschäft vielleicht sogar noch unwissentlich mit ihrem amen Verwaltungsdenken Schaden anrichten. Auf Landesebene wird um Verteilerschlüssel geschachert wie auf dem orientalischen Markt, und natürlich landen die meisten Ankömmlinge dort, wo die Kommunen bereits große Probleme haben und nicht in den Residenzvierteln derer, die von der Globalisierungspolitik am meisten profitiert haben.

Die Nicht-Ahndung krimineller Handlungen gegen Flüchtlinge und deren Unterkünfte, die statistisch belegbar ist, gehört allerdings zu den großen propagandistischen Aktionen genau derer, die ständig davon reden, die Stimmung könne kippen. Es sind genau die, die Staatsanwaltschaften und Polizeieinsatzkräfte auf höchster Ebene administrieren. Sie sollten ihren Job machen und nicht orakeln. Bis hin zum Innenminister und seinen interpretatorischen Extravaganzen ist eine Tendenz auszumachen, die nur durch einen Terminus beschrieben werden kann: administrativ betriebene Sabotage. Das zu beobachtende Verhalten ist zunächst eine Kampfansage gegen die Bundeskanzlerin, d.h. ihr Amt. Da von dort aus diesem Treiben kein Einhalt geboten wird, ist es auch eine Kampfansage gegen das gesamte Volk. Ja, es wird Zeit, dass die Stimmung kippt. Aber nicht in dem Sinne, dass das grundgesetzlich als Vermächtnis aus dem deutschen Faschismus entstandene Asylrecht beschädigt und verwässert wird. Nein, die Toleranz gegenüber den im Namen des Staates agierenden Saboteuren muss ein Ende haben. Opposition muss sich formieren, schnell, konsequent und machtvoll!

Der reaktive Typus

Der strategisch denkende Mensch als Prototypus der Epoche entpuppt sich als grandiose Illusion. Sie existieren kaum noch, diese Typen, die mit einer Vision von einem besseren Leben durch die Lande ziehen und sich daran machen, diese Vision zu einer handfesten Realität werden zu lassen. Die genau wissen, dass die tägliche Lebenspraxis die Voraussetzung für Glaubwürdigkeit und Legitimität ist, dass der verbale Entwurf und die passionierte Rede nichts ersetzen von dem, woraus die Wirklichkeit geformt ist. Zwar bedarf es der Gedanken, die sich aus dem Kristall des visionären Traums geformt haben, um Handlungen zu beschreiben, die durch nichts als die Tat ersetzt werden können. Letztendlich ist es immer wieder dasselbe: Es müssen Entscheidungen über sehr praktische Fragen getroffen werden und diese Entscheidungen sind umzusetzen. Das ist die Agenda aller, die als Veränderer beschrieben werden können.

Das Eigenartige an der gegenwärtigen Epoche ist die Tatsache, dass das Leben geprägt ist von einer ungeheuren Anzahl sachlicher und instrumenteller Veränderungen, dass diese Veränderungen aber nicht das Werk derer sind, die aus strategischen Gesichtspunkten für den Wandel werben. Vielmehr ist es eine sachliche, faktische Angelegenheit, die aus technischen Prozessen resultiert, die ihrerseits zumeist nicht mehr als ein Artefakt aus Menschenhand erscheinen. Der Mensch, der sich im Wirbel der Veränderungen nur so dreht, wird bewegt zum Takt technischer Prozesse, die sich verselbstständigt und eine Eigendynamik entwickelt haben. Das Subjekt steht derweilen im Museum, während das Objekt an jeder Straßenecke anzutreffen ist.

Wenn die Veränderer in die Minderheit geraten sind und das Subjekt zum Objekt geworden ist, stellt sich die Frage, wer dann die quantitative Dominanz erreicht hat. Und da hilft es nicht, nach Euphemismen zu suchen: Es ist der reaktive Mensch. Der reaktive Mensch ist zu einem mächtigen Prototyp geworden, der die wichtigsten Lebensprozesse dominiert, was als Feststellung an sich bereits absurd ist. Denn wie kann jemand, der im Wesentlichen nur reagiert, wie kann ein solcher Mensch den Prozess dominieren?

Kann er, muss leider festgestellt werden. Die Dominanz der Reaktion ist quasi zum Gütesiegel der Epoche geworden. Der Mangel an eigener Aktionsenergie in Bezug auf die Gestaltung des Daseins wird von diesem Prototypus kompensiert in einen enormen Verbrauch an Energie, um die Verhinderung von Entscheidung und Tat zu begründen und zu organisieren. Ja, oft ist der Energieaufwand, um Aktionen zu verhindern, größer als der, welcher erforderlich wäre, um die Aktion durchzuführen. In der tatsächlichen Energiebilanz einer Gesellschaft, nämlich der Gegenüberstellung von Energien, verwendet zur Gestaltung und Energien, verwendet zur Verhinderung von Veränderung, lässt sich sehr gut und einfach ablesen, wohin es mit dem Gemeinwesen geht. Ist der Aufwand der Erhaltung signifikant größer als der der Gestaltung, obwohl sich die existenziellen Rahmenbedingungen schnell verändern, dann zeichnet sich eine noch nicht sichtbare, aber immer stärker werdende emotionale Kurve ab, die in das Befindlichkeitsstadium der Dekadenz führen wird.

Der reaktive Prototyp an sich muss nicht unbedingt eine Gefahr ausmachen, solange er nicht das gesellschaftliche Handeln dominiert. Jede Gesellschaft braucht auch Kräfte der Erhaltung, Bewahrung und Konsolidierung. Aber sie kann sich keinen Gestus leisten, der die Veränderung wertemäßig ausschließt. Das ist nahezu ein Putsch gegen die Möglichkeit der Fortexistenz. Der reaktive Typus als dominierende Figur eines Gesellschaftsmodells, das ist der Sensenmann, das kann die Vorschriftensammlung unter seinem Arm genauso wenig kaschieren wie das schnelle Auto, in das er steigt, wenn die Arbeit vollbracht ist.

Vom Elend des Exils

Volker Weidermann. Ostende 1936. Sommer der Freundschaft

In einer Zeit, in der das Exil von Menschen wieder zu einem Massenphänomen geworden ist, bei dem die europäische Bevölkerung zunächst nur indirekt betroffen zu sein scheint, hat es durchaus seine Verdienste, auf Perioden hinzuweisen, in denen Exil direktes Schicksal war. Die deutschen Schriftstellerinnen und Schriftsteller während der Nazi-Periode waren jedoch etwas besonderes. Nicht weil sie Deutsche, sondern weil sie Schriftsteller waren. Das Schicksal von Schriftstellern, die ihr Land verlieren, ist gleich zu setzen mit ihrem beruflichen Ruin, weil sie neben ihrer Heimat auch ihr Publikum verlieren und in den neuen Gastländern mit einer anderen Sprache keine Rolle mehr spielen. Die Möglichkeit des Lebensunterhaltes ist gebunden an ihre Muttersprache und den mit ihr korrespondierenden Markt. Nur diejenigen, die bereits Weltruhm errungen hatten und in andere Sprachen übersetzt worden waren, hatten nach wie vor ein großes Publikum.

Volker Weidermann hat mit seiner Erzählung Ostende. 1936. Sommer der Freundschaft einen Beitrag zum Verständnis des deutschen Exils geleistet. Das gilt nicht für die Exilforschung, der alles bekannt ist, worüber er schreibt, aber es gilt für ein Massenpublikum, das sich zum ersten Mal dem Thema nähert. Denn die Grundlage seiner Erzählung ist der vor zwei Jahren erschienene Briefwechsel zwischen Stefan Zweig, dem saturierten und weltweit erfolgreichen Wiener Juden und Joseph Roth, dem verarmten und durch Alkoholismus gezeichneten Ostjuden, die eine enge Freundschaft verband und die sich in dem erwähnten Sommer 1936 in dem mondänen Seebad Ostende trafen, um literarische Projekte zu besprechen und sich gegenseitig beizustehen. Neben diesen beiden, überaus bekannten Vertretern der deutschen Literatur trafen sich dort noch Egon Erwin Kisch, der linke Medienzar Willi Münzenberg, Arthur Koestler, Irmgard Keun, der Dramatiker Ernst Toller, die Schauspielerin Christiane Grautoff und Hermann Kesten.

Das, was idyllisch anmutet, entpuppt sich beim Fortlauf der Erzählung als das, was das Exil immer war und immer ist: Ein Albtraum für alle Beteiligten. 1936 war ein Jahr, in dem die Olympiade in Deutschland bevorstand und die Nazis der Weltöffentlichkeit suggerieren wollten, dass alles, was über sie erzählt wurde, längst nicht so schlimm war wie befürchtet. Dennoch hatten die Bücherverbrennungen bereits stattgefunden und den meisten, die in Ostende versammelt waren, das Exil bereits beschert und sie vom Literaturmarkt abgeschnitten. Dennoch eignen sich bestimmte Nachrichten dazu, immer wieder einen Keim der Hoffnung aufkommen zu lassen, wie zum Beispiel der aufkommende Konflikt in Spanien zwischen dem putschenden faschistischen General Franco und den Republikanern. Auf der anderen Seite wird auch in Weidermanns Schilderung sehr deutlich, dass jenseits der Beschwörung der Hoffnung bereits die Verzweiflung bei den meisten der beschriebenen Akteuren die bestimmende Rolle übernommen hat.

Und dann ist da die geistige Verbundenheit zwischen Stefan Zweig, dem saturierten Weltbürger und dem sich selbst zu Grunde richtenden Provinzler Joseph Roth, die das tiefe Verständnis zweier grandioser Schriftsteller und das gemeinsame Judentum verbindet, die sich aber gegenseitig nicht retten können. Es wird deutlich, dass es nicht an den so unterschiedlichen Lebenswegen und materiellen Lebensverhältnissen lag, sondern an beider Sensibilität, die es verhinderte ertragen zu können, um als Paria zu überleben. Joseph Roth trank weiter und starb 1939 in Paris. Stefan Zweig brachte sich 1942 im brasilianischen Exil um. Ostende wurde 1944 von alliierten Bombenangriffen völlig zerstört. In dem Epilog mit dem Titel Mystery Train beschreibt Weidermann, nahezu lakonisch, wie die Sache des Exils für diejenigen, die im Sommer 1936 versammelt waren, zu Ende ging.

Das Exil war ein Elend. Das Exil ist ein Elend.