Archiv für den Monat November 2015

Falsche Gefühle, falsche Allianzen

Vielleicht sollte in den Regierungsvierteln in Paris und Berlin eine letzte Woche in London veröffentlichte Studie verteilt werden, die es in vielerlei Hinsicht in sich hat. Es handelt sich um den Global Terrorism Index. Dieser Bericht listet die Anzahl der tödlichen Terroranschläge jährlich und weltweit nach Städten und Regionen sowie derer, die für die terroristischen Akte verantwortlich zeichnen auf. Die neueste Ausgabe des Global Terrorism Index hat das Jahr 2014 zu Gegenstand, welches durch den enormen Anstieg von Anschlägen um 80 Prozent gekennzeichnet war.

Das Ergebnis, kurz und bündig auf den Punkt gebracht, sieht folgendermaßen aus: 2014 waren weltweit insgesamt über 30.000 Todesopfer durch terroristische Anschläge zu beklagen. In Nordamerika waren es insgesamt 22, in Europa 31, in Russland 743, in Südasien 6.713, In der Sub-Sahara 10.915 und im Nahen Osten und Nordafrika, die in dem Bericht zu einer Region zusammengefasst sind, 13.426. Die Städte mit den mit Abstand meisten Toten waren Bagdad, Maidugun in Nigeria, Mossul und das pakistanische Peschawar.

Es fällt auf, dass die meisten terroristischen Anschläge mitten in der islamischen Welt stattfinden, es ist aktenkundig, dass sie von Organisationen ausgeführt werden, die sich auf den Islam berufen und es ist statistisch belegt, dass die meisten Todesopfer der Anschläge Muslime sind. Angesichts des Ungleichgewichts der vorliegenden Zahlen hinsichtlich der geographischen Betroffenheit, stellen sich Fragen, die von essenzieller Bedeutung für die Art und Weise sind, wie der Terrorismus bekämpft werden kann.

Eine Frage, die nach den Anschlägen von Paris immer wieder in den Medien gestellt wurde, war die nach der Reaktion auf die Anschläge in der muslimischen Welt. Angesichts der großen Betroffenheit in Europa und den USA irritierten dann immer wieder die Berichte, dass die Reaktion in der islamischen Sphäre nicht sonderlich gewesen sei. Und genau da beginnt das psychologische Dilemma: Die Regionen, bei denen terroristische Anschläge zum Alltag gehören, bei denen die Opferzahlen ungleich höher sind und die sich in einer Art terroristischer Normalität bewegen, nehmen die Anschläge von Paris zur Kenntnis, verurteilen sie auch, aber sie sehen in ihnen keine neue Qualität, der nun mit einer gar kriegerischen Konsequenz begegnet werden müsste. Sie haben beobachtet, wie vor allem die USA paktiert haben mit Terrorregimen in ihrer Hemisphäre und sie sehen, auf das politische System bezogen, die Trauer nach den Pariser Anschlägen als politische Krokodilstränen. Und sie kommen, unterstützt durch die Rhetorik der westlichen Politiker, zu dem Schluss, dass es zwei Klassen von Menschen gibt, und zwar die schützenswerte, die im Westen lebt und die weniger bedeutende, die sich in den Ländern von Öl und Terror aufhalten.

Unter dem Aspekt einer tatsächlich ernst gemeinten Terrorbekämpfung sind die politischen Reaktionen der nächste Schritt in einer insgesamt fatalen Politik. Sie spaltet die Welt weiter, während das Gegenteil der Fall sein müsste. Die Gesellschaften, in denen der Terror tatsächlich permanent wütet, haben ein vitales Interesse, ihn zu beenden und sie hätten auch ein vitales Interesse daran, im Kampf gegen den Terror, der etwas zu tun hat mit Verarmung, mit Diktatur und Folter und mit den kriegerischen Operationen, die ihre Länder immer wieder wegen strategischer Güter heimsuchen, Allianzen zu schmieden für moderate politische Systeme und wirtschaftlichen Fortschritt. Letzteres scheint im Westen keine Option zu sein. Diese Art von Bündnispartner haben nicht die Attraktivität derer, die den Terror immer wieder produzieren.

Botschaft ohne Hoffnung

Irmgard Keun. Nach Mitternacht

Noch so eine Biographie, die angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen auf der Welt wie ein Déja-vu erscheint. Geboren 1905 in Berlin, in den frühen dreißiger Jahren vor allem mit den Romanen Gilgi – eine von uns (1931) und Das kunstseidene Mädchen (1933) bekannt geworden, ist sie bereits 1933, quasi mit ihrem Bekanntwerden als Schriftstellerin, bei den Bücherverbrennungen mit ihren Titeln dabei. Sie landet auf der Liste der Autoren, die in Deutschland nicht mehr veröffentlicht werden. 1935 verlässt sie das Land und landet zuerst im belgischen Ostende, wo sie Joseph Roth kennenlernt, mit dem sie in den nächsten Jahren zusammenlebt. Nach der Trennung und dessen Tod in Paris im Jahr 1940 geht sie unter falscher Identität zurück nach Deutschland, wo sie unerkannt Nazis und Krieg überlebt. Ihre Identität als erfolgreiche Schriftstellerin konnte sie nie wieder herstellen, Irmgard Keun starb 1982.

Der Roman Nach Mitternacht befasst sich mit der frühen Phase der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland. Irmgard Keun wählt die Erlebnisse und Erfahrungen eines Mädchens aus der Provinz, das zunächst nach Köln kommt und von dort weiter nach Frankfurt zieht. Es ist eine Geschichte, wie sie immer wieder vorkommt und die an kein politisches System gebunden ist. Der Weggang von einem Dasein mit wenigen Perspektiven in der Provinz, die Suche nach guter Arbeit und der großen Liebe in der großen Stadt. Das verständliche und weltweite Phänomen wird von Irmgard Keen sehr gekonnt geschildert in einer den Umständen geschilderten naiven Erzählweise. Damit eröffnet sie genau die Perspektive, die erforderlich ist, um die zweite, versteckte, politische Dimension des Themas zu dechiffrieren.

Beschrieben wird nämlich das neue politische Prinzip, das in diesem historisch frühen Stadium mit der später erlebten Wucht noch gar nicht existiert. Es zeigt das Vorgehen der neuen Staatsmacht als eine sehr systematisch agierende Bürokratie. Es zeigt noch mehr allerdings die Handlungs- und Bewusstseinsprozesse in der Bevölkerung. Und das sind historisch erzählte Beobachtungen, die von hohem Wert sind. Da führt das politische Desinteresse und die Uninformiertheit zur Akzeptanz der wildesten Theorien, da lähmt die Spekulation über die wirklichen Kräfte genau diejenigen, die sehr schnell zu Opfern werden können, da dringen die persönlichen Konkurrenzen und Eitelkeiten aus einer privaten Verwerfung in einen politischen Handlungsrahmen und etablieren sich zu den neuen Umgangsformen eines politischen Systems. Das Grausame daran ist die Erkenntnis, dass auch diese Herrschaft geprägt ist von menschlichen Eigenschaften, denen des Neids, der Missgunst und des Hasses.

„Ich stehe auf der Straße, die Nacht ist meine Wohnung. Bin ich betrunken? Bin ich verrückt? Die Stimmen und Geräusche um mich fielen von mir ab wie ein Mantel, ich friere. Die Lichter sterben. Ich bin allein.“

Was immer wieder erscheint wie die naive Erzählung eines jungen Mädchens transportiert gesellschaftliche Wahrheiten, die sich in gekonnt inszenierten Bildern entfalten. Die Geschichte geht so, wie tausend andere Geschichten in dieser Zeit verlaufen sind. Nichts von den Handlungen und Motiven der Protagonisten übermittelt eine Botschaft von Hoffnung. Das war aus der Perspektive Irmgard Keuns auch nicht angemessen. Und das wäre aus der Perspektive heutiger Tage auch eher ein Pfeifen im Walde. Aber gerade diese Konsequenz macht das Buch so lesenswert.

Zeitgenössische Seuchen

Das Wesen von Propaganda ist anhand zahlreicher und anschaulicher Beispiele in der letzten Zeit immer deutlicher geworden. Es kann davon ausgegangen werden, dass sich Propaganda über sehr einfache Prinzipien darstellt. Es geht darum, komplexe Zusammenhänge auf einfache Erklärungsmuster zu reduzieren und mit dieser Reduzierung eine Emotionalisierung zu erreichen. Dort, wo das dumpfe Gefühl vorherrscht, hat der Verstand in der Regel keine Chance. Es scheint logisch zu sein, dass in Zeiten, in denen Propaganda greifen kann, eine bestimmte Geisteshaltung dominiert, die für die Vereinfachung empfänglich ist. Und es stellt sich heraus, dass nicht die Formen von Propaganda es sind, die beunruhigen müssen, sondern die Geisteshaltung, die Propaganda erfolgreich macht.

Die Vorbedingung für erfolgreiche Propaganda ist der Populismus. Letzterer ist das sich immer mehr etablierende Erklärungssystem, das die Gesellschaft zunehmend durchdringt, den politischen Diskurs zerstört und eine Destabilisierung der Gesellschaft zur Folge hat. Es ist wenig verwunderlich, dass der Populismus ähnlichen Konstitutionsprinzipien unterliegt wie die Propaganda. Im Wesentlichen zeichnet sich der Populismus aus durch die Vereinfachung komplexer Zusammenhänge, durch eine große Portion Anti-Intellektualismus und durch emotional gesteuerte Polarisierung. Dient die Propaganda der Vermittlung ideologischer Vereinfachung, so ist der Populismus selbst ein rhetorisches Modell, das vor der Vermittlung steht.

Es sind unterschiedliche Verhältnisse, die Populismus und Propaganda ermöglichen. Eine wichtige Voraussetzung für beide ist die bei den Empfängern fehlende Voraussetzung im Umgang mit komplexen Botschaften. Komplexe Botschaften oder Phänomene verursachen Unsicherheit und Ängste bei jenen, die nicht gelernt haben, Komplexität zu dechiffrieren. Wer das politische System, in dem er sich bewegt nicht mehr kennt, dem die Rolle und Funktion seiner Institutionen fremd ist und ihren Zweck nicht mehr identifizieren kann, dem fällt es schwer, strukturiert mit Komplexität umzugehen.

Die Ursachen für diese fehlende Befähigung sind vor allem in zwei Versäumnissen zu finden. Zum einen hat das Ende der systemisch bipolaren Welt dazu geführt, dass es als unwichtig erachtet wurde, die Kenntnisse über das eigene politische System und seine Funktionalität weiterhin zu vermitteln. Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes hielt es der Westen nicht mehr für erforderlich, politische Bildung an die nachwachsenden Generationen weiterhin zu vermitteln.

Die zweite Ursache manifestiert sich in der Existenz der Entmündigung. Sie kam nicht durch einen despotischen Akt zustande, sondern durch eine falsch verstandene Versorgungsideologie. Den Subjekten der Res publica wurde suggeriert, dass sie sich der Mühsal der eigenen Einmischung und Verantwortung durch Delegation entziehen könnten. Daraus entstand die Konstellation einer Stellvertreter-Demokratie, die versprach, schon alles demokratisch zu regeln, was zu regeln war. Das gemütliche Fahrwasser, das letztendlich in den demokratischen Institutionen Ensembles etablierte, die anstatt der aktiven Bürgerschaft die Geschäfte exklusiv, ohne laufende Kontrolle führten, hatte den Wandel des demokratischen Ur-Subjektes zu einem verwalteten, entmündigten Objekt zur Folge, welches heute in einem Zustand erwacht, der es nicht mehr ohne weiteres ermöglicht, die ursprünglich zugedachte Rolle zu erfüllen.

Darunter hat nicht nur die Möglichkeit einer laufende Kontrolle der demokratischen Prozesse gelitten, sondern es hat auch zu einer wachsenden Abstinenz bei der Delegation von demokratischer Verantwortung geführt. Die entsetzlich sinkende Wahlbeteiligung hat harte Gründe, und sie ist mit einer Beschimpfung derer, die von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch mehr machen, nicht zu kompensieren. Es sind längere Entwicklungen, die der Seuche des Populismus den Weg bereitet haben. Seuchen zu bekämpfen ist ein Unterfangen, das lang und beschwerlich ist. Dieser Kampf erfordert konkrete Maßnahmen im akuten Fall, aber noch wichtiger ist es, die Herde zu bekämpfen. Das dauert und erfordert langen Atem.