Archiv für den Monat September 2015

Höllenfahrten für die gute Tat

Es scheint, als lasse die Regierung das Volk für jede gute Tat, die es sich selbst leistet, mit einem weiteren Besuch in der Hölle bezahlen. Ob es nun Dilettantismus der Regierenden oder ihr Zynismus ist, für diejenigen, die in das Desaster getrieben werden, ist es gleich. Da kommen Menschen aus dem Nahen Osten, vor allem aus Syrien, auf der Flucht, verzweifelt aufgrund eines Krieges, der schon lange kein Bürgerkrieg mehr ist, sondern ein internationaler Dauerkrieg in der Weltregion, in der Öl fließt und in der es um den Transport des Öls geht, an dem Syrien, der Iran, der Irak, die USA, Saudi Arabien, der Libanon und Russland beteiligt sind, in dem es vordergründig um Schiiten und Sunniten, um Alawiten, Aleviten und Christen geht, im Grunde aber immer wieder um Macht und Geld, da kommen Menschen aus dieser Region in das noch friedliche Europa und suchen nach Frieden.

Und da sind Menschen in Europa, die haben Verständnis für diese Geplagten und Gepeinigten, die nicht immer alleine kommen, sondern unter die sich auch solche begeben, die nicht nur Gutes im Sinne haben, aber diese Menschen haben ein gutes Herz und laden sie ein, im friedlichen Europa ein neues Leben zu beginnen. Die Hoffnung wäre, hier nicht gleich eine neue Industrie aufbauen zu müssen, die diesen Menschen hülfe, weil dann die Maschinerie irgendwann wieder wichtiger wäre als die Menschen selbst, um die es geht. Aber, in diesen Tagen geht alles sehr schnell, schon wird gerade im Aufbau einer solchen Maschinerie ein Konjunkturprogramm gesehen, was dafür spricht, dass die direkte, soziale Solidarität schon in der Defensive zugunsten der Apparatschiks ist.

Und während man sich hier noch die Augen reibt ob der Freude und Hilfsbereitschaft, und während deutlich wird, dass die zu erwartende Immigration andere Ausmaße annehmen wird, als die zunächst erwarteten, da beginnen die Analysten des politischen Berlins, mit ihrem kurz geschnittenen Monokausalismus bereits die Syrienkrise zu deuten und kommen in einer Nano-Sekunde zu dem Schluss, dass Russland maßgeblich die Verantwortung dafür trage, dass Syriens Präsident Assad, der gegen die eigene Bevölkerung bombt, noch im Amte ist. So falsch ist das nicht, nur sollte deutlich sein, dass alles andere auch nicht besser wäre.

Russland stützt Assad, um seinen einzigen Zugang zum Mittelmeer zu sichern. Der Iran stützt Assad aus den gleichen Gründen. Saudi Arabien stützt die Sunniten in der Region, auch den IS, um diesen Zustand zu beenden und die sunnitischen Vorherrschaft zu sichern. Die USA und im Schlepptau die EU wiederum stützen letztere, um die Möglichkeiten Russlands und des Irans zu beenden und die amerikanisch-saudische Öl-Allianz zu begünstigen. Die viel erwähnten Kurden werden dabei benutzt, wenn sie helfen können und geopfert, wenn nicht. Eine sunnitische Dominanz unter saudischer Ägide hieße das Abschlachten der Schiiten, Juden und Christen. Es muss deutlich sein, dass eine Intervention, die im Namen der hier angekommenen Flüchtlinge begründet wird, zu ebenso viel, vielleicht noch schlimmerem menschlichen Leid führen wird. Es ist ein Kampf zwischen den USA und Saudi Arabien hier und dem Iran und Russland dort um Einfluss und Macht. Bei einer solchen Arithmetik fällt der Humanismus unter den Tisch. Alle, die etwas anderes behaupten, haben sich der Zunft der Demagogie verschrieben.

Wer wird Pate des Terrors?

Einmal konnte eine wirtschaftlich unvernünftige Handlung und eine einzigartige politische Intervention der Bevölkerung so kommuniziert werden, dass sie sich nicht auflehnte und das Parlament in Brand setzte. Es war der Zeitpunkt, als ein von der Implosion der DDR völlig überraschter Helmut Kohl dennoch blitzschnell begriff, dass die Stunde, wie er zu sagen pflegte, so nicht wiederkommen würde und rasches Handeln angebracht war. Gegen den Rat von Ökonomen sprach sich Kohl für einen Währungskurs zwischen D-Mark und DDR-Mark von 1:1 aus, vor allem, um die massenhafte Einwanderung von Ost- nach Westdeutschland zu stoppen. Das gelang durch diese Maßnahme nicht.

Was dann geschah, wird vielleicht viel später einmal von nachfolgenden Generationen aufgearbeitet werden können, weil die emotionale Verletzlichkeit bis heute sehr groß ist. Einerseits wurde durch den – auf Westseite maßgeblich von Wolfgang Schäuble – entworfenen Grundlagenvertrag die DDR abgewickelt wie eine einzige, marode Fabrik und mit ihr alles, was es auch an Sozialeinrichtungen gab, die vielleicht gar nicht so schlecht waren. Und der Wiederaufbau, wie es genannt wurde, der bis heute Billionen von Euro Transferleistungen erforderte, wurde finanziert aus den Rentenkassen des Westens. Der Griff des bundesrepublikanischen Staates in die Rentenkassen der Versicherten, ohne diese gefragt zu haben, war und ist eine kriminelle Intervention sondergleichen gewesen. Die Versicherten haben das geduldet, weil sie der Auffassung waren, dass sie in der privilegierten Position, in der sie in der Nachkriegsperiode gegenüber den Ostdeutschen waren, es ihnen erlaubt hatte, diese Kassen so zu füllen wie sie dann zum Zeitpunkt der Einheit dastanden.

Alle Argumente, die Rentenleistungen schließlich und dann für alle deutschen Arbeitnehmer sukzessive zu kürzen, ob mit dem Argument der Demographie und dem vermeintlichen Wunsch vieler, länger zu arbeiten, stellen sich angesichts der staatlich entwendeten Gelder aus den Kassen als unbegründet dar. Wären die Rentenkassen im Rahmen der Vereinigung und dem Aufbau Ost nicht geplündert worden, dann wären sie bis heute voll. Die Solidarität gegenüber Ostdeutschland, und nur sie, hat diese politische Handlung getragen und akzeptiert.

Nun, ein Vierteljahrhundert später, stehen aufgrund einer jahrzehntelangen Außenpolitik und der Entscheidung, Menschen, die in ihren Ländern keine Zukunft mehr sehen oder die direkt ihre nackte Haut retteten, in Deutschland eine Zuflucht zu geben, in sehr naher Zukunft Überlegungen an, wie die Aufnehme und Integration dieser Menschen, die notwendig und vernünftig, und die als Investition betrachtet werden muss, zu finanzieren sein werden. In diesem Kontext ist zu beachten, dass mit dem jetzigen Finanzminister sogar noch Akteure am Werk sind, die bei dem Prozess der Einheit maßgeblich beteiligt waren, dass nicht der Fehler gemacht wird, den ein erster Erfolg nach sich zieht, nämlich den der Wiederholung.

Die Immigration nach Deutschland erneut aus den Rentenkassen und einer Restriktion bestehender Sozialsysteme finanzieren zu wollen, bedeutet einen Flächenbrand zu erzeugen, der dieses Land nachhaltig verändern wird. Die Ausgrenzung vieler Menschen, die hier leben und arbeiten, die aufgrund von Qualifikation und Profil als die Globalisierungsverlierer zu bezeichnen sind und das Zur-Kasse-Bitten der Rentenversicherten wird dazu führen, dass die herunter geschluckte Wut gegen die Chuzpe der Politik und die seit Jahren stattfindende Propaganda gegen alle möglichen Sündenböcke, die sich auf „unsere Kosten“ ein schönes Leben machen wie zum Beispiel „die Griechen“, diese von der Regierung und den öffentlich-rechtlichen Anstalten angerührte braune Suppe wird als Folge einen Hass erzeugen, der sich gegen die Immigranten richtet und in Chauvinismus mündet. Wer als erster auf die Rentenkassen zeigen wird, der ist der Pate des Terrors!

Vom Skalp zur Öl- und Finanzindustrie

Philipp Meyer. The Son

Der Zugang einer Biographie zum wahren Leben ist oft verschlungen. Es muss nicht das eigene, unmittelbare Erlebnis sein, das das Tor zur Erkenntnis öffnet. Manchmal, für die Feinfühligen, reicht auch nur die Aura, um das Wesen des Seins zu begreifen. Wenn es sich bei dem Begreifenden um eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller handelt, so ist das in unseren Tagen ein Glücksfall. Die amerikanische Literatur scheint mit Philipp Meyer einen weiteren solchen Glücksall zu haben. Sein Debütroman American Rust, der den Niedergang und die Tristesse der einstigen Kohle- und Stahlhochburg Pittsburg PA im Leben von Jugendlichen materialisierte, schöpfte Meyer wohl aus den Erfahrungen, die er als Jugendlicher selbst in Baltimore, einer Stadt mit einem ähnlichen Schicksal, sammelte. Nun, mit seinem zweiten Roman, The Son, verbindet den ehemaligen Derivatenhändler ein Stipendiatenaufenthalt an einer Literaturschule in Austin, Texas. Die heutige, moderne und attraktive texanische Metropole hat ihn inspiriert, in die dortige soziale DNA zu blicken.

The Son ist ein für heutige Zeiten grandioser Roman. Grandios deshalb, weil er die Geschichte einer Familie miteinander korrespondierend über drei Jahrhunderte erzählt. Im Wesentlichen sind es drei Personen, die abwechselnd und fortschreitend ihre Erlebnisse, Gedanken und tragischen Erkenntnisse erzählen. Dabei zeichnet sich ein Bild der texanischen Gesellschaft, wie es in dieser profunden Art noch nicht gezeichnet wurde. Die Figuren, die die Geschichte dominieren, sind nicht durchweg sympathisch, aber sie sind verständlich. Ihre Motivlage ist deutlich und transparent und ihre Handlungen folgerichtig, auch wenn sie zum Teil in ihrer Konsequenz ins Desaster führen.

Da ist zum einen Eli McCullogh, der bei einem Überfall auf die eigene Farm 1849 von den Comanchen entführt und aufgezogen wurde, J.A. Jeannie McCullogh, der letzten Patriarchin eines Öl- und Finanzimperiums, die von der Jetztzeit, dem Ende her in der Stunde ihres Todes das Leben betrachtet und die Tagebücher des Peter McCullogh, die 1915 beginnen und an der Nahtstelle zwischen dem Rinder- und dem Ölimperium sowie des Wandels der USA von der Kontinental- zur Weltmacht entstehen. Die drei Perspektiven für sich sind bereits eine tiefe Bereicherung. Eli McCulloghs Erlebnisse schildern die große Naturverbundenheit, die zivilisatorische Unschuld und damit verbundene Barbarei der amerikanischen Ureinwohner mit ungeheurer Detailkenntnis und Sympathie. Jeannie McCulloghs Betrachtungen sind ein Lehrstück über eine erfolgreiche, mächtige Frau, die nahezu archaisch patriarchalisch erzogen wurde und radikal mit ihren Rollenerwartungen brechen musste, um ihrem Schicksal gerecht und trotzdem unglücklich zu werden. Und Peter McCulloghs Tagebücher gewähren den Einblick in einen Zweifelnden innerhalb eines skrupellosen Machtgefüges, dem klar wird, dass er von innen heraus nichts ändern kann und der mit der Familie brechen muss, um der tödlichen Logik zu entkommen.

In ihrer Kombination sind die drei Perspektiven eine Vivisektion des Staates Texas, der bis heute die über drei Jahrhunderte geschilderten Lebenswelten zumindest in Ansätzen noch in sich vereint. Das Archaische, die patriarchalische, muskulöse Männergesellschaft und die global agierende, mit Formen sozialer Dekadenz kämpfende Öl- und Finanzindustrie. Philipp Meyer ist mit diesem Roman etwas gelungen, das kaum noch gelingen mag in einer Zeit, in der die kurze Zeichnung das zu sein scheint, was das Gros der Leserschaft noch bereit ist zu akzeptieren und in der die schreibende Zunft den Atem verloren hat, die großen Geschichten bis zu Ende zu erzählen. Meyer hat dies getan, und das gar nicht so Überraschende ist die Vielschichtigkeit, die sich hinter der menschlichen Geschichte verbirgt. Ober, wie es Jeannie McCullogh einmal lapidar formuliert, es bedurfte keines Hitlers, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass die Flüsse der Geschichte voller Blut sind.