Archiv für den Monat Juli 2015

Kommt die Erlösung aus Übersee?

In den USA brodelt es. Unter der Oberfläche weitaus gefährlicher als momentan in Europa anlässlich der Griechenland-Krise. Seit der Lehman-Pleite aus dem Jahr 2008 geistern Schreckensbilder durch das Land, die das verheerende Jahr von 1929 reproduzieren. Die suizidale Situation von damals entsprach vom Muster her dem Crash von 2008. Eine Spekulationsblase, erzeugt von der Börse und hasardierenden Banken, platzte und riss auch die produktiven Sektoren der Wirtschaft mit in den Abgrund. Kurz nach seiner Wahl zum Präsidenten erinnerte Barack Obama an den Glass-Steagall-Act von 1933. Letzterer, benannt nach dem Senator Carter Glass aus Virginia und dem Kongress-Abgeordneten Henry B. Seagall, beide Mitglieder der Demokratischen Partei, versuchte das Unwesen der Banken unter Kontrolle zu bringen.

Das Wesen dieses Gesetzes wird oft verkürzt als Bankentrennungsgesetz dargestellt. Es beinhaltet die institutionelle Trennung des traditionellen Kredit- und Einlagengeschäfts vom Wertpapiergeschäft. Damit soll die Ansteckungsgefahr für solvente Kreditnehmer durch die Mithaftung bei hoch riskanten Spekulationsgeschäften verhindert werden. Die Basler Vereinbarungen zum Bankengeschäft legen diese Idee ihrem Kodex zugrunde. Dort geht es nicht nur um die strikte Trennung von Kreditgeschäft und Wertpapierspekulation, sondern auch um notwendige Solvenz beim Einsatz.

Seit der dreisten wie eleganten Kehrtwende von Goldman-Sachs nach dem Crash von 2008, als dieses Bankhaus sich über Nacht aus einem Spekulationshaus zurück in ein traditionelles Bankhaus verwandelt hatte, versuchen zahlreiche amerikanische Politiker aus unterschiedlichen Lagern, den vor allem in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts sehr aufgeweichten Glass-Seagall-Act zu reaktivieren. Sollte das gelingen, bedeutete das das Platzen vieler fauler Kredite, in die international auch Staaten und Staatsbanken verwickelt sind. Dazu gehörten auch Staatsbanken aus der Bundesrepublik und die Bundesrepublik Deutschland selbst als mit Steuermitteln haftende Partei.

Von der politischen Diskussion in den USA wurde aus guten Gründen hierzulande nicht berichtet. Sowohl das Gesetz, um das es dort geht, als auch die politische Zielsetzung der Bankenkontrolle und einer Rückgewinnung politischer Handlungsspielräume will die Bundesregierung nichts wissen. Doch sollte der Glass-Seagall-Act in den USA greifen, flöge das gesamte Geschäftsmodell, das z.B. im Falle Griechenlands Pate stand, den deutschen Steuerzahlern um die Ohren. Es würde manifest, wie windig die Kreditvergaben liefen, wohin sie gingen und wer mit wem verbandelt ist. Mario Draghi, ehemaliger Managing Director und Vice President von Goldman-Sachs, heutiger Präsident der europäischen Zentralbank, hat die Choreographie des Spekulationsgeschäftes mit staatlicher Absicherung von der Pike auf gelernt und ist heute einer der Granden im Spiel des Europa Fatal.

Tatsächlich ist es gelungen, trotz der großen Verluste in Südeuropa und trotz der Bedrohung auch Deutschlands durch die spekulativen Geschäfte globaler Dimension, die Aufmerksamkeit weg von den Ursachen der Krise zu ziehen. Während in Deutschland das politische Personal von den faulen Griechen schwadroniert, hat sich an einer Reform des Bankenwesens im Sinne einer wirksamen Kontrolle nichts getan. Obwohl die Vorgehensweise, wie so etwas zu geschehen hätte, kein Geheimnis ist, wurde den Bankhäusern die Libertinage auf Kosten des Gemeinwesens weiterhin gestattet und Sündenböcke vorgeführt, die mit den Ursachen der Krise nichts zu tun hatten.

Sollte sich die politische Bewegung zugunsten des Glass-Seagall-Acts in den USA durchsetzen, dann käme die Erlösung wieder einmal aus Übersee. Aber für ein Land und ein Kontinent, der pausenlos seine Unabhängigkeit reklamiert, wäre es doch würdevoll, aus eigener Kraft dem Hasard ein Ende bereiten zu können.

Sechs, setzen!

Trotz aller Skepsis gegenüber internationalen Organisation existieren unter ihnen auch Einrichtungen, die großes leisten und Sinn erzeugen. Um sich dessen bewusst zu sein, muss in der momentanen Situation der Fokus schleunigst von der EU genommen werden, da diese sich in einem Licht gebärdet, das eher Bilder von einer Reinkarnation des Kolonialismus erzeugt als einer Vereinigung zum gegenseitigen Vorteil ihrer Mitglieder.

Das, was die Vereinten Nationen hinsichtlich der Vergleichbarkeit von Ländern anstellen, ist zwar auch nicht unproblematisch, aber dennoch unter verschiedenen Aspekten sehr lehrreich. Wer Landkarten lesen kann, dem erschließen sich Welten. Zum Beispiel beim Ressourcenverzehr einiger Länder, oder beim Export/Import-Verhältnis, oder bei dem Proporz der staatlichen Ausgaben zueinander. Ein Weltscreening aus dieser Perspektive schafft schnell eine ganz andere Ordnung als die vorher durch politische, militärische oder ökonomische Bündnisse angenommene.

Als eine der revolutionärsten Vergleichsstudien der jüngeren Vergangenheit muss PISA angesehen werden. Da geht es vor allem darum, wie die Schülerinnen und Schüler dieser Welt mit dem erworbenen Wissen umgehen, d.h. ob sie in der Lage sind, aus diesem Wissen praktisches Handeln machen zu können. Selbst diese Absicht der PISA-Architekten war aus Sicht vieler Deutscher schon kaum noch verständlich. Das liegt vor allem daran, dass man in hierzulande sehr oft von dem Irrglauben ausgeht, die Agglomeration von Wissen sei gleichzusetzen mit Bildung. Allein das ist allerdings bereits ein fataler Irrtum. Bildung ist nämlich die Anwendung von Wissen, auch unter dem Aspekt ethischer Dimensionen. Diese Erkenntnis ist bestimmten Wissensbarbaren nicht zugänglich.

Bisher befasste sich PISA vor allem mit Sprache und Mathematik. Bereits in diesen Rubriken figurierte Deutschland in der Liga Mexicos oder Guatemalas. Gäbe es, und das ist die Forderung, eine PISA-Dimension in politischer Bildung, dann wären depressiv-hysterische Prognosen über den Ausgang wohl am nahesten an der Wahrheit. Denn bei der Betrachtung der Diskussion und Meinungsbildung der gegenwärtigen Krisen, in denen unser Land eine Rolle spielt, kann einem nur schwarz vor Augen werden, wenn man die Positionen vieler Mitbürgerinnen und Mitbürger in den Foren zu Griechenland, zur Ukraine oder zum Atom-Abkommen mit dem Iran liest.

Es existieren im politischen Denken Dimensionen, die herausgebildet werden müssen, sonst spielen sie keine Rolle und degenerieren das Genre zu einem barbarischen Kräftemessen. Was ist ein Staat? Was ist Politik? Was sind Parteien, welche Rolle spielen Gewerkschaften? Wie bildet sich eine Meinung, was sind Interessen? Was sind Koalitionsrechte und welchen Stellenwert haben internationale Verträge? Was ist das Völkerrecht und wie wird es interpretiert? Was ist Diplomatie? Alles Fragen, die Bestandteil einer politischen Bildung sind, die mit der Wiedervereinigung Deutschlands in die Mülltonnen verfrachtet wurde, weil man der Auffassung war, man benötige so etwas nicht mehr. Nun, ein Vierteljahrhundert später, zeigt sich, dass Bildungspolitik nur in großen Linien wirkt und keine Bildung zum größt anzunehmenden Unfall führt. Ein PISA-Test in politischer Bildung führte zu einem verheerenden Rang in der Weltliste.

Denn das, was diese Nation in Sachen politischer Einschätzung der gegenwärtigen Situation anlässlich doch vehementer Systemkrisen zeitigt, ist nicht selten Arroganz, chronische Selbstüberschätzung und Chauvinismus. Nicht einmal der Versuch wird unternommen, den Zusammenhang bestimmter Wirkungsmechanismen aufzuklären. Da ist es dann folgerichtig, dass sich hochrangige Politiker aufführen können wie der brandschatzende Mob und der Mob selbst das Gefühl nicht loswird, selbst ein Akteur in der großen Weltpolitik zu sein. Da bleibt dann nur die schroffe Reaktion einer längst ausgestorbenen Lehrergeneration: Sechs, setzen!

Routine und Veränderung

Manchen erscheint sie sogar wie der Sinn des Lebens. Andere wiederum sehen sie als ein nützliches Utensil, um sich einzuschwingen auf das eigentlich Essenzielle und andere sind von ihr angewidert. Für sie ist sie eine Zumutung des Daseins, die ihre Fähigkeiten beleidigt und den Raum für den großen Geist verengt. Aber, trotz dieser unterschiedlichen Handhabung und Wertschätzung existiert sie bereits so lange wie der Mensch selbst und, da wird er machen können, was er will, er wird sie auch nie wieder los werden. Die Routine, von der hier die Rede ist, hat etwas human Existenzielles. Sie verrät vieles über uns und unsere Zeitgenossen, und ein Blick auf unser Verhältnis zur Routine liefert einen wertvollen Schlüssel zu unserer eigenen Deutung.

Die erwähnten Typologien sind demnach auch die drei Grundmuster, die Erkenntnisse zu liefern in der Lage sind. Diejenigen, die ihr Leben einzig und allein an Routinen ausrichten, laufen in hohem Maße Gefahr, in ihnen den einzigen Sinn des Daseins zu sehen. Die Routinen erhalten durch diese Betrachtung einen Selbstzweck und entwickeln sich für alle Beteiligten zu einer Bürde, ja vielleicht zu einem diktatorischen Gerüst, das den eigentlichen Sinn des Lebens überstrahlt. Beispiele dafür gibt es unzählige. Sowohl im Kleinen, d.h. im täglichen Leben als auch in der so genannten großen Politik sind sie zu finden. Die Zuchtmeister der Routinen bestehen auf ihre Einhaltung und jede Abweisung oder Hinterfragung des Systems wird als Blasphemie diskreditiert.

Das Gegenteil zu diesem Modell ist eine Art Libertinage derer, denen die Routinen zuwider sind. Sie fühlen sich nicht nur nicht auf sie verpflichtet, sondern sie sind sogar der Auffassung, dass sie das Feld derer sind, die vom wahren, hohen Leben nichts verstehen. Sie halten die Routinen für das lästige Werk der anderen Zeitgenossen und nicht selten sprechen sie mit Verachtung über diejenigen, die sie einhalten und ausfüllen. Ihnen fehlt in der Regel die Legitimation aus Sicht der anderen, und die Mittel, sich aller Routinen zu entledigen, sind nicht selten die der Macht.

Die Symbiose scheint in diesem Fall das Ideal. Auch kreative und schöpferische Menschen sind sich dessen bewusst, dass die Routinen zum Leben gehören, sie aber nicht seine Essenz sind. Sie nutzen die Routinen, die nichts anderes sind als die Grundordnung, die Infrastruktur und der Rahmen dessen, was das eigentliche Leben ausmacht. Schöpferische Menschen nutzen die Routinen, um sich der Ordnung, in der sie sich bewegen, bewusst zu werden, sich zu sammeln und aus dieser Übersicht heraus zu handeln. Ein solches Vorgehen ist das, was die Briten Craftsmenship nennen, eine Art Meisterschaft des Daseins.

Nur, wer in der Lage ist, die Routinen zu pflegen, wird ein Bild davon gewinnen, wo ihre Grenzen sind und wo sie sich im Laufe der Zeit abgeschliffen haben und nutzlos geworden sind. An diesem Punkt beginnt die Gestaltung. Nicht nur Gestaltung im Geist der bestehenden Ordnung, sondern auch Gestaltung im Sinne einer neuen, zeitgemäßeren Ordnung. Dann, wenn Ordnung, Infrastruktur und Rahmen dokumentieren, dass sie nicht mehr den Bedürfnissen entsprechen, ist der Zeitpunkt gekommen, sie zu ändern. Das können nur die, die sich mit einem entsprechenden Horizont ihrer bedienen und in ihnen bewegen. Denjenigen, die die Routine als Dogma betreiben und diejenigen, die sich ihrer gänzlich entledigen, werden zu diesem Schluss nicht kommen. Die Veränderung wird von denen kommen, die in der Lage sind, neue Ideen zu entwickeln und die Grenzen der alten Ordnung aus eigener Erfahrung kennen.