Archiv für den Monat April 2015

Milan

Es gibt Menschen, die haben die eigentümliche Gabe, immer dann aufzutauchen, wenn es gar nicht in den Rhythmus passt. Dann stehen sie mit einem erwartungsvollen Lachen im Türrahmen und wundern sich jedes Mal von neuem, dass der so Überraschte gar nicht in einen Freudentaumel ausbricht. So einer war Milan nicht. Immer, wenn er kam, freuten sich alle, die ihn kannten. Aber wir wussten nie, wann er kommen würde. Wir wussten auch nie, wo er sich befand. Es war bekannt, dass er aus Jugoslawien kam, vermutlich Kroate, und dass er als Binnenschiffer unterwegs war. Also war er nur an Flüssen anzutreffen. Deshalb kannten wir ihn. Irgendwann war er in einer Szenekneipe erschienen, mit seinem Schlapphut, seinem verschmitzten Lächeln, seiner eigenartigen Syntax, seinen radikalen Sichtweisen und seinem bösen Witz. Alle kannten ihn nur unter dem Namen Milan.

Hatte man Glück, dann gewann er nach genauer, langer Beobachtung Vertrauen. Dann gehörte man zu einem kleinen Kreis, der wenigstens wusste, wo Milan gewesen war. Dann kamen Ansichtskarten, mal aus Straßbourg, mal aus Bremen, aus Antwerpen oder Marseille, auf denen nichts anderes zu lesen war als sein Name: Milan. Das war viel und, nachdem wir uns daran gewöhnt hatten, war es auch genug. Wir wussten, dass Milan lebte, dass er das machte, was er immer tat und dass wir damit rechnen durften, ihn irgendwann einmal wieder zu sehen.

Wenn er auf Visite war, dann ging da immer nach einem fest gefügten Schema vor sich: Es klingelte und Milan stand in der Tür. Wie immer, Schlapphut, unrasiert, immer etwas mit den Lippen zirpend und gleich mit Fragen aufwartend, die so gar nicht von einem Binnenschiffer erwartet wurden. „Was meinst du, glaubst du nicht auch, dass Richter, die das Urteil selbst vollstrecken müssten, ganz anders urteilen würden?“ Oder: „Fremdenfeindlich ist archetypisch, in jedem Menschen ist die Sau namens Angst“, oder „Schuld ist auch genetisch, da kommt ihr Deutschen nicht drumherum.“ Und Milan wollte immer gleich Antworten, noch bevor er sich gesetzt hatte und die erste Flasche Bier angeboten bekam. Dann wenn es ihm gelungen war, seine Gastgeber durch den diskursiven Wolf zu drehen, schrie er relativ unvermittelt, dass er Hunger habe. Dann ging es zumeist in Lokale, wo es große Mengen Fleisch und auch Schnaps gab. Milan liebte es, sich den Bauch voll zu schlagen und zu lachen, dennoch war er sehr schlank, was wohl von seiner harten Arbeit auf dem Schiff kam. Einmal zeigte er mir noch nachts seinen Arbeitsplatz, „Ich hause wie ein Schwein,“ und er hatte Recht.

Nie war Milan länger da als eine Nacht. Und immer, wenn der Abend zur Neige ging, schlich er sich zurück auf das Schiff. Am nächsten Morgen war er dann schon wieder Geschichte. Einen aus unserem Kreis hat er einmal mitgenommen zu sich nach Hause, nach Jugoslawien. Er hatte dort bei der Ernte geholfen, war morgens um Drei mit aufgestanden, hatte Russentee, d.h. heißen Slivovitz gegen die Kälte getrunken und fetten Speck dazu gegessen, bis in den Abend auf dem Feld gearbeitet und war dann ohnmächtig ins Bett gefallen. Milan machte das jedes Jahr, zur Erholung, wie er sagte.

Milans Besuche gingen über Jahrzehnte. Sie liefen immer nach demselben Muster ab. Er war anstrengend und inspirierend zugleich. Und es schien, als ginge es ihm mit uns auch so. Irgendwann, es war zur Zeit des letzten Balkankrieges, kam noch einmal eine Karte. Das war das letzte Lebenszeichen von ihm. Seitdem ist Milan nur noch eine Erinnerung.

Die ewig junge demographische Keule

Es ist auffällig und dennoch schweigen nahezu alle. Die demographische Kurve unserer Gesellschaft weist momentan eine starke Abweichung von der Normalverteilung auf. Um es populär und auf der Erscheinungsebene auszudrücken: Es gibt zu viele Alte und zu wenig Junge. War die Nachkriegsbevölkerung in Form einer Pyramide abbildbar, in der eine starke jugendliche Basis für große gesellschaftliche Dynamik sorgte und einer relativ geringen Zahl an Alten, so haben der Wandel der Familie, die wachsende Individualisierung sowie die Pille dazu geführt, dass sich nun die Pyramide gedreht hat. Einer relativ schwachen jugendlichen Basis steht ein übermäßiger Kopf an Alten gegenüber. Aber, das sollte nicht vergessen werden, bei allen prognostischen Diskussionen, auch diese Phase ist temporär. In einem Vierteljahrhundert ist mit einer Versäulung des Bildes zu rechnen. Das wird weniger dramatisch sein, als die Endzeitphilosophen heute der Öffentlichkeit weis machen wollen.

Die demographische Struktur einer Gesellschaft hat eine hohe soziale Brisanz. Denn Biologismen bestimmen in starkem Maße die Bewegungsrichtung einer Gesellschaft. Überwiegend junge Gesellschaften, in vielen Schwellenländern sind mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter 25 Jahren, streben nach vorne, ein großer Teil der Bevölkerung möchte etwas abhaben von einem Kuchen, der erst noch gebacken werden muss. Provisorische Lebensumstände werden als Normalität auf einem Weg zum Besseren akzeptiert. Überalterte Gesellschaften hingegen sind auf Besitzstandswahrung aus, sie streben nach Sicherung und Schutz. Der Ausbau der Sicherheitsvorschriften, einhergehend mit einem zunehmenden Bedrohungsgefühl, und die Ausdehnung des Verbraucherschutzes innerhalb unserer Gesellschaft sind solche Phänomene, die typisch sind für eine Überalterung.

Das alles kann ganz entspannt betrachtet werden, solange nicht die ein demographisches Gefüge dominierenden Kohorten versuchen, ihre Position zu missbrauchen und Dinge zu beeinflussen suchen, die außerhalb ihrer ethischen Kompetenz liegen. Ein Beispiel für das Gegenteil sind die Rollen der verschiedenen Generationen in so genannten Naturvölkern, in denen eine demographische Normalverteilung vorherrscht. Da hat jede Generation ihre definierte Rolle im Gesamtgefüge, d.h. sie sind pars pro toto, Teil des Ganzen. So verstehen sie sich auch selbst und so agieren sie. Die Jungen warten und durchlaufen bestimmte Rituale, bevor sie dem Privileg von Macht und Verantwortung zugeführt werden. Und die Alten besitzen die Weisheit, dann, wenn ihre Wirkungsspanne auf die Zukunft zu gering wird, sich aus den öffentlichen Belangen zurückzuziehen.

Die als Überalterung bezeichnete Situation unserer gegenwärtigen Gesellschaft verweist in diesem Zusammenhang auf ein nicht zu unterschätzendes Problem. Es besteht in der fehlenden sozialen Demut der Alterskohorte, die momentan die Pyramide auf den Kopf stellt. Um nur zwei Bespiele zu nennen: Bei dem Volksentscheid in Hamburg, in dem es um eine Ausdehnung des Grundschulaufenthaltes um zwei Jahre ging, waren es die über 65-Jährigen, die die Reform zu Fall brachten und bei Stuttgart 21 sind es vor allem Vertreterinnen und Vertreter der Generation, die das Bauende kaum noch erleben dürften, die den Widerstand gegen das Projekt am vehementesten organisieren. Derartige Entwicklungen werden zu einem tiefen Riss zwischen den Generationen führen. Zu vertreten werden diejenigen ihn haben, deren gesellschaftliche Verweildauer absehbar ist. Wenn das kein Egozentrismus ist.