Archiv für den Monat April 2015

Zivilgesellschaft und freier Markt

Die demokratischen Institutionen, die in bürgerlichen Gesellschaften existieren, sind in der Regel das Ergebnis langer, leidvoller gesellschaftlicher Prozesse. Die demokratischen Institutionen der bürgerlichen Gesellschaften in Europa sind das Resultat aus einem Weg von feudaler Despotie zu dem heutigen Zustand. Ohne zu sehr um ein exaktes Datum ringen zu müssen, lässt sich der Beginn dieser Entwicklung ohne große Fehleinschätzung auf 400 bis 450 Jahre Aufklärung zurückdatieren. Dieser Umstand und diese historische Zeitspanne wie die damit verbundenen Kämpfe und Rückschläge sollten präsent sein, wenn in zeitgenössischen Diskussionen die demokratischen Institutionen am Pranger stehen.

Seit den späten achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts geraten die demokratischen Institutionen zunehmend in die Kritik von Bürgerbewegungen. Die Kritik aus diesen Lagern, die bis heute stetig angewachsen und immer heftiger geworden ist, hat verschiedene Argumentationslinien. Die wohl wichtigste ist die, dass Verfassungsorgane und Institutionen den freien Willen der Bürgerinnen und Bürger einschränkten und sie nicht in der Lage seien, auf die individuellen Anliegen der Bürger einzugehen.  Diese formulierte Kritik geht zeitlich einher mit der Hegemonie der monetaristischen Ideologie eines Milton Friedman und der Chicago Boys. Da geht es um die Zerstörung einer staatlichen Sozial- und Bildungsstruktur zugunsten einer fundamentalen Privatisierung. Die Argumente sind die gleichen. 

Und sowohl der Feldzug gegen die demokratischen Institutionen als auch die Zerschlagung staatlicher Infrastrukturen verweisen auf einen Lösungsinstanz. Während der liberalistische Ansatz aus den USA auf den freien Markt zeigt, der es richten werde, so berufen sich die europäischen Bürgerbewegungen auf die Zivilgesellschaft. Sie, so argumentieren sie ohne Unterlass und mit viel Pathos, werde es schon richten, was die bürokratisch verstaubten Institutionen nicht mehr im Griff hätten.

Leider, nicht ohne Respekt vor dem Engagement des Individuums, hat die Glorifizierung der Zivilgesellschaft sehr wenig mit dem Ansatz einer politischen Lösung zu tun. Denn die kritisierten demokratischen Institutionen sind des Ergebnis langer und zahlreicher zivilgesellschaftlicher Irrungen und Wirrungen. Und der immer wieder kolportierte Dilettantismus dieser Institutionen bekommt dann einen anderen Geschmack, wenn das groteske, ganz und gar nicht professionelle Vorgehen der vermeintlichen Alternativen genauer betrachtet wird. Da bleibt nicht viel vom Anspruch übrig.

Kürzlich tischte ein Oberbürgermeister, der die Stadtgesellschaft immer wieder zum Dialog einlädt,  Diskurse in der Bürgerschaft moderiert und der die Höhen und Tiefen der bürgerschaftlichen Willensbildung sehr gut kennt, in einer Situation, in der die Zivilgesellschaft als eine Alternative zu den demokratischen Institutionen genannt wurde, das Argument auf, die SA sei auch Zivilgesellschaft gewesen. Abgesehen davon, dass er damit Recht hatte, gibt es der Diskussion eine andere Wendung. Sie wird dadurch nämlich versachlicht. Alternativen zu gesellschaftlichen Zuständen werden nicht erarbeitet, indem Lösungsslogans mit einem Heiligenschein präsentiert werden, sondern durch das redliche Abwägen von Für und Wider. 

Und, ehrlich gesagt, wer kennt nicht das Vorgehen von Bürgerbewegungen? Sind sie tatsächlich immer demokratisch? Ist ihre innere Funktionsweise transparent? Sind sie immer partizipativ? Haben sie ein offenes Ohr für Kritik? Und gehen sie ausreichend auf die individuellen Bedürfnisse ihrer eigenen Unterstützer ein? Bewahren sie einen Blick auf das Gesamte? Allein diese Fragestellungen sollten dazu anregen, sich die ganze Sache mit der verabsolutierten zivilgesellschaftlichen Alternative noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen.

Die andere Frage, nämlich die Konkordanz des amerikanischen Wirtschaftsliberalismus mit der Attacke auf die demokratischen Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft macht letztendlich Sinn, aber nicht für die Fortexistenz der bürgerlichen Gesellschaft als einem lebenswerten Zustand. Um dorthin zu kommen, führt der Weg in die entgegengesetzte Richtung.

Die Stunde der kalten Strategen

Es kam, was kommen musste. In einer Welt, die sich aus Emotion und Leidenschaft speist, deren Fortbestand aber von der Entwicklung der Zahlen abhängt, wird selbst aus einem Slogan „Echte Liebe“ nichts anderes als ein Wechsel auf die Zukunft. Er funktioniert nur, wenn sich die Rendite einstellt. Nüchtern betrachtet ging es darum: Der Fußballtrainer Jürgen Klopp hat Dortmund sehr viel zu verdanken. Er ist dort zu einer Persönlichkeit gereift und man hat ihn machen lassen. Letztendlich erwarb er im Areal der Roten Erde sogar den Weitblick für den zu wählenden Zeitpunkt einer selbst bestimmten Trennung. Das sollte er nicht vergessen. Dortmund hat ihn zu dem gemacht, was er ist. Natürlich hat er mitgemacht, aber ohne die mächtige Tradition, den Kult um den Verein und die ruhrgebietsspezifische Verlässlichkeit dieses Vereins wäre e nie das geworden, was er heute ist. Fast sollte man ihm zurufen, Mensch Klopp, verneige dich vor dem BVB!

Als er kam, 2008, war der BVB ein schwächelnder Riese ohne große Perspektive. Die goldene Zeit, die dann anbrach, hatte zweierlei Ursachen. Zum einen die durch Joachim Watzke erfolgreich voran getriebene Professionalisierung des Managements und die Revolutionierung des gespielten Fußballs durch Jürgen Klopp. Das, was Klopp in Dortmund vollbrachte, fand vor großer Kulisse statt, Watzkes Part spielte dahinter. Der Erfolg beider hing voneinander ab. 

Jürgen Klopp war von der Idee besessen, die relativ statischen Spielsysteme aufzulösen und durch ein flexibles, schnelles Umschaltspiel zu zerschmettern. Das ist ihm mit einem hoch begabten, juvenilen und von ihm zu einem Leistungsfanatismus angetriebenen Haufen von Spielern famos gelungen. Teilweise wirkten die Akteure wie Meteore, die sich verbrannten, um die Fußballwelt zu erleuchten. So etwas kann ein Jahr gut gehen, vielleicht auch zwei, aber länger? Jeder Tag, den es länger brauchte, um eine Implosion der Mannschaft hervorzurufen, ist ein Beleg für die magische Motivation des Trainers. Und nicht erwähnt sind dabei der ewig präsente und gedemütigte bajuwarische Monopolist und seine alt bewährte Strategie der gezielten Abwerbung von Leistungsträgern. Eine Mannschaft, in der jeder Spieler über Monate und Jahre bei jedem Spiel 140 Prozent gehen muss, um die Faszination auszulösen, an die man sich so gerne gewöhnt, eine solche Mannschaft ist irgendwann müde und ausgelaugt. Physisch wie psychisch.

Daraus gelernt haben ebenfalls die Münchner. Allerdings ohne die Fehler des Kreators zu wiederholen: Schnelles Umschaltspiel ja, aber nicht bedingungslos und nein, nicht nur mit einer Garnitur, sondern mit nahezu dreien. Wer schon Fußball wie das Eishockey spielen will, der braucht auch die gleichen Bedingungen. Das hat man in Dortmund nicht gesehen und wenn ja, hatte man nicht die Möglichkeiten. Das nimmt ihnen dort aber nicht den Lorbeer, den es verdient. Aber, auch das wissen wir, letztendlich kommt Lorbeer in die Suppe, und nicht auf das Haupt, wie Heinrich Böll es einmal so schön formulierte.  

Bei der Bilanz fällt auf, dass es nahezu nur Gewinner gibt: Borussia Dortmund als der Verein, der den deutschen Fußball, vielleicht zum zweiten Mal nach dem Jahrhundertsturm Emmerich, Held und Libuda, revolutionierte, Jürgen Klopp, der über diese Adresse und diese Leistung zu einem Trainer von Weltformat reüssierte und der FC Bayern als ewig glänzender Kopist. Der andere, leise Revolutionär Watzke, wusste mehr, als er zeigte und es ist auch zu vermuten, dass er einen klugen Plan in der Tasche hat. Im Pott herrscht immer große Emotion, was die kalten Strategen aus dem Rampenlicht nimmt. Es ist aber eine Täuschung.

Es wird nicht besser

Es wird nicht besser. Es bleibt martialisch. Und manch groteske Figur taucht sogar wieder auf. Der bundesrepublikanische Nachrichtenhimmel hat, nach dem ekstatischen Intermezzo um den Todescrash der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen, sich wieder in den alten Modus justiert. Auf der einen Seite weiterhin wilde Geschichten über die Person Wladimir Putin, dem Satan aus dem dunklen Moskau, und auf der anderen Seite die Glorifizierung hiesiger Lebensformen, von der noch viele lernen müssen. Notfalls mit Gewalt, doch dieser Satz wird noch nicht so offen ausgesprochen, aber er wird kommen, darauf kann gewettet werden.

Nehmen wir die Geschichte mit der Befreiung vom Faschismus. Zu Recht werden nun in Auschwitz und Buchenwald die Orte besucht, die für die Systematisierung der Menschenverachtung und Menschenzerstörung stehen. Die Organisatoren dieser Feierstunden haben es sich nicht nehmen lassen, ihre neue propagandistische Ausrichtung zum Besten zu geben und damit vor der Weltöffentlichkeit zu demonstrieren, dass sie aus der Geschichte gar nichts gelernt haben. Stellvertretend hierfür die Süddeutsche Zeitung, die verdeutlichte, wie das Feuilleton an sich den Geist vernebelt. Putin, so die Diktion, habe sich geweigert, an den Feierlichkeiten in Auschwitz teilzunehmen. Um es genau zu sagen: Die Rote Armee hat Auschwitz befreit. Rechtsnachfolger der damaligen Sowjetunion ist das heutige Russland. Das polnische Veranstaltungskomitee hat keine Einladung an Russland ausgesprochen, dafür aber den Präsidenten der Ukraine, Poroschenko, den Oligarchen, persönlich eingeladen. Es ist zum Schämen! Die kleinen Trolle des Münchner Blattes sollten sich zudem fragen, ob es großartiger russischer Propaganda noch bedarf, um das russische Volk aufzubringen. Dieser Unsinn muss nur kommuniziert werden, und das Ressentiment auf der anderen Seite wächst und gedeiht.

Und natürlich, parallel dazu, wieder einmal ein mediales Hoch auf die Liberalität und political correctness. In einer ARD-Talkrunde ging es um Menschen wie Conchita Wurst und noch einige andere nicht eindeutig sexuell definierte Zeitgenossen. Das ist schön und gut und gehört zum demokratischen Selbstverständnis im 21. Jahrhundert. Aber dieses Thema zu nehmen, um die Steuerverbrecherin und Rechtsstaatsfeindin Alice Schwarzer wieder gesellschafts- und medienfähig zu machen, zeugt von der Chuzpe, mit der sich die öffentlich-rechtlichen Anstalten über alles hinwegsetzen, was in nationalen Binnendiskurs eigentlich schon gelaufen ist. Die Fortsetzung lässt sich bereits absehen. Es ist eine Frage der Zeit, bis der ehemalige Bayernmanager wieder als Mahner für innere Werte präsentiert werden wird.

Und, in einem Atemzug mit der medialen, abermaligen Mobilmachung, rauscht Frau von der Leyen durch das Baltikum und deklariert die Bündnistreue gegen das aggressive Russland. Zwar wird nun täglich über eine eigene europäische Armee räsoniert, aber der Trumpf, auf den die Kanzlerin wie ihre Waffenministerin spekulieren, liegt in der Drohnentechnologie. Das wäre eine saubere Lösung, schöne, medial aufbereitete Bilder über präzise Treffer ohne eigenes Risiko. Zivile Kollateralschäden auf Feindesseite und keine Zinksärge mit dem Ziel Bundesrepublik. Man wird ja noch träumen dürfen. 

Was nicht thematisiert wird, sind die handfesten Ziele, die die Politik selbst verfolgt und die die mediale Kommunikation bezweckt. Ob es die allgemeine Diffusion ist, die ohne Ziele auskommt und nur der ethischen Überlegenheit folgt, oder ob der Weizen und das Öl, von dem Hitler so gerne schwadroniert hat, nun noch als Bilder viel zu heiß sind? Beides wird stimmen, denn Eindeutigkeit ist das letzte, was in diesen Tagen plagt. Weder auf Seiten der Akteure noch auf Seiten einer Öffentlichkeit, die sich so kritisch wähnte und so naiv endete.