Archiv für den Monat Januar 2015

Internationalisierung

Manchmal, wenn die Wellen hochschlagen, ist es hilfreich, einen Moment innezuhalten und den Blick auf das Vergangene zu richten. Bei der Frage der Internationalisierung unseres Landes ist es besonders sinnvoll. Ohne politische Schlussfolgerungen gleich an den Anfang zu setzen, ist das, was als zurückhaltende Beschreibung bezeichnet werden kann, eine gute Option. Beide deutsche Staaten als Überreste des Dritten Reiches standen an einem Anfang, der hinsichtlich der gerade im Desaster geendeten Vergangenheit nicht krasser hätte sein können. Durch den Nationalismus und die Rassenideologie war ein Land, das vor allem in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts durchaus kulturell wertvolle internationale Verbindungen hatte, zu einem vermeintlich puristischen Amalgam von Landsmannschaften verkommen, das in Trümmern lag.

Die Bundesrepublik Deutschland war das direkte Produkt der drei westlichen Siegermächte und verdankt seine heutigen demokratischen Institutionen dem Protektorat von Besatzungsmächten, die durchaus ihre wirtschaftlichen und politischen Interessen mit diesem Gebilde verfolgten. Dennoch bildeten sich Verhältnisse heraus, die die wenigen demokratischen Traditionen, die einzig und allein der Arbeiterbewegung zugesprochen werden müssen, zu einem Teil wieder aktiviert und weiterentwickelt werden konnten. Mit dem Einüben einer diskursiven, konfrontativ geführten, aber auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens basierenden Demokratie fiel vor allem deshalb schwer, weil die Funktionseliten lange Zeit aus der alten Nomenklatura rekrutiert wurden.

In der DDR folgte mit der Staatsgründung eine auf dem proletarischen Internationalismus basierende Schocktherapie. Der Rassismus und Provinzialismus, der in beiden Teilen Deutschlands tief verwurzelt war, konnte dadurch nicht überwunden werden. Allerdings gewährte eine totalitär operierende Staatsmacht, dass Übergriffe im Alltag auf Menschen aus verbündeten Ländern, die man gezielt ins Land holte, unterblieben. Der latente Rassismus blieb bis zum Ende dieses Staatswesens trotz einer weltoffenen Staatsdoktrin virulent.

In der Bundesrepublik hingegen wurden die Verhältnisse durch eine rasante wirtschaftliche Entwicklung beschleunigt. Unter der Überschrift „Arbeitskräfte“ wurden anfangs Tausende, dann Hunderttausende und bis heute Millionen Menschen aus anderen Regionen vor allem Südeuropas in Arbeitsverhältnisse gelockt. Doch die Arbeitskräfte waren auch Menschen, die vieles hinter sich gelassen hatten und eine Zukunft vor sich haben wollten. Ihre Beiträge zur Entwicklung der Bundesrepublik sind vergleichbar mit den Nachkriegsanstrengungen, aus dem Torso ein demokratisches Land zu machen. Die Immigranten, die kamen, brachten eine andere Sozialisation mit, die sie nicht hinter sich lassen konnten. Was so nicht intendiert war, aber das Land in einer Phase der zunehmenden Internationalisierung für die Globalisierung fähiger machte, war genau der Zwang zu einem interkulturellen Diskurs. Das war oft kein Zuckerschlecken, aber unter dem Strich hat das geholfen. Dort, wo die großen Immigrantenansiedlungen stattgefunden haben, ist heute ein kosmopolitischer Horizont vorhanden, der als Zukunftsfähigkeit etikettiert werden muss.

Eine derartige Dimension der Internationalisierung hat in der DDR nie stattgefunden. Und nach der Fusion mit der Bundesrepublik blieb eine solche Entwicklung aus verschiedenen Gründen auch aus. Der wohl wichtigste ist die wirtschaftliche Konzentration auf die industriellen Kraftzentren des Westens, während der Osten zu großen Teilen entweder zu de-industrialisierten Zonen oder zu restaurierten Kulturdenkmälern mutierte. Die massenhafte, komplexe und konzentrierte Organisation von Arbeit als einer Institution von Erziehung blieb aus. Die Abwanderung junger Talente Richtung Westen wurde zu einem Massenphänomen. Die Fähigkeit, sich mit Menschen fremder Kulturen friedlich zu messen und auseinanderzusetzen konnte bis heute nicht entwickelt werden.

Internationalisierung von Gemeinwesen ist ein bereicherndes Element. Die, die kommen, sind wegen ihrer Andersartigkeit ein Potenzial, das neue Perspektiven eröffnet. Die, die meinen, schon immer da gewesen zu sein, haben die Pflicht, den für diese Perspektiven erforderlichen diskursiven Rahmen zu setzen, der sich als gesellschaftlicher Konsens behaupten muss. Das ist nicht immer einfach. Aber es ist die beste Option.

Das Hoeneß-Syndrom

Die demokratischen Institutionen, auf denen eine demokratische Republik basiert, haben zunehmend an Autorität verloren. Parlamente, die Gesetze beschließen, Gerichte, die nach Recht Urteile fällen und Behörden, die bei Vergehen ermitteln, sie alle werden einerseits von einer alles durchdringenden Öffentlichkeit heimgesucht, die es den Akteurinnen und Akteuren immer schwerer macht, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Und diese Institutionen werden zunehmend gebeugt von mächtigen Interessengruppen, die über starke Lobbys verfügen. Beides führt nicht zur Stärkung der demokratischen Institutionen. Ihr Handeln steht aus Sicht der großen Masse der Bevölkerung längst nicht mehr über allen Vorbehalten.

Stattdessen haben vor allem Talkshows das übernommen, was den demokratischen Institutionen vorbehalten ist. Sie beraten nicht nur bestimmte Fälle, sondern sie fällen auch bestimmte Urteile. Dazu werden spektakuläre und prominente Vorkommnisse behandelt, anhand derer abgeklopft wird, inwieweit welche Position bei der Bevölkerung mehrheitsfähig ist. Genau betrachtet ist das ein sehr perfides Spiel, weil dabei nicht nur herausgefunden wird, mit welchen Positionen Wahlen gewonnen werden, sondern welche politischen Projekte auch ohne großen Widerstand verwirklicht werden können, ohne dass sie zu einem demokratischen Land passten.

Der Fall des Ex-Bayerpräsidenten Uli Hoeneß ist so einer. Vor ihm gab es viele andere. Robert Enke, Michael Schumacher, Kachelmann, Eva Herrmann, Alice Schwarzer etc.. Solche Fälle erzeugen Aufsehen und schon ist die mediale Austarierungsmaschine auf Hochtouren. Im Falle Hoeneß lässt sich die Angelegenheit sehr nüchtern zusammenfassen: Ein überaus erfolgreicher Manager, der in hohem Maße an der Börse aktiv war und der nach einem Hinweis mit Steuerhinterziehung in Verbindung gebracht wird. Er greift zum Mittel der Selbstanzeige, das in dieser Republik eine Sonderbehandlung einer bestimmten Straftat garantiert. Bei den Ermittlungen und im Prozess wird deutlich, dass aufgrund von massiven Ungereimtheiten das Delikt genauer betrachtet werden müsste. Und obwohl anfänglich von einer Hinterziehungssumme von 3 Millionen ausgegangen wird, dann von 27 und schließlich von 30 Millionen geredet wird, ist der Prozess in wenigen Tagen vorbei, der Delinquent akzeptiert das milde Strafmaß, ihm wird vom bayrischen Ministerpräsidenten wie von der Bundeskanzlerin hoher Respekt gezollt und tritt kurz danach die Haftstrafe an, die bereits nach sieben Monaten zum Freigang gemildert wird.

Allein bei der nüchternen Betrachtung der Fakten wird deutlich, was dort nicht zusammenpasst. In einem gesellschaftlichen Diskurs, der sich immer wieder um den Begriff der Gerechtigkeit dreht, besteht eine gewaltige Dissonanz zwischen der geschilderten juristischen Milde und gerichtlichen Entscheidungen wie dem Berliner Bienenstich-Urteil, das die Kündigung einer Beschäftigten sanktionierte, die ein nicht verkauftes und zum Wegwerfen bestimmtes Stück Bienenstich verzehrt hatte. Und die findigen Juristen werden jetzt erklären, dass beides rechtlich einwandfrei sei. Das ist sicherlich der Fall, sollte jedoch dazu führen, den Diskurs zu politisieren und danach zu streben, die Legislative dahin zu bringen, die Gesetze so zu verändern, dass eine derart Gesetzes konforme, jedoch skandalöse Rechtsprechung nicht mehr möglich ist.

Die Diskussionen, die nun wieder in der medialen Öffentlichkeit um den Fall Hoeneß geführt werden werden, haben zum Ziel, ihn wegen seiner Verdienste und seiner Reue zu exkulpieren. Das hat mit dem Interesse eines demokratischen Rechtsstaates nichts zu tun. Jener muss exklusiv dafür Sorgen, dass er, seine Institutionen und das ihn tragende Volk Attacken unbeschadet übersteht. Verfolgt der Rechtsstaat dieses Interesse nicht, dann tritt vielleicht einmal ein Zustand ein, den Bertold Brecht in seinem Resolutionslied so beschrieb:

In Erwägung unsrer Schwäche machtet
Ihr Gesetze die uns knechten solln.
Die Gesetze seien künftig nicht beachtet
In Erwägung dass wir nicht mehr Knecht sein wolln.

Das Böse jenseits der Zivilisation

Simon Beckett. Stone Bruises

Krimis, oder als Genre voll akzeptierte Thriller, haben in der Regel, insofern sie erfolgreich sind, eine relativ stereotype Textur. Es existiert eine Haupthandlung, die mit teilweise erklärenden, teilweise verfremdenden Nebenhandlungen verwoben ist. Gute Autorinnen und Autoren beherrschen diese Dramaturgie und manchen gelingt es, durch den Wechsel der unterschiedlichen Handlungsebenen eine Spannung zu erzeugen, die wirklich die Nerven strapaziert. Zumeist spielen die unterschiedlichen Handlungen noch an unterschiedlichen Orten, Zeit und Ort wechseln ständig und alles wartet auf den finalen Plot.

Dem im englischen Sheffield lebenden Autor Simon Beckett ist mit seinem 2014 erschienen Roman Stone Bruises etwas gelungen, das von den Stereotypen der Thriller-Literatur in starkem Maße abweicht. Es existieren nur zwei Handlungsorte, der eine, der in kurzen Sequenzen zwischen geschaltet wird, spielt in der Vergangenheit und erklärt die Handlung der Gegenwart. Ohne den Plot zu verraten, geht es um einen Engländer, der aus bestimmten Gründen glaubt, die britische Insel verlassen zu müssen und in Frankreich landet. Durch einen Unfall auf dem Gelände eines abgelegenen Bauernhofes bleibt er dort hängen. Der Bauer, der mit zwei Töchtern und einem Enkel, ohne Fernseher oder Radio, dort lebt, erlaubt dem Engländer widerwillig, bis zu seiner Gesundung dort zu bleiben und sich nützlich zu machen.

Ohne die Handlung weiter skizzieren zu müssen, folgt quasi der gesamte Roman der Beschreibung der Zustände auf diesem versunkenen Gehöft, in psychologischer, in sozialer, in wirtschaftlicher und vor allem in tragischer Hinsicht. Ohne dass Geschwindigkeit oder die ständige Abfolge von Handlungsakten erforderlich wäre, gelingt es Beckett, aus der restringierten Gesellschaft eine Aufstellung tragischer Individuen zu vollziehen, die unabhängig von ihrer sympathischen oder unsympathischen Schale alle in Abgründe blicken lassen, die sich ein in der Zivilisation lebender Mensch gar nicht vorstellen will.

Die wenigen Menschen, um die es bei Stone Bruises geht, haben das Leid durch Ereignisse aus der Vergangenheit eingebrannt. Es auszulöschen oder zu verarbeiten ist ihnen nicht möglich. Dennoch oder deshalb gehen sie alle ihren Weg, egal ob er als Wendung zum Besseren begriffen wird oder nicht. Die Konsequenz, mit der die Akteure ihr Schicksal zu Ende denken, unabhängig von dem eigenen Befinden, ist das Unmenschliche. Der fehlende Glaube an etwas anderes als das sichtbare, verfehlte Schicksal erscheint dem britischen Erzähler genau als das, was zu beobachten ist. Nein, die Spannung, die ohne Einschränkung erzeugt wird, entsteht nicht aus Handlungssträngen, sondern aus Haltungsoptionen der Handelnden. Die Leserschaft hat immer die Wahl zwischen eigenen Optionen und dem, was die Figuren letztendlich an den Tag legen. Letztere enttäuschen die Leserschaft immer, weil sie die vermeintlich verhängnisvollere Option wählen.

So ist es kein Wunder, dass gegen Ende der Geschichte die konkreten Ergebnisse dessen, wie sie sich auflöst, kaum noch von Interesse sind. Was bleibt, ist ein Unbehagen und eine Nachbetrachtung, die sich um den Umgang des de-zivilisierten Menschen mit dem Schicksal dreht. Das ist eine nicht nur erstaunliche, sondern eine umso mehr erfreuliche Weite, die ein so genannter Thriller zur Reflexion bietet. Insofern hebt er sich von vielem ab, was in dem Genre regelmäßig reüssiert. Simon Beckett ist es zumindest mit diesem Buch gelungen, einen Thriller zu schreiben, der Universalthemen der menschlichen Existenz transportiert, ohne dass die Spannung und Lesbarkeit darunter litte.