Archiv für den Monat Januar 2015

Slaughterhouse Number Five

Er inhaliert Quoten wie psychedelische Drogen. Der Moderator des leichten und beschwingten, manchmal auch einfach geschmacklosen Politjournalismus in Form der paratherapeutischen Talkrunde. Der Mann, der die Oma schon lägst verkauft hatte, als diese sich noch in Freiheit wähnte, der auf Betriebsversammlungen von Trickbetrügern als Zugpferd auftrat und Goldene Berge versprach und damit zum Ruin vieler beitrug, der machte natürlich im deutschen TV weiter Karriere. Er sieht aus wie ein Oberschüler, auf dem Hof einer solchen hätte man ihn ein Backpfeifengesicht genannt. Warum, so muss gefragt werden, reüssieren in diesem Land, das durchaus seine Reize hat, im Kulinarischen wie im Landschaftlichen, zuweilen sogar in Kunst und Poesie, warum mag die Masse solche Figuren. Sie operieren wie der manchmal zitierte Weltmann aus dem 17. Jahrhundert, dessen Strategie uns bis in unsere Tage so bekannt vorkommt: Was ist politisch sein, heißt es da, versteckt im Strauche liegen, fein zierlich führen um, und höflich dann betrügen.

Nicht, dass es falsch wäre, Menschen, die unterschiedliche Interessen und Meinungen vertreten, an einen Tisch bringen zu wollen. Da ist gut so, und der Konflikt ist die Mutter der Erkenntnis. Aber aus einer Situation, die von Anfang an geprägt wurde durch die Diffamierung aller möglichen Gruppen, von Flüchtlingen bis zu hiesigen Politikern, und zwar durch eine Partei, die mit allen Techniken des Populismus arbeitet, in einen Rahmen zusetzen, in dem der Eindruck entstehen konnte, dort handele es sich um schlecht Verstandene und ungerecht Behandelte, das ist ein schweres Vergehen. Und wie von selbst begann am Tag Eins nach der sonntäglichen Diskussion ein mediales Treiben, das die Täter zu Opfern machte.

Das war nicht das alleinige Verdienst des anfänglich erwähnten Quotenjunkies, sondern zudem einer Koinzidenz zu verdanken, die tatsächlich unheimlich anmutet. Denn die Polizeibehörden im fernen Dresden verbaten jede Art von Demonstration am kommenden Montag, weil eine Terrorwarnung vorlag. Genau genommen gegen eine Person, die man hätte schützen und separieren können oder die sich hätte, bei nur einem Funken Verantwortungsgefühl, selber fernhalten können. Wahrscheinlich war das überreagiert, vielleicht war es intentional überreagiert. Denn plötzlich war es demokratische Tugend, für die Bedrohung von Toleranz und Freizügigkeit Mitleid zu empfinden. Und die Kanzlerin gab gar die Parole aus, wenn Sachsen darum bäte, dann könne auch der Bund Demonstrationen solcher Art sichern. Da kommen plötzlich kuriose Bilder auf, die eher an Vonneguts Slaughterhouse Number Five als an das Dresden unserer Tage erinnern. Vorne ein Leo, der vor einem Demonstrationszug mit schwenkender Kanone rollte, um Pegida gegen Bomben aus dem Morgenland zu schützen. Das ist weder Wildwest noch Wildost, das scheint eine Realität in der Vorstellungswelt der bundesrepublikanischen Staatsidee unserer Zeit zu werden.

Innerhalb einer Woche bekam das Publikum zwei Szenarien vor Augen geführt, die schlimmer nicht hätten voneinander differieren können. In Paris der Demonstrationszug einer Bevölkerung, die mit den Idealen einer bürgerlichen Revolution aufgewachsen ist. Bei aller Apathie, bei aller Reformschwäche, bei der dramatischen Differenz von Selbst- und Fremdwahrnehmung, es war eine machtvolle Demonstration darüber, wie es aussehen müsste, wenn eine Demokratie bedroht wird. Und das Pendant: Ein Deutschland, das sich mit nachhaltiger Logikschwäche dafür entscheidet, Ursache und Wirkung der Krise systematisch zu vertauschen und zu Szenarien tendiert, die einfach nicht das Monströse der Geschichte abzustreifen in der Lage sind. Heinrich Heine, der Düsseldorfer Jude, hatte es schon immer gewusst und den Satz geschrieben, der einfach nichts an seiner fatalen Wirkung eingebüßt hat: Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht.

Allianz-Policen statt Friedrich Schiller

Die Debatte ist nicht neu. Dass sie jetzt in den Medien wieder mit aller Vehemenz geführt wird, scheint kein Zufall zu sein. Die Frage, ob, das, was in deutschen Schulen gelehrt wird, die Schülerinnen und Schüler tatsächlich für das wahre Leben vorbereitet, ist berechtigt. Das war sie immer schon. Die Maxime des Humanismus, non scholae, sed vitae hat die Frage selbst aufgeworfen. Da stellt sich die Frage, was das wahre Leben ist. In einer Epoche des exzessiven Technizismus ist es nur logisch, dass die Orientierung in einer technisierten Welt einen gewissen Stellenwert hat. Wie immer argumentieren die staatlichen Vertreter der Bildungsinstitutionen, dass vor allem das Elternhaus in dieser Frage gefragt sei. Die Schule sei dazu da, vor allem Wissen zu vermitteln, dass dazu befähigt, es in die Lebenspraxis zu transferieren. Aber genau das gelingt den Bildungsinstitutionen nicht so gut, ist es doch genau die Kritik, die aus den PISA-Untersuchungen resultiert. Es mangelt an der Fähigkeit, das Gelernte anzuwenden.

Dazu zwei Aspekte, die bedacht werden sollten. Zum einen ist die Trennung von Bildung und Erziehung ein deutscher Sonderweg, der aus der Vergangenheit resultiert. Die Vermittlung von Werten und gesellschaftlich tragfähigen Verhaltensweisen sollte keinem Staatsmonopol mehr anvertraut werden. Diese Fragen, so der nachvollziehbare Gedanke, sollte von den Erziehungsberechtigten bearbeitet werden. Das Problem, mit der dieses Konzept konfrontiert ist, sind die zunehmend aufgelösten klassischen Familienstrukturen. Dort wird diese Aufgabe immer weniger erfüllt.

Bildung wiederum unterliegt dem staatlichen Schulmonopol. Die Vermittlung von Wissen findet dort nach wie vor statt, aber sie hat sich lange darauf zurück gezogen, es dabei zu belassen und die Frage nach dem Transfer des Gelernten in die Alltagspraxis den Erziehenden zuzuweisen, welche es immer weniger leisten. Das ist ein Desaster, dass die staatlichen Institutionen kaum interessiert. Und die Erziehungsinstitution ist immer weniger dazu in der Lage. Eine Lösung muss dringend her, eine Revision des Sonderweges scheint mehr als angebracht.

Die wohl dürftigste Schlussfolgerung aus der Malaise ist die nun entbrannte Diskussion um die Änderung von Lehrplänen, die sich provokativ mit der Formulierung übersetzen ließe, weniger Lyrik und Prosa, dafür aber mehr Anwendungskenntnisse in Bezug auf das Einlesen von Barcodes oder den rechtssicheren Abschluss von Versicherungspolicen zu vermitteln. Das ist, was den Zeitgeist anbetrifft, folgerichtig, was eine Strategie anbetrifft, aus der wachsenden Unfähigkeit, sich in einer komplexen und ungeordneten Welt zu orientieren, ist es ein Fehlschluss ersten Ranges.

Die Fähigkeit, Literatur zu lesen, zu begreifen und aus ihr kritische und ethische Kernaussagen herauszufiltern, ist eine der größten Errungenschaften des reflexiven Geistes. Genau das, was in den Feuilletons in Bezug auf die wachsende Unruhe in der Welt, die eskalierenden Konflikte und die immer schwieriger werdende Bewertung all dessen beklagt wird, wird nun als eine Ursache für die Orientierungslosigkeit ausgemacht. Da scheint eine ganze Zunft etwas nicht begriffen zu haben. Die Verdächtigung, die bei dieser Diskussion aus jeder Zeile scheint, ist die, dass die Vermittlung der geistigen Techniken aufklärerischen Geistes die Ursache für die wachsende Diffusion in den Köpfen sei.

Der als wohl gemeinter Pragmatismus daher kommende Vorschlag, Texte von Heinrich von Kleist oder Friedrich Schiller durch Standardverträge der Allianz zu ersetzen, ist eine impertinente wie erbärmliche Avance der Technokratenkaste. Das einzige, was angesichts der Diskurs- und Konfliktunfähigkeit in der Sphäre der Politik bleibt, ist über diesen Unsinn lauthals zu lachen. Es wäre der Gipfel in dem seit langem lancierten Prozess der Entmündigung.

Eine Ordnung ohne kollektive Identitäten?

Schön war es, als die Welt noch relativ einfach nach Kategorien geordnet werden konnte. Nicht wegen ihres Zustandes. Nein, aber weil die Fronten der Begrifflichkeit eindeutig gezogen waren. Allein das XX. Jahrhundert hatte einen großen Wechsel der Ordnung erlebt, nämlich von Kolonialismus mit den europäischen Imperien hier und den kolonisierten Völkern dort hin zu dem, was Mao Zedong so treffsicher in der Theorie der drei Welten zusammen fasste. Die beiden Supermächte USA und UdSSR, die so genannten Mittelmächte wie die west- und zentraleuropäischen Staaten sowie die Dritte Welt, d.h. die ehemaligen Kolonialstaaten. Mit der Implosion der Sowjetunion im Jahr 1990 wurde diese klare Ordnung zerstört, die Staatspolitologen der USA sprachen gar vom Ende der Geschichte. Das ist jetzt 25 Jahre her und nicht nur diese Autoren beklagen heute die Unübersichtlichkeit der Welt.

Asymmetrische Kriege, politisch permissive Kontinente, eine strategisch überdehnte Supermacht und eine schwere Dichotomie der neuen Welt zeichnen den Globus aus. Das kritischste Phänomen ist nicht unbedingt die Indifferenz der europäischen Politik, wiewohl sie bei jeder Betrachtung Bestürzen auslösen muss. Und auch das Schlingern der USA zwischen unterschiedlichen Rollenverständnissen macht nicht das primäre Problem aus. Die prekärste Situation ist aus der Diffusion der ehemaligen Dritten Welt entstanden. Während eine Macht wie China vor Szenarien steht, in denen sie zumindest als eine globale Hegemonialmacht eine Rolle spielt, sind große Kulturvölker wie die des Irans und Pakistans in Dauerkrisen verwickelt, die mit regionalen Kämpfen um Vormacht, aber auch in einer mangelnden Kohäsion der eigenen Staatsgebilde zu suchen sind.

Armut, mangelnde Teilhabe, Entrechtung, ökologische Desaster und Genderterror sind die signifikanten Symptome der Gesellschaften, die nicht nur als permanent krisenhaft charakterisiert werden müssen, sondern auch als perspektivisch bedrohlich für den zivilen Frieden weltweit. Dass in vielen Staaten, in denen die Dauerkrise für den großen Teil der Bevölkerung herrscht, von der islamischen Religion durchdrungen sind, sollte zu anderen Schlussfolgerungen führen als zu der nun immer wieder unterstrichenen Koran-Exegese.

Negativ oder kritisch formuliert sind die Gesellschaften, in denen der Islam herrscht, nicht für das westliche Paradigma einer Industrie- und Waren produzierenden- Ordnung zu haben. Es existiert historisch kein Beispiel für ein artifizielles, industriell hergestelltes Produkt, das aus diesen Ländern stammt. Positiv formuliert verfügen diese Gesellschaften über eine merkantile Kernkompetenz, die bei einer Neuordnung der Welt berücksichtigt werden muss. Alle Versuche des Westens, den östlichen Teil der Welt nach seinem Bild zu formen, sind gescheitert und werden auch in Zukunft scheitern. Gegen die Adaption des westlichen Systems, das mit Begriffen wie Wiegen, Messen und Zählen kolportiert werden kann, steht eine Jahrtausende währende Tradition von Metaphorik und Handelskommunikation. Die Individualität, die den Westen groß gemacht hat, findet im Kollektiv des Ostens wenig Platz.

Armut, mangelnde Teilhabe, Entrechtung, ökologische Desaster und Genderterror sind sicherlich ein Grund, warum junge Menschen aus dieser Welt, auch wenn sie bereits in jener unterwegs sind, genau die Gemeinsamkeit, die in all diesen verfluchten Ländern am meisten heraussticht, den Islam, auf ihr Label erheben, um gegen die Hegemonie des Westens und seinen Wohlstand zu protestieren. Ihre Analyse der Welt wie die daraus gezogenen Schlüsse sind ein Desaster. Es entspricht leider der verbreiteten Vorstellung im Westen, dass nur eine Formung des Ostens nach westlichem Vorbild zum Besseren führen könne. Beide Gedanken sind imperial wie desaströs zugleich. Es wird Zeit, die Unterschiede zu akzeptieren und eine Ordnung anzustreben, in der das Elend bekämpft wird und die kollektiven Identitäten bestehen bleiben.