Archiv für den Monat Dezember 2014

Herbie, the Big Boss of the Black Market

Zu Ende des Krieges nahmen sie die Stadt. Die Bevölkerung empfing sie als Befreier. Schon oben aus der Luft hatten sie sich entschieden, nach Heidelberg sollten die Headquarters, das blieb verschont, Mannheim mit seinen Industrieanlagen musste daran glauben. Trotzdem waren die meisten froh, als ihre Panzer durch die Straßen rollten. Mit vierzigtausend Mann schlugen sie ihre Quartiere auf. Und sie blieben Jahrzehnte. Mit ihnen kamen nicht nur Konsumgüter und Aufbauhilfen, sondern auch der Blues und der Jazz. Eine Stadt, die schon immer eine Identitäten in der Musik gefunden hatte, konnte da nicht ruhig bleiben. Clubs entstanden und es wurde heiß in den Quadraten. Da die unteren Dienstgrade mehrheitlich mit Schwarzen belegt waren, kamen die Rhythmen aus Louisiana, Alabama und Tennessee schnell in die Quadrate. Rotlichtbezirke entstanden, die bald jegliche Proportionen der Stadt außer Kraft setzten.

Die Zahlkraft der GIs war immens und es krachte aus allen Fugen. Viele junge Deutsche, die aus dem Kapitel der vergangenen Geschichte entfliehen wollten, wurden von dem Lebensgefühl angesteckt und es dauerte nicht lange, bis einige respektable lokale Musikerinnen und Musiker zusammen mit den amerikanischen Bands auf den Bühnen standen und das Publikum entflammten. Und dann kamen die Großen. Louis Armstrong gastierte in der Stadt, er brachte es sogar auf eine Suite im ersten Hotel am Platz, später folgten Miles Davis und jüngere Jazzer.

Die Coleman Barracks waren legendär, dort, im Mannheimer Norden, residierte der Süden der USA. Steigt man heute noch in ein Taxi, in dem ein älterer Fahrer sitzt und schreit beim Einsteigen, Hey Man, bring me to the chicken house, dann lacht er und schwärmt von den alten Zeiten, die leider vorbei sind. Der Prozess ging über Jahrzehnte. Als Deutschland das vollzog, was so gerne das Wirtschaftswunder genannt wird, drehten sich die Verhältnisse. Die Deutschen hatten plötzlich das Geld in der Tasche und die GIs waren klamm bei Kasse. Vorbei die Zeiten, in denen sie mit Straßenkreuzern durch die engen Gassen geschlichen waren und faszinierte Blicke auf sich gezogen hatten. Nun fuhren sie in Kleinwagen herum und verschwanden immer mehr aus dem öffentlichen Bild.

In diesen Jahren suchten die GIs ihre Einkommen ein bisschen aufzubessern, indem sie vor allem Bourbon und Zigaretten aus den PX-Läden unter der Zivilbevölkerung zu verhökern suchten. Dafür brauchten sie Kontaktmänner, die sie zumeist in den vielen kleinen deutschen Bands fanden. Herbie war so einer, er spielte in einer Rock ´n´ Roll Band und kannte eine Menge Leute. So konnte es passieren, dass man am Wochenende auf einer Privatfete saß und es irgendwann gegen Mitternacht an der Tür klingelte und Herbie die Wohnung betrat, eskortiert von zwei mächtigen GIs. Herbie zu verstehen war nicht so einfach, er kam aus einem kleinen Ort in der Pfalz mit einem unaussprechlichen Namen und kauderweschlte ein Englisch, das nahezu nicht dechiffrierbar war.

Natürlich wussten wir, wenn Herbie mit diesen gewaltigen Gestalten auftauchte, was Sache war. Wir boten den Herrschaften dann Bier oder Wein an und es dauerte nicht lange, bis die Herren dann selber die Verhandlungen führten, die eigentlich keine waren. Eine halbe Gallone Jim Beam ging für 25 Mark über den Tisch, eine Stange Zigaretten kostete 15 Mark. Hatten alle ihre Wünsche geäußert, dann ging einer der beiden Adjutanten unten zum Wagen und brachte die Ware. War der Deal gelaufen, schüttelten wir uns alle die Hände und Herbie war dann an der Reihe, das Ritual zu beenden, Hey Guys, who is the big boss of the black market? Worauf hin seine Begleiter dann skandierten You, Herbie, it´s You und dabei so tief und amüsiert lachten, dass nichts blieb als gute Stimmung. Soviel ich weiß, lebt Herbie wieder in der Pfalz und die sympathischen Jungs haben hoffentlich einen netten Club in Baton Rouge oder Memphis.

Wie lapidar ist doch der Frieden!

James Salter. All That Is

Der 1925 unter dem bürgerlichen Namen James Horowitz in New York geborene Schriftsteller wurde in seiner Profession unter James Salter bekannt. Als Resident der in der Nähe der Metropole gelegenen Hamptons kann er dem saturierten Ostküstenbürgertum zugerechnet werden. Selbst Absolvent der renommierten Militärakademie West Point, blickt er auf eine Karriere als Jagdflieger im II. Weltkrieg zurück. Wie alle guten Erzähler hat er seine Welt und seine Erlebnisse zu dem Stoff gemacht, aus dem seine literarischen Werke geformt sind. Übermäßig produktiv war er in seinem langen Leben nicht, doch das, was er teilweise immer wieder nach langen Pausen veröffentlichte, fand in den USA große Beachtung. Hier in Europa wurde er relativ spät entdeckt. Die daraus resultierende Veröffentlichungsdichte gerade in den letzten Jahren vermittelt einen falschen Eindruck. Was für Salter spricht ist die Ruhe, mit der er sein literarisches Schaffen anging.

Mit dem 2013 erschienenen Roman All That Is wurde er vor allem in Deutschland sehr gefeiert. Attribute wie großer Epiker oder Meister der lakonischen Sicht sind noch die seriösesten. Doch der Literaturbetrieb vermittelt leider nicht unbedingt immer das, was sich tatsächlich hinter den Zeilen der Werke verbirgt. Oft geht es leider nur um Etikette, denen zugeschrieben wird, bedingte Reflexe auszulösen, die zum Kauf animieren. Bei All That Is wird zum Beispiel gerne darauf verwiesen, dass es sich um die Darstellung der Krise der Institution Ehe handelt. Vordergründig mag das stimmen, weil es mit der spärlichen Handlung des Buches korrespondiert. Den Kern trifft die These jedoch nicht.

Ohne die Handlung verraten zu wollen, muss es erlaubt sein, in drei Sätzen den Rahmen zu skizzieren. Es geht um die Jahre nach dem II. Weltkrieg, aus dem der bei Okinawa in schwere Kämpfe verwickelte Marineoffizier Philipp Bowman zurückkehrte. Aus dem bürgerlichen Milieu stammend, fasst er dort als Verleger von Literatur Fuß und ihm gelingt die Etablierung in der kulturellen Nomenklatura der Ostküste. Die Jahre plätschern dahin und seine Ehe, Beziehungen und die Schicksale von Menschen, die in seinem Leben eine Rolle spielen, schleichen durch eine scheinbar völlig unspektakuläre Zeit. Das ist der ganze Handlungsrahmen. Vermeintlich geht es um verfehlte Ehen und enttäuschte Lieben. Das literarisch wirklich Gelungene bei dieser Spärlichkeit von Aktionen ist der tatsächlich lakonische Erzählstil, der befremdend wirkt, weil es bei der Wahl einer Darstellung in dem einen oder anderen Fall auch dazu gereicht hätte, aus dem Erzählten tatsächlich große Dramen zu machen. Was Salter hier gelingt, ist ein Empfinden der Nichtigkeit zu erzeugen, das in erschreckendem Maße täuscht.

Denn kaum eine Zeit hat die Veränderung innerhalb der USA so beschleunigt wie das Vierteljahrhundert nach dem II. Weltkrieg, aus dem das Land als Weltmacht hervorging. Es tat sich etwas in der Verfügbarkeit von Macht und dem Aufbau eines institutionell gesicherten Imperiums und es gab ungeheure Veränderungen in der Sozialstruktur des Landes. Was James Salter hier thematisiert, ist das Schicksal von Kriegoffizieren, die im Frieden zurück nach Hause kommen. Auch wenn ihre Resozialisierung formell gelingt, emotional sind sie für immer verloren, teilweise mit der erschreckenden Nebendiagnose, dass ihnen das selbst nicht bewusst ist. Nach den emotional hochgeladenen und immer wieder existenziell entscheidenden Erlebnissen des Krieges erscheinen die gesellschaftlichen wie privaten Ereignisse im Frieden schlichtweg lapidar. Diese Diskrepanz ist schlichtweg nicht überwindbar. Da fließt alles ineinander und alles ist gleich belanglos. Das darzustellen, ist Salter allerdings meisterhaft gelungen.

Cry me a River!

Wäre er nicht immer ein so bescheidener Mensch geblieben, dann hätte seine letzte Nacht zu der einer einzigartigen Dramaturgie gehört. Joe Cocker, der gelernte Gasinstallateur aus dem englischen Sheffield überlebte die längste Nacht dieses Jahres nicht. Es war sein siebzigstes Lebensjahr und alle, die seinen Weg über die Jahrzehnte verfolgt haben, mussten zu dem Schluss kommen, dass es ein Wunder war, dass er so alt werden konnte. Bereits mit 15 Jahren stand er auf den Bühnen verrauchter Kneipen im Black Country und intonierte den Blues, so wie er ihn verstand. Dazu gehörte viel Bier und viel Whiskey, was letztendlich auch seine Stimme prägte. Ein scheinbar rauer Geselle, der sich für keinen Exzess zu schade war, der nichts ausließ und dessen Auftritte, mit denen er berühmt wurde, eher einem Gemetzel glichen als anderen Formen des Genres. Komponiert hat er selbst nichts, aber das, was er coverte, bekam eine neue Dimension. With A Little Help From My Friends machte ihn berühmt. Das war 1968.

Ein Jahr später versetzte er eine ganze Generation auf dem Woodstock Festival in einen Ausnahmezustand, der ihm selbst letztlich nicht gut bekam. Zum Alkohol kamen andere Drogen, Konzerte endeten zum Teil im Fiasko, weil er nur noch schlecht sang oder umkippte. Dann wurde es still um ihn. Zu Beginn der achtziger Jahre tauchte er wieder auf und schaffte erneut einen Durchbruch mit dem Album Sheffield Steel, einer Referenz an seine proletarische Heimat, der er seine Nehmerqualitäten und seinen Durchhaltewillen verdankte. Die Zusammenarbeit mit dem Komponisten Leon Russell tat ihm gut, er fand in den USA seine große Liebe, kaufte eine Farm in Colorado, die er die Mad Dogs Farm nannte, nach dem berühmten Poem Kiplings, das auch den Namen seiner Band Mad Dogs And Englishmen prägte.

Joe Cocker war solide geworden und die Musik, die er produzierte, wurde professioneller, mit grandiosen Band-Arrangements. Ihm gelangen viele Welthits, nicht weil sie den emotionalen Mainstream trafen, sondern weil er sich Stücke aussuchte, die zu ihm passten. Vieles, was er anfasste, geriet zur Hymne bestimmter Seelenzustände. Es fällt schwer, sie alle aufzuzählen, aber Unchain My Heart, You Are So Beautiful, Summer In The City, You Can Leave Your Hat On, Cry Me A River, The Letter, Delta Lady, Many Rivers To Cross, When The Night Calls, Civilized Man oder auch Hard Knocks, Joe Cocker sang von dem, wovon er eine Menge erlebt hatte. Wenn es einen Sänger dieser Periode der Rock- und Bluesgeschichte gibt, dem das Testat der Authentizität zugesprochen werden konnte, dann war es Joe Cocker. Ihm glaubte man seine Zeilen, da hatte man immer das Gefühl, dass das, was er da von sich gab, teuer bezahlt war, zum Teil sehr teuer.

Im Gegensatz zu vielen Anderen, die von unzähligen Radiosendern in den Äther gejagt werden, ist es diesem Proletarier aus Sheffield immer gelungen, etwas in denen, die ihn zufällig hörten, tatsächlich etwas zu verändern. Er berührte, er schuf Gefühle, die einfach echt waren. Das war sein Beitrag, ob er mit seiner rauen Stimme hauchte, schrie oder ganz gefasst eine Geschichte erzählte, diejenigen, die das wahre Leben mit seinen Beschwerlichkeiten, Enttäuschungen und Glückszuständen kannten, die hörten ihm einfach zu und gaben ihm Recht. Ja, das ist große Kunst, denn die Wahrheit erregt wie nichts anderes.