Archiv für den Monat August 2014

Notwendigkeiten unbequemer Interventionen

Wer kennt sie nicht, die Situation? Irgend etwas entwickelt sich in dem eigenen Lebensumfeld, das nicht so in die Vorstellung passt, wie es laufen sollte. Zunächst sind es Kleinigkeiten, die eine leichte Irritation auslösen. Wir beobachten das Verstörende und denken, dass es sich vielleicht um etwas handelt, das sich vielleicht wieder einrenken wird. Irgend ein Verhalten von Personen, die im eigenen Soziogramm von Bedeutung sind. Erst irritiert es, dann verstört es und wenn es sich nicht mit einer wie auch immer menschlichen Laune erklären lässt, wird es ein Dauerzustand. Es ist festzustellen, dass es sich nicht um einen durch den immer wieder angeführten Zufall erklären lässt. Die Route, die bestimmte Akteure einschlagen, weicht von den von uns als Konsens unterstellten Vorstellungen ab und stabilisiert sich. Das soziale Feld ist gestört. Will man selbst als Subjekt und nicht als Objekt in der Interaktion weiter existieren, ist der Zeitpunkt gekommen zu handeln.

Selbstverständlich, so muss festgestellt werden, bieten sich noch andere Optionen. Eine, die leider allzu oft gewählt wird, ist die der inneren Abwehr, d.h. man ist zwar irritiert und unzufrieden, aber man nimmt es um des viel zitierten lieben Friedens willen hin. In der Regel wird der Konflikt, denn um einen solchen handelt es sich, unbewusst und non-verbal bearbeitet, aber es führt zu nichts. Im Grunde genommen geht es mittlerweile um einen Machtkampf, der als solcher nicht bezeichnet wird. Die Akteurinnen und Akteure, die ihr Verhalten geändert haben, hatten auch keine Gelegenheit, ihre Motive zu erklären. Es entstehen Dissonanzen, die sich nicht mehr anhand eines rationalen Dialogs klären lassen. Um es deutlich auszudrücken: Die Karre steckt so richtig im Dreck.

Die Ursachen für die beschriebene Option, die im Grunde genommen keine ist, liegen häufig in der wachsenden Unfähigkeit der Handelnden, in Konflikte zu gehen. Das hat nicht selten etwas mit dem vermeintlichen Konsens des friedlichen Miteinanders zu tun. Wer aufbegehrt und aus seiner Sicht Missstände anprangert, gilt nicht selten als Unruhestifter, der verantwortlich ist für soziale Verwerfungen. Diese Wirkung liegt an einer Ideologie, die auch als Zeitgeist bezeichnet werden kann, der immer den Konsens sucht, um Konflikte zu vermeiden, die zwar da sind, aber gar nicht gelöst werden sollen.

Ein Aspekt, der in diesem Kontext ausgeblendet wird, ist der mangelnde Respekt, der immer mitschwingt, wenn Missstände zugetüncht werden sollen. Immer wieder ist festzustellen, dass große Verwunderung gezeigt wird, wenn die These formuliert wird, dass man gegenüber jenen, deren Verhaltensänderungen die Irritation auslösen, keinen Respekt zeigt, wenn man sie nicht darauf anspricht. Genau das aber ist der Fall, weil durch das Schweigen bei gleichzeitiger Herausbildung einer eigenen Abwehrhaltung die Personen, um die es geht, keine Chance erhalten, um sich zu erklären. Letzteres allerdings hat jeder verdient.

Letztendlich geht es aber auch um den Respekt vor sich selbst. Wer Veränderungen hinnimmt, die ihm nicht passen, ohne die Gelegenheit zu ergreifen, sich selbst zu erklären, der verzichtet selbst auf das verbriefte Recht, seine eigene Position zu artikulieren. Das Schema, das den Konflikt aufgrund einer vermeintlichen Konsensbildung ausblendet, ist das eigentliche Initial für kontinuierliche soziale Dissonanz. Die Grundidee der Demokratie sieht daher den Streit nicht nur als ein individuelles, sondern auch als ein institutionelles Recht an, das selbstverständlich unter Regeln stattfinden muss, die dem Grundgedanken der Würde des Menschen Rechnung tragen. Letztere wird im aktuellen privaten, im wirtschaftlichen und im politischen Kontext mit Füßen getreten. Möglich ist das nur, weil die Individuen in ihrem eigenen, von ihnen beeinflussbaren Umfeld davon kaum noch Gebrauch machen. Es ist an der Zeit, die unbequeme Intervention wieder zu üben. Jeden Tag.

Spionierende Spione

Man soll es kaum für möglich halten! Der investigative Journalismus hat es fertig gebracht zu enthüllen, dass die deutschen Spionageorganisationen etwas tun, was niemand für möglich gehalten hätte: Sie spionieren! Wie war die Welt doch noch vor einigen Wochen in Ordnung, als man davon ausgehen konnte, dass vor allem amerikanische Syndikate wie CIA oder NSA dem teuflischen Handwerk folgten, als sie das Mobilphone unserer Kanzlerin abhörten. Sie selbst brachte ihre Entrüstung dahin gehend auf den Punkt, als dass es unter Freunden gar nicht ginge, sich gegenseitig zu bespitzeln. Und absurd das Gestänkere mancher Kritiker, dass es zum Wesen von Nachrichtendiensten gehöre, Spionage zu betreiben. Ja, es lebt sich gut im seichten Strom der öffentlichen Meinung, wenn man als Opfer gilt, aber das Leben wird richtig hart, wenn heraus kommt, dass diese Art von Opfern auch sehr gut als Täter operieren können. Der BND betreibt Spionage. Wer jetzt nicht empört ist, der beweist zumindest in großen Teilen seine Geschäftsfähigkeit, denn dafür wurde der BND gegründet und dafür wird er finanziert. Wer sich jetzt aufregt, der hat das Wesen von Nachrichtendiensten irgendwie nicht begriffen und macht jetzt die Erfahrung, dass enttäuschte Illusionen zuweilen Schmerzen verursachen.

Vor allem die aufgeflogenen Abhöraktionen sind der Beweis für eine innere Folgerichtigkeit: Das Abhören der damaligen Außenministerin der USA, Hillary Clinton, zunächst noch aufgrund einer Aktion während eines Fluges über Abhöranlagen als akzidentiell eingestuft, verliert seine Zufälligkeit, weil auch ihr Nachfolger Kerry das gleiche Schicksal erlitt. Die getrübten Beziehungen zum Verbündeten USA, angeblich besonders durch das Abhören der Kanzlerin belastet, führen zur Abhörung hochrangiger amerikanischer Politiker durch die deutschen Spione. Wer es glauben will, soll das machen. Es gehört schlichtweg zur Routine.

Das Abhören der türkischen Nomenklatura hingegen macht sogar richtig Sinn. Der NATO-Partner Türkei, nach der Diktion der Kanzlerin ein privilegierter Partner der Deutschen und der EU, macht in Figur seines alten Premiers und neuen Staatspräsidenten Erdogan zu viel eigene Politik vor allem in der nordafrikanischen und arabischen Welt, als dass man ihm ohne geheimes Wissen um sein Treiben trauen könnte. Erdogan, der selbst nun nicht gerade als zimperlicher Zeitgeist bekannt ist, kommt in Bezug auf die Enthüllung ob der deutschen Spionagetätigkeit in ähnliche Wallung wie die Kanzlerin in Sachen NSA. Das, so Erdogan, hätte er nicht erwartet, denn unter Freunden mache man so etwas doch nicht. Nun muss man kein Verschwörungstheoretiker sein, um sich auszumalen, was türkische Agenten im geliebten Almanya so treiben.

Um von der Erscheinung zum Wesen vorzudringen! Es sollte nicht als skandalös empfunden werden, wenn Spionageorganisationen dabei überführt werden, dass sie ihrem Auftrag nachgehen. Täten sie das nicht, dann wäre etwas faul im Staate und sie betrieben Leistungsverweigerung. Wer will, kann auch noch der blödsinnigen Frage nachgehen, ob ein Staat in der heutigen Welt Geheimdienste brauche. Führen wird die Anstrengung zu nichts. Der eigentliche Skandal besteht allerdings darin, die Tätigkeit von Geheimdiensten öffentlich zu skandalisieren und genügend Leute zu finden, die sich an Diskussionen beteiligen und die Loyalität der Geheimdienste gegenüber ihren Auftraggebern als moralisch bedenklich zu verurteilen. Hätte sich das Weltbild gegenüber Kindern nicht beträchtlich geändert, müsste man das alles als maßlose Kinderei bezeichnen. Nehmen wir also die Kinder als Vorlage für politisch nicht korrekte Metaphern in Schutz. Dann ist die Empörung über die Tätigkeit des BND ein deutliches Symptom für die wachsende Unfähigkeit hierzulande, in politischen, internationalen und mit Macht korrelierenden Kategorien zu denken.

Orientalisch-okzidentale Gemeinsamkeiten

Spätestens nach dem 11. September 2001 setzte in der muslimischen Welt eine Diskussion ein, die der Westen nicht wahrnahm. Es ging vor allem um die Frage, wie es möglich sein würde, eine Politik von Muslimen für Muslime zu machen, die nicht dominiert würde von Terrorgruppen bzw. der Angst vor ihnen oder von Sanktionen oder falschen Bündnispartnern des Westens. Hier ist nicht die Rede von irgendwelchen aufgeklärten Randgruppen, sondern von Ländern wie Indonesien, dem bevölkerungsreichsten Land des Islam, von Malaysia, von Jordanien, vom Iran, von der Türkei, von Ägypten, Tunesien, Algerien und Marokko. Was die breite Öffentlichkeit in diesen Ländern nie verstanden hat, waren die Motive und die Argumentation des Westens. Was der Westen nie verstanden hat, waren die Befindlichkeiten in der muslimischen Welt und die Erfordernisse, die sich daraus ergaben.

Wer glaubt, die 1,5 Milliarden Muslime in der Welt hätten eine durch Sympathie geprägte Nähe zu den Organisationen, die immer wieder für Terroranschläge verantwortlich zeichnen, der sollte sich generell aus der Politik heraushalten und besser Tauben züchten. Das wäre ein großer Friedensdienst. Aus einer in der muslimischen Welt immer wieder diskutierten Bilanz der Schäden und Opfer des mit dem Islam begründeten Terrors ist ohne Zweifel zu entnehmen, dass weitaus mehr Muslime mit ihrem Leben für die Akte der Terrors bezahlt haben als Nicht-Muslime. Allein diese Tatsache erklärt, dass in der muslimischen Welt eine starke Aversion gegen diesen Terror existiert. Was dort befremdet hat waren die Manöver des Westens, ausgerechnet mit den Staaten und Politikern zusammenzuarbeiten, die immer wieder, verdeckt oder offen, mit der Karte des Terrorismus gespielt haben. Die nach dem 11. September geschmiedete Achse gegen das Böse des George W. Bush war aus muslimischer Sicht eine Groteske, weil sie eben diesen Terror zum Ausdruck brachte.

In der muslimischen Welt blieb die Verfolgung der Kräfte, die für eine offene, tolerante und in manchen Ansätzen auch demokratische Gesellschaft standen und die die eigentliche Hoffnung in der muslimischen Welt darstellen. Es entstand große Enttäuschung darüber, dass der Westen eben nicht diese Kräfte unterstützt hat. Und es existiert ein großes Befremden über die aus muslimischer Sicht völlig irrsinnige Diskussion innerhalb des Westens, die bestehende Politik des Westens per se für den Terror verantwortlich zu machen. Das Wissen um die Ziele des Terrors lehrt, dass dieser wirken wird, unabhängig davon, welche Politik der Westen verfolgt. Der hinter dem Terror stehende Fundamentalismus ist eine destruktive, despotische Kraft, die Angst und Schrecken verbreiten will, um eigene, individuelle Ziele durchzusetzen, die zum Teil pathologische Züge haben.

Die einzige Möglichkeit, den aus vielen islamischen Gesellschaften hervorgehenden Terror zu bekämpfen, ist ein Bündnis mit den Muslimen, die für Toleranz und ein friedliches Miteinander eintreten. Das ist die große Mehrheit, die auf dem Tableau der Politik leider bis dato keine große Rolle gespielt hat. Diese Mehrheit, und auch das ist eine einfache, aber vielleicht auch bittere Erkenntnis, unterscheidet sich nicht sonderlich von der großen Masse derer, die im Westen ihr Dasein fristen, ganz gemäß dem klugen Satz des Anton Tschechow: Die Leute? Die Leute fahren nicht zum Mond. Sie gehn zur Arbeit, streiten sich mit ihrer Frau und essen Suppe! Um diese Leute geht es, im Orient wie Okzident.