Archiv für den Monat August 2014

I never smoke weed with Willie again….

Willie Nelson. Band of Brothers

the party was over before it began. Sein Name ist Programm. Mit nunmehr 81 Jahren hat er alles gesehen und erlebt, was sich ein Mensch nur vorstellen kann. Der Mann ist eine Ikone. Nicht nur, weil er sich in seinem Leben nicht hat brechen lassen, sondern auch, weil er immer gezeigt hat, dass Menschen dennoch zerbrechlich sind. Er steht für Protest und Libertinage, für Gesetzlosigkeit und verbriefte Rechte, für einfache Musik und unvergessliche Momente. Er steht für die USA, wie sie weit über ihre Grenzen hinaus viele Generationen haben positiv prägen können. Vielleicht ist er der Inbegriff des anderen Amerika, das der einfachen Beziehungen und Wahrheiten, des leben und leben lassens, der Toleranz und Freiheit. Auf seinem Banjo, mit dem er auf die unzähligen Demonstrationen ging, an denen er bis heute teilgenommen hat, steht die die einfache Wahrheit: This Machine Surrrounds Hate And Forces It To Surrender. Ja, ohne ihn wäre unsere Welt ärmer.

Willie Nelson hat wieder einmal ein Album herausgebracht. Es trägt den Namen Band of Brothers. Wie, so könnte gefragt werden, sollte es auch sonst heißen. Willie Nelson hat immer nur das artikuliert, worauf es ihm ankam. Und heute, in einer Zeit, in der nicht nur die amerikanische, sondern die ganze Welt auf dem Kopf steht, da hat er natürlich darauf verwiesen, worauf wir, die wir den Frieden und eine bessere Welt wollen, konzentrieren müssen. Auf die Bande untereinander, auf die Solidarität. Einen Finger kann man brechen, fünf Finger bilden eine Faust! Keine Mode, kein Trend, keine luftige Idee hat es je vermocht, diesen Mann von seinem Weg abzubringen. Diese Verlässlichkeit hat ihm seine weltweite Resonanz beschert. Ob texanischer Farmer oder europäischer, metropolitaner Intellektueller, ob LKW-Fahrerin aus Missouri oder Wirtin in Den Helder, Willie Nelson hat sein Publikum, weil er zu den wenigen gehört, auf die man sich verlassen kann und weil man ihm glaubt.

Band of Brothers selbst bildet folglich auch den Mix, den man von Willie Nelson erwartet. Es handelt von seinen Erfahrungen als Tramp (Whenever You Come Around, I´ve Got a Lot of Traveling to Do), der immer unterwegs ist, von den Liebschaften, die er in seinem langen Leben schon hatte,(Wives and Girlfriends, Send Me a Picture, Used to Her, I Thought I Left You), von dem Leben als Musiker (Guitar in the Corner, The Songwriters) und natürlich von der tragischen, komischen und nicht zu leugnenden Existenz des Rebellen (Bring It On, Band of Brothers, Crazy Like Me, Hard to Be an Outlaw). Das Spektrum ist nicht überraschend, sondern genau das, wofür Willie Nelson steht.

Von Ludwig van Beethoven soll der Spruch stammen, dass die Macht der Musik die des Komponisten sei. Er vermöge es, die Zuhörerschaft in Stimmungslagen zu versetzen, gegen die sie sich nicht wehren könnte. Wenn es jemand versteht, die Gefühle herüberzubringen, die aus dem Leben eines Rebellen entstehen, dann ist es Willie Nelson. Nelsons einfache Wahrheit liegt in der Triade von Text, Musik und persönlicher Authentizität. Willie Nelson vermittelt einfache Botschaften. Das ist nicht trivial, es ist aber selten, dass an der mehr als durchsichtigen Struktur nicht kritisiert werden kann, weil es sich um nahezu existenzielle Wahrheiten handelt, die kulturgeschichtlich immer mehr überlagert werden von seichten Halbwahrheiten. Willie Nelsons Band of Brothers vermittelt Wahrheiten, die allzuoft rar geworden sind. Und es wirkt wie Medizin.

Gesellschaftsdiagnostik über Leseverhalten

Manch konservative Eltern sind mit der penetranten Frage in Erinnerung geblieben, aus welchen Verhältnissen ein neuer Freund oder eine neue Freundin denn stamme. Damit assoziiert kam dann immer die Weisheit, sage mir, mit wem du verkehrst, und ich sage dir, wer du bist! Das, was von vielen Heranwachsenden als statusbezogene Belästigung und Einschränkung der Freiheit der sozialen Assoziation angesehen wurde, würde heute, aus anderen Motiven versteht sich, Vertreterinnen und Vertreter der systemischen Theorie als eine ur-vernünftige Betrachtungsweise einstufen. Die Frage des Sozialstatus ausgeklammert, wäre das Studium der Psychogramme und Verhaltensmuster derer, mit denen ein Individuum verkehrt, hoch aufschlussreich im Hinblick auf die eigene Befindlichkeit, psychische und soziale Disposition. Insofern ist der oben zitierte Satz durchaus verifizierbar.

Eine andere Möglichkeit, sich Aufschluss über Menschen und Gesellschaften zu verschaffen, ist den Fokus auf das zu richten, was kulturell produziert und konsumiert wird. Dabei sollte der Fehler vermieden werden, lineare oder gar Spiegelschlüsse zu ziehen. Filme, die in einer Gesellschaft en vogue sind, müssen nicht die dortigen Verhältnisse abbilden, sie können auch den Wunsch zum Ausdruck bringen, dass alles ganz anders wird. Das ist der Doppelcharakter, von dem Karl Marx in der Einleitung zur Hegelschen Rechtsphilosophie sprach, als er über die Religion räsonierte. Einerseits, so schrieb er, sei sie affirmativ, in dem sie auf den Himmel verweise, andererseits protestativ, weil ihre Idealbilder die Realität heftig negierten. So ist es, oder andererseits, so einfach, wie sich viele das gerne bei der Deutung der Phänomene auch machen, ist es eben nicht.

Literatur eignet sich, in dieser Betrachtung eine Rolle zu spielen. Justiert an den anfangs zitierten Satz, sei die provozierende These erlaubt, sage mir, was du liest, und ich sage dir, wer du bist. Und noch mehr, sage mir, was eine Gesellschaft liest, und ich sage dir, was sie ist. Gemäß dieser Arbeitshypothese leben wir im Sommer in goldenen Zeiten. Jetzt, während der Ferien, genügt ein kleiner Spaziergang am Strand oder eine Runde am Swimmingpool, um einen Eindruck von dem Spektrum dessen zu bekommen, was momentan gelesen wird. Findet dann auch eine Kategorisierung derer, die dort versammelt sind statt, nach Nation und sozialer Klasse, dann wird es eine hoch interessante Geschichte. Wir bekommen eine Blitzdiagnose über die Befindlichkeit verschiedener Gesellschaften, ohne einen großen wissenschaftlichen Aufwand betreiben zu müssen.

In diesem Sommer fällt auf, dass in den Mittelständen der Mittel- und westeuropäischen Länder die Lektüre politischer Bücher eher die Ausnahme darstellt. Wenn Politik ein Thema ist, dann findet es in den zunehmend banaler werdenden Magazinen statt. En vogue sind nach wie vor skandinavische Autoren, die mit einer zumeist großen Akribie über die Details von Verbrechen berichten, die im Dutzendplagiat vorliegende Einführung in den mittelständischen Sado-Masochismus und historische Romane, die die steinigen Wege der Erkenntnis romantisieren. Bei Amerikanern ist es etwas anderes, dort existiert seit einiger Zeit eine Sorte Literatur, die die Neudefinition der Identität zum Thema haben, während seit dem 11.September 2001 eine Thriller-Literatur in puncto Terror und Terrorbekämpfung den Markt überflutet, der das Ausmaß der wahren Traumatisierung nur ahnen lässt.

Die Sommerlektüre hierzulande lässt vermuten, dass sich der Mittelstand nach mehr Aufregung sehnt, sich aber nicht traut, eher satt und gelangweilt, aber ohne Courage ist, während die USA nach der Definition einer neuen Rolle lechzen und nach wie vor von Albträumen verfolgt werden, was die eigene Sicherheit betrifft. Erkenntnisse vom Strand.

Deutsche und Muslime: Farbe bekennen!

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland hat die Hinrichtung eines amerikanischen Journalisten und die Publikation dieser Tat über YouTube verurteilt. Gut und selbstverständlich. Bei allem, was momentan verschiedene Regionen dieser Welt bewegt, die Muslime sind mit in der Haft. Das muss ihnen klar sein. Noch vor kurzem wurde auf dieser Seite formuliert, wer davon ausgehe, dass die 1,5 Milliarden Muslime auf dieser Welt alle mit dem im Namen des Islam operierenden Terrors sympathisierten, der solle lieber Tauben züchten. Es kam eine Replik, die sich auf einen kanadischen Psychiater berief, der das Schweigen als emotionale Mittäterschaft kategorisierte. Man muss nicht darüber streiten, so entstehen manchmal sogar Gemeinsamkeiten: Die Muslime auf dieser Welt sind längst in der Pflicht, was die Distanzierung von den barbarischen Aktionen des Terrors angeht. Jetzt kommt es auch auf Gesellschaften wie die türkische an, um zu zeigen, ob die Botschaften einer eigenen kulturellen Aufklärung bereits die Schwelle überschritten haben oder nicht.

Trotz des ISIS-Terrors im Irak stösst die Ankündigung der Bundesregierung, den kurdischen Peschmerga Waffen liefern zu wollen, damit sie sich gegen das Vordringen des sunnitischen Terrors wehren können, auf Widerstand. Das letzte Relikt der vermeintlichen Lehren aus der faschistischen Vergangenheit, als Staat keine Waffen in Krisengebiete liefern zu wollen, ist gefallen. Um es gleich zu sagen: Die Lehre war deshalb vermeintlich, weil sie falsch war und genau das befördert, was den Terror begünstigt. Das Schweigen im Gefühl des Unwohlseins beflügelt Machtmissbrauch und Terror. Da keimen dann doch Analogien zu den Ausführungen jenes kanadischen Psychiaters auf, der aus der Duldsamkeit eine Mitschuld ableitet. Und dann stellt sich die Frage, ob die Deutschen, die mit Waffengewalt vom Faschismus befreit wurden, nicht andere Lehren aus der Geschichte hätten ziehen müssen als diesen halb garen Pazifismus, der ausgerechnet dann zu Fall kommt, wenn mit einer verlogenen Moral operiert wird.

Da wäre es wahrscheinlich hilfreicher, sich Gedanken darüber zu machen, was dieses Land selbst ist und will und welche Politik sich daraus ableitet. Zu lange, allzu lange hat Deutschland sich darüber definiert, was es nicht will. Wenn es etwas wollte, dann wurde das meistens im Windschatten anderer angestrebt, Eigeninitiative in einem gestalterischen Bereich war immer fehl am Platze. Angesichts der momentanen Situation im Irak eine Grundsatzdebatte darüber zu führen, ob es nicht den Grundsätzen der Republik widerspräche, so etwas zu tun, ist schlichtweg feist. Diese Haltung muss heute noch jedem Russen und Amerikaner, deren Nationen in einen dreckigen Krieg gegen die Barbarei gingen, wie Hohn von Wohlstandsverwahrlosten in den Ohren klingen.

Wir hier, im Zentrum Europas, können angesichts der Kriege und Bürgerkriege, die in der Ukraine, in Syrien, im Irak und in Israel/Gaza momentan die Welt erschüttern, eine ganze Menge lernen. Nur sollten wir es wollen. Man kann nicht, und das ist die Kritik an der Bundesregierung, wie ein Mundräuber durch die Weltgeschichte streunen und sich hier und da ein Häppchen genehmigen. Das können Steuerparadiese, aber keine Nation wie die deutsche. Diese muss formulieren, was sie will, in Bezug auf die Werte, ideell wie materiell. Diese Diskussion ist längst überfällig. Insofern existiert tatsächlich eine psycho-analytisch zu betrachtenden Analogie zwischen den Muslimen auf dieser Welt und den Deutschen. Beide müssen Farbe bekennen.