Archiv für den Monat Juli 2014

Deutsche Systeme und brasilianische Suggestion

Es existiert ein Phänomen in Deutschland, das bis in das tägliche Arbeitsleben reicht und weit in unsere Geschichte zurück geht. Es hängt zusammen mit dem Denken in großen Systemen, die alles erklären und – vermeintlich – keine Fragen mehr offen lassen. Es lässt sich verfolgen bis in die Religion und die verbissenen Kämpfe um sie, wird aber am deutlichsten bei Betrachtung der klassischen deutschen Philosophie. Ob Fichte oder Schelling, Kant oder Hegel, sie alle schufen komplexe, alles erklären wollende Systeme, die letztendlich so wuchtig wurden, dass ihnen kaum noch jemand folgen konnte. Was sie alle gemein hatten: auch wenn sie es reklamierten, sie gingen nicht vom Menschen, sondern immer von einem Gott oder einer Idee aus, die übermächtig war.

Heute treffen wir auf dieses Phänomen in den Niederungen des Arbeitslebens. Es wird ein Idealzustand proklamiert, und gemäß der Beschreibung werden dann Anforderungsprofile für die formuliert, die diesen Idealzustand erreichen sollen. Nicht die Potenziale der konkreten Menschen, sondern die Erfordernisse des Normativen bestimmen dann alle Aktivitäten, die folgen. Das geht so bis in die Teamentwicklung und geht meistens nicht gut aus. Übertreibt man dieses Vorgehen, dann entweicht jegliche menschliche Kreativität und es macht sich große Unsicherheit breit.

Bundestrainer Löw war bei dem bisherigen Turnierverlauf auf diesem Trip, zumindest solange, bis ihn der kollektive Aufschrei der Nation nach dem Spiel gegen Algerien selbst an seinem einsamen Strand erreicht hat. Er hatte sich den Idealzustand, seinen Idealzustand, skizziert und war dabei, die Potenziale der Einzelnen den restriktiven Anforderungen seines idealtypischen Systems zu opfern. Gegen Frankreich ließ er sich gnädig stimmen und setzte nicht nur die individuellen Ausnahmekönner dort ein, wo sie am besten sind, sondern er lockerte auch die teutonischen Variante des Tiki Taka, Ballbesitz und Kontrolle um jeden Preis, auch wenn das komplette Publikum in Ohnmacht fällt. Spiel wie Ergebnis überzeugten, die Frage, die bleibt: entscheidet er sich gegen Brasilien nun für das System oder das Potenzial und reagiert er ängstlich auf den Gegner, ein tödlicher Fehler bei der Letzten Europameisterschaft oder formuliert er Ziele entsprechend der Potenziale. Mit dieser Frage steht Löw nicht allein, er repräsentiert einen Diskurs, der uns alle betrifft.

Brasilien zeigte hingegen wieder einmal, wie sehr es getragen wird von dem Wunsch und dem unbedingten Willen einer ganzen Nation, letztendlich diese Trophäe im Land zu behalten. Das Diktum hat den Charakter des Spiels in diesem Land und in diesen Tagen völlig verändert, das schöne Spiel, das immer durch Kategorien wie Ästhetik und Artistik zu überzeugen wusste, ist einer brachialen Willenserklärung gewichen. Das Team von Kolumbien, geformt und instruiert von dem Fußballphilosophen José Pekerman, wurde einfach überrollt und seiner Gestaltungsmöglichkeiten beraubt. Es wurde schlichtweg mit Wucht und Emphase niedergerungen. Der suggestive Impetus der brasilianischen Nation scheint bis dato die stärkste Kraft des Turniers zu sein und wer das bezweifelt, der sehe sich noch einmal das Tor von David Luiz an, es war purer Wille und Voodoo zugleich. Die große Schattenseite des Spiels war der spanische Schiedsrichter, der durch seine Nachlässigkeit bei der Ahndung von gezielten Fouls die psychologische Möglichkeit der Inquisition Neymars erst schuf. Nach Logik der FIFA wird der Übeltäter Zuniga wahrscheinlich seine Karriere überdenken müssen und der Schiedsrichter geht mit einem verklausulierten schriftlichen Hinweis nach Hause.

Die Szene des wiederum amerikanischen Duells war nach dem Spiel, als der Voodoo-Schütze Luiz den zusammenbrechenden Rodriguez in den Arm nahm und tröstete und dabei von Marcelo unterstützt wurde. Wer aus den Favelas kommt, der kennt die Übermacht der Enttäuschung und den Schmerz, der daraus resultiert. Es bleibt bewegend.

Keine Freiheit ohne Emotion

Ein großes Problem unserer Tage äußert sich in einer zu recht beklagten Orientierungslosigkeit. Manche führen dies auf fehlende Strategien zurück, andere wiederum auf mangelnde Bildung. Beide Vermutungen sind nicht so ganz von der Hand zu weisen, deuten sie doch auf zwei Seiten einer Medaille hin. Wenn Strategien existieren, dann sollten sie zumindest auch denen kommuniziert werden, die sie betreffen, im Aktiven wie im Passiven. Einmal abgesehen davon, dass es auch Strategien gibt, die keiner kennen soll, wie zum Beispiel in der Politik, weil sonst eine Diskussion darüber losbräche, die vieles der klandestinen Strategie gefährden könnte, fristen andererseits auch große Organisationen und Staaten ein Dasein ohne Strategie. Das ist regelrecht gefährlich, weil ungeheure Energien und Potenziale die Gelegenheit haben, sich im semantischen Niemandsland zu entfalten.

Doch auch dort, wo Strategien existieren, ist eine gewisse Nonchalance auch derer, die von ihnen betroffen sind, gegenüber der Formulierung der Ziele zu vernehmen. Die Erklärungsmuster reichen von einer unterstellten Wurstigkeit der Betroffenen bis zu einer mangelnden kognitiven Fähigkeit derselben. Und, fragte man diese selbst, so würden sie entweder mit den Schultern zucken, was für die beschriebenen Zuweisungen spräche oder aber sehr dezidiert auf die mangelnde Authentizität der verantwortlich Handelnden verweisen. Da vernimmt man sehr schnell die Weise der mangelnden Glaubwürdigkeit, die durch ein Abweichen der eigenen Praxis von den formulierten Zielen und Forderungen entsteht.

Und es ist nicht so, dass diejenigen, für die eine Strategie bindend wäre, selbst bei einem Erkennen ihrer Dimension ihr nicht nur aus renitenten Motiven nicht folgten. Tief in ihrem Innern reflektieren diese Individuen, dass es noch etwas gibt, das stärker ist als eine Strategie und in seiner Wirkungsmagie diese bei weitem übersteigt. Es handelt sich dabei um den Glauben an die Beziehungskraft zwischen Menschen. Vielen Menschen ist es nicht genug, die Strategie zu kennen und daraus durchaus unabhängig ihre Handlungskonzepte und Maximen ableiten zu können. Tief in ihrem Innern denken sie über diese Protagonisten wie über sich selbst und stellen sich die Frage, was sie tun müssen, um diesen Protagonisten ihre Loyalität zu beweisen oder, anders herum, ihnen die soziale Botschaft zu senden, dass sie nicht auf sie rechnen können. Wie zu sehen ist: Ganz so einfach ist es nicht.

Vieles spricht dafür, dass wir weder in einer Zeit mit einem Mangel an Strategien leben noch eine Ära der Ungebildeten angebrochen ist, die nicht mehr in der Lage wären, Strategien zu dechiffrieren. Der idealtypische Fall, die Formulierung einer Strategie und die transparente Beschlussfassung, dieser zu folgen, schüfe eine Situation, in der die von der Strategie betroffenen Individuen frei wären, ihr eigenes operatives Geschäft zu gestalten. Sie könnten dieses ohne repressive Intervention tun, solange das Ergebnis ihres Handelns mit der Strategie korrespondieren würde. Und gerade dieser Freiheit trauen sie nicht, oder sie trauen sich die Nutzung dieser Freiheit nicht zu. Und genau darin besteht das Besorgniserregende: Eine Gesellschaft, die weder mit Freiheitsangeboten noch mit Toleranz geizt, sieht sich mit dem Problem konfrontiert, dass die Offerten reihenweise ausgeschlagen werden, weil die psychische Stabilität, Freiheit zu nutzen, in immer geringerem Maße vorhanden ist und die Rationalität vertraglicher Beziehungen als kalt erlebt wird und viele lieber wieder in die Niederungen loyaler Abhängigkeitsverhältnisse, die zwar warm, aber auch dreckig sind, zurückflüchten. Die Fähigkeit zu Freiheit erfordert nicht nur auch, sondern vor allem emotionale Kraft.

Der heiße Tanz der kollektiven Charaktere

Zugegeben. Vor allem das taktische Konzept der deutschen Mannschaft gegen Algerien hat eine gewisse Traumatisierung ausgelöst. Die auch auf dieser Blog-Seite dokumentierte Expertise hat dieses Phänomen eher noch beflügelt. Genauso wie die Tatsache, dass der Bundestrainer an seiner Lesart des zu spielenden Fußballs festhalten will. Das ist die eine, weniger amüsante Seite des Turniers, und die Fragen, die sich daraus ergeben, sollten uns die Freude am Rest der Veranstaltung nicht nehmen. Ganz im Gegenteil. Auch der gestrige Abend und die folgende Nacht lieferten beherzte Duelle, gespickt mit latenten und offenen Botschaften und voller Leidenschaft und Herzblut.

Und so, als gäbe es tatsächlich ein Regiebuch für die Mythendeutung während dieses Turniers, waren die Parts so klar umrissen, als seien sie nicht Ergebnis der Realität, sondern etwas Artifizielles. In den letzten beiden Begegnungen des Achtelfinales trafen Argentinien und die Schweiz sowie Belgien und die USA aufeinander und natürlich siegten Argentinien und Belgien. Vermeintlich natürlich und außergewöhnlich knapp, weil in beiden Partien gleichwertige Gegner aufeinandertrafen, die alles in die Waagschale warfen. Alle blieben dem Trend der WM treu, mit Passion zu spielen. Und so wie sie es taten spielten sie tatsächlich, weil es bei einer Niederlage kein Morgen mehr gibt.

Dabei präsentierte sich Argentinien als ein Teil Amerikas, dessen Charakter wohl mit am stärksten von den europäischen Immigranten geprägt wurde, vor allem von denen, die im Turnier das alte Europa repräsentierten. Sie kombinieren das Feuer ihres Kontinents mit den Fertigkeiten der Immigranten, von der Mentalität schwankten sie zwischen beiden Polen, was sie verletzlich macht und nicht umsonst auch im richtigen Leben dazu führt, dass Buenos Aires zur Weltmetropole der psychoanalytischen Heilung avancierte. Die Schweiz dagegen agierte wie eines der nach ihr benannten Uhrwerke. Präzise, unbeirrbar, schlagfest. Das Pendant zu dieser funktionalen Kühle lieferten die Immigranten aus den warmen, merkantilen Zonen dieser Welt und das Team vermittelte das Bild einer Schweiz, um dessen Konturen noch heftig gestritten wird. Dem Deutschen aus dem Markgräflerland gelang es, aus einer skandalisierten Ethno-Mischung eine festgefügte Meritokratie zu schmieden, der es zum Schluss an Glück, aber nicht an Zukunft fehlte.

Und dann kamen Belgien und die USA! Marc Wilmots, das einstige Schalker Kampfschwein, ist dabei, dem neuen Belgien, das seit eh und je zerrissen und immer wieder ohne Regierung ist, eine neue Seele einzuhauchen. Wallonen wie Flamen harmonieren zusammen mit den Immigranten aus den ehemaligen Kolonien und auch in diesem Team zeigte sich, dass die Grundannahme, Diversität als Chance und Potenzial zu sehen mehr verspricht als deren Problematisierung. Vielleicht deutete das belgische Team an diesem Abend mehr an, als nur Fußball. Vielleicht ist in diesem oft belächelten Land mehr an europäischer Perspektive vorhanden als so mancher Monolith glauben will. Und dann noch die USA! Wieder ein Deutscher, dem es vergönnt war, seine Begeisterung einem Team zu vermitteln, zu dessen nationalen Grundqualitäten der Enthusiasmus, die Juvenilität und der Spirit gehören, gemäß einer Zusammensetzung aus unterschiedlichen Immigrationswellen zu aktivieren und auf den Platz zu bringen. Sie gingen unter, knapp, mit fliegenden Fahnen, aber ungebrochen, wie es sich für Nationen, die vom Glauben an ihre Zukunft leben, eben gehört.

Es waren wunderbare Fußballspiele, die den heißen Tanz der kollektiven Charaktere zum Ausdruck brachten, die unterhaltsam und spannend waren und deren Akteure Sympathie ausstrahlten. Da spielte kaum noch eine Rolle, wer unterlag oder gewann. Das war großer Fußball, dem verdient die Nacht gehörte.